Brutale Schatten / Un homme est mort / The Outside Man

Ein französischer Killer (Jean-Louis Trintignant) soll in LA einen korsischen Mafia-Boss umlegen. Er führt den Auftrag aus, doch dann merkt er, dass auf ihn auch ein Killer angesetzt wurde … Pidax präsentiert den französischen Film von Krimi-Spezialist Jacques Deray aus dem Jahr 1972. Auf ungewohntem Terrain in der kalifornischen Millionenmetropole Los Angeles lässt er Jean-Louis Trintignant mit einem US-Syndikat abrechnen. Auf der Gegenseite steht mit Roy Scheider ein gleichwertiger Profikiller. Dazu zwei bekannte „Leading Ladies“ aus Hollywood: Ann-Margret und Angie Dickinson. Thriller-Zeit in LA! (Pidax Film- und Hörspielverlag)

Ein beinahe vollkommen vergessener französisch-amerikanischer Crime-Thriller ist nun ganz still und leise vom Pidax Film- und Hörspielverlag veröffentlicht worden. Filmemacher Jacques Deray hatte mit seinem Gangsterfilm Borsalino von 1970 großen Erfolg gehabt und drehte den sehr guten The Outside Man zwei Jahre später in Los Angeles. Während der französische Originaltitel Un homme est mort (Ein Mann ist tot) zu generisch klingt, trifft der italienische Titel Funerale a Los Angeles (Beerdigung in Los Angeles) den Nagel genau auf den Kopf für diese Post-Point Blank Geschichte über Auftragskiller, die sich ihren Weg durch die Stadt der Engel ballern, vom Sunset Strip über Culver City bis hin zu Venice Beach. Mit Geld von United Artists stellte Deray eine Besetzung zusammen, die man sich als Fan von französischen Krimis nur wünschen kann. Aus Europa kamen Jean-Louis Trintignant, Michel Constantin und Umberto Orsini an Board, während Ann-Margret, Roy Scheider und Angie Dickinson das amerikanische Aufgebot repräsentieren. Die jazzige Musik von Michel Legrand hat ein Hauptthema zu bieten, das sich auch in einer Blaxsploitation-Saga zu Hause fühlen würde.

Der Pariser Lucien Bellon (Trintignant) kommt am LAX (dem alten, einstöckigen Flughafen) an, checkt im Beverly Wilshire Hotel ein und fährt zum Hillhurst Drive in Beverly Hills, wo er den Top-LA-Gangsterboss Victor Kovacs (Ted de Corsia aus Stadt ohne Maske und Die Rechnung ging nicht auf) erschießt. Victors Frau Jackie und Sohn Alex (Angie Dickinson & Umberto Orsini) geben LAPD-Inspektor Anderson (Felice Orlandi aus Bullitt) allerdings eine falsche Beschreibung des Attentäters. Bellon erkennt bald, dass Kovacs‘ Hinterbliebenen den Killer Lenny (Roy Scheider) aus Detroit angeheuert haben, um ihn zu töten, damit der Rest des Mobs nichts von der ganzen Geschichte erfährt. Die Wahrheit ist jedoch, Bellon ist kein Profi seines Fachs, sondern ein Glückspieler, der den Job von Antoine (Michel Constantin) angenommen hat, um eine Spielschuld zu begleichen. Der vorsichtige sowie besorgte Bellon versteckt sich zunächst bei Mrs. Barnes (Georgia Engel aus The Mary Tyler Moore Show / Oh Mary) und ihrem Sohn Eric (Jackie Earle Haley aus Die Bären sind los, Dollman, Maniac Cop 3) ein paar Stunden in deren Wohnung. Von Lenny verfolgt und beschossen, nimmt Bellon nun endlich Kontakt mit der Oben-Ohne Kellnerin Nancy Robson (Ann-Margret) auf, die ihm hilft, an einen neuen Pass heran zu kommen. Gemeinsam gelingt es ihnen den Killer sowie die Polizei zu überlisten. In der Zwischenzeit treffen Antoine und ein Mitarbeiter aus Frankreich ein, die enorm wütend über Alex Kovacs‘ Verrat sind. Während Victors Beerdigung in der Forest Lawn Mortuary kommt es zum letzten Showdown.

