Ben & Charlie / Zwei Himmelhunde im Wilden Westen / Amico, stammi lontano almeno un palmo / Amigo, Stay Away

Der Tagedieb Ben darf nach drei Jahren Knast wieder ungesiebte Luft schnuppern. An den Gefängnistoren wird er schon von seinem alten Freund und Weggefährten Charlie erwartet. Dieser sorgt allerdings sofort dafür, dass die Wiedersehensfreude nicht lange wehrt, denn auch er hat mit Ben noch eine Rechnung offen. Die beiden Himmelhunde merken jedoch schnell, dass sie einander brauchen. Besonders wenn es darum geht, erfolgreich beim Glücksspiel zu betrügen oder nebenbei mal eine Bank auszurauben. Schon bald gehören sie mit dem ehemaligen Bankangestellten „3%“ zu den meistgesuchten Banditen im Land… (Explosive Media)

Ben & Charlie repräsentiert einen der vielen Buddy-Streifen (die im Gefolge der Trinità-Filme gedreht wurden) mit Giuliano Gemma und George Eastman als ungleiches Freundespaar. Letzterer hat auch die Geschichte entwickelt sowie am Drehbuch mitgeschrieben, wofür er seinen richtigen Namen, Luigi Montefiori, verwendete. Der italienische Titel stellt einen der seltsamsten überhaupt dar und bedeutet übersetzt ungefähr so viel wie: Freund, bleib mindestens eine Handtellerbreite von mir entfernt. Gemma verkörpert die witzige und charmante Hälfte des Paares und wird dabei von einem Kumpel begleitet, der nicht mürrisch und dick, sondern mürrisch und groß ist. Eine frühe Szene, in der die beiden einen Faustkampf in der Wüste austragen, macht deutlich, wie groß Eastman wirklich war und warum viele andere Schauspieler nicht an seiner Seite spielen wollten. Selbst Gemma, der nicht gerade von kleiner Statue ist, erscheint in dessen Gegenwart wie ein Zwerg.

Eastman/Montefiori hatte ursprünglich einen anderen Film im Sinn gehabt, einen humorvollen Abenteuerfilm, der in der zweiten Hälfte eine tragischere Wendung nehmen sollte, nach dem Vorbild von Butch Cassidy and the Sundance Kid (wie Herr Montefiori in dem in den Extras enthaltenen Interview berichtet). Im Finale sollten beide Helden sterben. Giuliano Gemma mochte das Drehbuch sehr, doch – zu Montefioris eigenen Überraschung – konnte er keinen Produzenten finden, der bereit war, es zu finanzieren. Der Erfolg der Trinità-Filme, insbesondere des zweiten (der erfolgreichste Italo-Western der Geschichte), hatte alles verändert. Plötzlich war es nicht mehr schwierig Produzenten zu finden, aber alle verlangten Änderungen am Drehbuch. Montefiori weigerte sich, sein eigenes Skript zu überarbeiten, also wurde Sergio Donati gebeten, dies zu tun.

Montefiori war mit dem Endergebnis sehr unzufrieden, was sich auch im Film widerspiegelt: Er hat zwar ein paar gute Szenen, doch zu oft ist seine Figur dazu verdammt nur ein Zuschauer von Gemmas – allzu vertrauten – Possen zu sein. Es ist nur schwer vorstellbar, wie der Film ausgesehen hätte, wenn alle von Montefioris Intentionen respektiert worden wären, doch er funktioniert in seinen nachdenklicheren und ernsteren Momenten definitiv am besten. Gemmas Ben ist die meiste Zeit über wie Trinità gekleidet, doch charakter-mäßig ähnelt er oftmals Billy Boy aka Tim Hawkins, dem Pistolero auf der Flucht, den er in Giulio Petronis E per tetto un cielo di stelle (Amigos – Die (B)Engel lassen grüßen, 1968) gespielt hatte. Er ist ein Schurke, der in den Tag hinein lebt und sich mit Witz und Charme seinen Lebensunterhalt verdient, wobei alles in Ordnung zu sein scheint, doch ab und zu wird dem Publikum klar, dass er einen Mann darstellt, der vor sich selbst davonläuft. In einer bestimmten Szene wird er mit einer schönen Frau (Marisa Mell) konfrontiert, die sich als seine ehemalige Verlobte entpuppt, die er einst am Altar stehengelassen hatte. Wie sein unwiderstehliches Lächeln können auch ihre feinen Kleider die bittere Wahrheit nicht verbergen: Sie ist zu einer Prostituierten geworden, während er sich noch immer wie ein kleiner Gauner durchschlägt, der von Stadt zu Stadt reist und seine billigen Tricks vorführt.

