American Roulette / Die Unschlagbaren / Gli intoccabili / Las Vegas 1970 / Machine Gun McCain

Das Hotel Royal, reichstes Casino in ganz Las Vegas, hat einen unerwarteten Besucher. Charlie Adamo, neu gewählter Boss der Westküste. Ein Mann, der nur darauf aus ist, seinen persönlichen Reichtum zu vergrößern. Das Royal bietet ihm da genau die passenden Gelegenheit, nur weiß er nicht, dass der Eigentümer des Royals der oberste Mafia-Boss Don Salvatore ist. Adamo plant allerdings nicht zu investieren, sondern plant einen Überfall auf das Royal. Dazu benötigt er die Erfahrung des Hank McCain, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Dieser lässt sich diese Gelegenheit nicht nehmen, verzichtet auf jegliche Hilfe von anderen und raubt den Laden alleine aus. Mit den erbeuteten 2 Millionen Dollar nun auf der Flucht, muss er nicht nur die Polizei, sondern auch der Mafia entkommen!

Die Tatsache, dass italienische Distributoren nicht an Gangstergeschichten in ihrem eigenen Land glaubten, erklärt teilweise, warum die Produzenten Marco Vicario und Bino Cicogna sowie Regisseur Giuliano Montaldo nach Übersee flohen, um American Roulette (1969) mit Englisch sprechenden Hauptdarstellern zu drehen. Wie bei Roma come Chicago / Banditi a Roma (Mord auf der Via Veneto, 1968) wird die Besetzung von John Cassavetes angeführt – hier viel überzeugender als in Alberto De Martinos Film – der zu diesem Anlass mit seinem Freund und Lieblingsschauspieler Peter Falk und seiner eigenen Ehefrau Gina Rowlands wiedervereinigt wird. Die Nebenrollen werden von erfahrenen italienischen Schauspielern wie Gabriele Ferzetti, Luigi Pistilli und Salvo Randone übernommen (die jeweils nur wenige Minuten auf dem Bildschirm zu sehen sind), während Ennio Morricones Musik (die einen Titelsong enthält, der dem Antihelden Hank „Machine Gun“ McCain gewidmet ist) vor den barocken musikalischen Freuden von Leones Giù la testa (Todesmelodie) und Montaldos eigenem Sacco e Vanzetti (Sacco und Vanzetti, beide 1971) anzusiedeln ist. Machine Gun McCain war die zweite und letzte Exkursion des genuesischen Regisseurs in diesem Genre nach dem unterhaltsamen Heist-Movie Ad ogni costo (Top Job, 1967) mit Edward C. Robinson, Janet Leigh und Klaus Kinski, der seine verfeinerten technischen Fähigkeiten zum Besten geben darf.

Seit seinem Debüt Tiro al piccione (Pigeon Shoot, 1961), das in den Tagen der Republik von Salò spielt, zeigte Montaldo, dass er ein engagierter Filmemacher war. In seinem Film Una bella grinta (Eine schöne Visage) von 1965 stellte er eine der interessantesten Analysen der italienischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Hier lässt er ein solches Engagement beiseite und versucht sich stattdessen an einer Imitation des US-amerikanischen film noir. Cassavetes Hank McCain – ein Ex-Sträfling, der auf Befehl von Mafioso Charlie Adamo (Peter Falk) aus dem Gefängnis entlassen wird, weil der möchte, dass McCain ein Casino in Las Vegas für ihn ausraubt (das allerdings der „Familie“ gehört, was Adamo jedoch nicht bekannt ist) – sieht so aus, bewegt sich so fort und redet so, als ob er gerade einem Roman von Jim Thompson (Getaway, Der Mörder in mir) entsprungen wäre. Genau darauf deutet das Drehbuch von Montaldo und Mino Roli (lose basierend auf Ovid Demaris Roman Candyleg aus dem Jahr 1961) auch hin. Einflüsse von Getaway sind durchweg zu spüren, insbesondere wenn es um McCains verzweifelten Versuch geht, nach dem Raub der Mafia mit seiner Braut Irene (Britt Ekland) zu entkommen. Außerdem werden alle Charaktere im Wesentlichen negativ und gemein porträtiert, ohne irgendwelche erlösende Eigenschaften – man betrachte sich nur die Beziehung zwischen dem machtgierigen, aber feigen Adamo, seinem Chef Frank De Marco (Gabriele Ferzetti) und Adamos Frau Joni (Florinda Bolkan), die auch De Marcos Liebhaberin ist.