Es ist meistens recht spaßig zu sehen, was ausländische Regisseure aus Los Angeles machen, das sie normalerweise als weitläufiges „Nirgendwo“ wahrnehmen, das von luxuriösen Villengegenden bis hin zu Slums und Ghettos reicht. Jean-Louis Trintignant durchquert hier ein Los Angeles, das sich in eine Schießbude verwandelt hat. Ein trampender Jesus-Freak, der Bellon den Weg in die Innenstadt zeigen soll, macht während der Fahrt unliebsame Bekanntschaft mit dem beharrlichen Lenny und dessen schallgedämpften Gewehr, wobei Lenny stets zu wissen scheint, wo sich Bellon herumtreibt. Der Franzose trifft auf dem Parkplatz von Tower Records am Sunset Boulevard auf eine Motorrad-Gang und überlebt eine Verfolgungsjagd durch die längst verschwundenen Trümmer des Venice Amusement Piers. Autos befahren die Venice-Kanalbrücken, während Roy Scheiders Vehikel an der Ausfahrt des Freeway Wilshire Blvd. von der Fahrbahn abkommt. Die meisten Standorte, die man zu sehen bekommt, sind jedoch L.A.-generisch gehalten: Ein unscheinbares Motel soll sich in Culver City befinden, könnte aber auch überall in einem Umkreis von 80 km liegen. Hier handelt es sich um einen Film, der das Los Angeles aus dem Jahr 1972 hervorragend widerspiegelt. Autoliebhaber werden von all der ausgestellten Hardware begeistert sein. Eines von Bellons gestohlenen Fahrzeugen stellt einen 1971er Buick Skylark dar.

Der verbissen wörtlich zu nehmende The Outside Man übertreibt es jedoch glücklicherweise nicht mit seinen kulturellen Kommentaren. Bellon sieht sich mit dem kleinen Eric Star Trek im Fernsehen an und ohrfeigt ihn dann später, weil er ein Telefongespräch des Franzosen abhören wollte. Auf die süße Nancy trifft Bellon in einer Oben-Ohne-Bar in der Innenstadt. Die allgemeine Korruption innerhalb der Gesellschaft wird deutlich gemacht, als Inspektor Anderson Alex und Jackie über den Mord an Victor tadelt – die LAPD-Chefs wollen Aufruhr eben um jeden Preis vermeiden. Anderson muss zudem die dümmliche Mrs. Barnes bitten, eine Leiche nach der anderen zu identifizieren, wobei sie die leblosen Körper nicht zu stören scheinen, solange sie die Aufmerksamkeit der Fernsehkameras genießen darf. Der Film spielt die Vorgänge so direkt aus, sodass auch ziemlich gewöhnliche Details lustig erscheinen.

Bellon verwendet einen münzbetriebenen Elektrorasierer am Busbahnhof in der Innenstadt, ein Gerät, mit dem man sich vermutlich ziemlich leicht sowie schnell mindestens 20 verschiedene Krankheiten holen kann. Da Bellon nicht auch nur einmal zu lächeln droht, präsentiert sich sein freundliches Grinsen auf einem Passfoto als unerwartet amüsant. Leider kann man nie herausfinden, warum Lenny seine Zielscheibe Bellon wiederholt so schnell ausfindig machen kann. Er sollte mit diesen Fähigkeiten eigentlich nur den Tracker spielen und einer weniger tollpatschigen Person den Tötungsteil der Arbeit erledigen lassen. Außerdem sind die meisten „Überraschungsmomente“ leicht voraus zu ahnen, so dass die Attraktivität der Verfolgungssequenzen auf Stil und nicht auf Spannung zurückzuführen ist. Eine letzte makabre Szene im Bestattungsunternehmen scheint von The Loved One (Tod in Hollywood, 1965) inspiriert zu sein. Victor Kovacs‘ Leiche liegt zur Besichtigung nicht einfach nur im Sarg, nein, sie posiert wie eine Wachsfigur, sitzt aufrecht und hält eine Zigarre in der Hand. Sollte dies komplette Fantasie (?) darstellen, so stört diese Szene schon enorm in diesem ziemlich realistisch angelegten Film.

Selbst die kleinsten Nebenrollen des Films sind mit interessanten Namen gespickt. John Hillerman arbeitet in einem Kaufhaus, während Ben Piazza (aus The Hanging Tree / Der Galgenbaum, 1959) einen Empfangsmitarbeiter des Hotels mimt. Regisseur Deray hatte möglicherweise Kontakt zu den Coppolas aufgenommen, die zu der Zeit gerade Der Pate drehten, denn eine dünne Talia Shire spielt eine Bestattungsunternehmerin, während Alex Rocco einen gewöhnlichen L.A.-Bürger verkörpert. Außerdem kann man Playboy Playmate Connie Kreski als eine der Oben-Ohne-Entertainerinnen in Ann-Margrets Club bestaunen. Frau Margret selbst ist leider nicht bei der Arbeit zu sehen, doch das Drehbuch spendiert ihr mehrere scharfe, offenherzige Dialogzeilen.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: ‎Freigegeben ab 16 Jahren
  • Medienformat: Dolby, PAL
  • Laufzeit: 1 Stunde und 45 Minuten
  • Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Roy Scheider, Angie Dickinson, Michel Constantin
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Französisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: Pidax Film- und Hörspielverlag

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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