Comtesse des Grauens

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Ungarn im 16. Jahrhundert. Die Comtesse Elisabeth Bathory regiert mit Härte und Grausamkeit. Ihr jüngst verstorbener Ehegatte hinterlässt ein Testament, das sie nicht gerade glücklich macht. Darin werden nämlich nicht nur die gemeinsame Tochter Ilona, sondern auch diverse Hausangestellte und Imre, der erwachsene Sohn eines einstigen Kriegsgefährten, bedacht. Die bereits stark gealterte Comtesse fühlt sich zu dem jungen Imre hingezogen, was General Dobi (ihren einstigen Liebhaber) gar nicht gut heißt. Als die Gräfin durch Zufall entdeckt, dass sie durch Blut von Jungfrauen eine (zeitlich begrenzte) Verjüngungskur erfährt, lässt sie ihre Tochter Ilona entführen und gibt sich selbst als diese aus. Imre freut sich (vorerst) über die Avancen der vermeintlichen Ilona. Der Blutkonsum der Gräfin steigt unterdessen zunehmend und der Preis, den sie für ihre vorübergehende Jugend bezahlt ist, dass sie jedes Mal, wenn sie sich zurückverwandelt, hässlicher und älter aussieht. Wird Imre das wahre Gesicht von Elisabeth Bathory erkennen? (Anolis)

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                                                                                    -Hammer im Umbruch-

Im Jahr 1971 entstand dieser äußerst interessante Genre Hybrid, unter „Hammer“. Wer Hammer Horror Filme im Allgemeinen kennt, der weiß was einen erwartet. Retrospektive betrachtet angestaubter Horror, der auf einigen explizit in den Vordergrund gerückten Szenen beruht, in diesem Fall nicht auf Blut bezogen, sondern mittlerweile legendäre Horrorfilm Gestalten, als da wären Frankenstein, Dracula und Konsorten. Horror, der sich im Wesentlichen auf das Handeln dieser „Figuren“ bezieht. Der Zuschauer saß damals erschrocken, aus moralischer und ethischer Sicht über die Niederträchtigkeiten, im Kinosessel gefesselt und machte ein angstverzerrtes Gesicht. Doch dies war in den 50er Jahren. In den 60er Jahren setzte sich Hammers Erfolg zwar fort, doch konnten die Filme nicht mehr ernstgenommen werden und es war wie in den 60er Jahren eher eine Mischung aus amüsanten Grusel und Suspense, ein Erfolgsrezept, welches auch die Edgar Wallace Reihe nutzte und dadurch zu großem Erfolg gelangte. Doch Ende der 60er wurde es immer schwieriger mit einer solchen Art von Filmen, dem klassischen „Gotik-Horror“, noch große Erfolge verbuchen zu können. Gerade deswegen wurde in dieser Zeit oft krampfhaft versucht den filmischen Stoffen einen neuen Anstrich zu verpassen und dies nicht nur bei Hammer, sondern auch bei anderen, ähnlich gelagerten Produktionen.