American Roulette erwies sich an der italienischen Abendkasse als ziemlich profitabel und spielte 800 Millionen Lire ein (ungefähr ein Drittel des Nr. 1 Hits von 1969, Luigi Magnis Nell’anno del Signore / Im Jahre des Herrn, definitiv ein gutes Ergebnis). Der Stil des Films erinnert ganz offensichtlich an amerikanische Gangsterfilme – zum Beispiel McCains erste Begegnung mit Irene oder die Sequenz des Raubüberfalls (in denen es Montaldo gelingt, die Ungereimtheiten im Plan des Antihelden zumindest teilweise zu verhehlen). Doch die vorwitzige Art und Weise, wie Montaldo vor Ort in Las Vegas und San Francisco filmt, verrät irgendwie den ausländischen Status des Regisseurs, ebenso wie Erico Menczers Beleuchtung, bei der gelbe Lichter in Innenräumen dominieren (wie in den Szenen in Gena Rowlands Wohnung), die ihnen eine unwirkliche Qualität verleihen. Darüber hinaus präsentiert sich die Art und Weise, wie Montaldo die Allmacht der Mafia darstellt, unverkennbar italienisch. Die Szenen mit Randone und Ferzetti datieren Fernando Di Leos Darstellungen rücksichtsloser Mafia-Bosse aus La mala ordina (Der Mafiaboss – Der Eisenfresser, 1972) und Il boss (Der Teufel führt Regie, 1973) voraus, während das düstere Ende den Pessimismus des Regisseurs offenbart, der in seinen folgenden Filmen noch viel eher zum Vorschein kommen würde, nämlich in dem bereits erwähnten Sacco und Vanzetti (1971) sowie in Giordano Bruno (Der Mönch von San Dominico, 1973).

Schade, dass sich das Skript manchmal hinzieht – zumindest in der 96-Minuten-Exportversion, der einzigen, die für diese Besprechung zur Verfügung stand. Es wird angenommen, dass ein längerer, „meditativerer“ Schnitt des Films existiert, alle verfügbaren Versionen stammen jedoch von der kurzen US-Version. Dies würde zum Beispiel die unterentwickelte Liebesgeschichte zwischen Hank und Irene erklären, da diese nie vertieft wird: sie treffen sich, sie lieben sich, sie heiraten in Las Vegas – das ist alles. Selbst eine viel begabtere Schauspielerin, als die atemberaubende Britt Ekland, hätte sich sehr viel Mühe geben müssen, um einem so hohlen Charakter Tiefe verleihen zu können. Die Beziehung zwischen McCain und seinem Sohn Jack (Pierluigi Aprà) kommt ebenso kaum glaubwürdig rüber. Machine Gun McCain löst sich erst dann von seiner Routine, wenn Gena Rowlands auftaucht. Rowlands (aka Rosemary, McCaines alte Flamme und Komplizin, die von ihrem ehemaligen Liebhaber bei seinem verzweifelten Fluchtversuch übers Meer um Hilfe gebeten wird) und Cassavetes legen eine starke Bildschirmchemie an den Tag, die in den Szenen mit Cassavetes und Ekland beinahe komplett fehlt. Rowlands Rolle repräsentiert eine Verliererin, die bereits die Keime des denkwürdigen Charakters in sich trägt, den die Schauspielerin in Cassavetes Gloria (Gloria, die Gangsterbraut, 1980) verkörpert hat und der ihr ein denkwürdiges Solo ermöglicht: kurz bevor sie vom rücksichtslosen Pete Zacari (Tony Kendall alias Luciano Stella) gefoltert werden soll, bringt sich Rosemary lieber selbst um, anstatt McCains Versteck zu verraten.

Das vorhersehbare nihilistische Ende fällt dagegen etwas flach aus, ganz zu schweigen von der eher hastigen Art und Weise, wie es gedreht worden ist. Das hatte auch etwas mit Cassavetes Weigerung zu tun, seine Todesszene in den Docks von Los Angeles zu drehen, was Montaldo dazu zwang, ein Double einzusetzen und es in langen Einstellungen zu filmen. Montaldo und Cassavetes hatten sowieso einen schwierigen Start miteinander gehabt, da sich der Regisseur seinen Hauptcharakter von dessen Persönlichkeit her ganz anders vorgestellt hatte. Allerdings kamen die beiden schließlich gut miteinander aus, zumindest laut Montaldo. Cassavetes gefiel die Arbeitsweise der Italiener, die seiner eigenen Herangehensweise an das Filmemachen sehr ähnlich war: eine Verfolgungsjagd durch San Francisco wurde in nur wenigen Tagen mit zwei Fahrzeugen gedreht, die im örtlichen Hertz-Büro gemietet wurden. Montaldo erinnert sich auch an Cassavetes‘ Amüsement über das typische Motto seiner Crew, das für das italienische Filmemachen mit seiner Mischung aus Improvisation, Handwerkskunst und distanzierter, ironischer Gleichgültigkeit typisch gewesen ist.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1
  • Regisseur: Giuliano Montaldo
  • Medienformat: Import, Blu-ray, Breitbild
  • Laufzeit: 96 Minuten
  • Darsteller: Gabriele Ferzetti, Florinda Bolkan, Gena Rowlands, John Cassavetes, Britt Ekland
  • Untertitel: Spanisch
  • Sprache: Englisch (Dolby Digital 2.0), Spanisch (Dolby Digital 2.0)

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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