Dark Waters

Die junge Engländerin Elizabeth will auf einer abgelegenen Insel das Geheimnis ihres verstorbenen Vaters lüften. Dieser finanzierte dort ein Kloster mit eigenwilligem Nonnenorden. Doch es wird eine unwirkliche Reise in ihre eigene unselige Vergangenheit. Jeder hat etwas zu verbergen, niemand ist wirklich der, der er zu sein scheint. Immer weiter dringt Elizabeth in die eigene Erinnerung vor, in Visionen aus Blutritualen und fremden Gottheiten. Sie trifft auf dämonisch anmutende Nonnen, verschrobene Inselbewohner und das uralte, lauernde Grauen in den tiefsten Eingeweiden des Klosters. (Wicked-Vision Media)

Das war merkwürdig. Dies waren die ersten Worte, die dem Betrachter zum Film einfielen, während der Abspann von Dark Waters lief, einer britisch, italienisch, russischen Koproduktion, die in der postsowjetischen Ukraine gedreht wurde. Dark Waters ist von Mariano Baino inszeniert worden und stellt eine einzigartige Erfahrung dar. Der Streifen, der von Lovecraft beeinflusst ist, kann während des Konsums Schwindel erregen, ja sogar verrückt machen. Doch mit der fesselnden Regieführung sowie der überraschend spannenden Geschichte könnte Dark Waters möglicherweise seine Laufzeit wert sein. Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Elizabeth auf die Insel ihrer Geburt zurück, um ein seltsames Kloster unter die Lupe zu nehmen, an das ihr Vater seit Jahren ominöse Zahlungen geleistet hat und um eine Freundin zu besuchen, die dort untergekommen ist. Bei ihrer Ankunft freundet sie sich mit einer Altardienerin namens Sarah an, worauf dann seltsame Dinge beginnen zu geschehen. Die Nonnen töten Menschen, namentlich Elizabeths zuvor erwähnte Freundin, in den Katakomben lebt ein unheimlicher blinder Orakelmaler und es gibt Hinweise auf einen bedrohlichen Dämonenkult sowie eine Bestie im Keller. Elizabeth, verwirrt und verängstigt, steckt nun mitten drin, in dieser äußerst schrägen Angelegenheit.

Das Erste, was jemandem an Dark Waters auffallen sollte, ist die vollkommene Abwesenheit von Musik während des Eröffnungs-Segments. Weder Musik noch irgendein Dialog sind vorhanden. Was jedoch nicht bedeutet, es würde nichts auf dem Bildschirm passieren. Vielmehr erscheint es so, als würde jedes Geräusch widerhallen sowie mitschwingen und dadurch lauter klingen, als es eigentlich sollte. Wobei sich der Klang des Wassers lauter, als jedes andere Geräusch präsentiert. In Strömen prasselt der Regen außerhalb der Klostermauern hernieder, bricht in lauten, dramatischen Stürzen durch Risse in der Decke und rauscht am Ende der Szene mit einem Getöse in das Gebäude hinein, das selbst Donner Konkurrenz machen könnte. Der Klang des rauschenden Wassers und der damit einhergehende Lärm erzeugen Spannung, bieten Hinweise für das Publikum und liefern am Ende einen endgültigen Schock, den keine Musik entfachen kann. Indem man sich nicht auf künstliche Klänge verlässt, wirkt diese erste Sequenz rauer und realer, als der Rest des Films. Dieser geschickte Umgang mit Klang und Schall wird schnell durch brillante Regieführung ergänzt. Baino erweist sich als ein Meister des Lichts sowie des Schattens und die Welt, die er mit ihnen kreiert, gibt den Ton für den gesamten Film an. Das Kloster, dem es an elektrischem Licht mangelt, wird auf dramatische Art und Weise mit Kerzen beleuchtet. Die Schatten der Kerzen hüpfen und flackern, während sich die Wände zwischen Licht und Dunkelheit winden. Dieser Effekt kommt in den Katakomben am deutlichsten zur Geltung, dem hellsten Bereich des Klosters. Dort gibt es Tausende von Kerzen, die jede Szene brillant ausleuchten und deren Schatten die dunkelsten Räume erzeugen, die so erscheinen, als könnten sie jede Art von Geheimnissen verbergen.

