Car Wash – Der ausgeflippte Waschsalon / Car Wash

Wischleder, Schaum und Musik sind das Blut des „Dee-Luxe-Carwash“. Es ist die letzte Bastion nicht automatisierter Waschanlagen, in der der Kunde zum Rhythmus der Musik von Rose Royce noch die persönliche Fürsorge der durchgeknallten Putzkolonne erhält. Das programmierte Chaos der Waschtruppe ist für die Nerven des Besitzers Mr. B schon genug, aber noch dazu ist der „Dee-Luxe-Carwash“ Treffpunkt handverlesener Originale und anderer Verrückter: Der Besuch des Sekten-Priesters Daddy Rich (Richard Pryor) und seiner swingenden Schwestern (The Pointer Sisters), der Mad Bomber, eine zickige Beverly-Hills-Lady und Mr. Bs zum Kommunismus bekehrter Sohn sorgen für einen ganz normal verrückten Tag. (Wicked Vision Distribution GmbH)

Obwohl Car Wash technisch gesehen kein Musical darstellt, gibt es in dem Streifen eine gewisse Musikalität wiederzufinden und zwar in den Anekdoten des Ensembles und in der Art und Weise, wie sich die Erzählung entfaltet. In einem Interview (auf dieser Blu-ray Edition enthalten) erklärt Produzent Gary Stromberg, wie er versucht hat, den Marketingscharfsinn, (den er sich durch den Umgang mit Musikkunden seiner PR-Firma angeeignet hatte), zu nutzen, um Car Wash als Quasi-Filmmusical zu verkaufen. Eine Strategie, die er Universal vorschlug bestand darin, das Soundtrack-Doppelalbum vor der Premiere des Films zu veröffentlichen. Das Studio beauftragte daraufhin Norman Whitfield von Motown mit der Komposition der Musik und die R&B-Gruppe Rose Royce mit der Aufführung der Balladen. Dies erwies sich als sehr kluger Schachzug, da nicht nur der Soundtrack zum preisgekrönten Hit wurde, sondern auch der zweite (!?) Film des Regisseurs Michael Schultz (Cooley High, 1975). Laut Stromberg befand sich die Produktion bei weitem nicht in der Nähe von Universals obersten Prioritäten (sie wurde mit einem knappen Budget von 2 Millionen US-Dollar gedreht), erreichte jedoch ein Einspielergebnis von rund 20 Millionen US-Dollar. Für ein relativ unauffälliges Blaxploitation-Filmchen bedeutete das schon eine erstaunliche Leistung, die den Streifen zu diesem Zeitpunkt in den Top 100 der umsatzstärksten US-Filme aller Zeiten platzierte.

Stromberg führt Nashville (1975) als stilistischen Einfluss für Car Wash an, wobei es sich als einfach erweist Altmans Imprimatur in der Erzählform des Drehbuchautors Joel Schumacher wieder zu erkennen. Wie Nashville konzentriert sich Car Wash auf das Leben von etwa zwanzig Charakteren, dehnt die Geschichte jedoch nicht auf fünf Tage aus, sondern komprimiert sie auf einen achtstündigen Arbeitstag. Car Wash besteht aus einer Reihe ineinandergreifender Geschichten mit den Arbeitern der Autowaschanlage und L.A. Locals, die in der Nähe des Dee-Luxe Car Wash in Los Angeles wohnen. Leon „Mr. B“ Barrow (Sully Boyar) ist der beleibte Besitzer/Manager der Anlage und oft mit seiner Weisheit am Ende, letztendlich aber als ein liebenswürdiger und sympathischer Mann zu beschreiben. Sein Sohn Irwin (Richard Brestoff), der sich im besten College-Alter befindet, erweist sich als frommer Maoist, der das kleine rote Buch mit sich herumträgt und Aphorismen über die Not des Proletariats verbreitet.

Duane / Abdullah (Bill Duke) ist zum Islam konvertiert und hat seine eigenen Ideen, um eine Revolution loszubrechen. Lonnie (Ivan Dixon) ist wahrscheinlich das älteste Mitglied der Waschanlagen-Crew. Er ist ein Ex-Häftling, der glaubt seine Lektion gelernt zu haben und Besuche seines Bewährungshelfers nicht willkommen heißt. Antonio Fargas verkörpert als Lindy eine unerschrockene homosexuelle Transe, der seine Frauenklamotten stolz zur Schau stellt und keine Angst hat, seine Meinung zu sagen. Schumacher spendiert ihm einen der denkwürdigsten Sätze des Films: „I’m more of a man then you’ll ever be and I’m more of a woman then you’ll ever get.“ (ein Zitat von Jonathan Larson). In einer kurzweiligen Nebenhandlung dreht es sich um eine perückenwechselnde Prostituierte namens Marleen (gespielt von Lauren Jones, Ehefrau von Regisseur Schultz), die beschließt, sich aus dem Taxi eines geschwätzigen Taxifahrers (George Carlin) zu schleichen, nachdem sie festgestellt hat, dass sie nicht genug Geld hat, um den Fahrpreis zu bezahlen. Carlins Charakter verbringt dann den Rest des Films damit, sie zu verfolgen. Eine weitere Nebenhandlung (die gut funktioniert) handelt von T.C. (Franklyn Ajaye, inklusive riesigem Afro), der versucht bei einem Radio-Gewinnspiel erfolgreich zu sein, um die äußerst attraktive Kellnerin Mona (Tracy Reed) zu einem Date ausführen zu können.

