Dämonia / Aenigma

Unter den vielen hübschen Collage-Mädchen wirkt Kathy eher unscheinbar und hässlich. Den Streichen und dem bösen Spott ihrer Kameradinnen ist sie hilflos ausgeliefert. Als Kathy wieder einmal Opfer eines besonders üblen Scherzes wird, rennt sie verzweifelt und schluchzend fort. Ein schnell herannahender Wagen erfasst das Mädchen und reißt es mit. Im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um ihr Leben, das nur noch durch unzählige Schläuche und Maschinen erhalten werden kann. Kathy liegt im Koma. Doch Kathys Geist ist lebendiger denn je zuvor, er verlangt Sühne und Vergeltung für die gemeinen Streiche der anderen Mädchen. Im Körper der neuen, hübschen Studentin Eva lebt Kathys Geist mit übernatürlichen und tödlichen Kräften weiter. Für die Mädchen des Collage beginnt ein nicht mehr enden wollender, blutiger Alptraum… (XT-Video)

Lucio Fulci fühlte sich wahrscheinlich ein wenig ambivalent in Bezug auf seine Auseinandersetzung mit Soft-Pornos, doch Il miele del diavolo (Dämon in Seide, 1986) ermöglichte es ihm, sein filmisches Schaffen noch einmal in Schwung zu bringen. Als sich ihm die Gelegenheit bot, eine italienisch-jugoslawische Koproduktion vor Ort in Sarajevo zu realisieren, ergriff er die Chance. In Zusammenarbeit mit seinem alten Freund Giorgio Mariuzzo – was sich als ihre letzte herausstellen sollte – entwarf Fulci ein Szenario, das eine Mischung aus Brian De Palmas Verfilmung von Stephen Kings Carrie (1976), Richard Franklins Patrick (1978) und Dario Argentos Phenomena (1985) repräsentiert, mit einer kleinen Prise von Argentos Suspiria (1977) als Zugabe. Dämonia kann als Beginn von Fulcis andauerndem Dialog mit dem Tod interpretiert werden, ein Thema, das seine letzten Werke dominieren sollte. Zweifellos ließen ihn seine Erfahrungen mit Krankheiten über seine eigene Sterblichkeit nachdenken und als Ergebnis begann eine ziemlich düstere sowie introspektive Qualität in seine Arbeit einzusickern.

Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, die zwischen Leben und Tod gefangen ist, während sie im Koma liegt und ihr Körper in einem Krankenhausbett langsam verrottet. Schon früh gibt sich Fulci ein wenig filmischer Poesie hin, als Kathys Geist ihren Körper zu verlassen scheint und die Kamera den Blickwinkel des Geistes einnimmt, der sich durch das Dach erhebt und von oben aus dem Himmel herabblickt. Dabei handelt es sich um ein schönes Stück Filmkunst, das ein Gespür für das Lyrische an den Tag legt, das in Fulcis Werk nur sporadisch zu finden ist, insbesondere in einigen Abschnitten von I quattro dell’apocalisse (Verdammt zu leben – Verdammt zu sterben, 1975) und im Finale von …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà (Die Geisterstadt der Zombies, 1981). Fulcis komplizierte Beziehung zur Kirche mal beiseitegelassen, scheint es so, als würde er in seinen letzten Jahren die Vorstellung eines Bewusstseins nach dem Tod verzweifelt verfolgen. Die Idee, das Bewusstsein könnte weiter gedeihen, nachdem der Körper langsam zusammengebrochen ist und stirbt, scheint besonders anregend zu sein, wenn man gerade selbst einen solchen allmählichen gesundheitlichen Verfall durchmacht. Fulci sollte das Thema in vielen seiner nachfolgenden Filme weiter verfolgen.

