23 – Nichts ist so wie es scheint

Verschwörung? Zufall? Realität? Karl Koch sieht die Welt um sich herum im Chaos. Er sucht nach den Hintergründen politischer Mechanismen und entdeckt Dinge, die ihn an eine weltweite Verschwörung glauben lassen. Seine Begabung, sich in globale Datennetze einzuklinken, treiben Karl in die Arme des KGB. Die Mächte des Bösen scheinen schon weltweit vernetzt, als Karl und seine Hacker-Freunde noch an der Langsamkeit ihrer Heimcomputer verzweifeln. Je näher er dem Ziel seiner Odyssee zu kommen scheint, desto unmöglicher wird die Rückkehr in ein normales Leben. Karls mysteriöser Tod am 23. Mai 1989 wurde nie aufgeklärt. (Turbine Medien)

Wäre man nur fünf oder zehn Jahre früher geboren worden, wäre man Computerhacker geworden. Mitte bis Ende der 80er Jahre, als das globale Computernetzwerk noch ganz neu und vollkommen frisch war, gestaltete sich das Hacken noch enorm einfach und bevor die Anzahl der Hacker letztendlich immer größer wurde, war es nicht einmal illegal. Der Film 23 – nichts ist so wie es scheint schildert das Leben des deutschen Hackers Karl Koch (August Diehl). Obwohl der Film auf wahren Begebenheiten beruht (und einer ganzen Menge an Recherche), weicht die Handlung natürlich trotzdem ein wenig von den tatsächlichen Vorgängen ab. Koch repräsentiert einen typischen „wütenden jungen Mann“ sowie einen politisch aktiven Linken. Er beteiligt sich an Demonstrationen gegen Atomkraftwerke und veröffentlicht ein politisches Flugblatt, sehr zum Leidwesen seines konservativen Vaters, der für eine große Zeitung arbeitet. Koch, bereits Halbwaise, verliert im Alter von neunzehn Jahren seinen Vater und erbt eine Menge Geld, die es ihm ermöglicht, eine eigene Wohnung zu mieten.

Diese Wohnung wird zu einer Art Partyzone und Treffpunkt für die lokale Computerszene sowie andere Freunde Kochs. Er lernt seinen zukünftig besten Freund David (Fabian Busch) bei einem Treffen von Computer-Enthusiasten und Hackern kennen, wo sie schon bald merken, dass sie auch viele andere gemeinsame Interessen haben. Zum Beispiel Karls Besessenheit mit den Illuminaten, wie sie in der Roman Trilogie Illuminatus! (Das Auge in der Pyramide, Der goldene Apfel, Leviathan) dargestellt werden (Bücher, die von Robert Shea und Robert Anton Wilson, der auch einen kurzen Cameo-Auftritt im Film hat, geschrieben wurden) und deren symbolische Verwendung der Zahlen fünf und dreiundzwanzig sowie den Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der berüchtigten Geheimgesellschaft.

Das Leben der beiden jungen Hacker nimmt eine gefährliche Wendung, als sie vom Programmierer und Kriminellen Lupo (Jan-Gregor Kremp) entdeckt werden, der ihre Talente gewinnbringender einsetzen will. Er stellt Karl und David Pepe (Dieter Landuris) vor, einen etwas albernen Drogendealer, der den Kontakt zum russischen KGB herstellt. Dieser Teil der Geschichte kommt genauso komödiantisch wie unglaublich rüber, doch die Autoren des Films versichern den Zuschauern im Bonusmaterial, dass der echte Pepe die Geschichte auch im wirklichen Leben so erzählt hat. Der Film selbst profitiert allerdings von diesem comic relief, für den Pepe mit seinem Besuch der russischen Botschaft in Ost-Berlin sorgt.

Vor allem in der zweiten Hälfte des Films dominieren dunklere Töne. Vom KGB bezahlt, um die westliche Welt auszuspionieren, sich in das Pentagon zu hacken und so viele Daten wie möglich zu kopieren, werden aus Karl und David (zu dieser Zeit) zwei der aktivsten Hacker der Welt. Sie verbringen jede Nacht (da die Telefonkosten nachts niedriger waren) hinter ihrem Atari ST sitzend und benutzen Wortlisten sowie Trojanische Pferde, um verschiedenste Computersysteme zu infiltrieren. Aufgrund ihrer Verbindung zu Pepe kommen sie leicht an Drogen, die sie zuerst nehmen, um high zu werden, dann um wach zu bleiben und dann um überhaupt zurechtkommen zu können – die normale Entwicklung eben. Wobei sich David eher an relativ weiche Drogen wie Marihuana und Haschisch hält, während Karl dem Kokain total verfällt.

Als Karls natürliche Paranoia durch das Kokain noch erheblich verstärkt wird und er (im Herzen ein Anarchist) tatsächlich für einen Geheimdienst arbeitet, könnte das Timing nicht schlechter sein. Karl schuldet Pepe eine Menge Geld für die Drogen, er braucht die Drogen, um seine Arbeit zu erledigen … ein Teufelskreislauf. 23 – Nichts ist so wie es scheint ist zu den besten deutschen Filmen dieses seltsamen Jahrzehnts zu zählen, das wir die neunziger Jahre nennen. Auch wenn man kein Verständnis für oder besonderes Interesse an der Geschichte von Computern und Hackern hat, wird man von diesem Film dennoch sehr gut unterhalten.

