Benedetta

Benedetta

Benedetta ist ein auf wahren Begebenheiten basierendes Historiendrama von Paul Verhoeven aus dem Jahr 2021, gestützt auf das Buch „Inmodest Acts“ von Judith Brown.

Die junge Benedetta, schon als Kind bekannt für ihr Talent und vermeintliche Wundertaten, wird von ihrem reichen Vater ins Theatrinerkonvent in Pescia geschickt um eine Nonne zu werden. Die clevere und devote junge Dame Benedetta (Virginie Efira) ist 18 Jahre später eine vollwertige Nonne unter der Leitung der respektierten Äbtin (Charlotte Rampling). Im Land wütet derweil die Pest. Als eines Tages die junge Bartolomea (Daphne Patakia) als Schutzsuchende ins Konvent aufgenommen wird, entwickelt sich zwischen ihr und Benedetta eine Anziehung. Benedetta allerdings fällt durch Anfälle, Stigmata, eine besessen klingende Stimme und wahr werdende Prophezeihungen auf, die immer radikaler werden. Im Land werden ihre Wunder bekannt, und während der Äbtin, dem Priester Ricordati (Hervé Pierre) und dem Kardinal Cecchi (Olivier Rabourdin) die Aufmerksamkeit genau recht ist, die dem Konvent zu Teil wird und die letztlich den Vatikan auf den Plan ruft in Person des Nuntius (Lambert Wilson), stellt Benedettas neuer Status das Kloster auf den Kopf. Sie wird zur neuen Äbtin erkoren und feindet sich mit den bestehenden Machtstrukturen an, während die sexuellen Erfahrungen mit Bartolomea zu einem Risiko werden. Benedetta versucht die nahende Pandemie für ihre Zwecke zu nutzen…. und stellt sich gar gegen den Vatikan.

Lange hatte ich auf den Film gewartet – und ihn leider im Kino verpasst – denn ich bin ein ziemlicher Fan des Regisseurs, von dem ich vor knapp 10 Jahren begann, auch das Frühwerk genauer unter die Lupe zu nehmen Paul Verhoeven (Robocop, Starship Troopers, Basic Instinct, Der Soldat von Oranje, usw.) ist bekannt für seinen provokanten Stil, seine direkte Darstellung kritischer Themen und Unterhaltung im Kino die meist eine ganze Palette cineastischer Inhalte bedient. Wie in seiner späteren Karrierephasen haben sie zum Beispiel einen weiblichen Schwerpunkt (The Black Book) oder stellen minimalistische Filme dar die komplett an starken Frauenrollen hängen, wie z.B. Elle mit Isabelle Huppert. Mit Benedetta sorgte er schon früh für Aufruhr, denn nicht nur birgt die Kombination aus Verhoeven und Katholizismus viel Sprengpotential, schon das erste Werbeplakat des Films wusste mit Frau Efiras nackter Brust für Gesprächsstoff zu sorgen. Also waren die Erwartungen hoch, dass Verhoeven lieferte – Unterhaltung, Kontroversen, Stoff für Erwachsene, keine Tabus und das alles handwerklich feinsäuberlich verpackt. Wie schlägt sich der Film?

Zunächst ist ratsam, wenig bis nichts über den Film zu wissen, um Benedetta am meisten zu genießen. Das kam mir persönich jedenfalls sehr zu Gute, denn die vielen Wendungen und der steigende „what the fuck“ Grad während der nur knapp über zweistündigen Laufzeit tragen viel zum Spaß bei. Dabei muss ich sagen, der Film ist definitiv anders als ich erwartet hatte, und allerdings wie zu erwarten war, steckt hinter viel Aufregung deutlich weniger Nunsploitation-Faktor als Werbung und Mundpropaganda einem weiß machen möchten. Der Film ist keinesfalls zimperlich und auch nichts für Kids, aber natürlich auch kein 70er Jahre Jess Franco Schlonz. Verhoeven gelingt ein sehr guter Balanceakt zwischen Provokation – religiöser, politischer, sexueller und gewalttätiger Natur – und bissiger Satire mit viel Interpretationsspielraum. Es ist ein Film der die ganze Heuchlerei der mittelalterlichen Kirche ebenso auf die Schippe nimmt wie den Umgang mit einer tödlichen Pandemie. Also eigentlich sehr zeitgemäß. Und es wäre nicht Verhoeven wenn die Liebe zwischen zwei Nonnen dabei nicht eine prominente Rolle spielen würden.

Efira spielt die Nonne Benedetta mit einer beeindruckenden Ernsthaftigkeit (Verhoeven arbeitete bereits in Elle mit ihr), wenn man überlegt was ihr Agent oder ihre Agentin wohl gedacht habe muss bei der Lektüre des Drehbuchs. Es ist ihr Verdienst, dass der Film funktioniert und weder ins Alberne abrutscht noch ins Schlüpfrige – und das obwohl viele Elemente des Geschehens natürlich höchst albern (aber nicht erfunden) sind, und es doch ein wenig Schlüpfriges zu sehen gibt, allerdings in sparsamen und geschmackvoll orchestrierten Dosen, nun es ist halt kein Film für Kiddies. Dabei ist die Story extrem spannend – denn bis zum Schluss ist man sich als Zuschauer absolut nicht sicher – und kann sich auch nicht sicher sein, wer wem übel mitspielt und wessen Katholizismus gespielt oder aus Überzeugung zum Tragen kommt. Es ist genau genommen so dass es denen zum Verhängnis wird, die Bendetta regelmäßig unterschätzen oder sie falsch einschätzen. Vieles spricht dafür, dass sie meisterhaft lügt und schauspielert, aber zu keinem Zeitpunkt spielt sie mit dem Gedanken, das Kloster zu verlassen, und das dürfte nicht nur daran liegen dass draußen die Beulenpest tobt.

