Augen ohne Gesicht / Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff / Les yeux sans visage / Eyes Without a Face

Am Ufer der Seine wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Das Besondere daran: Ihr Gesicht scheint vollständig zu fehlen. Der Arzt Dr. Génessier identifiziert die Leiche als seine vermisste Tochter. In Wirklichkeit lebt sie noch, aber ihr Gesicht ist fürchterlich entstellt. Mit einer Transplantation des Gesichts einer anderen Frau will Génessier das Aussehen seiner Tochter wiederherstellen. Bislang ohne Erfolg – Christiane muss mit einer Maske umherwandern und darf auch keinen Kontakt nach außen haben. Als Génessier eine weitere Frau entführen lässt und seiner Tochter deren Gesichtshaut transplantiert, scheint Christiane wieder ein normales Leben führen zu dürfen. Doch mit der Zeit stößt ihr Organismus das Gewebe ab … (Wicked Vision)

Georges Franju gründete zusammen mit Henri Langlo die CinémathÈque Française. Doch er war nicht nur ein begeisterter Filmliebhaber, sondern auch ein genialer Filmemacher, der sich von Jean Renoirs malerischer Arbeit und Jean Cocteaus Surrealismus stark beeinflussen ließ. Sein Film Augen ohne Gesicht (1960) repräsentiert wahrscheinlich einen der besten und einflussreichsten Horrorfilme, die jemals aus Frankreich gekommen sind. Obwohl der Film im selben Jahr wie Jean-Luc Godards À bout de souffle (Außer Atem) veröffentlicht wurde (zu einer Zeit, in der das französische Kino die Modelle Hollywoods aggressiv dekonstruierte), hat Franjus Meisterwerk mehr dem mit Intelligenz gespickten und von der Sensibilität des Kunstfilms beeinflussten Psychothriller-Genre zu verdanken. Professor Genessier (Pierre Brasseur), ein berühmter Pariser Schönheitschirurg, ist äußerst bekümmert darüber, dass sein rücksichtsloser Fahrstil einen Autounfall verursacht hat, bei dem das Gesicht seiner jungen sowie schönen Tochter Christiane (Edith Scob) entstellt worden ist. Seit diesem schrecklichen Unglück ist er von dem Glauben besessen, ihre Schönheit wiederherstellen zu können. Mit Hilfe seiner Assistentin Louise (Alida Vali) entführt er seiner Tochter ähnelnde Frauen, um deren Gesichter zu entfernen und auf das grausig entstellte Gesicht seiner Tochter zu verpflanzen.

Augen ohne Gesicht gelingt es, eine Atmosphäre des Schreckens und der ominösen Besessenheit durchweg aufrechtzuerhalten und mit plötzlichen Momenten von grafischer Gewalt zu würzen. Das Grauen des Films stellt die Erschütterung des Publikums dar, die chirurgischen Eingriffe in ihrer Gesamtheit mit klinischer Distanz beobachten zu müssen. Gerade wenn man hofft, die Kamera würde sich von der Prozedur abwenden, fixiert sie die gefangenen Opfer, während ihre Gesichtshaut wie eine Maske abgezogen wird. Georges Franju arbeitet mit kontrastierenden Elementen, was zu vielen eindringlichen Bildern führt. Den Gore-Sequenzen stehen schöne und tiefsinnige Momente gegenüber, so wie die, in denen Christiane wie ein gespenstischer Todesengel in ihrem Herrenhaus „herumschwebt“, während sie ihre weiße Porzellan-Maske trägt. Diese Szenen voller Verträumtheit in der perfekt beleuchteten Villa kontrastieren dabei die Dunkelheit des Labors des Professors. Die letzte Sequenz, in der Christiane die Hunde freilässt, die sich sofort gegen ihren verrückten Vater wenden, während sie inmitten von befreiten herumflatternden Tauben aus dem Keller ins Freie „hinausgleitet“, ist als ein wunderbarer Moment von Poesie zu beschreiben.

