Das Grauen aus der Tiefe / Humanoids from the Deep

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In dem beschaulichen Fischerdorf Noyo an der Westküste der USA hält das Grauen Einzug: Furchterregende Unterwassermonster fallen über die arglosen Bewohner her, töten die Männer und vergewaltigen die Frauen. Der mutige Fischer Jim Hill nimmt gemeinsam mit der Biologin Dr. Susan Drake den Kampf gegen die Kreaturen auf, die sich als gentechnisch mutierte Fische herausstellen. Beim jährlichen Lachs-Festival in Noyo kommt es dann zum Großangriff der Fischmonster auf die Stadt. Kann Jim seinen Heimatort vor dem Schlimmsten bewahren? (OFDb – Filmworks)

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Unabhängig seines utilitaristischen Titels, sollte erwähnt werden, dass Humanoids from the Deep von Humanoiden handelt. Bitte nicht wundern, diese Anmerkung hat schon durchaus seine Berechtigung, da der Film im Aufbau leicht mit einem Streifen über einen großen weißen Hai verwechselt werden kann. Er beginnt zum Beispiel mit einer Unterwasser-POV-Aufnahme, vermutlich aus der Sicht einer der ruchlosen Kreaturen des Titels. Kurze Zeit später sind die ersten Todesfälle zu beklagen – denen jeweils ein klangliches Merkmal aus James Horners Komposition unterlegt ist. Ohne Zweifel handelt es sich um einen unterhaltsamen Film, doch diese Einflüsse verstärken in ihrer Klarheit dieses Derivat und rahmen das ungedeckte Potenzial für einen eigenständigeren Monsterfilm. Um diese Ableitung besser illustrieren zu können, muss man auf die Vergleiche zwischen Das Grauen aus der Tiefe und Der weißen Hai etwas ausführlicher eingehen. In ihren filmischen Darstellungen sind beide Kreaturen in der Lage mit vollendeter Eleganz und Diskretion durch seichtes Wasser zu manövrieren, sich ein ahnungsloses Opfer zu schnappen und es grausam zu zerfleischen, ohne an die Wasseroberfläche zu kommen, weswegen beide in der Folge große Angst unter den Strandgehern sowie restlichen Bewohnern des Fischerdorfes verbreiten. Diese Vergleiche der Gemeinsamkeiten gewinnen an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Humanoiden Arme und Beine haben, Luft atmen sowie an Land gehen können; die Menschen allerdings (zunächst) auf die gleiche Art und Weise reißen wie der Hai in Jaws. Überlegt man nun kurz was ein Film wie Der weiße Hai hätte sein können – nein, hätte sein müssen – wenn der „Fisch“ eine solche verbesserte Mobilität innegehabt hätte?! Zugegeben, es wäre sicherlich nicht das Meisterwerk der Reserviertheit und Spannung wie Jaws, doch es hätte mit Bestimmtheit eine unvorhersehbarere Genre-Übung als Das Grauen aus der Tiefe dargestellt. Humanoids from the Deep ist ein Monster Chaos vielfältiger Einflüsse, im Grunde präsentiert er das Gleiche wie seine Vorgänger, nur fehlt hier jedes Prestige. Die Markenbekanntheit, wie man sehen kann, hat viel mit dem Erfolg in homogenisierten Film-Genres zu tun, vor allem Horror. Es sind Filme wie diese, die direkt die Position von Jaws als kinematischen Eckpfeiler bestätigen, dessen Dauerhaftigkeit als Marke durch jeden billigen Streifen unterstrichen wird, der irgendeine Art von Kreatur aufweist, die mit einem unersättlichen Appetit plötzlich aus der Tiefe des Meeres hervorstößt. Doch wie bei jeder Marke entwickelt sich aus Vielfalt ein Fortschritt, weswegen Das Grauen aus der Tiefe als ein creature feature mit anständigen Verdiensten hervorgeht, von einem Ozean an Einflüssen überschwemmt.

