Besser geht’s nicht / As Good As It Gets

Der New Yorker Schriftsteller Melvin Udall ist ein Kotzbrocken, wie er im Buche steht. Vor allem Melvins Nachbar Simon hat unter den steten Verbalattacken zu leiden. Nur bei seinen Frühstücksbesuchen in dem stets selben Cafe wird das Raubein zum Schmusekätzchen, denn Melvin hegt eine geheime Bewunderung für die Kellnerin Carol. Sie ist die einzige, die den Nerv hat, Melvins Tiraden Paroli zu bieten. Durch eine Verkettung von Umständen überschneiden sich die Schicksale dieser drei ungleichen New Yorker, und bei einer unfreiwilligen gemeinsamen Autotour kommen sie sich näher. Ist Melvin etwa doch noch zu retten? (Sony Pictures Entertainment)

Es gibt wahrscheinlich kein besseres Beispiel für die Veränderungen, die die sechziger Jahre in Hollywood bewirkten, als Jack Nicholson. Hätte Nicholsons Karriere im Studiosystem der dreißiger, vierziger oder sogar in den fünfziger Jahren mit dem langsamen und stetigen Vorpreschen des Fernsehens aufblühen können? Obwohl Nicholson in seinen jüngeren Jahren zumindest als passabel schneidig beschrieben werden konnte, war er nicht gerade als ein gutaussehendes Matinee-Idol zu bezeichnen, während seine sarkastische Persönlichkeit eindeutig im Widerspruch zum glamourösen Ethos des Goldenen Zeitalters von La-La Land stand. Wenn man sich Nicholsons frühe Auftritte in Filmen wie The Little Shop of Horrors (Kleiner Laden voller Schrecken, das Original von 1960), The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer, 1963) und The Terror (The Terror – Schloss des Schreckens, 1963) heutzutage ansieht, gestaltet es sich zumindest ein wenig überraschend, dass Nicholson zu einem der ikonischsten Schauspieler seiner Generation geworden ist.

Ein Teil dieses Aufstiegs muss sicherlich auf den Wandel zurückzuführen sein, der den Independent-Film in den späten sechziger Jahren in den Vordergrund rückte, wobei Nicholsons Beiträge zu so legendären Werken wie Easy Rider (1969) ihm sicherlich zu einer Karriere auf der Überholspur verholfen haben, die in den Siebzigern erst so richtig explodierte. Es erweist sich wirklich als ziemlich erstaunlich, wie schnell Nicholson in diesem Jahrzehnt aufsteigen konnte. Carnal Knowledge (Die Kunst zu lieben, 1971) und Five Easy Pieces (Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst, 1970), bescherten ihm schließlich die Mainstream-Anerkennung, die ihm zu Beginn seiner Karriere weitgehend versagt geblieben war. Als Nicholson 1997 in As Good As It Gets die Hauptrolle spielte, galt er als einer der zwei oder drei führenden männlichen Darsteller seiner Generation als weitgehend unantastbar. Auch ohne sich in seiner Rolle des Melvin Udall richtig „anstrengen“ zu müssen, brachte er seinen dritten Oscar nach Hause. Vielleicht vielmehr aufgrund der Kraft seiner jetzt geliebten mürrischen Persönlichkeit, als wegen seiner schauspielerischen Brillanz, die er in das Projekt einfließen ließ (doch man täusche sich nicht, er brachte auch hier seine schauspielerische Brillanz in die Rolle ein).

Tatsache ist jedoch, dass wahrscheinlich kein anderer Schauspieler einen so anstößigen Charakter hätte spielen können wie Udall, einen Autor, der an Zwangsstörungen leidet und mit Beleidigungen um sich wirft, wie kein anderer. In weniger begabten Händen wäre Udall wohl wie ein hoffnungsloser, ungebührlicher Grobian rübergekommen. Nicholson gelingt es jedoch irgendwie den Charakter ansprechend zu gestalten, wenn manchmal auch nur knapp. Während Besser geht’s nicht vielleicht doch nicht ganz so gut ist, wie es seine begeisterten Kritiken von 1997 behaupteten, repräsentiert der Film ein Schaufenster für den sehr eigenwilligen und sogar eigenartigen Charme, den Jack Nicholson seinen Auftritten verleiht. James L. Brooks hat in den klischeebeladenen Hallen der Fernseh-Sitcoms sicherlich Freibauernpflichten erfüllt, einschließlich der Arbeit an weniger herausragendem Material wie My Mother, The Car (1965-66), bevor er mit Legenden wie The Mary Tyler Moore Show (Oh Mary, 1970-77) und Taxi (1978-83) seinen Schnitt machte (nicht zu vergessen: Die Simpsons, 1989 bis heute).