Es gibt vereinzelte Momente von Erkenntnis oder Brillanz, weswegen es sich hier definitiv um einen dieser Filme handelt, die in Teilen besser funktionieren als im Ganzen. Die erste Hälfte fühlt sich episodisch und unnötig lang gezogen an und während sich die zweite Hälfte etwas bunter gestaltet, fehlt es ihr doch an Kohärenz, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Es ist auch eine Tendenz vorhanden potenziell gute Szenen zu überdehnen, insbesondere eine sogenannte „Display-Szene“ im Stil von Für ein paar Dollar mehr (1965), in der verschiedene Charaktere ihre Schießkünste zeigen, indem sie Löcher in immer kleinere Objekte schießen. Anfangs noch witzig, dauert die Szene viel zu lang und verkommt schließlich zu etwas Lächerlichem, in dem ein Teilnehmer in die Luft schießt, woraufhin die Kugel nach ein paar Sekunden im Whiskeyglas eines anderen landet. Anstatt ein dramatisches Finale aufzubauen, wechselt die zweite Hälfte zwischen Komik und Dramatik hin und her, wobei vermeintlich komische Momente mit teilweise ziemlich gewalttätigen Szenen gemischt werden. Die beiden Freunde nehmen noch eine dritte Partei bei sich auf, einen Bankangestellten (aus einer Bank, die sie ausrauben) und haben schon bald einen Sheriff sowie dessen Truppe und einen Pinkerton-Agenten am Hals. Dann begehen sie den fatalen Fehler, sich mit drei wirklich gefährlichen Gesetzlosen zusammenzutun, die sie zu immer schwerwiegenderen kriminellen Aktivitäten zwingen. Eigentlich sollten unsere beiden „Helden“ für ihren Ruhestand planen, doch stattdessen geraten sie immer tiefer in Schwierigkeiten. Die Geschichte hat alle Merkmale einer Thelma & Louise Version für Männer zu bieten, doch was passieren soll, passiert nie, weil das Originaldrehbuch umgeschrieben werden musste.

Eine erwartete Fortsetzung kam nie zustande. Gemma und Eastman spielen gut, doch der Film gehört eher den Nebendarstellern, insbesondere Vittorio Congia als „3%“ (dem zum Banditen gewordenen Bankangestellten) und Luciano Catenacci (als Luciano Lorcas aufgeführt) als kahlköpfiger Bösewicht Kurt, der einen der gemeinsten Bastarde im Italo-Western-Universum repräsentiert. Außerdem gibt es eine Fülle von bekannten Gesichtern (Giacomo Rossi-Stuart, Nello Pazzafini, Aldo Sambrell und Roberto Camardiel, um nur die bekanntesten zu nennen) sowie Referenzsequenzen zu entdecken. In einer Szene wird Gemmas Leben gerettet, weil eine auf ihn abgefeuerte Kugel sowohl von einer Taschenuhr, als auch von einem Silberdollar gestoppt wird! Der Film präsentiert sich sehr unausgeglichen und nicht so gut, wie er eventuell hätte sein können, trotzdem ist er viel besser gelungen, als die meisten Trinità-Klone. Der Film erfährt auch enorme Unterstützung von Gianni Ferrios Musik und Aristide Massaccesis Kinematographie. Ferrio bringt eine breite Palette an Stilen (von Flamenco und Jazz bis hin zu Morricone-beeinflussten Melodien) zum Einsatz, um einen sehr lebendigen, jedoch nie aufdringlichen Score zu kreieren, während es Massaccesi – die meisten Leute werden ihn als Joe D’Amato kennen – hervorragend versteht die Örtlichkeiten zu nutzen, wobei sich viele seiner Kompositionen und Winkel wunderschön sowie erfinderisch gestalten.

Explosive Media präsentiert Ben & Charlie in zwei Cover-Varianten (jeweils auf 1000 Stück limitiert) erstmals als restaurierte High Definition Neuabtastung (zwei Blu-Rays), die wirklich gut gelungen ist, sowie als Doppel-DVD-Set. Das Bild (16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1) sieht recht gut aus und gibt keinen Anlass zum Meckern. Beim Ton liegen mit der deutschen, italienischen und englischen gleich drei Spuren vor. Alle drei werden im DTS-HD MA 2.0 Format präsentiert und klingen recht gut. Hier gibt es höchstens minimale Unterschiede im Klang zu erkennen aber auch nur, wenn man sehr genau hinhört. Für Freunde des italienischen Originaltons sind deutsche und englische Untertitel anwählbar. Explosive Media ist somit wieder einmal eine klasse Veröffentlichung eines zwar kleinen und trotz einiger Mängel doch recht feinen Italo-Western geglückt.

Extras:

  • Interview-Featurette mit George Eastman (ca. 28 Minuten) —> Herr Montefiori berichtet hier hauptsächlich darüber, warum und wie sein Drehbuch zum Ben & Charlie umgeschrieben worden ist, was sich als äußerst interessant erweist.
  • Internationale und Italienische Kinofassung in HD
  • Original Kinotrailer
  • Bildergalerie
  • 40seitiger Buchteil mit vielen Bildern und Texten
  • Explosive Media Western-Trailer-Reel (ca. 17 Minuten)

Bei Amazon bestellen oder streamen (kein HD)

  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: ‎Lupo, Michele
  • Laufzeit: ‎3 Stunden und 41 Minuten
  • Darsteller: ‎Gemma, Giuliano, Eastman, George, Rossi Stuart, Giacomo, Mell, Marisa, Pazzafini, Nello
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Studio: ‎Explosive Media

weitere Screenshots der Explosive Media Edition

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Diese Edition sowie die Screenshots wurden uns freundlicherweise von Explosive Media zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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