Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia

Bring me the Head of Alfredo Garcia von 1974 ist einer der bemerkenswertesten Filme von Regielegende Sam Peckinpah (The Wild Bunch, The Getaway). In den Hauptrollen ist mit Warren Oates (Dillinger) ein Schauspieler zu sehen, der gar nicht so der typische Hauptrollenmann war, sowie die ausserhalb Mexico kaum bekannten Isela Vega. Bei Koch Media erschien nun eine aufwendige Sammleredition des Klassikers.

Ben (Oates) schlägt sich als Klavierspieler in einer mexikanischen Bar durch. Sein Leben ändert sich radikal, als er von zwielichtigen Geschäftsleuten heimgesucht wird, die einen gewissen Alfredo Garcia suchen. Kopfgeld zehn Tausend Dollar, lieber tot als lebendig. Er tut erstmal so als wüsste er nichts, dann spricht er mit seiner alten Flamme, der Prostituierten Elita (Vega), die einige Monate mit diesem Alfredo zusammen war. Sie lässt ihn wissen dass dieser kürzlich bei einem Autounfall verstorben ist. Pech nur, dass das Kopfgeld nur gegen Beweis ausgezahlt wird, also heckt er einen Plan. Zusammen mit Elita macht er sich auf zur letzten Ruhestädte von „Al“ Garcia, im Gepäck eine Machete. Doch während Ben auf dem Weg mit Elita Heiratspläne schmiedet, wird klar dass er nicht alleine auf der Jagd nach Alfredos Kopf ist, und er fragt sich langsam warum der alte Al plötzlich sich solcher Beliebtheit erfreut….

Bring me the Head of Alfredo Garcia

Nachdem Sam Peckinpahs Pat Garret and Billy the Kid nicht wirklich erfolgreich war, drehte er auf Basis einer minimalistischen Story-Idee dieses Kleinod für vergleichsweise wenig Geld in Mexiko. Peckinpah bestand später darauf, dass Bring me the Head of Alfredo Garcia der einzige seiner Filme ist, der eins zu eins seinen Vorstellungen entsprach. Ein Erfolg blieb auch für den Film damals aus, auch bei den Kritikern. Seither hat sich der Film aber gemausert. Bei Fans und Cineasten gleichermaßen sind Peckinpah Filme ohnehin seit geraumer Zeit hoch im Kurs. Sein Zynismus, die einzigartige Atmosphäre der jeweilen Zeit, das in der Regel ausgezeichnete Casting und die spontanen Ausbrüche von Gewalt sind ein Markenzeichen geworden. Im Jahr vorher erschien übrigens schon Dillinger, der ebenfalls mit Warren Oates in der Hauptrolle recht gut ankam beim Publikum. Im gleichen Jahr erschien aber auch Badlands von Terence Malick, auch der mit Warren Oates. Bei Alfredo Garcia bekommt man auch relativ zu Anfang noch einen unangenehm angenehmen Gastauftritt von Kris Kristofferson (Vigilante Force) zu sehen, mit dem Peckinpah ja schon Pat Garret and  Billy the Kid gemacht hatte.

So viel mal zur Trivia. Ich muss sagen ich hatte den Film ja nur sehr dunkel aus dem TV in Erinnerung. Ihn wieder zu erleben war also fast frisch, und dann auch noch in so einer farbenfrohen Restauration im Gegensatz zu dem grauen Einheitsbrei den man von alten Fernsehausstrahlungen kennt. Peckinpahs Lieblingswerk erstrahlt hier in neuem Glanz und man kann verstehen, was der Altmeister an dem Thema reizte. Den Regisseur verband eine besondere Liebe zu Mexiko, und dieser Film ist mehr als alle anderen seiner Werke, eine Ode an Land und Kultur. Es ist gleichzeitig allerfeinstes Independent-Kino. Wie in keinem seiner anderen Werke, konnte er hier sein Ding durchziehen und erzählt eine leicht melancholische Film Noir Geschichte die mit wenig Worten, wenig Handlung und viel Atmosphäre auskommt. Es ist ein alternder Filmemacher auf der Höhe seiner Kunst. Auch wenn er zu dem Zeitpunkt schon die Schnauze vom Business voll hatte, viel trank und finanziell keinen Erfolg hatte, er besaß die künstlerische Energie diesen Liebhaberstreifen auf Zelluloid zu bannen.