Dieses Maß an persönlichem Engagement trägt dazu bei diesen späteren Werken eine unerwartet ergreifende Dimension zu verleihen, auch wenn sich das Filmemachen im Vergleich zu den glorreichen Tagen seiner früheren Arbeiten etwas Verfeinerungsbedürftig gestaltet. Zudem setzt der Film auch Fulcis Fixierung auf Außenseiterfiguren fort. Kathy (Milijana Zirojevic) wird von ihren Klassenkameraden gemobbt, weil sie unbeholfen ist und nicht in die Gruppe hineinpasst. Sie versucht zwar, um deren Freundschaft zu werben, aber ihre Mitschüler haben keine Geduld mit ihr: Sie ist nicht nur die Tochter der begriffsstutzigen Putzfrau der Schule, ihr fehlt es auch an äußerlicher Schönheit sowie sozialen Umgangsformen, die sie als zugehörigen Teil ihrer Klasse kennzeichnen würden. Die meisten ihrer Altersgenossen verschwören sich gegen sie, wobei der verabscheuungswürdigste Charakter von allen der Sportlehrer Fred Vernon (Riccardo Acerbi) ist, der es aufgrund seines Alters und seiner Position besser wissen sollte, als sich solch kindischer Grausamkeit hinzugeben. Stattdessen stiftet Vernon seine Studenten zu dem herzlosen Streich an und ist somit hauptsächlich für Kathys langsam schleichenden Tod verantwortlich.

Vernon ist als eine durch und durch abscheuliche Person zu beschreiben, denn er missbraucht seine Autorität und behandelt die Mädchen in seiner Obhut wie Sexobjekte, die er zu seiner Belustigung ausnutzen kann. Selbstverständlich verhält es sich bei den hochnäsigen Klassenkameraden kaum anders. Fulci sorgt natürlich dafür, dass das Publikum auf Kathys Seite steht, indem er betont, dass sie nie etwas getan hat, um den Hass ihrer Mitschüler zu rechtfertigen. Außerdem lässt er die gehässigen Klassenkameraden als widerliche Charaktere erscheinen, deren verdiente Strafe das Publikum kaum erwarten kann zu sehen. Seltsamerweise beginnen Fulci und Mariuzzo mit einem interessanten Konzept, verlieren es aber schon bald wieder aus den Augen. Die ersten paar Rachemorde basieren auf dem Konzept, dass Kathy – die durch die mysteriöse neue Schülerin Eva Gordon (Lara Lamberti, als Lara Naszinski gelistet) operiert – die Schwachstellen ihrer Opfer dazu ausnutzt, um sie im Augenblick ihres Todes damit quälen zu können. Zum Beispiel ist Fred ein schrecklicher Narzisst – der sich vor Spiegeln herausputzt, seine Muskeln spielen lässt und vor jedem, der hinschaut, eine Show abzieht, einschließlich sich selbst. Seine Selbstverliebtheit wird daher auf geniale Art und Weise verzerrt, als seine Reflexion aus dem Spiegel springt und ihn erwürgt.

Es handelt sich dabei um eine sehr clevere Variation des Doppelgänger-Motivs, bei dem ein exakter Doppelgänger als schlechtes Omen dient; in Freds Fall hat seine Fixierung auf sein Aussehen buchstäblich zu seinem Ende geführt. Später reagiert eine der Schülerinnen abweisend, als Schnecken zum Abendessen serviert werden. Sie teilt Eva mit, sie könne den Anblick der Kreaturen nicht ertragen, weil diese ihr Angst machen. Tatsächlich findet sie sich danach in der „berühmtesten“ Sequenz des Films wieder, von Oben bis Unten mit den schleimigen Kreaturen bedeckt. Logisch betrachtet ist es natürlich lächerlich, dass eine Frau von Schnecken erstickt wird, denn diese Weichtiere sind schließlich nicht gerade für ihre Schnelligkeit und Wildheit bekannt. Doch im Kontext des Films repräsentiert die Sequenz einen wunderbar kühnen Moment, der zur Vorstellung beiträgt, dass Kathy verletzliche Schwachstellen nutzt, um sich an den Menschen zu rächen, die sie gequält haben. Die Szene erinnert auch gleichzeitig an eine ähnliche Sequenz aus Die Geisterstadt der Zombies, in der Michele Mirabella von Vogelspinnen angegriffen wird.

Zugegeben, es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Vogelspinnen und Schnecken – aber die schiere Unverfrorenheit der Szene gestaltet sich trotzdem entwaffnend. Leider wird das Thema danach fallengelassen. Die verbleibenden Morde scheinen auf willkürlichere Art und Weise zu geschehen, was darauf hindeutet, dass das Konzept Fulci und Mariuzzo entweder langweilte oder sie nicht genügend Zeit hatten, es logisch durchzuziehen. Daher erscheinen die übrigen Tötungsakte vergleichsweise flach und einfallslos, obwohl eine nächtliche Museumssequenz, in der die Skulpturen und Kunstwerke zum Leben erweckt werden, recht clever und effektiv rüberkommt. Dämonia ist als ein unausgeglichener Film zu bezeichnen – Fulci führt zwar mit Stil und Flair Regie, doch Kameramann Luigi Ciccareses (der auch Demonia vermasseln würde) Beleuchtung kopiert süffisant Romano Albanis blauen Farbton aus Phenomena, ohne viel Atmosphäre hinzuzufügen. Carlo Maria Cordios Musik ist als effizient, wenn auch unauffällig zu beschreiben. Das Vorhandensein eines rührseligen Titelsongs, der während des Vor- und Abspanns eingespielt wird, stellt für viele Zuschauer ein enormes Hindernis dar, das es zu überwinden gilt.