Während er in den hell beleuchteten Katakomben die beste Wirkung zeigt, wird Bainos Schatten- und Lichtkontrast auch in dunklen Szenen verwendet. Der größte Teil des Klosters ist ziemlich spärlich beleuchtet, oft von nur einer einzigen Kerze. Es gibt viele Einstellungen, die halb in Schatten, halb in Licht gerahmt sind. Der Effekt ist unheimlich und führt dazu, dass Nonnen unnatürlich „leuchten“ oder plötzlich aus der verborgenen Dunkelheit auftauchen. Manchmal gestaltet sich die Rahmung des Lichts so meisterhaft, dass man sich schon beinahe fragen kann, ob man nicht gerade einen Mario Bava Film anschaut. Die Umgebung kommt natürlich zusätzlich zu Gute, wenn es darum geht, ein angemessenes Ambiente zu schaffen. Klöster sind einfach gruselig, was bestätigt wird, wenn Elizabeth Sarah gegenüber zugibt, dass sie als Kind Angst vor Nonnen hatte. Und das sollte sie auch. Strenge, gefühllose Frauen, die von Kopf bis Fuß bekleidet sind – wovor sollte man sich nicht fürchten!? Wer weiß, was sie unter ihrer Ordenstracht verstecken könnten? Abgesehen von den Nonnen gestaltet sich das Gebäude ebenso entnervend. Das alte und in Verfall geratene Inselkloster von Dark Waters liegt in Ruinen. Es hat fast den Anschein, als sei das Kloster einer Art verfaulender Krankheit erlegen. Die Wände bröckeln, die Wandteppiche sind alt sowie zerrissen und die Türen fallen praktisch aus den Angeln. Die einzigen Räume, die nicht den Spuren der Zeit zum Opfer gefallen sind, repräsentieren die Katakomben, die für einen Ort, der nur den Tod beherbergt, gut gepflegt und überraschend warm gehalten sind. Die Implikation, dass der Tod gedeiht, während das Leben um ihn herum zerfällt, ist schwer zu übersehen.

Der Zerfall ist jedoch nicht das einzige Thema, das Dark Waters zu offerieren hat, es sind auch einige sehr starke religiöse Konnotationen vorhanden. Während der Eröffnungssequenz, wenn das Wasser fließt, wird man mit mehreren Nahaufnahmen von religiösen Ikonen konfrontiert, die vom Wasser beträufelt werden. Insbesondere Christus am Kruzifix wird von der Kamera mehrmals eingefangen, wobei Wasser auf seinen Kopf tropft, was offensichtlich auf das Sakrament der Taufe hindeuten soll. Dieses Thema wird gegen Ende der Szene noch verschärft, indem das Kirchenheiligtum von rauschendem Wasser überflutet wird. Das Taufwasser, welches einst so sanft tropfte, tobt nun. Es präsentiert sich mörderisch und destruktiv, zerstört das Heiligtum und ertränkt beinahe den Priester, der sich gerade im Gebet befunden hat. Die Metapher ist vollendet, als der Priester, der sich bemüht an die Oberfläche zu gelangen, nach Luft schnappt und an der Stelle des nun gebrochenen Kreuzes aufgespießt wird. Keine Taufe für neues Leben, sondern für den Tod. An diesem Punkt könnte man mit Leichtigkeit behaupten Dark Waters würde Religion verurteilen, doch täte man dies, würde man das Thema verfehlen. Tatsächlich gibt die Mutter Oberin bereits während Elizabeths ersten Stunde im Kloster alles preis: Manchmal ist das Übel eben notwendig. Als Elizabeths Freundin von einer Nonne ermordet wird (ein Akt, den wir zu Beginn des Films dargeboten bekommen), tropft ihr Lebenssaft auf den gekreuzigten Christus, wie es das Wasser zuvor getan hatte und tauft ihn mit Blut. Das ist ein Akt des Bösen, auf seine Art und Weise jedoch auch notwendig. Denn hier ist größeres Übel im Gange, wobei mehr auf dem Spiel steht, als das Leben eines einzelnen Mädchens. Dark Waters postuliert, Religion sei ein Übel, das Menschen und Länder auseinander reißt, doch ist sie das geringere von zwei möglichen Übeln. Das Geheimnis, das tief in den Katakomben lauert, offenbart sich als weitaus schrecklicher und gefährlicher als die Religion und ohne die Sicherheit dieses notwendigen Übels, wäre man seiner Gnade ausgeliefert.

Die dunklen, fast hoffnungslosen, thematischen Untertöne stellen keine Überraschung dar, erwägt man die Quelle für diese Geschichte – keine geringere als der berühmte H.P. Lovecraft. Dark Waters basiert, streng genommen, lose auf der Novelle The Shadow Over Innsmouth, obwohl die Monster aus Budgetgründen rausgelassen werden mussten. Wenn jedoch ein Monster auftaucht, gibt es keinen Zweifel an seiner Herkunft. Die Bestie selbst besteht aus einer Masse von klaffenden Mündern und zuckenden Gliedmaßen, während ein bedeutendes Mitglied des Klosters, wenn ihre wahre Form offenbart wird, zur Hälfte Monster und zur Hälfte Mensch ist (die Nonnen können eben doch alles Mögliche unter ihrer Tracht verstecken). Ebenso wie die Stadt in New England der ursprünglichen Lovecraft Geschichte, sind die Insel sowie das Kloster beide verfallen. Der wahre Lovecraftian-Einfluss liegt jedoch nicht darin was der Plot erzählt, sondern wie er erzählt wird. Das Garn der Geschichte zeigt sich in Rückblenden, wieder auftauchenden Erinnerungen und seltsamen Träumen genauso, wie in den tatsächlichen Ereignissen.