In Augen ohne Gesicht gibt es schon einige unbehagliche Momente zu erleben. Die Operationsverfahren werden brutal detailliert, jedoch erschreckend distanziert inszeniert, während der Keller des Professors aus mehreren Zwingern mit eingesperrten heulenden Hunden besteht, der einer Folterkammer ähnelt. Außerdem gibt es noch eine Szene, die als genauso effektiv zu bezeichnen ist, wie die klassische Demaskierung in der 1920er-Version von Das Phantom der Oper. Eugen Schuftans brillante Kinematographie setzt auf Noir-Ausleuchtung, stilisierte Winkelaufnahmen und einen prachtvollen Einsatz von Außenaufnahmen, die an Alain Resnais‘ L’année dernière à Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad, 1961) erinnern. Die exquisiten Schwarz-Weiß-Bilder verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe und Komplexität.

Alle schauspielerischen Vorstellungen sind als hervorragend zu bezeichnen. Pierre Brasseur (Kinder des Olymp, Pforten der Nacht) kommt als Professor Genessier sowohl beängstigend, als auch bewegend rüber, während Alida Valli (Der dritte Mann, Suspiria) eine unvergesslich gute Leistung als die verdrehte Assistentin des Professors, Louise, abliefert. Doch es ist Edith Scob (Pakt der Wölfe, Holy Motors) als Christiane, die den Film trägt. Scob versteht es bestens eine erstaunliche Bandbreite an Emotionen zu vermitteln, vor allem wenn man bedenkt, dass sie ihr Gesicht den größten Teil des Films hinter einer Maske verbergen muss. Sie erscheint dem Publikum gegenüber sowohl als ein menschlich tragischer, als auch gespenstisch ätherischer Charakter. Mit dieser Bouillabaisse aus Arthouse-Sensibilität und Horror-Film kreiert Augen ohne Gesicht etliche Momente von poetischer Schönheit, lässt seine Zuschauer aber gleichzeitig auch erschaudern. Ein Muss für jeden, der wegweisende Filme zu schätzen weiß.

Wicked-Vision veröffentlicht Augen ohne Gesicht als Nummer 49 ihrer Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray und DVD), mit drei verschiedenen Cover-Motiven, die jeweils auf 333 Stück limitiert sind. Bild (1,66:1 1080p / 1,66:1 anamorph) und Ton (Deutsch + Englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf ziemlich hohem Niveau, da gibt es keine Beschwerden anzumelden. Deutsche oder englische Untertitel können auf Wunsch ebenfalls zugeschaltet werden. Insgesamt handelt es sich bei Augen ohne Gesicht wieder einmal um eine äußerst gelungene Mediabook-Edition (enthält die ungekürzte Fassung des Films mit beiden deutschen Synchronfassungen) mit recht umfangreichem sowie interessantem Bonusmaterial (mehr als vier Stunden). Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um einen außergewöhnlichen Film, der mit dieser Edition seine deutsche HD-Premiere feiert, bei der erstmals die vollständig synchronisierte Fassung enthalten ist.

Bonusmaterial:

• 24-seitiges Booklet mit einem Essay von David Renske —> sehr informativ und unterhaltsam geschrieben
• Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen —> wurde, wie gewohnt, enorm informativ eingesprochen
• Feature: „Die Poesie des Blutes“ – Video-Essay mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger —> äußerst interessant sowie informativ
• Feature: „Nur für ihre Augen“ – Interview mit Edith Scob —> sehr aufschlussreich
• Dokumentation: „Die kränkelnden Blumen des George Franju“
• Dokumentation: „Das Blut der Tiere“ —> enorm schauderhaft, nichts für Zartbesaitete !!!
• TV-Special: George Franju über „Das Blut der Tiere“
• TV-Special: „Le Fantastique“
• Feature: Pierre Boileau und Thomas Narceja über „Augen ohne Gesicht“
• Kurzfilme: „Monsieur et Madame Curie“ und „Das Erlebnis“
• Trailer
• Bildergalerie

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.77:1, 16:9 – 1.66:1
  • Alterseinstufung: ‎Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: ‎Franju, Georges
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 30 Minuten
  • Darsteller: ‎Brasseur, Claude, Valli, Alida, Scob, Edith, Mayniel, Juliette, Brasseur, Pierre
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Studio: ‎Wicked Vision Distribution GmbH

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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