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So entstand in dieser Phase des Umbruchs „Comtesse des Grauens“, oder im Englischen „Countess Dracula“. Der englische Original Titel stellt einen noch engeren Bezug zur ursprünglichen Hammer Horror Thematik dar, möchte er doch an die filmischen Sternstunden der Hammer Studios erinnern, an das „fast schon“ Vermächtnis von „Dracula“(1958) mit Christopher Lee und Peter Cushing, der heute zu den Klassikern des Horror Genre gezählt wird. Das Interessante ist in diesem Fall allerdings, dass die Hauptperson hier die „Blutgräfin“ ist, welche von Ingrid Pitt gespielt wird. Sie ist der eigentliche Antagonist, doch sie ist eine starke, durchtriebene Frau. Subtil schafft es der Film, durch den Wechsel zwischen der alten Gräfin und der durch das Blut verjüngten Gräfin, vor allem an die niederen Instinkte des männlichen Publikums zu appellieren, da durch die Schönheit doch eine Identifikation mit der grausamen „Blutgräfin“ möglich ist.
Doch gerade die Schönheit ist es, die Lieblichkeit von Ingrid Pitt, die die Blutgräfin spielt, die auch ein entscheidendes Problem des Films darstellt. Statt, dass man mit dem Liebhaber, gespielt von Sandot Elès, mitfühlt, welcher auch leider keine schauspielerischen Höchstleistungen vollbringt, hat der geneigte Zuschauer bald nur noch Augen für Ingrid Pitt. Die Kamera bleibt dabei insgesamt für das Jahr 1971 sehr differenziert, auf extravagante Szenen und Kameraperspektiven wird leider weitestgehend verzichtet. Auch ist die Atmosphäre nicht gerade morbide, da der Film insgesamt sehr „hell“ wirkt und somit eher eine positive, schon optimistische Stimmung verbreitet. Eine dekadente, szenische Gestaltung wäre wünschenswert gewesen. Ein höheres intellektuelles Niveau hätte den Film zu einem Klassiker avancieren lassen können. Das Horror Genre, das Hammer im Besonderen bediente, welches im Allgemeinen als B-Genre deklariert wird und zu dem Comtesse zweifelsohne zählt, wäre mit einer Kultivierung des Horrors gut bedient gewesen. Stärkere surrealistische Züge hätten den philosophischen Charakter, den Hammer Filme oft bieten, auf eine andere Ebene verholfen. Dies sind natürlich Retrospektive betrachtet rein hypothetische Äußerungen und Kritik Ansätze mit einer rein subjektiven Interpretation, die den Niedergang des Hammer-Horrors erklärt, neben dem zeitgeschichtlichen, gesellschaftlichen sowie kulturellen Einflüssen.

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                                          -Comtesse des Grauens – Horror, Märchen, Drama und mehr ?

Die Dramaturgie bleibt, auch aus inszenatorischem Mangel, oft auf der Strecke und holt nicht das Maximum aus den Drehorten heraus. Die Geschichte an sich entwickelt sich stringent und lässt keine Langeweile aufkommen und gleicht, auch wenn es viele Ungereimtheiten gibt, den inszenatorischen Fauxpas aus. Auch wenn dies, vielleicht recht kritisch klingt, gewinnt der Film doch insgesamt durch die wirklich guten Schauspieler. Allen voran Nigel Green, der den Geliebten, er ist Captain an ihrem Hof, mit einer großen Bandbreite an schauspielerischem Können ausfüllt. Seine Auftritte, die im Film großzügig angelegt sind, stellen Kabinettstückchen dar, die im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht ist sein Charakter am Ende sogar interessanter als der der Gräfin, ist sein Verhalten doch äußerst ambivalent und pendelt zwischen gutmütigem Handeln, Tugendhaftigkeit (jedenfalls nach außen hin) und diabolischen Auswüchsen, sowie einem starken Zusammenspiel zwischen Libido und Destrudo, wenn er seiner geliebten Gräfin beisteht.
Erwähnenswert ist noch Maurice Denham, der den liebenswerten Meister Fabio darstellt und als Protagonist schon fast revolutionär ist, verkörpert er doch als Gelehrter mit seinem „speziellen“ Aussehen mit Vollbart und Mantel den Typus eines Dumbledore aus den Harry Potter Filmen oder erweckt Assoziationen zu Gandalf bei Herr der Ringe. Aber dieser Exkurs nur am Rande. Seine Rolle spielt Denham solide, gibt seinem Charakter auch eine gewisse Undurchschaubarkeit und trägt mit zu einem doch positiven schauspielerischem Gesamtbild bei.
Um nun den Film als Gesamtwerk noch einmal näher zu betrachten, ist es schwierig sich ein genaues Urteil zu bilden, da der Film auf der einen Seite natürlich ein Horrorfilm sein möchte, er aber mehr nach einem Drama aussieht. Parallelen lassen sich zu den tschechischen Märchen der 70er Jahre ziehen, die auch eine sehr morbide und surrealistische Note haben, aber in der Handlung zusätzlich auch eine Romanze inkludiert wird. Dieser Vergleich dient dazu den Film in einem anderen Licht zu betrachten. Denn sieht man ihn als Hammer Film, mit den obligatorischen Gotik Horror Elementen, versagt Comtesse des Grauens schnell. Doch sieht man den Film eher als einen Hybriden mit leichten Horror Elementen, Liebesfilm Anleihen und sieht ihn mehr als ein Märchen, kann diese Mixtur als Gesamtes gut goutiert werden, ohne dass es an etwas fehlen würde.