Elizabeth träumt oft von seltsamen Kreaturen in den Katakomben oder von einem gestörten Kind, das rohen Fisch vom Strand isst und Katzen ausweidet. Tatsächlich bluten diese Traumsequenzen im Verlauf des Films so vollständig in die Realität ein, dass es sich oft als schwierig erweist herauszufinden, was nun real und was Fantasie sein soll. Am Ende spielt es jedoch auch keine Rolle. Bereits Lovecraft wusste, dass sich Horror genauso in der Psyche abspielt, wie in der realen Welt, wobei Baino seinem Beispiel weise folgt. Zu dem Zeitpunkt, wo die Bestie in den letzten Szenen zutage gebracht wird, kann man sich nicht mehr sicher sein, ob dies Wirklichkeit oder Traum darstellt, doch es spielt gleichfalls keine Rolle mehr. Dem Betrachter schwindelt es und er ist verwirrt von den vorherigen Ereignissen, sodass es genauso gut real sein könnte. So oder so erschließt es sich furchterregend. Die Konstruktion des Plots macht es einem nicht gerade leicht Dark Waters gut folgen zu können, was jedoch durch die brillante Regie und die komplexen religiösen Themen mehr als wett gemacht werden kann. Man könnte leicht behaupten in Dark Waters wäre für jeden etwas dabei. Um den Film allerdings genießen zu können, sollte er wirklich als Ganzes betrachtet – die schwindelerregende Geschichte umarmt und erlebt werden. Sollte man bereit sein in diese Art von Denkweise, in diese Art von Halbfantasiewelt einzutauchen, kann Dark Waters nicht nur als gruselig religiöser Horror verstanden werden, sondern auch als eine gute Ergänzung zum Lovecraftian-Filmemachen.

Wicked-Vision Media veröffentlicht mit DARK WATERS die Nummer 27 ihrer Collector’s Series. Ein Film im Geiste H. P. Lovecrafts als Deutschlandpremiere, erstmals in deutscher Sprache und als Ultimate Edition im 3-Disc-Set. Über den Film lässt sich genauso wenig streiten, wie über die Qualität der Veröffentlichung. Das Bild präsentiert sich im 1,85:1 (1080p) Format und macht einen hervorragenden Eindruck, während es beim Ton ebenso nichts zu meckern gibt. Hier stehen eine deutsche und englische Spur (DTS-HD Master Audio 2.0 Mono) zur Auswahl, wobei man deutsche und englische Untertitel zuschalten kann. Mariano Bainos Dark Waters ist eine Liebeserklärung an die unvergesslichen Geschichten von H. P. Lovecraft und die in Farbe und Blut getränkten Filme von Mario Bava und Dario Argento. Einer der letzten großen italienischen Horrorfilme, der zum 25. Jubiläum als „Ultimative Version“ in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur endlich auch nach Deutschland kommt. Hierzu wurde der Film unter Leitung von Dr. Gerd Naumann hochwertig synchronisiert. Das 3-Disc-Set ist randvoll mit teilweise exklusiven Extras und das zweisprachige Booklet umfasst 48 Seiten.

Bonusmaterial: 48-seitiges Booklet mit einem Text und einer Kurzgeschichte von David Renske sowie einem Text von Michele De Angelis (in Deutsch/Englisch) • Audiokommentar mit Regisseur Mariano Baino & Michele De Angelis • Vorwort von Mariano Baino • „Beneath Dark Waters“: Video-Essay von Pelle Felsch • Featurette: „Lovecraft Made Me Do It“ • Featurette: „Let There Be Water“ • Featurette: „Controlling the Uncontrollable“ • Featurette: „Aqua Destruit Ecclesiam“ • Featurette: „Alles Lovecrafts Schuld“ • Featurette: „The Darkest Water (2019)“ • Dokumentation: „Deep into the Dark Waters“ • Kurzfilme mit Regie-Kommentar: „Dream Car“, „Caruncula“, „Never Ever After“ • Making-of: „Never Ever After“ • Musik-Video: „Face and the Body“ • PromoClips 1-4 (2019) • Wicked-Promo 2019 • Geschnittene Szenen • Silent Bloopers • Vorwort des Regisseurs (2006) • Originaltrailer • Deutscher Trailer • Bildergalerien

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Darsteller: Louise Salter, Mariya Kapnist, Venera Simmons
Regisseur(e): Mariano Baino
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Alle Regionen
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Wicked-Vision Media
Produktionsjahr: 1994
Spieldauer: 92 Minuten

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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