Auge um Auge / La città sconvolta: caccia spietata ai rapitori / Dirty Deal / Kidnap Syndicate

Der 14-jährige Sohn eines reichen Bauunternehmers soll entführt werden. Sein Schulfreund Fabrizio, Sohn des einfachen Motorradtechnikers Mario Colella, versucht das Kidnapping zu verhindern und wird dabei ebenfalls zum Opfer. Während Colella bereit ist, das Lösegeld zu bezahlen, weigert sich der Bauunternehmer den Forderungen nachzukommen, um ein für ihn günstigeres Lösegeld zu erzielen. Die Tage verstreichen, der Polizei sind die Hände gebunden und es kommt zur Katastrophe. Fabrizio wird erschossen aufgefunden. Colella ermittelt auf eigene Faust, um an die Drahtzieher zu gelangen und blutige Rache, getreu dem Motto „Auge um Auge“, zu nehmen…

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Maskierte Banditen entführen im Auftrag von professionellen Kidnappern aus dem Norden Antonio Filippini (den Sohn eines wohlhabenden Bauingenieurs) und seinen Freund Fabrizio Colella, dessen Vater ein bescheidener Mechaniker ist. Die Entführer fordern eine Million US-Dollar Lösegeld für Antonio. Dessen Vater widersetzt sich die geforderte Summe zu zahlen und versucht stattdessen mit ihnen zu feilschen, um die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Das strapaziert die Geduld der Verbrecher jedoch so gewaltig, sodass sie sich gezwungen sehen den armen Fabrizio zu töten, um den Ingenieur zum Aufgeben und zur Zahlung des Lösegelds zu zwingen. Angesichts der absoluten Ohnmacht der Polizei macht sich Colella auf den Weg, um seinen Sohn auf eigene Faust zu rächen. Es gelingt ihm die Entführer ausfindig zu machen sowie sie zu vernichten. Anschließend nimmt er das Lösegeld an sich, um sich auch noch an denen rächen zu können, die den Mord angeordnet haben. Letztendlich spürt Colella die Anführer der Organisation auf und tötet sie alle mit einem Maschinengewehr.

In einer Zeit, in der das italienische Kino eine Reihe von Filmen zum Thema Entführung produzierte – wie den düsteren La orca (La Orca – Gefangen, geschändet, erniedrigt, 1976, von Eriprando Visconti), Tonino Valeriis Vai Gorilla (Der Gorilla, 1975), Giovanni Fagos Fatevi vivi, la polizia non interverrà (In den Händen des Entführers, 1974), Umberto Lenzis Il giustiziere sfida la città (Der Vernichter, 1975) und den humorvollen Come ti rapisco il puto (1976) sowie Lucio De Caros amüsante Adaption von Donald Westlakes Roman Jimmy the Kid näherte sich Fernando Di Leo dem gleichen Sub-Genre mit gemischten Ergebnissen. Auge um Auge stellt bei weitem nicht das beste Werk des Regisseurs dar, was schon der italienische Titel (der übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie: „Die Stadt ist erschüttert: Gnadenlose Jagd auf Entführer“) vermuten lässt, der sich wortreich sowie reißerisch gestaltet und weit entfernt ist von der evokativen Kraft der früheren Filme des Regisseurs. Die Geschichte wird dem Produzenten Galliano Juso zugeschrieben, der Di Leos Il poliziotto è marcio (Shoot First, Die Later, 1974) finanziert hatte, während das Drehbuch von Ernesto Gastaldi, Fernando Di Leo und Nicola Manzari verfasst wurde.