All die Jahre im Trubel des wöchentlichen Fernsehens geschuftet zu haben, mögen ein geringeres Talent abgenutzt haben aber nicht James L. Brooks, denn das Beste an As Good As It Gets ist, wie strahlend frisch sich der Streifen die meiste Zeit über präsentiert. Klar, es hat schon vorher Filme über Außenseiter gegeben, sogar Außenseiter, die sich langsam von Hass auf den ersten Blick zu zumindest widerwilliger Bewunderung entwickeln und oftmals sogar noch mehr. Doch in den erfahrenen Händen von Brooks (der den Film mitgeschrieben und inszeniert hat) sind die drei Hauptfiguren hier alle als bemerkenswert lebendig zu beschreiben, ganz besonders wenn sie von Jack Nicholson, Helen Hunt und Greg Kinnear zum Leben erweckt werden.

Das Publikum lernt Nicholsons Melvin Udall zum ersten Mal bei einem Versuch kennen, den Hund eines Nachbarn (buchstäblich) im Müll zu entsorgen. Dieser Nachbar entpuppt sich als der homosexuelle Künstler Simon (Greg Kinnear), der einen talentierten, wenn auch sehr naiven jungen Mann repräsentiert. Nachdem er herausgefunden hat, was Melvin seinem geliebten Hund Verdell angetan hat, sieht er sich noch immer nicht in der Lage, dem menschenfeindlichen und leicht bedrohlichen Melvin angemessen entgegen zu treten. Melvins Zwangsstörung führt ihn jeden Tag in dasselbe Restaurant, wo er darauf besteht von Carol (Helen Hunt) bedient zu werden, die anscheinend die einzige Kellnerin ist, der es gelingt Melvins eigenartiges Verhalten sowie seine häufig extrem beleidigenden Worte zu tolerieren. Aus diesem recht eigentümlichen Gefüge dreier verwundeter Charaktere weben Brooks und Co-Writer Mark Andrus einen Teppich aus einem faszinierenden Wechselspiel, das sich langsam entfaltet (zu langsam mögen manche argumentieren, bedenkt man die fast zweieinhalb Stunden Laufzeit des Films) und sich eher mit kleiner Charakterentwicklung, anstatt mit großspuriger dramatischer (oder gar komödiantischer) Handlungsentwicklung befasst.

Simon wird von Freunden eines seiner Models (Skeet Ulrich) aufs Übelste verprügelt und ausgeraubt, während sich Carol um ihren kränklich asthmatischen Sohn kümmern sowie sorgen muss. In dieses Getümmel menschlichen Unglücks gerät der nicht gerade sehr liebenswürdige Melvin hinein, der sich in Bezug auf diese beiden Menschen am Ende jedoch recht gut macht, wenn auch nicht ohne dabei immer wieder ins Stolpern zu geraten. Besser geht’s nicht bezieht seinen emotionalen Impuls aus dem einfachen Handlungsbogen, in dem Melvin sich den Launen des Lebens öffnet (zumindest soweit seine hochreglementierte Zwangsstörung es zulässt). Gleichzeitig bekommt das Publikum seltsame Entwicklungen in Carols sowie Simons Leben präsentiert. Simon, einst hoffnungsvoll und optimistisch, droht nach seiner schrecklichen Erfahrung zu einem Gegengewicht zu Melvin zu werden, da sich Melvin (gaaanz langsam) zu einer freundlichen Person entwickelt, während Simon in einer tiefen Depression versinkt. Carol ist von Natur aus misstrauisch gegenüber jeglichem Glück, das ihrem Arbeiterklasse-Leben über den Weg laufen könnte, was gepaart mit Melvins Fehlverhalten zu einigen rauen Auseinandersetzungen zwischen den beiden führt.

Für einen James L. Brooks Film gestaltet sich das eventuell etwas überraschend, doch Besser geht’s nicht ist kein Film, der sich aus großen Lachern speist. Gelacht bzw. Geschmunzelt werden kann zwar in Hülle und Fülle, manche Lacher erweisen sich dabei sogar als recht herzlich, doch entspringen sie fast einheitlich einer Dichotomie aus Kummer, die mehr oder weniger mühelos in Resignation übergeht. Ein perfektes Beispiel ist eine großartige Szene mit Carol und ihrer Mutter, in der die Mutter (die völlig überwältigt davon ist, dass Melvin einen Privatarzt für Carols Sohn arrangiert hat) ihre Tochter dazu drängt, etwas lockerer zu sein und einen schönen Abend in der Stadt zu verbringen. Carol hingegen ist einfach nur mürrisch, weint hysterisch und plappert über alle möglichen Ängste, reale sowie eingebildete. „Was willst du, Mutter?“ fragt sie auf beinahe bösartige Art und Weise. „Ich will ausgehen“, ist die einfache Antwort der Mutter. Pause. „Okay“, antwortet Carol gelassen und wechselt somit plötzlich den emotionalen Tenor, was einen großartigen kleinen Moment darstellt, der einen leicht zum Schmunzeln bringt. As Good As It Gets ist voll von solchen kleinen liebenswürdigen Momenten.

