Bone Tomahawk

In den letzten Wochen konnte man jede Menge gute Kritiken von S. Craig Zahlers Western BONE TOMAHAWK lesen. Da ist es umso enttäuschender, dass man den Film (in den USA nur in wenigen Kinos) in Deutschland beschämender Weise in gar keinen Kinos zu sehen bekommen wird. Da musste eine qualitativ leider nicht so berauschende Google Play Mietversion herhalten, um in den Genuss von Kurt Russells gigantischen Schnurrbart und der Prämisse dieses… Achtung… Kannibalenwesterns zu kommen. Trailer: Hier klicken

Achtung, man kann die Handlung von Bone Tomahawk kaum wiedergeben ohne etwas von den schönen Schreckmomenten vorweg zu nehmen. Die spoilerfreie Zusammenfassung: Sheriff mit altem Sack, Schießkünstler und Verwundetem bricht auf, um drei Entführte aus dem Händen eines seltsamen Indianderstamms zu befreien. Nicht alle kehren zurück. So, und nun die etwas genauere Inhaltsbeschreibung….

Bone Tomahawk

In dem kleinen Nest „Bright Hope“ kommt eines Nachts ein Fremder (David Arquette) an, der dort Zuflucht sucht. Deputy Chicory (Richard Jenkins) hat ihn gesehen wie er wohl im Feld etwas vergraben haben muss. Sheriff Hunt (Kurt Russell) marschiert mit ihm zu später Stunde noch in die Bar um den Fremden auszuhorchen. Der reagiert etwas geschreckt und bekommt von Hunt gleich eine Kugel in den Fuß verpasst. Hunt lässt den Fremden mit einem weiteren Deputy über Nacht gefesselt in der Zelle. Mit dabei die Ärztin Samantha O’Dwyer (Lili Simmons), deren Mann Arthur (Patrick Wilson) mit einem gebrochenen Schienbein zu Hause im Bett liegt. Am nächsten Tag sind jedoch alle verschwunden, und im Stall nebenan liegt ein toter Farmhelfer, die Pferde fehlen. Ein Überfall mit Entführung? Arthur ist außer sich weil seine Frau weg ist. Sheriff Hunt, sein Deputy, der  Kriegsveteran Brooder (Matthew Fox) und Arthur selbst (trotz Wunde) brechen pflichtbewusst früh morgens auf, um die Entführten zu retten. Der im Büro des Sheriffs gefundene Pfeil wird vom örtlichen Indianer (Zahn McClarnon) einem seltsamen Stamm zugeornet, die er als Troglodyten, also Höhlenbewohner, beschreibt. Die Gruppe bricht auf, um unter Lebensgefahr diese Rettung durchzuführen, doch es soll sich als Höllentrip herausstellen…..

Bone Tomahawk

Das Regiedebüt des Musikers und Autors S. Craig Zahler hat es in sich. Gleich zu Anfang passieren einige schräge Dinge, und das auch noch in Kombination mit einem Cameo des legendären Sid Haig! Im Weiteren stellt ein ehrlich gesagt nicht so überzeugender Kurt Russell eine illustre Truppe zusammen, die in die Wildnis aufbricht. Darunter zum einen ein Krüppel, gespielt von Patrick Wilson (dieses mal etwas besser, der untergegangene Space Station 76 war ja auch wirklich schwer anzusehen), und ein älteres Plappermaul, hier prima gespielt von Richard Jenkins. Auch Matthew Fox macht als leicht traumatisierter Revolverheld eine gute Figur. Lili Simmons in ihrer gar nicht so Nebenrolle macht ihre Aufgabe ebenso gut. Die heimlichen Stars von Bone Tomahawk sind allerdings Jenkins und Wilson. Das Ensemble, das nach Russels Beteiligung an der Zahler Produktion zusammen kam, ist eine gute Kombo, und da man als Zuschauer hauptsächlich viel Zeit mit den Charakteren verbringt ist das umso besser.