Auge um Auges Ausgangspunkt führt in eine klassische Variante des Subgenres ein: zwei Kinder werden entführt, der Sohn eines wohlhabenden Ingenieurs (James Mason) und der eines Mechanikers (Luc Merenda), während der reiche Vater die eine Million Dollar Lösegeld nicht bezahlen will, würde sein Gegenstück aus der Arbeiterklasse sogar sein letztes Hemd verkaufen, um seinen Sohn zu retten. „Du hast leicht reden: Ich gebe alles auf! Du hast nichts!“ platzt es aus Mason in einer Szene heraus. Mit seinem Verhalten ruft der Ingenieur starke Empörung (nicht nur) beim Publikum hervor, so als wäre er der wahre Bösewicht des Films. Er trägt eine Sonnenbrille, hat immer ein Glas Whisky in der Hand und behandelt die Entführung seines Sohnes ziemlich stumpfsinnig, wie eine kommerzielle Transaktion. Es ist schließlich der Ingenieur, der indirekt für den Tod des anderen Jungen verantwortlich ist, der von den Entführern ermordet wird, um ein Exempel zu statuieren. Auf Leute wie ihn bezieht sich der Kommissar (Vittorio Caprioli) – der das moralische Zentrum des Films und das Alter Ego des Regisseurs repräsentiert, genauso wie in Il boss (Der Teufel führt Regie, 1973) und später in Diamanti sporchi di sangue (Blood and Diamonds, 1977) – als er seinem Assistenten antwortet, der sich für Sondergesetze bezüglich Entführungen ausspricht: „Wenn sich in unserem schönen Italien niemand für eine Million Dollar interessieren würde, dann gäbe es auch keine Entführungen!“

Auch wenn der Streifen einiges an Gesellschaftskritik verlauten lässt, so ist er doch insgesamt als eher schwach zu bezeichnen und verpflichtet sich den Genrekonventionen zu offenkundig, was für einen Innovator wie Di Leo schon keinen kleinen Makel mehr darstellt. Die erste Hälfte des Flicks erinnert an Akira Kurosawas Tengoku to jigoku (Zwischen Himmel und Hölle, 1963), da sie sich auf das verzweifelte Warten der Eltern konzentriert, während die verschiedenen Charaktere in den luxuriösen Innenräumen von Masons Villa isoliert werden. Leider wird diese erste Hälfte von Valentina Corteses vollkommen hysterisch übertriebenem Schauspiel weitgehend kompromittiert. Der zweite Teil, der Merendas Rache an den Entführern folgt, fühlt sich wie ein Remake von La mala ordina (Der Mafiaboss – Der Eisenfresser, 1972) an, abzüglich der Inspiration und Kraft seines Vorbilds. Auge um Auge gipfelt in einem eher wenig überzeugenden Klimax (Merenda dringt bis zur Spitze der Organisation vor) und einem hastigen Showdown in einem verlassenen Vergnügungspark, in dem der Held den Kidnapper (Marino Masé) tötet, der seinen Sohn ermordet hat.

Die Kritiker verrissen den Film: „Alle schlimmen Mängel des schlechtesten italienischen Kinos finden sich in diesem minutiös banalen Film, in dem Fernando Di Leo einmal mehr beweist, dass er für den Polizeifilm genauso wenig geeignet ist, wie für das Erotik-Genre in der Vergangenheit“, fasste der italienische Kritiker Claudio G. Fava (Corriere Mercantile, 09.12.1975) die damalige Voreingenommenheit gegenüber den poliziotteschi zusammen. Sandro Casazza (La Stampa, 09.05.1975) fügte hinzu: „Es hätte eine Anklage an das Geschäft der Entführungserpressungen sein können und an eine scheinbar unfähige Gesellschaft, die es nicht versteht Verbrechen mit Effizienz zu bekämpfen. Doch das Ergebnis repräsentiert die x-te Variation des banalsten aller Genres, mit dem Rächer (im Western-Stil), der auf seine ganz eigene Art und Weise Gerechtigkeit walten lässt. […] Das Publikum lässt sich in den cleveren populistischen Mechanismus einschließen und applaudiert schließlich dem privaten Massaker des stillen Rächers. Ein unmoralischer und asozialer Film.“

Auge um Auge war jedoch ein mäßiger Kassenerfolg mit über 900 Millionen eingespielten Lire beschieden – tatsächlich etwa halb so viel wie Der Gorilla eingespielt hat, was jedoch immer noch als ein profitables Ergebnis zu bezeichnen ist.

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  • Seitenverhältnis:16:9 – 1.85:1, 16:9
  • Regisseur: ‎Fernando Di Leo
  • Medienformat: PAL, Breitbild, Farbe
  • Laufzeit:‎ 94 Minuten
  • Darsteller: Luc Merenda, James Mason, Marino Masé, Vittorio Caprioli, Valentina Cortese
  • Untertitel: Englisch
  • Studio: Raro Video

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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