Das Geheimnis der grünen Stecknadel / Cosa avete fatto a Solange?

Im Londoner Hyde Park wird die verstümmelte Leiche eines Mädchens gefunden. Der einzige Hinweis am Tatort ist eine grüne Stecknadel. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um das Erkennungszeichen einer Mädchenclique am benachbarten College. Dort gerät ein Lehrer namens Henry in schweren Tatverdacht, da er eine Liaison mit der Ermordeten hatte. Doch es soll nicht bei einem Mord bleiben, immer mehr Verstrickungen entstehen, und somit hat Kommissar Barth alle Hände voll zu tun… (Koch Media)

Eine katholische Schule für Mädchen steht unter Schock, als eine ihrer Schülerinnen brutal ermordet wird. Die Tat wurde von einer Klassenkameradin des Mädchens, Elizabeth, beobachtet, während sie romantische Idylle mit ihrem italienisch Lehrer Enrico (Henry) genießt. Elizabeth offenbaren sich nur einige mehrdeutige Eindrücke, weswegen sie beschließt nicht zur Polizei zu gehen, aus Angst, Enrico könnte gefeuert werden. Der Mörder schlägt jedoch erneut zu und die Affäre kommt schließlich ans Licht, so dass Enrico von nun an als ein offensichtlich Verdächtiger gilt. Letztlich zeigt sich, dass die Opfer alle durch ein tragisches Ereignis verbunden sind, das einer Schülerin mit namens Solange widerfahren ist…

Katholische Schuld, Voyeurismus, stümperhafte Abtreibung und bösartig sexualisierte Gewalt sind nur einige der Bonbons, die in Das Geheimnis der grünen Stecknadel zur Schau gestellt werden. Der Einstieg in eine lose Trilogie von „Schulmädchen-in-Gefahr“-Filmen des Regisseurs Massimo Dallamano stellt einen der beliebtesten Titel des Genres dar und zwar aus gutem Grund. Der Plot soll auf einer Geschichte von Edgar Wallace basieren, was jedoch nur für die deutsche Veröffentlichung gilt. Tatsächlich gelingt es dem originellen Szenario von Dallamano und Bruno Di Geronimo reißerische Exploitation sowie schauerliche Gewalt mit echter Sorge um Logik und Charakterisierung zu präsentieren. Das Endergebnis kratzt an der Grenze zum schlechten Geschmack und Sensationsgier, aber in Dallamanos fähigen Händen gerät der Film niemals zu anzüglich oder gar abstoßend. Dallamanos kompetenter Einsatz von Kameraperspektiven behält das Voyeurismus-Thema den gesamten Streifen über im Fokus. Er arrangiert die Kamera häufig so, dass sie durch Objekte und Vordergrundszenerien aufnimmt, um den Eindruck zu vermitteln seinen Charakteren werde nachspioniert. Auf einer expliziteren Ebene spionieren manche Protagonisten wirklich durch Schlüssellöcher sowie Löchern in Wänden und dergleichen. Im paranoiden Milieu des Films hat beinahe jeder etwas zu verbergen, aber im Gegensatz zu vielen anderen Gialli wird hier nicht im übertriebenen Maße versucht, den Verdacht auf zu viele unterschiedliche Charaktere zu lenken, sodass es schon lächerlich wird.