Mona glaubt, sie stehe über T.C., wobei es Spaß bereitet zuzusehen, ob er sie mit seinen Annäherungsversuchen letztendlich für sich gewinnen kann. T.C. trägt ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Superfliege und hat Zeichnungen davon in seinem Spind hängen. Dies soll zweifellos ein intertextueller Hinweis auf Gordon Parks Blaxploitation-Klassiker Super Fly (1972) sein. Der Film hat auch Auftritte von Otis Day, Darrow Igus, Garrett Morris und The Pointer Sisters (die als hier als The Wilson Sisters posieren) zu bieten. Richard Pryor taucht in der Mitte des Films als „Daddy Rich“ auf, ein Evangelist, der Gründer/Leiter der Church of Divine Economic Spirituality ist. Pryor wurde auf VHS und DVD-Editionen von Car Wash sehr prominent ausgestellt, doch Fans des verstorbenen Komikers, die den Film noch nicht gesehen haben, werden von seiner Bildschirmzeit enttäuscht sein, da es sich dabei nur um einen verlängerten Cameo-Auftritt handelt.

In Car Wash passiert nicht viel, doch der Film weiß so Einiges (auf subtile Art und Weise) über die Rassen- sowie Geschlechterverhältnisse der Siebziger Jahre zu berichten. Hier soll allerdings nicht zu viel über die kleinen Freuden des Flicks für diejenigen preisgegeben werden, die ihn noch nicht gesehen haben. Car Wash kam bei Kritikern und Publikum gleichermaßen gut an. Arthur Murphy von Variety sah den Streifen zum ersten Mal bei einer Universal-Pressevorführung und erklärte: „[D]ie verrückteste Autowaschanlage, die jemals auf der Leinwand zu sehen war … Dies ist der zweite lustige Film in diesem Jahr, der ein paar Stunden im Leben der Menschen darstellt, deren Aktivitäten sich um Autos drehen. Früher und während des gesamten Sommers lief bereits Columbia Pictures Flick Drive-In, eine Collage von Vorstadt Kindern und Erwachsenen, die in einem Drive-In Kino einiges an Abenteuern erleben.“ Car Wash wurde ein PG-Rating verpasst, so dass sein Humor und sozialer Kommentar leider nur eingeschränkt rüberkommen kann.

Der große Filmkritiker Jonathan Rosenbaum sah Car Wash an Weihnachten 1976 mit einem überwiegend „schwarzen“ Publikum in der Innenstadt von Philadelphia. Er berichtete in Film Comment, dass die Zuschauer „zumindest zeitweise auf eine gemeinschaftliche Weise reagierten, die auf gegenseitige Anerkennung hindeutet, während sie den Atem anhielten, als sie die enorm ausgedehnte Flugbahn der Flasche in der albernen Mad Bomber Episode verfolgten oder vor Freude aufheulten, wenn der Sohn der hysterischen Matrone ihren frisch gewaschenen Mercedes vollkotzt. Die schräge Herabsetzung der Ethik und Ästhetik des schwarzen Kapitalismus in der Richard Pryor / Daddy Rich Sequenz mit den dezent integrierten Fotos von JFK und Martin Luther King sorgte für einige Unruhe und dafür, dass zumindest ein paar Leute das Kino verließen.“ Car Wash repräsentiert eine lebhafte, melodische Komödie, die Fans von Blaxploitation-Flicks schon ansprechen dürfte. Eine Reihe von Schauspielern und Komikern der vielfältigen Besetzung sind später berühmt geworden, was den Film zumindest zu einer Kuriosität macht, die es wert ist, angesehen zu werden.

Wicked-Vision veröffentlicht Car Wash als Nummer 07 ihrer Black Cinema Collection in einer Scanavo BD-Box (Blu-Ray und DVD), die auf 1.500 Stück limitiert ist. Bild (1,85:1; 1080p / 1,85:1 anamorph) und Ton (Deutsch + Englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich, wie vom Label angekündigt, auf ziemlich hohem Niveau, da kann man sich absolut nicht beschweren. Außerdem können auf Wunsch deutsche oder englische Untertitel zugeschaltet werden. Insgesamt handelt es sich bei Car Wash wieder einmal um eine äußerst gelungene Edition mit interessantem sowie umfangreichem Bonusmaterial, die bei Liebhabern und Freunden des Blaxploitation-Kinos gut ankommen sollte.

Bonusmaterial:
• 40-seitiges Booklet mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach
• Audiokommentar mit Regisseur Michael Schultz
• Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann, Christopher Klaese und Marco Geßner
• Dokumentation: „Get into the Groove: Car Wash als Blaxploitation Musical“ mit PD Dr. Andreas Rauscher
• Featurette: „Car Wash from Start to Finish“ – Interview mit Produzent Gary Stromberg
• Featurette: „Workin’ at the Car Wash“ mit Otis Day
• Originaltrailer
• Radio Spots
• Bildergalerie

Beim Wicked-Shop oder bei Amazon bestellen

  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.77:1, 16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung: ‎Freigegeben ab 12 Jahren
  • Regisseur: Schultz, Michael
  • Laufzeit: 1 Stunde und 37 Minuten
  • Darsteller: Pryor, Richard, Carlin, George, Fargas, Antonio, Boyar, Sally, Brestoff, Richard
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Studio: Wicked Vision Distribution GmbH

Die Screenshots stammen nicht von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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