Allerdings begegnen den Zuschauern auch einige kleinere Probleme während des Films, einschließlich der Tendenz Nebencharaktere einzuführen, ohne sie mit viel Fleisch und Blut auszustatten und sich auf einen besonderen Performance-Stil zu verlassen, um sie durchzubringen. Daher bekommt man kleine Stücke von Cuba Gooding Jr. als Simons Agent und Kunsthändler Frank Sachs hingeworfen, die zwar für einige Schmunzler sorgen, auf Dauer jedoch nicht wirklich viel bringen. Apropos Dauer, der Film ist um mindestens eine halbe Stunde zu lang, obwohl er sich die meiste Zeit über als so unterhaltsam erweist, so dass sich das mäandernde Tempo gar nicht so problematisch gestaltet, wie es hätte sein können. Der gesamte Nebenhandlungsstrang, wo Simon von Carol und Melvin zu seinem Elternhaus in Baltimore begleitet wird, entpuppt sich ebenfalls als so etwas wie eine Sackgasse, obwohl er die drei Hauptfiguren zumindest bei einem Ausflug zusammenbringt, woraus sich mehrere dramatische Entwicklungen ergeben.

Trotz seiner (zugegebenermaßen relativ kleinen) Schwächen profitiert As Good As It Gets davon, sich zu trauen, anders zu sein. Dies ist ein Film, der sich über die Handlungsstruktur von drei Akten hinwegsetzt und sich stattdessen auf eine verständnisvolle Untersuchung des Innenlebens dreier emotional fragiler Charaktere einlässt. Brooks‘ Tempo ist als fachmännisch zu bezeichnen (trotz der etwas problematischen Länge des Films), während sich die schauspielerischen Leistungen einfach wunderbar gestalten. Nicholson und Hunt gewannen wohlverdiente Oscars (Kinnear erhielt eine Nominierung), wobei die Interaktion zwischen den drei Darstellern als ungekünstelt und geradezu liebenswert zu beschreiben ist. Besser geht’s nicht, wenn man es mit jemandem zu tun hat, der so griesgrämig ist, wie Melvin Udall.

As Good As It Gets ist kein perfekter Streifen aber ein mutiger Streifen. Einer, der es wagt, sich nicht an die Regeln des konventionellen Filmemachens zu halten, was ihn für uns zu einem ganz großen Vertreter seiner Zunft werden lässt. In den Annalen des Films hat es wahrscheinlich noch nie einen Charakter wie Melvin Udall gegeben (!?), wobei Nicholson ihn mit einer wunderbaren schauspielerischen Leistung zum Leben erweckt. Hunt und Kinnear erweisen sich auch als außergewöhnlich gut, während das Zusammenspiel der drei Charaktere als schlichtweg fantastisch bezeichnet werden muss. Der Film hat zwar seinen Anteil an Schmunzlern, doch hier geht es eher um eine Analyse von drei verwundeten Seelen, die lernen eine Gemeinschaft zu bilden. Es handelt sich um eine Lektion, die heutzutage sogar noch relevanter sein könnte, als 1997. Die Blu-ray von Sony Pictures bietet hervorragende Video- sowie Audioqualität und obwohl ein fehlender Audiokommentar eine echte Enttäuschung darstellt, ist diese Veröffentlichung sehr zu empfehlen. Der Film sowieso!

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 6 Jahren
  • Regisseur: ‎Brooks, James L.
  • Medienformat: DVD & Blu-Ray
  • Laufzeit: 2 Stunden und 18 Minuten
  • Darsteller: ‎Nicholson, Jack, Hunt, Helen, Kinnear, Greg
  • Untertitel: Deutsch, Englisch, Arabisch, Chinesisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Hindi, Niederländisch, Italienisch, Japanisch, Koreanisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Schwedisch, Thailändisch, Tschechisch, Ungarisch
  • Sprache: ‎Russisch (Dolby Surround), Ungarisch (Dolby Digital 5.1), Italienisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 5.1), Polnisch (Dolby Digital 5.1), Tschechisch (Dolby Surround), Französisch (Dolby Digital 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1), Spanisch (Dolby Surround)
  • Studio: ‎Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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