Autopsy / Macchie solari

Während eines besonders brutal heißen Sommers in Italien geht die Selbstmordrate durch die Decke. Simona arbeitet an ihrem Master, während sie als Pathologin angestellt ist. Ihr eigenes vorläufiges Verständnis von Realität beginnt sich zu verschieben, als sie immer mehr der grausigen Todesopfer untersuchen muss, die durch die glühende Hitze verursacht wurden. Als eine Geliebte ihres Vaters tot aufgefunden wird, sieht sie sich versehentlich in eine Verschwörung verwickelt, die ihr eigenes Leben gefährdet…

Sollte man bei Autopsie einen klassischen Giallo à la Argento erwarten, so könnte man eine große Enttäuschung erleben. Diese gut durchdachte Charakterstudie stellt teils eine psychologische Studie, teils ein Stimmungsstück und teils einen Giallo dar, wobei das letztere Element gedämpft erscheinen mag, wenn man mit der Erwartung herangeht, einen in schwarz gekleideten Mörder dabei zuschauen zu können, wie er sexuell attraktive junge Opfer aufschlitzt. Laut Co-Autor / Regisseur Armano Crispino entstand die Idee für den Film aus den Nachrichten: Die Idee mit den Sonnenflecken stammte aus einem Zeitungsartikel. Es ging um eine Zunahme scheinbar unerklärlicher Selbstmorde, die alle während eines Sommers stattfanden, die in Wirklichkeit durch ein seltsames Sonnenphänomen verursacht wurden, das bei psychisch gefährdeten Personen paratoxische Reaktionen hervorrief. Das Sonnenfleckenmotiv durchzieht den gesamten Film und bietet einen sehr interessanten narrativen Haken, der hilft, den Film von anderen seiner Art zu unterscheiden. Letztendlich erweist sich der wahre Motivator des Mysteriums als weitaus banaler: Gier.

Die Hauptprotagonistin repräsentiert einen Charakter, mit dem man sich nur schwer identifizieren kann, was jedoch eindeutig einen bewussten Schritt bedeutet. Simona ist klug und fleißig, in ihren sozialen Umgangsformen allerdings hoffnungslos rückständig. Sie ist attraktiv, pflegt aber dank einer eher „maskulinen“ Frisur ein vage androgynes Aussehen. Trotzdem löst sie alle möglichen unerwünschten Anmachversuche der Machomänner an ihrem Arbeitsplatz aus, ein Faktor, der zweifellos auch von der drückenden Hitze inspiriert wird, die die Charaktere nervös macht. Schlimmer noch, sie hat einen Freund, Edgar, der sich unglaublich plump und sexistisch verhält. Irgendwann versucht Simonas Mitarbeiter Ivo, sich ihr aufzuzwingen, was er jedoch bitter bereuen muss. Die Antwort des sensiblen Edgar lautet: „Nun, du kannst dem armen Bastard nicht die Schuld geben, es versucht zu haben.“ Simonas verklemmte Einstellung gegenüber Sex veranlasst Edgar sie als „Eiswürfel“ zu bezeichnen, während sie sich vom komplizierten Pater Paul angezogen fühlt, der sich auf seine ganz eigene Art und Weise als faszinierender Charakter erweist.

Erst allmählich stellt sich heraus, dass Pater Paul aufgrund eines Unfalls in der Vergangenheit unter Schuldgefühlen leidet, bei dem der ehemalige Rennfahrer während eines Rennens in eine Gruppe von Zuschauern hineingerast war. Alles Zutaten, die eine schlechte Seifenoper ausmachen, doch das Ganze wird mit einer solchen Überzeugung präsentiert, so dass es am Ende doch bemerkenswert gut funktioniert. Pater Pauls Anziehungskraft auf Simona spitzt sich zu, als er ihr die Beichte abnimmt und sie zugibt, dass sie in ihn verliebt ist. Simonas widersprüchliche Einstellung zum Sex, gepaart mit ihren ungelenken sozialen Kompetenzen und ihrer offensichtlichen Intelligenz, machen sie zu einer ungewöhnlich komplexen Heldin für einen Giallo. Sie wirkt zunächst kalt und neurotisch, im Verlauf der Geschichte beginnt das Publikum allerdings mehr mit ihr zu sympathisieren. Am Ende steht man vollkommen auf ihrer Seite. Crispino beginnt den Film mit einer schockierenden Montage-Sequenz, die von einigen Versionen entfernt wurde und eine Kettenreaktion von Selbstmorden darstellt.

