Annihilation

Annihilation (Auslöschung) ist der neueste Film von Alex Garland, der 2015 mit Ex Machina einen gefeierten Sci-Fi erfolgt feierte, knapp 20 Jahre nach seinem Bestseller-Roman The Beach. Vor einigen Jahren steuerte er übrigens das Drehbuch zu dem gekonnten Dredd-Reboot bei. Der Sci-Fi Film startete am 13. März 2018 exklusiv beim Streamingdienst Netflix und erntete gemischte Kritiken – und Netflix viel Rüge für den Verzicht auf eine dezidierte Kinoauswertung.

Handlung

Annihilation handelt von der Biologin Lena (Natalie Portman), deren Mann Kane (Oscar Isaac) Soldat ist und von einem geheimen Einsatz nicht mehr zurückkehrt, bis er eines Tages in ihrem Schlafzimmer steht, aber nicht mehr der gleiche ist. Auf dem Weg ins Krankenhaus werden sie von der Regierung nach Area X gebracht, ein Küstenreservat über das sich seit fast zwei Jahren eine Art bunter Schimmer gelegt hat und sich weiter ausbreitet. Alle Erkundungsmissionen in diesen Schimmer waren bislang erfolglos – niemand ausser Kane kam je davon zurück. Lena und vier andere Frauen, angeführt von Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) brechen zu einer weiteren Mission auf, um den Ursprung des Schimmers, einen Leuchtturm am Strand, zu erforschen. Sie entdecken eine fantastische Welt, aus der sie nicht wieder unverändert entfliehen würden….

Kritik

Technisch gesehen ist Annihilation eine Art Survival Thriller mit Sci-Fi und supernatürlichen Elementen. Ich war überrascht wie stark insbesondere der erste Aspekt wog. Sogar eine Prise Beziehungs- und Veteranendrama steckt in den Film, der darin mündet, fünf unterschiedlich angeschlagene Kämpferinnen im Dschungel an sich selbst und ihrer Umgebung verzweifeln  zu lassen, übereinander her zu fallen gar. Ich grübelte kurz ob ich den Film als eine Art feministisches Werk bezeichnen könnte, aber ich denke wer in solchen Kategorien denkt hat mittlerweile nichts kapiert. Immerhin waren die vorherigen Missionen mit Männern gescheitert. Natalie Portman (Closer) tut sich als Chef-Amazone allerdings irgendwie schwer, den Film zu stemmen. Da hilft die gekonnte sonstige Besetzung aus Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight), Nina Rodriguez (Deepwater Horizon), Tuva Novotny (Krigen, Nobel), Tessa Thompson (Selma) und Oscar Isaac (A Most Violent Year, Inside Llewyn Davis) auch nicht ganz. Der Nebel aus mutierender Flora und Fauna, den menschlichen Abgründen und dem Überlebenskampf belastet die Schauspieler sichtlich und lässt den Funken ein wenig missen. Es ist fast so als würden sie absichtlich eine zutiefst verängstlichte Unsicherheit mimen (allerdings wäre das wohl zu positiv interpretiert).

Und so ist der Film letztlich am ehesten als eine Art von ausgefallener Black Mirror Folge zu beschreiben, oder vielleicht noch als Alice im Wunderland trifft The Abyss trifft Apocalypse Now. Garland verzichtet auf einen großen Knall, die große Auflösung oder das große Sterben. Bereits ab der Hälfte des Filmes beginnt man, mit den Charakteren mit zu rätseln, Theorien zu spinnen, das Universum zu hinterfragen – allerdings nicht aus Verwirrung, sondern aus ehrlicher Verwunderung. Dabei sind weder die Effekte noch die Glaubhaftigkeit oder Schlüssigkeit des sich auf dem Bildschirm abspielenden das absolut beste das die Industrie zu bieten hat. Die Welt ist zwar bunt und seltsam, aber das ist nicht Avatar, und das ist aber auch nicht The Evil Dead. Auch erzählerisch ist der Film, angelegt als Rückblende aus dem Verhör von Lena, nicht die Revolution: Die Revolution findet in den Köpfen statt. Mit dem Resultat, dass wer sich für die Welt die Garland hier aufspannt, und die Fragen die er aufwirft, nicht öffnet, den Film sicherlich nichts abgewinnen wird. Wer dies jedoch tut: be amazed, be very amazed.

