Abschaum / Scum

Nachdem er einen Ordnungshüter attackiert hat, landet Carlin in einer Besserungsanstalt für Jugendliche, wo Leitung und Wärter ein eisenhartes Regime führen, das nur von der Brutalität der Insassen übertroffen wird. Als er zusammen mit Archer und Davis eintrifft, erlebt er bald am eigenen Leib, dass hier Gewalt mit Gewalt kuriert werden soll. Carlin reagiert und steigt unaufhaltsam zum Herrscher seines Gefangenenflügels auf, der die täglichen Erniedrigungen, Vergewaltigungen und Exzesse für sich nutzt.

Regisseur Alan Clarke verbrachte den größten Teil seiner Karriere im Bereich des Fernsehens, wo er dafür bekannt war, die Authentizität der dokumentarischen Ästhetik auf sozialbewusstes Material anzuwenden, um so die Angst und den Schrecken der Filme des „wütenden jungen Mannes“ der 60er Jahre wie Samstagnacht bis Sonntagmorgen (1960) in Großbritanniens Wohnzimmer zu bringen. Obwohl Clarkes Werk im Ausland nicht sonderlich bekannt ist, kann es einen Vergleich mit seinen Zeitgenossen Mike Leigh und Ken Loach durchaus standhalten. Scum wurde 1977 ursprünglich für die langjährige Play for Today Serie der BBC in Auftrag gegeben, doch die kompromisslose Darstellung des Lebens in einem englischen Borstal (Jugendstrafanstalt) wurde vom Network als zu gewalttätig für eine Ausstrahlung eingestuft. Nach diesem Verbot gelang es Clarke schließlich genügend Finanzmittel aufzubringen, um Abschaum zwei Jahre später als Spielfilm neu aufzulegen.

Der Film präsentiert mit Ray Winstone ein frisches Gesicht, der in der Rolle des Carlin wie ein kräftigerer, Cockney-spuckender Don Johnson aussieht. Als Mitglied eines Trios neu angekommener „Auszubildender“ (da Rehabilitation zumindest nominell das Ziel des Borstal-Systems war, werden die Jungen nie als Insassen bezeichnet) versucht Carlin zunächst nicht aufzufallen. Allerdings geht ihm sein Ruf als Unruhestifter voraus, weswegen er bald zum Ziel bösartigen Mobbings sowohl von Wärtern als auch von anderen Auszubildenden wird, insbesondere von Banks (John Blundell), dem derzeitigen „Papa“ oder Bandenführer des Borstals. Es dauert nicht lange, bis Carlin sich in einer intensiven Sequenz mit einer mit Billardkugeln gefüllten Socke revanchiert, die Clarke in einer ununterbrochenen Kamerafahrt filmt. Einschließlich solcher Vergeltungsmaßnahmen scheint Scum nicht besonders anders zu sein, als eine Vielzahl anderer Gefängnisfilme, wobei die Hauptneuheit darin besteht, jugendliche Straftäter in den Vordergrund zu stellen. Clarke und Drehbuchautor Roy Minton sind nicht nur daran interessiert, einfach einem prototypischen Aufstiegs- und Fall-Charakterbogen zu folgen – obwohl dies zugegebenermaßen auch hier geschieht. Stattdessen wollen sie viel eher ihre Kritik an institutioneller Entmenschlichung und willkürlicher Brutalität vertiefen und erweitern.

Eine Schlüsselszene zwischen dem Auszubildenden Archer (Mick Ford – einem Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, der es genießt, die Verwaltung mit seinem Vegetarismus und der Weigerung Lederschuhe zu tragen, in Aufruhr zu versetzen) und einem Aufseher mit 30 Jahren Diensterfahrung geht über „Wir sind hier alle Gefangene des Systems“ Obertöne hinaus, um auf diese Art und Weise zu vermitteln, wie gegenseitige Inhaftierung aus der Unfähigkeit resultiert, eine gemeinsame Grundlage für Kommunikation zu finden. Diese Sequenz stellt eine von mehreren denkwürdigen, zurückhaltenden Momenten im Film dar, eingerahmt von statischen Langzeitaufnahmen, in denen Dialog und Körpersprache die ganze Arbeit erledigen. Sie ist in ihrer stillen Verzweiflung genauso verheerend, wie jede der scheinbar gewalttätigeren Szenen, in denen es um Übergriffe, Vergewaltigung und Selbstmordversuche geht.

Tatsächlich ist einer der brutalsten Momente des Films nicht einmal eine explizit dargestellte Handlung. Vielmehr handelt es sich um eine Reihe von Aktionen, die in einem abrupten Schnitt zwischen dem anarchischen Chaos des Aufruhrs in der Messehalle und dem Bild von Archer und Carlin, die fast bis zur Unkenntlichkeit blutig zusammengeschlagen, von den Wärtern weggeschleppt und in Einzelzellen gesteckt werden. Entfremdete Rebellen können gegen die Autoritäten so sehr aufbegehren, wie sie nur wollen, scheint der Film zu vermitteln, doch wenn sie es wirklich darauf anlegen, werden sie trotzdem inmitten der Zahnräder und Kolben der Maschinerie immer wieder zu Staub zermahlen. Clarke und Minton behaupten nicht, einfache Antworten zu geben. Andererseits tut dies auch ein kluger Diagnostiker niemals: Das korrekte Vorbringen des Problems scheint mehr als ausreichend. Wie einer der unterdrückten Leibeigenen in Die Ritter der Kokosnuss, lädt Abschaum uns ein, die dem System innewohnende Gewalt zu sehen und zu erleben. Jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Monty Python’s Film ist als Komödie zu sehen, während Scum alles andere als ein Komödie repräsentiert.

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Darsteller: Ray Winstone, John Judd, John Blundell, Tony London, Mick Ford
Regisseur(e): Alan Clarke
Format: Dolby, HiFi-Sound, PAL, Farbe
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.78:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Studio: WVG Medien GmbH
Produktionsjahr: 1979
Spieldauer: 93 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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