Bring me the Head of Alfredo Garcia

Mit Warren Oates fand Peckinpah letztendlich den Schauspieler, der so etwas wie sein Alter Ego darstellen konnte, auch optisch. Warren hatte etwas leicht kauziges, pragmatisches, aber auch einen Hang zum spontanen, das teilte er quasi mit seinem Regisseur. Ich finde Alfredo Garcia ist bis heute ein zeitloser Klassiker, der zwar vielen wohl nie wirklich zugänglich erscheinen wird, aber vor allem Fans und Kenner wissen zu schätzen wie durch und durch Peckinpah dieser Film ist. Die langsamen Einstellungen, die spontanen Gewaltausbrüche, die hervorragende, herrliche, musikalische Untermalung und die Darstellung von Sets wie es nur er vollbringt. Es ist ja auch irgendwo ein Roadmovie, daher nimmt uns Peckinpah auch mit auf eine kleine Reise durch das Land das er liebt, auch wenn das erst mit so einer restaurierten Kopie sichtbar wird, durch all die Farben, Texturen, Lichter und Helligkeit. Es ist nie wirklich sonderlich relevant, ob das nun irgendwie in Ordnung ist, dem alten Al den Kopf abzuschneiden nur um irgend einen konservativen Ganoven zufrieden zu stellen, dessen Behandlung seiner Tochter höchst fragwürdig ist. Das wird angeschnitten, aber ist nicht der zentrale Punkt des Films.

Wenn Bennie in der Bar Klassiker aufspielt, Tequila trinkt und durch seine Sonnenbrille hindurch eigentlich schon alles durchschaut hat wird klar, es ist mal wieder irgend eine ferne, korrupte Organisation die den kleinen Mann hier triezt, der durch die Hölle gehen muss um das aber vor lauter Korrektheit alles einzurenken. Dank bekommt er dafür nicht, er wird von Kugeln durchsiebt und stirbt ohne dass es noch groß einen Abspann gibt der über sein Gesicht hinweg rollt. Es ist die grausame Peckinpah Realität, die man auch ein klein wenig als Metapher für die Behandlung des südlichen Nachbarlandes durch den großen Gringo Nachbar im Norden interpretieren könnte. Es ist auch ein Stinkefinger gen Hollyood, wo ein Film dieser Machart nicht möglich wäre, und tatsächlich, auch Alfredo Garcia war wieder finanziell kein Erfolg. Auch was die Rezeption angeht, kann man sagen ist die Community erst heute soweit, seine Werke hoch anzusehen. Zu Peckinpahs Zeit war er selbst leider immer der ausgetoßene, und er konnte auch die Kritiker oft nicht auf seine Seite holen.

Bring me the Head of Alfredo Garcia

Schauspielerisch ist der Film sehr gut besetzt, bis in die Nebenrollen mit Stars von beider Seite der Grenze. Handwerklich kann der Film alle cineastischen Knöpfe beim Zuschauer drücken. Es wird klar wie sehr Regisseur und Kameramann es vermochten, die entsprechenden Settings einzufangen. Eigentlich muss man den Film zeitweise pausieren um die Umgebungen jeweils auf sich wirken lassen zu können. Ob nun der abblätternde Putz im Motel in dem Ben und seine Geliebte absteigen, oder die Kakteen am Wegrand, ein Umzug in einem Dorf, oder alte Autos. Alles wirkt wie ein stilechtes Gemälde, wenn man nur genau hinsieht. Es ist nicht die Art von Effekthascherei künstlerischer Art, alles ist sehr subtil, fast schon nebensächlich. Bring me the Head of Alfredo Garcia ist ein Understatement, aber er ist ein sogenanntes „crowning achievement“, ein krönender Verdienst, ein Karriere-Kleinod das wohl für immer einen sehr besonderen Platz in den Herzen von Cineasten einnehmen wird.

Bei Koch Media erschien nun ein aufwendig produziertes Mediabook, welches den Film in DVD und BluRay Variante, eine Bonus-Disc und ein Booklet enthält. Zeit, diesen Klassiker neu zu Entdecken und sich einen feinen Abend mit Sam Peckinpah zu machen.

Zum Ton. Neben der englischen Originaltonspur gibt es die deutsche Synchro (beide DTS-HD MA 2.0), sowie einen Audiokommentar von Mike Siegel, der, hat mir ein Vögelchen gezwitschert, auch für die kommende Dillinger BluRay einen aufnimmt, die bei Explosive Media erscheinen wird. Untertitel gibt es lobenswerter Weise sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Der Ton hinterlässt auf mich einen sehr gemischten Eindruck. Man kennt das ja von alten Filmen, da ist einfach alles was es zu hören gibt ein homogener Brei, was manchmal Dialogverständlichkeit minimiert und auch oft Musik schwer zur Geltung bringen lässt, aber es klingt eben einheitlich und „alt“. Filme neu abzumischen oder digital nach zu bearbeiten ist also bei alten Filmen oft undankbar. Man hatte beispielsweise bei The Good, The Bad and The Ugly die meisten Pistolenschüssen ausgetauscht. So weit ist man hier nicht gegangen, aber man kann sehr gut vernehmen, wie man versucht hat, die Dialoge sehr stark zu säubern und hervor zu heben, damit diese von den Hintergrundgeräuschen nicht so stark überdeckt werden. Da all die Geräusche heute aber nicht als einzelne Spuren vorliegen, geht das nicht immer so genau. Der unangenehme Nebeneffekt ist, dass nicht nur die Dialoge oft viel zu klar und deutlich sind, sondern auch viele andere Geräusche wie Schritte, Rascheln, Rauschen auf der Spur, und so weiter. Es ist zwar eine wahre Freude den Film so zu erleben, aber für Kenner ist es gleichzeitig ein ungemütliches Erlebnis, an das man sich erst gewöhnen muss. Note 1 für das Vorhaben, Note 2 für das Ergebnis. Bei der Deutschen Spur (stichprobenartig geprüft) ist es im Prinzip genauso.