Die Charaktere des Films (vor allem Karl) werden im Laufe der Zeit durch die schiere Kraft der Ereignisse in der Welt und der psychologischen Probleme erdrückt, was den Ton der Geschichte von eher leichtherzig zu ziemlich düster wechseln lässt. Sowohl die lockereren, manchmal sogar sehr lustigen Augenblicke des ersten Aktes, als auch die ernsteren Momente der Geschichte werden von der starken Besetzung des Films glänzend bewältigt. August Diehl besuchte noch die Schauspielschule, als er in 23 besetzt wurde und den Deutschen Filmpreis für sein Porträt von Karl Koch gewann, was wahrscheinlich zu Recht geschah, da er definitiv eine starke Vorstellung abliefert. Die Nebendarsteller sind als ebenso stark aufspielend zu bezeichnen, insbesondere die subtile Darbietung von Fabian Busch, der beginnt den Film zu tragen und das Publikum mit der Geschichte zu verbinden, sobald die Hauptfigur langsam beginnt immer sonderbarer zu werden.

Immer wenn man einen Film schaut, der „auf tatsächlichen Ereignissen basiert“, muss man sich fragen wie authentisch das Ganze eigentlich ist. Wie sich aus dem Audiokommentar und der Gruppendiskussion auf der Blu-Ray ergibt, war die Recherche wohl sehr umfangreich gewesen, teilweise jedoch ergebnislos geblieben. Vielleicht ist es ja auch ganz einfach so: Wenn es um die Lebensgeschichte eines von Verschwörungstheorien besessenen Computer-Hackers geht, sind solide Informationen eben nur sehr schwierig zu bekommen. Wie realistisch gestaltet sich das Ganze nun? Karl Kochs Hacker-Kollege und Freund Hans Heinrich Hübner hat dazu Einiges in einem auf der Scheibe enthaltenen Interview aufzuklären. Während Karls Darstellung sowie Entwicklung innerhalb des Films nach Hübners Ausführungen als ziemlich authentisch beschrieben werden können, verhält es sich mit einigen Aspekten des Plots nicht so. Die Diskussion um Kochs Schicksal hat bis heute nicht aufgehört.

23 – Nichts ist so wie es scheint erscheint als 2-Disc-Mediabook (DVD + Blu-Ray) im Hause Turbine Medien GmbH, wobei man dem Label zu dieser gelungenen Veröffentlichung mal wieder nur gratulieren kann. Der Film ist uneingeschränkt zu empfehlen, während die Scheiben nicht nur auf technischem Gebiet zu überzeugen wissen, sondern hat auch Einiges an sehr interessantem Bonusmaterial zu bieten haben. Das Bild wird in 1,85:1 / 1080p24 Full-HD, 1,85:1 / 16:9 präsentiert und sieht wirklich klasse aus. Es zeigt sich sehr farbenfroh, enorm scharf und wunderbar detail- und kontrastreich. Bei der Qualität der angebotenen Tonspur (Deutsch HD-DTS MA 5.1, Deutsch HD-DTS MA 2.0, Deutsch DD 5.1, Deutsch DD 2.0) gibt es ebenfalls keine Beschwerden anzumelden.

Bonusmaterial:

  • Restauration des Film zum 23-jährigen Jubiläum
  • Neue Interviews mit Hauptdarsteller August Diehl (HD, ca. 13 Min.)
  • Hans Heinrich Hübner, Hacker-Kollege von Karl Koch (HD, ca. 44 Min.) —> das Highlight der Boni, extrem interessant und informativ !!!
  • Schriftsteller Christopher Weidner über die Illuminaten (HD, ca. 27 Min.) —> sehr informativ
  • Audiokommentar mit Autor/Regisseur Hans-Christian Schmid, Autor Michael Gutmann sowie den Produzenten Jakob Claussen und Thomas Wöbke (von 2001) —> recht unterhaltsam und informativ
  • Gesprächsrunde über Karl Koch und Illuminatus! (von 2001 / ca. 18 Min.)
  • EPK-Interviews mit Autor/Regisseur Hans-Christian Schmid sowie den Schauspielern August Diehl, Fabian Busch, Jan-Gregor Kremp und Dieter Landuris (ca. 15 Min.)
  • Making-of Featurette (ca. 4 Min.)
  • Hinter den Kulissen (ca. 4 Min.)
  • Original Trailer (ca. 2 Min.)
  • 56-seitiger Buchteil von Michael Scholten Die Akte Karl Koch & der Thriller 23 —> ein weiteres Highlight, enorm umfangreich und umfassend sowie extrem interessant und informativ !!!
  • Erstmals auf Blu-Ray Disc
  • neues Bonusmaterial
  • Remasterte DVD
  • Limitiert auf 2323 Exemplare

Beim Turbine-Shop bestellen

Sprache / Ton: Deutsch HD-DTS MA 5.1, Deutsch HD-DTS MA 2.0, Deutsch DD 5.1, Deutsch DD 2.0

Bildformat: 1,85:1 (1080p24 Full HD), 1,85:1 (16 – 9)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Anzahl Discs: 2

Genre: Thriller

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Turbine Medien zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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