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Der Film ist mehr ein Horrormärchen, im besten Sinne, mit den vielen romantischen Versatzstücken, die aus vielen anderen Filmen der 70er bekannt sind. Die Musik schwelgt bei Liebeszenen lieblich und die Natur wird, wenn sie ins Bild rückt, malerisch dargestellt. Doch ist es gerade der Wechsel zwischen Naturaufnahmen und teilweise dilettantisch in Szene gesetzten, eigentlich handwerklich hervorragenden Studiokulissen, die den Gesamteindruck schmälern. Das Horror hier als Märchen dargeboten wird, ist nicht einmal störend, da Hammer, besonders in den 60er Jahren, eher Horror Märchen erzählte, die viel Selbstironie besaßen. Doch der Unterschied von Comtesse des Grauens, liegt an dem stilistischen Einschlag, den Film in Ungarn anzusiedeln, wodurch ein leicht veränderter soziokultureller Einfluss spürbar ist, da auch der Regisseur selber ungarische Wurzeln besitzt. Des Weiteren erinnert der Film stellenweise an die düsteren tschechischen Märchen, als da wären Das neunte Herz (1977) oder Die kleine Meerjungfrau (1976). Diese Filme haben auch, im weiteren Sinne, viele Horrorfilm Elemente, doch ist es vielen Märchen inhärent, dass Horror Elemente mit in die Handlung impliziert werden. Gerade deshalb hat Comtesse des Grauens vielleicht sogar anderen Hammer Filmen etwas voraus, da sich die Qualität aufgrund des in sich oft konträren Films, erst durch eine wiederholte Sichtung offenbart.

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Die Schauspieler tragen allerdings zusätzlich einer Qualitätssteigerung bei. Um noch einmal Ingrid Pitt in den Fokus zu rücken. Sie spielt die Rolle wirklich gut, vielleicht oft nicht Charakter immanent differenziert genug, um an den Zuschauer das Bild einer vielschichtigen, heroischen und hinterlistigen, dabei gleichermaßen liebreizenden Persönlichkeit zu transferieren. Pitt glänzt mit ihrem Äußeren, aber auch einer offenherzigen, leider zu optimistischen schauspielerischen Haltung und mimt die „Blutgräfin“ dabei eben nicht akzentuiert genug.
Doch gerade bei einem Film, in welchem eine Person den dreh und Angelpunkt der Handlung bildet, muss auch der Regisseur dafür sorgen, dass die Schauspieler eine Einheit bilden. Peter Sasdy, der Regie führte, ist die Schauspielführung anscheinend etwas entglitten und damit verbunden bilden nicht alle Szenen des Filmes eine Symbiose, die vor allem Hammer Fans „gewöhnt“ sind, die dazu führt über Schwächen leicht hinwegsehen zu können.
Doch warum fasziniert der Film trotzdem?
Es ist dann doch die ungewöhnliche Note, das Experimentelle, die „Märchen“ – Atmosphäre, die den Film auszeichnet. Mag auch Ingrid Pitts Rollengestaltung einen Kritikpunkt darstellen, so ist sie auf der anderen Seite auch ein großer Pluspunkt des Filmes, verleiht sie ihm doch eine ganz spezielle „liebenswerte“ Note. Auch die Make-Up Arbeit im Film, der Wechsel zwischen Schönheit und dem, im Film schon als „ekelhaft“ dargestellten Alter, sind sehr gelungen.
Vielleicht ist die Comtesse des Grauens innerhalb Hammers Horrorfilm Universum ein Kuriosum, doch eine Daseinsberechtigung und einen besonderen Stellenwert hat der Film, vor allem Retrospektive betrachtet schon, stellt er doch auch im „Schaffen“ Hammers einen Wendepunkt dar, der in filmhistorischer Hinsicht bedeutend ist. Der damalige Wechsel, eine Art Nivellierung des „Old British Grusel Horror Film“, hin zu einem „Old Modern British Grusel Horror Film“, der mehr dem Zeitgeist entsprechen sollte.

Ich vergebe 8/10 Blutbädern

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  • Darsteller: Ingrid Pitt, Nigel Green, Sandor Eles
  • Regisseur(e): Peter Sasdy
  • Format: Widescreen
  • Sprache: Deutsch (DTS HD 2.0 Mono), Englisch (DTS HD 2.0 Mono)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.66:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: i-catcher Media GmbH & Co.KG
  • Produktionsjahr: 1971
  • Spieldauer: 93 Minuten

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