Paul Verhoeven mag ich, weil er sich traut mutige Filme zu machen, die nicht so weichgespült wirken wie der Rest Hollywoods. Und das ohne in Exploitationkino abzudriften oder B-Movies zu drehen bei denen die Zensoren eh nicht hinsehen. Nein, Verhoeven ist ein Meisterregisseur der die Kunst des provokanten Kinos aufrechterhält, ob klirrend spannende Erotikthriller (Basic Instinct), Faschismusstatire (Robocop, Starship Troopers), Rape-and-Revenge (Elle), Spionageabenteuer (The Black Book), Kriegsfilm (Der Soldat von Oranje) oder Sci-Fi (Total Recall, Hollow Man), seine Filme sind stets bitterer ernst, aber sie sind Kinofilme, sie spielen mit Fantasie und Grenzen, bieten Schauwerte und Aufregung, und sind solide Handwerkskunst.

Benedetta reiht sich in diese Filmografie gut ein – bei der ein oder anderen Folterszene oder Nacktaufnahme kurz weggeblinzelt und es bleibt immer noch ein hochgradig spannendes Portrait einer komplexen Figur in einer unglaublich wirren und ekligen Epoche. Nicht weggeblinzelt und der Film macht nochmal mehr Spaß, egal wie, man fühlt sich versetzt in die Rolle des Lesenden einer Romanversion dieser Geschichte, bei der die eigene Fantasie merkwürdig auf Wellenlänge des Regisseurs ist, denn er versteht es, Filme zu machen die nicht nur langezogene Werbevideos sind. Aber – und es gibt ein aber – ich konnte Benedetta nicht so viel abgewinnen, dass ich ihn weit oben im Ranking seiner Filme einordnen würde. Das liegt aber mehr an der mittelalterlichen Thematik, mit der ich weniger anfangen kann (daher fand ich schon sein Flesh+Blood nicht so genial), als an der Qualität des Films.

Benedetta erscheint sowohl in zwei unterschiedlich gestalteten Mediabooks in denen der Film jeweils in 4K UltraHD BluRay und auch klassischer BluRay enthalten ist, als auch in einer regulären Edition nur als BluRay. Außerdem ist der Film bei diversen VOD Kanälen verfügbar, wenn auch nicht mit ganz so umfangreichen Sprachoptionen. Zur Besprechung lag mir die BluRay vor, daher kann ich nicht viel zur Qualität der höherwertigen 4K Ausgabe sagen, das Cover verrät allerdings dass man den Film dort nach aktuellem Stand der Technik (Dolby Vision und HDR 10+) präsentiert bekommt.

Der Ton klingt total solide, sorgt aber nicht für Klangfeuerwerke im Wohnzimmer. Ein unaufgeregter, hochwertiger 5.1 Mix, und das sowohl im Original als auch in einer deutschen Synchronfassung (nicht getestet). Sehr lobenswert ist, dass es nicht nur deutsche Untertitel, sondern auch englische gibt, und zusätzlich auch noch solche für Hörbeinträchtigte in Französisch. So sollte das immer sein.

Das Bild sieht ebenfalls sehr gut aus und lässt für die 4K Scheibe noch besseres vermuten. Satte Farben – trotz des eher kühlen Looks des Films und messerscharfe Kontraste, gute Schwarzwerte. Ein sehr solider Transfer.

Ein paar Extras runden das ganze ab. Da wäre zum einen „Der Weg ins Kloster“ (43 Minuten), ein Making-Of Featurette das aus einem Interview mit Verhoeven (Englisch mit Untertiteln) besteht und um Kommentare von Efira ergänzt wird (Französisch mit Untertiteln). Sehr aufschlussreich und umfangreich, ein wirklich sehr gelungenes interview. Hinzu kommt ein weiteres, separates Interview mit Paul Verhoeven (28 Minuten). Worin unterscheidet sich das nun von dem anderen? Während das andere von Pathé eher als Making-Of gemacht und gedacht wurde und eher als Werbung, ist dieses eher ergänzend und vertiefend und bei Verhoeven zuhause gefilmt, daher weniger orchestriert, und natürlich hört man nun viele Sachen ein zweites Mal, das Interview ist aber dennoch aufschlussreich und unterhaltsam. Oben drauf kommt noch der Kinotrailer.

Die Mediabooks bieten neben der regulären BluRay Version den Film in nagelneuem 4K UltraHD BluRay mit DolbyVision und HDR10+, für noch mehr knisternd hochaufgelöstes Sehvergnügen. Für Fans mit der entsprechenden technischen Heimkino-Ausstattung die empfehlenswertere Wahl. Die Ausstattung (Extras) ist aber die gleiche.

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(auch verfügbar: reguläre BluRay) oder streamen (auch UHD, die Streams bieten nur dt. Untertitel)

Benedetta

Die BluRay wurde uns von Capelight freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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