Bone Tomahawk

Insgesamt muss man Bone Tomahawk sehr zu Gute halten, dass er detailverliebt und sich mit viel Feingefühl viel auf die Charaktere einlässt sowie deren Hintergründe, Motivationen, Eigenheiten und Bedürfnisse. Ob Arthur, der seinen Verband wechselt, oder Chicory, der in der Badewanne nicht so gut Bücher lesen kann. Dies verleiht dem Film eine unglaubliche Intimität, mit der die Konfrontation mit der Wildnis umso intensiver wirkt. Apropos Wildnis. Der Film schlägt meist unvorhergesen stellenweise vom Western in eine Art Kannibalenfilm um, der Vergleich mit From Dusk Till Dawn ist etwas weit hergeholt, aber es gibt nicht so viele Genre-Hüpfer bei Filmen. Diese Brüche sind subtil, intensiv und sporadisch. Das liegt vor allem daran, dass der Film stark aus Charakterperspektive erzählt ist, es gibt nicht das allwissene Publikum. Das reicht aber auch wie ich finde, und verleiht dem Film etwas unglaublich unheimliches und bedrohliches.

Der Splatter-Aspekt des Films ist rein quantiativ ausgedrückt minimal, aber es gibt mindestens eine unbeschreiblich grausame und brutale Splatterszene die es wirklich in sich hat. Der Rest sind einige brutale Zusammenstöße zwischen den Charakteren und den Kannibalen des Troglodyten-Stamms. Vielleicht ist der Film auch eine Art The Hills Have Eyes, auf seine eigene, Indie-Arthaus Art und Weise. Zahler inszeniert Bone Tomahawk aber so ruhig, subtil und gelassen, dass einige Kritiker gelangweilt waren oder ihm Belanglosigkeit vorgeworfen hatten. Das kann ich nicht verstehen. Ich fand den Film spannend, mitreissend, schön gemacht und unterhaltsam. Es gibt ein paar Längen und auch ein paar Fragezeichen, aber ich muss sagen: Heilige Scheisse, sowas sieht man wirklich nicht alle Tage!

Bone TomahawkDas Fazit ist nun, dass ich sehr positiv überrascht war. Es ist ein minimalistischer, sehr atmosphärischer Independent Film der gekonnt zwei bis drei Genres aufeinander prallen lässt. Der Film ist sehr gut gespielt, sehr realistisch bzw. glaubwürdig, und stellenweise extrem brutal. Nur wenige Filme schaffen es, mit einer solchen Detailverliebtheit den Zuschauer einzufangen. Bone Tomahawk sei allen Western- und Genrefans wärmstens empfohlen.

Sehen kann man ihn in Deutschland z.B. in dem man die folgenden Streaming Seiten bzgl. des eigenen Aufenthaltsorts ein wenig austrickst: Google Play (US), Amazon Instant Video (US)

Update: Der Film ist mittlerweile sowohl bei Netflix verfügbar in Deutschland als auch auf BluRay erhältlich. Von der Synchronfassung sollte man bei diesem Film, noch mehr also sonst sowieso, die Finger lassen.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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3 Antworten

  1. Manuel Klassen sagt:

    Ich kann dem Review nur zustimmen, ruuhiger Film mit einem super minimalistischen Soundtrack

    Absoluter Pflichtkauf für jeden, der auf Atmosphäre in Filmen steht!

  2. Manuel Klassen sagt:

    Dieser Film ist in mehrfacher Hinsicht perfekt -Ein Spannungsaufbau, der seinesgleichen sucht, perfekte Atmosphäre und ein im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich perfekter Soundtrack, obwohl dieser minimalistischer nicht sein könnte.

  1. 2. November 2015

    […] Sebastian empfiehlt auf Nischenkino nachdrücklich den Horror-Western „Bone Tomahawk“ mit Kurt Russell, den man allerdings schwer zu Gesicht bekommt. Den Film, nicht Kurt […]