Ashes of Time Redux

Ashes of Time (Dung che sai duk, auch schon mal als Die verlorene Zeit erschienen) ist ein Frühwerk von Wong Kar-Wai (2046) aus dem Jahre 1994., basierend auf einer Romantrilogie. Erst 2008 kam eine vom Regisseur überarbeitete Redux Fassung (diesen Begriff wählte Francis Ford Coppola ein paar Jahre vorher für seine eigene Neuauflage von Apocalypse Now) auf den Markt, die ich mir nun endlich einmal auf BluRay ansehen konnte. Das Werk ist auch unter Fans umstritten wegen seines teils experimentellen Charakters und der wirren Story.

Von einer Story kann hier eigentlich nicht so recht die Rede sein. Der experimentelle Film hat vielmehr eine Art Rahmenhandlung, in der Ou-Yang Feng (Leslie Cheung) von diversen Interaktionen berichtet, die sich in seiner Spelunke ereignen, in der man unter anderem Schwertkämpfer anheuern kann. Einer davon ist Huang Yao-shi (Tony Leung Kai Fai), dem eine fehlgeleitete Liebesbeziehung zum Verhängnis wird. Denn die Frau, der er eine Ehe in Aussicht gestellt hat Mu-Rong Yang (Brigitte Lin), lässt er quasi am Altar stehen, worauf ihre Schwester Mu-Rong Yin (Brigitte Lin) Ou-Yang anheuert um ihn zu töten, Yang ihn aber anheuert um Huang zu beschützen. Hinzu kommen Ou-Yangs Erinnerungen an seine eigene, namenlose Liebe (Maggie Cheung), dazu erfährt man aber im Film sonst nichts mehr. Es scheint aber gewisse Parallelen zu geben, denn anders lassen sich manche Motivationen des Söldners nicht erklären. So stellt er Pferdedieben nach, wozu er sich die Hilfe eines langsam erblindenden Kämpfers (Tony Leung Chiu Wai) holt, der wiederum von seiner verlorenen Liebe Peach Blossom (Carina Lau) träumt, die er nochmal sehen will bevor er sein Augenlicht verliert. Gelingen tut ihm das erst mit Hilfe eines weiteren Handlanger. Diese Geschichten werden natürlich im Film miteinander verwoben (Kenner der alten Version haben hier ganz andere Erinnerungen da bin ich mir sicher), und eine richtige Auflösung findet nicht statt.

Ashes of Time redux

Die Inhaltsbeschreibung zeigt schon: es handelt sich um einen erzählerisch nicht sehr konventionellen Ausflug Wong Kar-Wais in das Wuxia Genre. Von vielen Kritikern bemängelt, ist die Erzählstruktur allerdings alles andere als Überraschend, und für das Genre oft auch typisch. Auch ein Zhang Yimou (Hero) lässt teilweise das meditative frei, und man könnte auch so böse sein und behaupten, Drehbücher wären noch nie die Stärke des Hong-Kong Kinos gewesen. Was Ashes of Time so besonders macht ist ja auch nicht die Erzählung selbst, sondern die Charaktere und deren Aussagen und Handeln, welche allesamt stark metaphorische Bedeutungen haben. Wenn man sich von der Seite dem Film nähert, tritt die verworrene Handlung in den Hintergrund, und man kann die schrägen Charaktere und ihre Abenteuer besser genießen. Auf dieser Ebene nun spielt der Regisseur seine Trumpfkarten aus: hervorragende Visuals, melancholische Momente, tolle Sets und ein Händchen für Stimmung und Stil. Natürlich auch guter Action, unter der Fuchtel des guten alten Sammo Hung.

Die Schauspieler gehören zu den besten was Hong Kongs Kino zu bieten hatte, und man wird nicht enttäuscht. Gleichzeitig ist es – im Gegensatz zu vielen anderen seiner Filme – kein Schauspielerfilm. Die Hauptrolle ist die Mystik, die Schauspieler sind Komparsen. Gleichzeitig aber sind sie sehr starke Charaktere, ob ein fast blinder Schwertkämpfer, eine schizophrene Frau oder der einsame Söldner. Es sind allesamt angekratzte  Stereotypen des Wuxia, Zerrbilder aus der Welt der Schwert und Reiter Sagen. Während ein Zhang Yimou opulente, farbenprächtige Opern zaubert, zeigt Kar-Wai hier eher eine bescheidene, abstruse Vision dieser Vergangenheit. Ashes of Time  betreibt also ein Understatement könnte man sagen, wenn auch ein prächtiges.

