Besessen – Das Loch in der Wand

Besessen (Obsessions bzw Bezeten im Original) ist ein niederländischer Thriller von 1969. Größeren Bekanntheitsgrad beschert dem Film, dass am Drehbuch Martin Scorsese (Taxi Driver) beteiligt war, und Bernard Herrmann (Twisted Nerve) nicht erst seit damals zu den großen Filmkomponisten gehört. Regisseur Pim de la Parra (Lost in Amsterdam) ist nicht unbedingt bekannt, zumindest nicht außerhalb der holländischen Filmwelt. „Wim (Verstappen) und Pim“ als Duo könnte Insidern aber vielleicht ein Begriff sein. Warum man den Film mal gesehen haben sollte? Ich versuche es zu erklären….

Der angehende Arzt Nils Janssen (Dieter Geissler) entdeckt in seiner Wohnung ein kleines Loch in der Wand, wodurch er die seltsamen Umtriebe seines Nachbarn beobachten kann. Das scheint ihm erst harmlos anzufangen, hat der Herr doch mal Prostituiertenbesuch und lässt sich massieren. Aber je öfter er hindurch piekt, desto mehr seltsame Dinge beobachtet er, bewusstlose junge Frauen, seltsame Trommelgeräusche, Drogen? Mit einem passenden Schlüssel verschafft er sich eines Tages Zugang zu dieser Wohnung und merkt, dass eine Frau dort scheinbar umgekommen ist. Von nun an behält er den Nachbarn genauer im Visier und versucht zu verstehen was passiert. Doch seine Freundin, die Journalistin Marina (Alexandra Stewart) ist erst nicht begeistert, und findet seinen Voyeurismus kindisch, doch dann merkt auch sie dass hier etwas im Gange ist. Nicht nur das, sie ergründet gerade einen anderen Mordfall für eine Reportage, und vielleicht besteht da ein Zusammenhang…..

besessen - Loch in der Wand

Welch obskure Titel Koch Films teilweise ausgräbt, das ist einfach großartig. Echtes Nischenkino also. Dieses Kleinod von 69 ist die erste Hauptrolle von Dieter Geissler (Was?, Die Unendliche Geschichte) und ein kleiner Glücksgriff des niederländischen Produzentenduos. Martin Scorsese hatte aus irgend einem Grund mit an dem Drehbuch geschrieben, und so konnte man diese originelle Story, die ein wenig an Rear Window angelehnt war, mit viel künstlerischer Freiheit umsetzen. Alexandra Stewart (The Bride Wore Black, Black MoonLes uns et les autres) war schon an das Projekt gebunden als Geissler hinzu kam, und während wie ich finde er eine eher komische Performance abgibt, geht Stewart in der Rolle richtig auf.

besessen - Loch in der Wand

Geissler drehte als ersten Spielfilm den erfolgreichen 48 Stunden bis Acapulco, der ein Jahr vorher Preise einheimste und seinen Durchbruch bedeutete. Nach Besessen gab es den Film Blue Movie, der damals einer der erfolgreichsten holländischen Filme aller Zeiten wurde, im Ausland aber unterging und falsch vermarket wurde. Das erfährt man in dem Interview mit Geissler. Besessen selbst war relativ erfolgreich, vor allem in Italien 1969, was wohl auch ein wenig nach dem Durst der Zuschauer nach leicht anrüchigem Material war. Zwar ist Voyeurismus im Kern des Films, und klar ist auch etwas nackte Haut zu sehen, aber es ist durch und durch ein Thriller, kein billiger Sexploitation Romp. Wie Geissler erzählt landete der Film aber dennoch wegen blöder Umstände fast zwei Jahrzehnte auf dem Index, weil man sich eine Klage einfing nachdem das Video im Kinderregal gelandet war. Dumm gelaufen.

besessen - Loch in der Wand

Der Film beginnt recht sachte, und man braucht eine Weile um zu verstehen wo man sich befindet, und wie die Personen zueinander stehen. Als klar wird was hier wohl passiert, besteht ein Großteil der Spannung des Films auch mitunter darin, dass keiner der beiden die Polizei ruft, sondern eine Mischung aus Neugierde und Erkundungsdrang dazu führt, dass sie weiter beobachten und nur teilweise eingreifen, um schlimmeres zu verhindern und das Rätsel zu lüften. Die Hintergrundgeschichte von Marinas Recherche ist dabei über lange Strecken nur Zierde. Der Film lebt auch von der Amsterdamer Atmosphäre, der Spärlichkeit der 60er Innenarchitektur (immerhin eine Studentenbude) und dem wirklich exzellenten Soundtrack von Bernard Herrmann. Das ist es auch, was den Film wirklich nochmal um so viel mehr aufwertet.

besessen - Loch in der Wand

Ich habe den Film sehr genossen, fand ihn spannend, innovativ und künstlerisch anspruchsvoll, sowohl was Kameraführung als auch Erzählweise angeht. Ich bin sehr froh den entdeckt zu haben, und versuche mal, noch mehr holländisches 60s Kino ausfindig  zu machen.

Die BluRay bietet eine ziemlich gute Neuabtastung des Film, die viel Filmkorn bietet und in den dunklen Szenen etwas schwach ist. Ansonsten sieht das ganze prima aus, auch farblich und was die Texturen betrifft, sieht die Präsentation des Films somit echt gut aus. Deutsch und Englisch gibt es sowohl als Tonspur als auch Untertitel. Beim Ton (Originalton getestet) offenbart sich viel Zischen und etwas Rauschen, insgesamt klingt es aber sehr gut. An Extras gibt es einige Bilder und aber vor allem ein 20minütiges Interview mit Dieter Geissler, der ja neben der Hauptrolle auch als Co-Produzent fungierte und einiges zu erzählen hat.

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besessen bluray

Die BluRay und das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt. Die tatsächliche Bildqualität ist deutlich besser als die Stills im Artikel.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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