Der Film setzt die ambivalente Beziehung zur Kirche fort, die in Gialli dieses Zeitraums zu einem wichtigen Bestandteil wurde. Elizabeth hat zunächst Schwierigkeiten sich an entscheidende Details ihrer Beobachtung zu erinnern (Dario Argento!?), doch schließlich entsinnt sie sich, dass der Mörder ein langes schwarzes Gewand getragen hat, ähnlich wie das eines Priesters. Die Heiligkeit des Beichtstuhls kommt ebenfalls ins Spiel, da der Mörder diesen dazu benutzt, um Informationen über potenzielle Opfer zu sammeln. Natürlich wird der Polizei jeglicher Zugang zu diesbezüglichen Auskünften verweigert. Die Kulisse des Katholizismus verleiht den sexuellen Beziehungen der jungen Mädchen eine fühlbare Schuld und Verwirrung. Dallamano und Di Geronimo ziehen hierbei eine Grenze, um die jungen Opfer für ihre fleischlichen Experimente verurteilen zu können, so dass die heuchlerischen Untertöne, die in solchen Gialli wie Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (So schön – so nackt – so tot, 1972) offensichtlich sind, umgangen werden. Die Charakterisierungen sind ungewöhnlich gut durchdacht. Enrico zum Beispiel stellt einen wunderbar zweideutigen Protagonisten dar. Auf der einen Seite erkennt man in ihm einen Ehebrecher mit einer Vorliebe für Schulmädchen. Es ist zwar ersichtlich, dass er auf romantische Art und Weise mit Elisabeth verbunden ist, doch es scheint zusätzlich durch, dass er auch mit einigen der Opfer Sex gehabt haben könnte. Dieser Aspekt kompromittiert ihn moralisch, ja lässt ihn sogar ein wenig schäbig erscheinen, aber seine Zuneigung Elisabeth gegenüber ist eindeutig aufrichtig und man kann nicht umhin mit ihm zu fühlen, als er unter Verdacht gerät. Seine Beziehung zu seiner Ehefrau Herta ist als kühl und distanziert zu bezeichnen. Herta wird zunächst als die ultimativ kaltblütige, teutonische Frau aus der Hölle porträtiert, doch später im Film kann auch sie in einem sympathischeren Licht gesehen werden. Sie weiß von Enricos Ehebruch und leidet mächtig darunter. Trotzdem erweist sie sich bereit ihm beizustehen, da sie der Überzeugung ist, er wäre nicht dazu fähig einen Mord zu begehen. Im Verlauf der Geschichte stärkt sich ihre Beziehung; was leicht für trivial und unglaubwürdig gehalten werden könnte, wird jedoch so ungekünstelt entwickelt, dass man niemals daran zweifelt.

Der ermittelnde Polizist, Inspektor Barth, wird als ebenerdiger, ruhiger und auf sein Bauchgefühl hörender Mensch dargestellt. Er repräsentiert nicht die übliche, langweilige Autoritätsfigur, die sich durch die Ermittlungen walzt, sondern kommt eher auf nachdenklichere und väterliche Art und Weise rüber. Die Tatsache, dass er sehr engagiert und kühl logisch agiert, hilft dabei, die Ermittlungsszenen im Kontext umso genießbarer zu gestalten. Dallamanos Regieführung bedeutet Meisterklasse in Punkto Themenansprache. In manchen Szenen nutzt er hervorragend Weitwinkelobjektive, um ein Gefühl von räumlicher Desorientierung zu erschaffen, während sein Gebrauch von subjektiver Hand-Kamera vernünftig ist und nie übertrieben wird. Die Bildkompositionen erfreuen stets das Auge, während die Ausleuchtung von Aristide Massaccesi (der in einer Mini-Rolle als einer von Barths Undercover-Männern auftritt; der mit schwarzem Bart) durchweg stilvoll ist. Die Produktionswerte sind erstklassig und Morricones Score, der zwischen einem schönen Hauptthema und kantigen Jazz-infundierten Stücken hin und her springt, ist zu seinen schönsten und erinnerungswürdigsten zu zählen. Die Besetzung wird von Fabio Testi angeführt, der eine hervorragende Leistung als Enrico abliefert. Der ehemalige Stuntman Testi wird als Schauspieler, der einfach nur außergewöhnlich gut aussieht, oft unterschätzt. Obwohl es stimmt, dass seine gemeißelten Züge und trainierter Körper dazu beigetragen haben, ihn beim Publikum sehr beliebt zu machen, zeigte er außerdem reichhaltiges Talent in Filmen, die von Arthouse- bis hin zu Exploitation-Streifen reichen. 1941 geboren, gab Testi 1967 sein Filmdebüt in Sergio Leones Meisterwerk C’era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod) und dem obskuren Grenz-Giallo La morte cancellò l’uomo, ma la vendetta oltre la morte lasciò: Due occhi per uccidere (1968). Er spielte noch in einem weiteren Grenz-Giallo mit (Blonde Köder für den Mörder / The Blonde Connection, 1969), bevor er großen Erfolg mit einer saftigen Rolle in Vittorio De Sicas Spätzeit-Klassiker Il giardino dei Finzi Contini (Der Garten der Finzi Contini, 1970) erzielte. Außerdem spielte er in so ungewöhnlichen Spaghetti-Western wie Lucio Fulcis I quattro dell’apocalisse (Verdammt zu leben – verdammt zu sterben, 1975) und Monte Hellmans Amore, piombo e furore (China 9 Liberty 37, 1978) sowie Poliziotteschi wie Sergio Sollimas Revolver (Die perfekte Erpressung, 1973), Enzo G. Castellaris Il grande racket (Racket, 1976) und Lucio Fulcis Luca il contrabbandiere (Das Syndikat des Grauens, 1980) mit. Weitere Rollen in Gialli wie Enigma rosso (Orgie des Todes, 1978) und Delitto passionale (Crime of Passion, 1994) gehören dann nicht mehr zu seinen besten Genrebeiträgen.