Ashes of Time redux

Audio-visuell ist der Film eben wie von ihm zu erwarten außerordentlich. Auch wenn hier nicht alleinig sein Weggefährte Christopher Doyle am Werke war, dessen Verdienst es im Wesentlichen ist, Hong Kongs Pracht auf Zelluloid zu verewigen, ist hier die eigentlich karge Wüstenwelt dennoch ein Gemälde. Der Regisseur spielt mit Farben, Schattierungen, Licht und Schatten, und – zumindest dieser neueren Rekonstruktion folgend (auch unter Mitarbeit des Cellisten Yo Yo Ma) – untermalt es mit einem Score der den etwas abgehobenen Charakter des ganzen doch sehr gut unterstreicht. Es ist ein wunderschöner Film, der sehr majestätisch wirkt – wenn er nur in besseres Qualität vorliegen würde….

Die Special Edition BluRay von 2010 basiert im Wesentlichen auf der kurze Zeit vorher in England erschienenen Version, und gibt die Redux Neubearbeitung aus dem Jahr 2008 wieder, die Wong Kar-Wai anfertigte, um an der Story etwas zu feilen, den Look des Films zu präservieren und dieses Werk für die Nachwelt an den richtigen Platz zu rücken. Der Soundtrack erfuhr außerdem eine fast vollständige Ersetzung. Einen Detailvergleich der Versionen kann man bei Schnittberichte studieren. Der Regisseur gilt als einer der gefeiertsten Filmemacher Hong-Kongs, doch eher für seine visuell anspruchsvollen Liebesfilme vor urbanem Hintergrund, weniger für Historienfilme. Auch insofern sticht Ashes of Time etwas hervor.

Ashes of Time redux

Die Bildqualität ist eine sehr schwierige Sache. Schon im Menü beschlich mich der Verdacht, dass es keine Freude werden wird. Auch am Fernseher hatte ich dann intensiv die Einstellungen versucht anzupassen, vergeblich – es liegt am Material. Zwar offenbart der Transfer eine Farbenpracht und weitgehend schadenfreies Bild, doch ist die Kantenglättung so extrem, die Artefakte so stark und das Bild so unscharf, dass es die Freude am ansehen extrem trübt. Nach wie vor hoffe ich, dass ich vielleicht eine Fehlpressung erhalten habe, oder tatsächlich irgend eine Einstellung nicht passt, aber ich glaube ich habe Pech und der Film wurde so schlecht konserviert dass die vorliegende Version das beste ist was man bekommen kann. Ich kann es aber einfach nicht verstehen, es ist wirklich sehr schlecht. Etwas Recherche ergibt, dass wohl eine Schließung des ursprünglichen Labors und die schlechte Lagerung zu einem fatal schlechten Status des erhaltenen Filmmaterials geführt hatten, aber es verwundert halt immer wieder, das weltweit wirklich keine besseren Kopien existiert haben müssen. Sehr schade. Man sollte hier also die eigenen Erwartungen sehr stark nach unten korrigieren.

Der Ton liegt in DTS-HD 5.1 vor, sowohl in der deutschen Synchronfassung als auch im kantonesischen Original, und klingt ziemlich gut, da kann man sich eigentlich kaum beschweren, auch die Räumlichkeit ist halbwegs gegeben und die Musik kommt gut zur Geltung, inklusive ordentlicher Tiefen. Untertitel gibt es nur auf Deutsch, nicht Englisch. An Extras gibt es neben einer Reihe Trailer anderer Splendid Titel im Wesentlichen das Making of „Born from Ashes“ (14 min, nicht überspringbar) mit Ausschnitten und Interviewschnipseln, das im Vorfeld von Cannes 2008 entstanden ist und mittelmäßig informativ ist, sowie separate Interviews (insgesamt ca 90min; alle engl. bis auf Carina Lau, relativ umfangreich; entstanden in Cannes, aber nicht so super gemacht) mit Wong Kar Wai , Tony Leung , Christoper Doyle, Charlie Young, Carina Lau. Am Ende noch drei Trailer zum Film (deutsch in voller Bildgröße, im Originalton als Bildausschnitt seltsamerweise, sowie einer ohne Dialoge auch als Ausschnitt. Man kann die alle nicht überspringen oder unterbrechen).

Ashes of Time redux

Die Bluray ist nun technisch (Authoring, Menügestaltung) nicht ein Geniestreich, aber das liegt eben kaum an Splendid, sondern in erster Linie an dem unglaublich enttäuschendem Bildmaterial, dem die Redux Fassung zu Grunde liegt. Das ist wirklich zum heulen. Man kommt zwar als Fan nicht an dieser Version vorbei, aber man will hoffen, dass es irgendwann doch noch dazu kommt, eine wirklich restaurierte HD Fassung des Films zu genießen (wird aber wohl nix werden, man hat hier ja 4 Jahre Arbeit in die Restoration gesteckt, und sicherlich getan was man konnte), von mir aus dann nicht in der Redux Fassung, aber das hier ist visuell einfach die reinste Folter. Ein Pixelbrei den dieser Film nicht verdient hat, denn eigentlich ein wahres Meisterwerk.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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