Bewaffnet und gefährlich / Liberi armati pericolosi

Mario, Luis und Gio sind ein bisher unauffälliges Trio, deren Motiv eine Tankstelle zu überfallen vielleicht ihrem Jugendlichen Übermut entsprungen ist. Vier Menschen sterben. Während sich Mario und Gio, berauscht von ihren Taten, mächtig und unbesiegbar fühlen, versucht Luis, vergeblich, seine beiden Freunde von weiteren Straftaten abzubringen. Und je mehr er dies versucht, umso mehr fühlen sich Mario und Gio provoziert diesen Tag in die Geschichtsbücher der Justiz eingehen zu lassen. Noch auf der Flucht vom letzten Tatort befindet Mario eine Bank zu überfallen. Es geht nicht um Geld, es geht um Aufmerksamkeit. Nachdem mit zwei Schrottplatzbetreibern und Passfälschern der Berg Leichen weiter angehäuft wird, verlagert sich die Spur der Gewalt an die Mailänder Peripherie. Die von der Polizei sorgsam aufgestellten Straßensperren werden mühelos umgangen und so wird die Jagd auf die Jugendlichen mit Hundestaffeln und Helikoptern ausgeweitet, doch die Gewalttaten finden kein Ende… (Cineploit Records)

Als der Vater (Venantino Venantini) einer der drei Jugendlichen, die in ganz Mailand eine Blutspur hinterlassen haben, seine geringe Aufmerksamkeit gegenüber seinem Sohn mit seinen Arbeitsverpflichtungen zu rechtfertigen versucht, kann der ihn befragende Kommissar (Tomas Milian) einen Wutausbruch nicht zurückhalten: „Schließt eine Sache die andere aus? Kümmern sie sich um ihre Kinder oder lieben sie sie? […] Vielleicht bin ich ein bisschen rhetorisch aber wenn ich vorhabe ein Kind in die Welt zu setzen, dann bin ich auch dazu verpflichtet die Verantwortung zu übernehmen. Sie sorgen ja auch dafür, dass ihr Sohn sich kleiden kann, Essen und Trinken hat, ein Dienstmädchen Wäsche macht usw. und wer kümmert sich um seine Psyche? Doch niemand. Man hat aber auch eine moralische Verantwortung. Man muss mit seinen Kindern reden, um herauszufinden was sie gut finden und was sie ablehnen. Gut zu erfahren was sie für Probleme und Ängste haben… Wenn kein Dialog zwischen Eltern und Kindern stattfindet, dann werden sie seelische Krüppel und flüchten sich in die Drogenszene. Oder sie werden zu Kriminellen, sie fangen an zu töten und wie es scheint ohne ein Motiv… Noch weniger rechtfertigen kann ich Leute wie sie, die solche Monster kreieren und das aus ihrem Sohn ein Monster wurde ist einzig und allein ihre Schuld. Sie haben bei ihrer Erziehung versagt und wahrscheinlich nie zugehört.“ 

Ein solcher Dialog klingt in diesem Kontext seltsam – sieht man sich nicht gerade ein Drama über Gewaltverbrechen mit einem Trio von „tollwütigen Hunden“ an, die Tankstellen, Banken sowie Supermärkte ausrauben und ohne zu zögern oder Reue zu zeigen töten? Natürlich tut man das, doch angesichts des Drehbuchautors und den Namen hinter der Kamera unterscheidet sich das Ergebnis deutlich von den exzessiven, schmuddeligen Zeitgenossen wie I violenti di Roma bene (Terror in Rome, 1976), oder I ragazzi della Roma violenta (Kids of Violent Rome, 1976). Obwohl die Themen und das Timing den oben genannten Titeln ähnlich sind, hat Liberi armati pericolosi tatsächlich eine angesehene literarische Quelle vorzuweisen: Fernando Di Leos Drehbuch wurde von Giorgio Scerbanencos Kurzgeschichten inspiriert, nämlich Bravi ragazzi Bang Bang (die Eröffnungsszene mit Eleonora Giorgi auf der Polizeistation sowie der blutig endende Tankstellen-Raub) und In pineta si uccide meglio (das Massaker an den deutschen Campern), beide sind in der Kurzgeschichtensammlung Milano calibro 9 enthalten. Wie der Dialog zwischen Milian und Venantini zeigt, unterscheidet sich der ideologische Ansatz auch erheblich von dem, was wir von einem poliziotteschi der 70er Jahre erwarten. Di Leos Ziel ist es, eine soziologische Darstellung des Unwohlseins der Jugend zu zeichnen: ein Ansatz, der Carlo Lizzanis San Babila ore 20: un delitto inutile (San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen, 1976) ähnelt (obwohl Romolo Guerrieris Regie offensichtlich näher an den Insignien des Genres liegt), was für Di Leo die Chance bedeutet, zu Themen zurückzukehren, die der Filmemacher bereits in I ragazzi del massacro (Note 7 – Die Jungen der Gewalt, 1969) bearbeitet hatte.