Das Existentielle ist natürlich urtypisch Garland: Bereits in seinem Roman The Beach, der von Danny Boyle gekonnt, wenn auch kontrovers, verfilmt wurde, ist der Konflikt Mensch gegen Natur ein Überlebenskampf, den letztlich die Natur gewinnt – oder was auch immer man als natürlich betrachtet! In Ex Machina verschwimmen Mensch und Maschine, fragt Garland danach was es eigentlich ausmacht, Mensch zu sein (und schuf damit einen ungeheuerlich aktuellen Film). In Annihilation durchschaut Lena treffsicher die unfreiwillig ignoranten Fragen ihres Verhörenden (gespielt von Benedict Wong) und bestätigt aufrichtig, nicht zu wissen ob der Schimmer zerstört, ob „es“ Absichten hat. Was sie dort vorfanden veränderte, schuf Neues auf Basis von altem. Fast schon gesellschaftskritisch: ist man für neues erstmal grundsätzlich offen, oder nimmt man es als Bedrohung war? Trotz der toten Gefährtinnen, trotz ihres Erlebnisses, vermochte sie nicht zu werten, ob positiv oder negativ. Lediglich die allerletzte Szene des Films lässt den Zuschauer rätseln, wie die Story nun wirklich endet. Und das, und nur das, ist vielleicht der fatalste Fehler des Films, und der Funken Hollywood der in diesem durch und durch kreativen, frei schwebenden und abschweifenden Film steckt.

Ich kann nur sagen: Mind. Blown. Sollte man sehen, mit ohne Erwartungen und einfach seiner Vorstellungskraft und Neugier freien Lauf lassen. Ein irrer Film, der viele Fragen aufwirft, ohne zu verwirren und das Genre richtigerweise einen Schritt voran bringt. Schon dafür verdient Garland Lob. Die Effekt sind ebenfalls interessant und die Musik wunderbar antithetisch. Ein verzückendes Erlebnis.

Der Vertrieb

Netflix musste in den letzten Tagen und Wochen viel Kritik ernten dafür, den Film nicht in die Kinos gebracht zu haben. Mit dieser Debatte stochert man schnell in ein Wespennest. Die Gemüter sind erhitzt, die Meinungen verfahren, und das tatsächliche Wissen gering. Ob nun bei Paramount der Schuldige sitzt oder bei Netflix, Fakt ist dass es für den Streamingdienst wie oft gute betriebswirtschaftliche Gründe gegeben haben mag, diesen Film exklusiv ins eigene Abo-Angebot zu nehmen. Das ist ein Konzern, kein Kunstmuseum. Andere Interpretationen besagen, dass man schlichtweg nichts mit dem Film anzufangen wusste: zu schräg, zu intellektuell, zu weit weg vom Mainstream. Möglich. Fakt ist auch, jedes Jahr kommen hunderte Filme nicht in deutsche Kinos, wo bleibt der Aufschrei da? Das ist ein Gewerbe, das folgt seinen Dynamiken, und auch früher kamen Filme nicht in die Kinos, man nannte das dann straight-to-video. Oder sie wurden eben gar nicht erst produziert. Letzteres ist finde ich das wichtigste Kriterium: Netflix pumpt massig Kohle in die Filmindustrie, und mit dieser Kohle entsteht nicht nur Schrott, sondern eben auch jede Menge kreative Indie-Filmkunst deren Macher sich damit ausdrücken können wie sie es sie im Studiosystem oftmals nicht können. Ja, Amazon verfolgt hier eine andere Strategie. Das ist aber auch ein anderes Unternehmen (das nicht mal ordentliche Apps produzieren kann oder hochwertige HD Streams übrigens, von Sprachoptionen ganz zu schweigen – ich schweife ab). Kurzum, man kann davon halten was man will, in Zeiten billiger 65 Zoll Flatscreens einerseits und überteuerten Kinos anderseits sollte man das aber nicht zur Leben-oder-Tod-Debatte über stilisieren. Annihilation ist ein starker Film, dreh die Anlage auf, mach ein Supermarkt Popcorn auf, und genieße.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 20. März 2018

    […] – „Annihilation“ ist auch Thema bei Allesglotzer (begeistert) und Nischenkino (verzückt). […]