Cordio wurde 1952 in Rom geboren und begann 1980 damit Filmmusik zu schreiben. Anschließend steuerte er die Scores zu Fulcis Quando Alice ruppe lo specchio (When Alice Broke the Mirror, 1980) und Il fantasma di Sodoma (The Ghosts of Sodom, 1988) bei, was ihn de facto (für kurze Zeit) zum Nachfolger von Fabio Frizzi in Fulcis Oeuvre machte. Die Charaktere gestalten sich ein wenig steif und oberflächlich, während die Schauspieler nicht gerade besonders inspiriert wirken. Jared Martin (in seinem zweiten und letzten Film für Fulci nach I guerrieri dell’anno 2072 / Die Schlacht der Centurions) gibt eine gute Vorstellung als Neurologe ab, der letztendlich mit zwei der Schülerinnen im Bett landet. Lara Lamberti erscheint als Eva angemessen rätselhaft. Lamberti / Naszinski, die Nichte des legendären Klaus Kinski, wurde 1967 in Frankreich geboren. Sie gab ihr italienisches Filmdebüt als Andrea Occhipintis Freundin in Lamberto Bavas giallo La casa con la scala nel buio (Das Haus mit dem dunklen Keller, 1983) und trat auch in Richard Fleischers Red Sonja (1985) mit Brigitte Nielsen und Arnold Schwarzenegger auf.

Interessanterweise wurde Dämonia ursprünglich mit einer anderen Besetzung angekündigt, darunter Andy J. Forrest (der vermutlich Dr. Robert Anderson spielen sollte; Forrest war in etlichen italienischen Genrefilmen dieser Zeit zu sehen, wie Umberto Lenzis Fernsehfilm La casa del sortilegio / Totentanz der Hexen II, 1989), Sabrina Siani (höchstwahrscheinlich sollte sie Eva verkörpern; sie war bereits 1983 in Conquest aufgetreten) und Mimsy Farmer (als strenge Schulleiterin!?; sie spielte u.a. in Francesco Barillis giallo-Hybriden Il Profumo Della Signora In Nero / Das Parfüm der Dame in Schwarz, 1974). Fulci tritt auch selbst als Polizeiinspektor auf, komplett mit Trenchcoat in wahrem Columbo-Stil. Der einst imposante Filmemacher erscheint in seiner kurzen Szene eher hager und müde – leider würden sich seine gesundheitlichen Probleme noch etwas verschlimmern, bevor es wieder ein kleinen wenig aufwärts ging. Dämonia ist ein würdiger Film, verglichen mit einigen der eher kompromittierten Werke, die noch folgen sollten, ist es zumindest erkennbar Fulcis Werk und besten Falls beinhaltet der Streifen die feineren Attribute, die man mit den besseren Filmen des Regisseurs verbindet.

Special Features (Severin Films):

• Audio Commentary with Troy Howarth, Author of Splintered Visions – Lucio Fulci & His Films and Mondo-Digital.com’s Nathaniel Thompson
• Writing Nightmares: Interview with Screenwriter Giorgio Mariuzzo
• Italian Aenigma: Appraising Late Day Fulci
• English Trailer
• Italian Trailer
• Italian Credits

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(leider nur noch recht teuer zu bekommen)

  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 1.77:1, 16:9 – 1.66:1
  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Regisseur: Fulci, Lucio
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 29 Minuten
  • Darsteller:‎ Martin, Jarred, O’Heanney, Caitlin, Kendall, Suzy, Lamberti, Lara
  • Sprache: ‎Italienisch (DTS-HD 2.0), Deutsch (DTS-HD 2.0)
  • Studio: XT-Video

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  • Altersfreigabe:‎ NR (Not Rated)
  • Audio: ‏Englisch, Italienisch
  • Regisseur: Lucio Fulci
  • Region: 0 / Free
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 29 Minuten
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Studio: ‎Severin Films

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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