Bei dieser Gelegenheit präsentiert sich Di Leos Stift jedoch weniger kaustisch als anderswo, während Bewaffnet und gefährlich unter einem offen didaktischen Dialog leidet: zu viele Dinge werden erklärt und unterstrichen, als ob Regisseur und Drehbuchautor befürchtet hätten, das Publikum würde sie nicht verstehen, wobei die besten Momente des Films jene sind, in denen Schweigsamkeit herrscht. Nehmen wir die Beziehung zwischen dem introvertierten Luis (Max Delys) und dem „Blonden“ (Stefano Patrizi): eine Mischung aus Anziehung, Hass und Nachahmung, die wahrscheinlich eine homosexuelle Bindung impliziert, die Luis‘ Freundin (Eleonora Giorgi) genauso erstaunt, wie empört. Sie ist gezwungen, sich dem Trio auf einer unmöglichen Flucht durch die lombardische Landschaft anzuschließen. Die sexuelle Spannung nimmt irgendwie Di Leos klaustrophobisches Crime-Drama Vacanze per un massacro (Madness, 1980) vorweg. In der zweiten Hälfte des Films – mit einem Kniff, der ziemlich ungewöhnlich für das Genre ist – bewegen sich Guerrieri und Di Leo aus der Stadt heraus und lassen ihre Charaktere durch riesige Freiflächen, Ebenen, Felder und Wälder laufen, die aus den urbanen poliziotteschi gestrichen wurden. Bis hin zu einem verzweifelten, selbstzerstörerischen Ende, das eine der besten Sequenzen des italienischen Crime-Kinos repräsentiert.

Ein weiteres interessantes Merkmal stellen des Drehbuchs selbstreflexive Eigenschaften dar. Ein kleines Stück Dialog lässt Gio (Benjamin Lev) so einiges an Insider-Witzen, Zitaten und Referenzen aus anderen poliziotteschi zum Besten geben (etwas Ähnliches passiert mit dem Italo-Western in Sergio Corbuccis La banda J. & S. – Cronaca criminale del Far West aka Die rote Sonne der Rache, 1972), während Di Leo seinem La mala ordina (Der Mafiaboss – Der Eisenfresser, 1972) in der Szene auf dem Schrottplatz huldigt, wo die Jungs zwei Verbrecher umbringen. Die Besetzung kann als sehr interessant bezeichnet werden. Der Franzose Max Delys, ein ehemaliges Modell für Lancio Photonovels, der einige Jahre später sterben sollte, zeigt als gequälter Luis die beste Leistung des Films, während Benjamin Lev (ein Schauspieler, der nach seinem Debüt in Gianni Puccinis I sette fratelli Cervi aka Die sieben Brüder Cervi bis zum Ende des letzten Jahrzehnts eine kurzlebige Popularität erfuhr) wurde während der Dreharbeiten wegen vermuteter Beteiligung an Drogengeschäften verhaftet: Laut Guerrieri mussten die meisten seiner Szenen mit einem Doppel gedreht werden. Tomas Milian verhält sich als humaner Kommissar zurückhaltender als sonst. Bewaffnet und gefährlich stellt auch das Filmdebüt eines der beliebtesten Schauspieler Italiens der folgenden Jahrzehnte dar, Diego Abatantuono, der hier in einer kleinen Rolle, als einer der Freunde des Trios zu sehen ist.

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Darsteller: Tomas Milian, Venantino Venantini, Diego Abatantuono, Tom Felleghy, Eleonora Giorgi
Regisseur(e): Romolo Guerrieri
Format: Import, PAL
Region: Region 2
Bildseitenformat: 2.35:1 (1080p); Ton: DTS-HD 2.0
Audio: deutsch, italienisch, englisch
UT: deutsch, englisch
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Cineploit Records
Spieldauer: 97 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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