Die deutsche Seite der Koproduktion wird von Krimi-Veteranen wie Joachim Fuchsberger, Karin Baal und Günther Stoll vertreten. Stoll war bereits in Gialli wie A doppia faccia (Das Gesicht im Dunkeln, 1969) und Una farfalla con le ali insanguinate (Blutspur im Park, 1971) aufgetreten, aber für Baal und Fuchsberger sollte es der einzige Giallo bleiben. Fuchsberger spielt den Part des Inspektor Barth sehr gut, doch es war für ihn auch kaum eine ungewöhnliche Rolle. 1927 geboren, begann Blacky in den frühen 50er Jahren in Filmen mitzuwirken und wurde dank seiner wiederkehrenden Präsenz in den Edgar Wallace Krimis von Rialto sehr bekannt. Dort gab er für gewöhnlich den Kommissar oder Amateur-Detektiv, der Verbrecher in Top-Titeln wie Der Frosch mit der Maske (1959), Die toten Augen von London (1961) und Der schwarze Abt (1963) zur Strecke brachte. Außerdem trat er auch in zahlreichen deutschen Koproduktionen, darunter Ich, Dr. Fu Man Chu (1965), dem ersten Flick der langjährigen Filmreihe mit Christopher Lee als Sax Rohmers König des Verbrechens, und Antonio Margheritis The Unnaturals – Contronatura (Schreie in der Nacht, 1969) auf. Karin Baal fügt einem anfangs unangenehmem Charakter etwas Emotionalität hinzu, was ihr eindrucksvoll gelingt. 1940 geboren, begann auch sie in den frühen 50er Jahren beim Film und würde in Krimis wie Die toten Augen von London und Der Hund von Blackwood Castle (1968) auftreten. Sie war bis vor wenigen Jahren noch in deutschen Filmen aktiv. Die erstaunlichste Darstellerin ist in gewisser Weise die amerikanische Schauspielerin Camille Keaton, die die Rolle der geheimnisvollen Solange spielt. Sie hat nicht viel zu tun, sucht den Film aber mit einer merkwürdig rührenden Vorstellung heim. Keaton, die 1947 das Licht der Welt erblickte, wurde hauptsächlich als das Vergewaltigungsopfer des berüchtigten Rache-Schockers I Spit on Your Grave (1978) „berühmt“, während sie in den 70er Jahren ebenfalls in einigen italienischen Filmen mitwirkte, unter anderem übernahm sie eine viel größere Rolle in Riccardo Fredas unglückseligen Geistergeschichte Estratto dagli archivi segreti della polizia di una capitale europea (Tragic Ceremony, 1972). Sie kehrte anschließend zum amerikanischen Film zurück, um Ich spuck‘ auf dein Grab zu machen. Massimo Dallamano drehte in der Nachfolge La polizia chiede aiuto (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) und war daran einen dritten Thriller mit ähnlicher Handlung zu kreieren, bevor er bei einem Autounfall ums Leben kam. Sein Drehbuch wurde dann von Regisseur Alberto Negrin als Enigma rosso (1978), wieder mit Fabio Testi, verwirklicht.

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  • Darsteller: Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Fabio Testi, Günther Stoll, Christine Galbo
  • Regisseur(e): Edgar (Buch) Wallace, Massimo Dallamano
  • Format: Widescreen
  • Sprache: Italienisch (PCM2 .0), Deutsch (PCM2 .0), Englisch (PCM2 .0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 2
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Koch Media GmbH – DVD
  • Produktionsjahr: 1972
  • Spieldauer: 106 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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