Alien – Berlinale Special

Zweiter Berlinale-Ausflug dieses Jahr war in eine Spätvorstellung Sonntag Abend für Ridley ScottAlien. Den mal auf der Leinwand zu erleben musste sein. Zwar nur 2K DCP, aber immerhin restauriert – und die Kinoversion (hier der Fassungsvergleich), dann auch noch im Zeughauskino, Insider wissen, das ist das Kino mit dem großen Beinabstand und dem WLAN. Nach dem Abend bin ich dann noch gestürzt und verstauchte mir den Knöchel, ihr seht also mit welch körperlichem Einsatz dieses Magazin betrieben wird 🙂

Das Handelsschiff Nostromo ist mit tausenden Tonnen kostbarem Gut auf dem Weg nach Hause gen Erde, mit sieben Crewmitgliedern an Bord. Der Bordcomputer „Mother“ weckt die Crew auf, die kurz darauf feststellt, dass sie erst die halbe Strecke hinter sich haben. Ein Notrufsignal von einem nahe gelegenen Planeten war wohl der Auslöser. Obwohl es nur eine Handelscrew ist, gibt es doch eine Vorschrift, solche Signale zu erforschen, also landen drei Crewmitglieder und finden eine Art abgestürztes Raumschiff. Bei der Erkundung fängt sich einer der drei eine fremde Lebensform ein, die dann entgegen Vorschrift mit an Bord genommen wird. Ein fataler Fehler, der die Nostromo noch sehr übel zu stehen kommen wird….

Wow. Der Film ist von 1979, er fühlt sich aber nicht so alt an. Der Film der Sigourney Weaver zur Actionheldin Ripley gemacht hat, der Film der H.R. Giger, dem Designer des Aliens, an die Spitze von Hollywoods Designphalanx pushte, und der Film der diesen Jahr mit Alien: Covenant ein ganzes Filmuniversum begründete – diverse Alien vs Predator Filme und Computerspiele gar nicht mitgerechnet. Scotts düsteres, industrielles und wenig gemütliches Sci-Fi Bild prägt bis heute das Genre. Ich selbst kannte wenn überhaupt bislang nur alte TV Fassungen oder vielleicht eine DVD Erstauflage. Es war also höchste Eisenbahn hier nochmal eine Neuerkundung zu starten.

Alien mag an einigen Stellen etwas von seinem Schockeffekt verloren haben, aber es ist nach wie vor ein Film mit unglaublich atmosphärischen Momenten, grandioser Kamerarbeit und surreal guter Beleuchtung. Bescheiden hinein gepfeffert einige kurze aber ordentliche Schreckmomente und ein Grundton, der nach wie vor den Film klar zum Material nur für Erwachsene macht. Während schon das erste Sequel deutlich mehr Action aufwies, und die Serie auch nie wieder an diese subtilen Wurzeln zurück reichte, ist das Original in seiner nebulösen, düsteren, leicht unterkühlten Atmosphäre nach wie vor unübertroffen und gleichzeitig sehr zurückhaltend. Denn Alien ist ein ruhiger Film. Der Soundtrack, ebenso sachte. Die Kamerafahrten langsam, die Dialoge wenig. Schon der Vorspann ist antiklimaktisch.

Ikonisch ist natürlich das Aliendesign und die kleinen Einfälle wie der Einsatz von Videomonitoren, Bewegungsdetektoren und dergleichen, Features die in den darauf folgenden Sequels fast schon zu Tode genutzt werden. Gleichzeitig macht Scott nicht den Fehler, den Film über zu technologisieren. Technologie spielt schon fast eine Nebenrolle. Die Crew ist dem Alien von Beginn an quasi völlig wehrlos ausgeliefert. Es ist ein Raumschiff bei dem Wasser von der Decke regnet, geschweißt wird und Kabel kaputt sind. Es ist eine Welt die mehr an Blade Runner erinnert als an Star Trek. Das macht den Film dann auch so ergreifend, denn letztlich ist es eine einsame Astronautin in Unterwäsche, die mit einem kühlen Kopf am Ende dem Tod entrinnen kann, und nicht wie im Nachfolger eine Gruppe hochgerüsteter Marines oder tolle Laserwaffen die am Ende siegen. In Alien ist das Alien der Star, ohne dass wir es je völlig zu Gesicht bekommen.

Auf der Leinwand läuft dieser Klassiker nochmal zur Höchstform auf. Zwar nicht mehr so viel Horror wie man damals wohl erlebte, aber dennoch absolutes Spitzenkino, atmosphärisch ohne Ende, audio-visuell beeindruckend und spannend bis zum Schluss. Was mir insbesondere aufgefallen ist ist das hervorragende Spiel von Licht und Schatten, die kühle Farbgebung und der fliegende Wechsel zwischen klaustrophobischen Aufnahmen und der Vermittlung der gähnenden Leere des Weltalls. „Im Weltall hört dich niemand schreien“ ist ein Werbeslogan des Films, und das ist natürlich gelogen. Denn die Schreie aus den Gängen der Nostromo brennen sich tief in Ripleys Bewusstsein ein, und machen sie zu der toughen Astronautin die sie in der Fortsetzung dann zur menschlichen Geheimwaffe gegen die Aliens macht.

Auf der Berlinale ist das jetzt Teil der Retrospektive, bei der auf Blade Runner, Soylent Green oder Krieg der Welten gezeigt wird. Nebenher läuft auch noch eine Reihe zu Dystopien. Alien selbst würde ich auch fast als dystopisches Si-Fi Filmabenteuer werten, denn die Zukunftsvision die hier aufgezeigt wird ist eine ganz und gar erschütternde. Es ist ein schlecht ausgestatteter Haufen Normalos ohne richtige Waffen die durch Verschleppung des Aliens auch fast die Menscheit ausgerottet hätten, in Raumschiffen in denen es von der Decke regnet (sorry das vergisst man so schnell nicht) und der Bordcomputer wenig vertrauenserweckender ist als HAL.

 

Ich bin nach wie vor von Alien total begeistert, und der Rest der Zuschauer am Sonntag Abend war das auch. Ein großartiges Meisterwerk, dass nur unmerklich gealtert ist, und zum Pflichtprogramm gehört – zum Minimal-Kanon quasi. Ridley Scott hat hier revolutionäres geschaffen, stilistisch und erzählerisch, und zwar einen Film der nicht einfach nur Sci-Fi ist, sondern ein unterhaltsames, düsteres Weltraumabenteuer das bis heute in dieser Qualität kaum erreicht wird.


Siehe auch ein passender Artikel dazu im Tagesspiegel. Weitere Berlinale 2017 Kritiken folgen

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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