Die absichtlich zufälligen Bilder, auf die eine atonale Musik von Ennio Morricone gesetzt wurde, kündigen sofort an, dass es sich hier um keinen typischen italienischen Thriller handelt. Die Ausbrüche von Gewalt gestalten sich schockierend, wenn sie denn mal auftreten, da ein Großteil der Laufzeit der Charakterentwicklung und der Erzeugung und Aufrechterhaltung einer spürbar bedrückenden Atmosphäre gewidmet wird. Sollte der Film an irgendetwas erinnern, so erinnert er an Elemente aus Roman Polanskis Repulsion (Ekel, 1965), der sich auch mit einer sexuell unterdrückten weiblichen Protagonistin befasst. Während Polanskis Film den allmählichen geistigen Verfall seines Charakters auf beinahe kühle und emotionslose Weise aufzeichnet, offeriert Crispinos Streifen eine hoffnungsvollere Perspektive. Simona mag ihre Probleme haben, völlig verloren ist sie allerdings noch nicht. Crispino und Kameramann Carlo Carlini kreieren einige beeindruckende Bilder, insbesondere während einer Stalking-Szene in einem Kriminalmuseum.

Noch alarmierender als die zugegebenermaßen grausamen Fotos, die im Museum ausgestellt sind, gestalten sich jedoch die wirklich bizarren „Schaufensterpuppen“, mit denen verschiedene Selbstmord-Szenarien nachgebildet wurden. Die „Schaufensterpuppen“ werden eindeutig von Schauspielern in starkem Make-up verkörpert, wodurch die Illusion kunstvoll erreicht wird und echte Gänsehaut erzeugt. Mimsy Farmer zeigt eine herausragende Leistung als Simona. Farmer war nicht davor gefeit mit einem Hauch von Desinteresse durch einige ihrer Genrefilme zu wandern, doch hier reagierte sie eindeutig auf die Komplexität dieser Figur und lieferte am Ende eine ihrer besten Vorstellungen ab. Die vage neurotische Filmpersönlichkeit der Hauptdarstellerin eignet sich ideal für die Rolle, am wichtigsten ist jedoch, dass sie die Verletzlichkeit und Menschlichkeit des Charakters zu Tage bringen kann, was sie zu einer Figur macht, in die es sich zu investieren lohnt.

Ray Lovelock spielt auch sehr gut als ihr rüpelhafter Freund Edgar. Lovelocks Babygesicht präsentiert sich hier bärtig (wie im überlegenen spanisch-italienischen Zombiefilm No profanar el sueño de los muertos / Das Leichenhaus der lebenden Toten, 1974, Regie: Jorge Grau), was ihm ein schrofferes Aussehen verleiht. Zwischen Farmer und Lovelock ist keine großartige Chemie vorhanden, was allerdings als ein Plus angesehen werden kann, da sie wirklich nicht zusammen passen. Der amerikanische Schauspieler Barry Primus übernimmt die Rolle des anderen Hauptcharakters, Pater Paul. Primus wurde 1938 in New York City geboren und kam 1962 zum Schauspiel. Er übernahm eine der Hauptrollen in Martin Scorseses Boxcar Bertha (Die Faust der Rebellen, 1972) und wurde von Scorsese erneut als Robert De Niros Kumpel in New York, New York (1977) besetzt. Er arbeitete hauptsächlich fürs Fernsehen, während Autopsy für ihn ein atypischer Ausflug in die Welt des europäischen Kinos gewesen zu sein scheint. Er ist in David O. Russells Oscar-nominiertem American Hustle (2013) zu sehen. Die Nebenbesetzung hält gute Rollen für zuverlässige Charakterdarsteller wie Massimo Serato (spielt ausgezeichnet als Simonas Playboy-Vater) und Ernesto Colli (denkwürdig gruselig als Labor-Assistent, der versucht Simona zu belästigen) bereit.

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  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
  • Anzahl Disks: 1
  • Produktionsjahr: 1975

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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