Bring me the Head of Alfredo Garcia

Zum Bild. Wer nur die üblichen verblassten TV Ausstrahlungen oder bisherige DVDs kennt, wird diese BluRay vergöttern. Puristen wie HD Nerds kommen hier voll auf ihre Kosten, denn man hat zum einen sehr wenig digital nachgeholfen, was den nicht mehr ganz frischen Charakter des Ausgangsmaterials beibehält und Detailreichtum vor Rauschreduktion stellte, und zum anderen ist es ein wirklich hervorragender Scan der mal wieder zeigt mit welcher Authentizität so eine Restauration das Feeling von 35mm Wiedergeben kann. Der Transfer birgt unglaublich schöne warme Farbtöne in allen Facetten und wirkt an keiner Stelle matschig oder blass. Zwar erkennt man dem Material sein Alter an, aber lieber sieht man doch ein paar Kratzer als dass man auf Schärfen, Kontraste und Bilddetails verzichten will. Was bei diesem Material halt leider oft der  Fall ist: Unschärfen an den Rändern, aber das ist der damaligen Technik mit geschuldet. Schade halt, dass Peckinpah gerne mal seine Einstellungen so komponiert, dass durchaus relevantes Geschehen am Rand passiert. Insgesamt eine wirklich sehr schöne BluRay, großes Lob an die Restaurateure.

Zu den Extras. Auf der Film Disc befinden sich der Trailer auf Deutsch und Englisch, unterhaltsame TV Spots (6 an der Zahl), sowie eine Bildergalerie. Der Audiokommentar von Mike, der auch schon Kommentare  zur DVD von Gefährten des Todes und Straw Dogs geliefert hat, sowie seine eigene Doku, ist definitiv eine sehr wertvolle Addition. Mike steckt seit Jahren sehr tief im Werk von Sam Peckinpah und gilt als einer der ausgewiesenen Experten im deutschen Raum. Der Kommentar ist voll mit interessanten historischen und filmischen Infos, und ist außerdem ein gut gelaunter Kommentar der nie langweilig wird.

Bring me the Head of Alfredo Garcia

In eben dieser Doku „Passion & Poetry – Sam’s Favorite Film“ (knapp eine Stunde lang) kommen diverse Weggefährten von Peckinpah zu Wort, darunter Kristofferson und Vega, aber auch ein paar andere. Wie diese Kurzdoku auch generell so huldigen sie dem verstorbenen Meister und seinem Herzenswerk. Eine sehr gut gemachte kleine Hommage an den Film und seinen Regisseur von Mike. Man sollte sich hier nur keine ausgefallene Peckinpah Doku über Leben und Gesamtwerk erhoffen, dann ist alles gut, das kriegt man aber immerhin bei der etwa 5,5h Volldoku von Mike, die gibt es hier. Des weiteren gibt es „A Writers Journey with Sam Peckinpah in Mexico“ (25min), was im wesentlichen ein Vortrag von Peckipah Buchautor Garner Simmons besteht, der damals mit am Set war und als Student seine Dissertation bzw. die Biografie über Peckinpah schrieb. Dieses zweite Feature diente teilweise auch als Material für die Kurzdoku, ist aber meines Erachtens fast schon das interessantere, denn man erfährt hier nochmal viel mehr über Peckinpah selbst. Zusammen genommen eine gute Berichterstattung, die letztlich abgerundet wird mit einem Interview zwischen Fernando Ganzo und Katy Haber in Locarno, als dort eine Peckinpah Retrospektive lief. Etwa 13min lang taucht dieses Gespräch nochmal ein in Peckinpahs Werk und den Film ein und bietet etwas mehr Kontext zum Film und ein paar Anekdoten. Das Booklet ist, wie bei diesen Mediabooks üblich, eingeklebt und liefert eine kompakte Zusammenschau von Film, Regisseur und Hintergrund. Es leitet hervorragend in den Film und die weiteren Extras ein.

Insgesamt ein klasse Produkt. Ein Liebhaber-Release zu einem Liebhaberfilm. Beste BluRay Qualität mit leichten Abstrichen beim Ton und das ganze in einem wirklich wertvollen Set voller guter Extras und liebevoller Gestaltung. Für Cineasten ein absolutes Muss!

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Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia DVD BluRay Mediabook

Bring me the Head of Alfredo Garcia BluRay DVD

Das Mediabook wurde uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt. Die Screenshots sind von Blu-Ray.com, allerdings nur klein und von einer anderen Version, die interessanterweise aber eine isolierte Musikspur mitbringt.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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3 Antworten

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