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Die Humanoiden sind das Produkt von einigen mystifizierten wissenschaftlichen Experimenten mit „DNA-5“, die verwendet wird, um Lachse genetisch mutieren zu lassen, so dass sie groß wachsen und sich reichlich vermehren können. Als sich dann Frosch-DNA, selbstverständlich unvermeidlich, mit dem DNA-5-getunten Lachs vermischt, sind mörderische Humanoide das unbeabsichtigte Ergebnis. Die Evolution dieser Frosch/Lachs Mutation schreitet enorm schnell voran, wodurch die Monster eine Intelligenz entwickeln, die ihren Ursprung auf den Kopf stellt. Die Wesen werden sich ihrer Fortentwicklung bewusst, weswegen sie natürlich danach gieren, sich mit menschlichen Frauen zu vereinigen, um ihre weitere Evolution schneller voranzutreiben. Diese Tendenz macht die ansonsten haifischartigen Humanoiden zu ziemlich einzigartigen Monstern: sie sind nicht nur karnivor, sondern ebenfalls libidinös. Von der ersten Demonstration dieses Merkmals ist man überrascht: Ein junges, attraktives Paar tummelt sich am Strand, als der Junge unter die Wasseroberfläche gezogen und vollkommen entstellt wird (der Kerl hatte vorher mehrmals vorgegeben von einem unsichtbaren Monster hinuntergezogen worden zu sein). Sein zerrissener Körper steigt aus dem Wasser auf, in dem Mädchen macht sich Panik breit und in diesem Augenblick erwartet man einen weiteren Angriff des Monsters; vielleicht offenbart es sich jetzt vollständig, eventuell aber auch nicht. Das Monster zieht das Mädchen nun schreiend zurück in Richtung des scheinbar sicheren Festlandes. Wird sie ebenfalls zerfetzt werden, oder wird sie leben und die skeptischen Städter vor den Monstern warnen, die im Ozean auf Futter warten? Stattdessen wird sie – völlig unerwartet – von dem dominierenden Humanoiden vergewaltigt. Diese Vergewaltigungssequenz, zusammen mit den Instanzen der überflüssigen Nacktheit und des Gores, wurde ausdrücklich im Interesse höchster Schlüpfrigkeit konzipiert und ist dabei äußerst erfolgreich. Doch ist dieser Erfolg bewundernswert? Anzüglich, auf jeden Fall, ja sogar Schauder erregend, aber geht diese Art von Horror bereits auf Kosten des guten Geschmacks? Naja, im Jahr 1980 war das sicherlich der Fall und genau an dieser Stelle beginnt sich Das Grauen aus der Tiefe von seinen Vorgängern zu unterscheiden. Hier ist mit The Beast Within von 1982 nur ein weiterer Film bekannt, in dem eine Frau von einem Monster (in diesem Fall eine riesige Zikade; ebenfalls bei OFDb Filmworks erschienen) vergewaltigt wird. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen Film, der zwar durch die Hervorhebung seiner Anstößigkeit indossiert wird, jedoch ungeachtet der fraglichen Szene und trotz der konstruktiven Ähnlichkeit mit Jaws nach wie vor Aspekte übrigbleiben, die Fürsprache verdienen. Das bedeutet hauptsächlich das Finale.

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Zum größten Teil ist Humanoids Standard-Monster-Kost, der Fokus springt souverän zwischen den Menschen, die versuchen das Grauen zu begreifen und den Humanoiden, die recht erfolgreich töten und befruchten, hin und her. Das letzte Drittel spielt auf einem Volksfest, das sich prekär nahe am Ufer befindet. Natürlich sind beinahe alle Stadtbewohner anwesend, während die Monster kurze Zeit später dort auftauchen. Es entsteht schnell Chaos und zwar totales Chaos: der Krach von schreienden Menschen dauert volle zwanzig Minuten an. Von dem Volksfest wird sogar eine Radiosendung übertragen, die auch noch auf Sendung bleibt, nachdem beide DJs auf variable Art und Weise getötet oder vergewaltigt worden sind, wodurch das kollektive Schreien noch weiter übertragen wird. Diese Szene ruft absolute Verwunderung auf, denn das Chaos fühlt sich unorchestriert und daher sehr real an. In Filmen, die wenigstens einen Hauch von Regie-Finesse in sich tragen, sind Szenen wie diese spürbar komponiert, konzipiert und redigiert – der Klimax in Das Grauen aus der Tiefe beinhaltet keinen dieser Faktoren, was in diesem Fall allerdings wunderbar funktioniert. Es gibt keinen Charakter, mit dem man sympathisieren könnte, alle sind abkömmlich und ein Gefühl für Orientierung oder Rhythmus ist ebenfalls nicht vorhanden. Alle Menschen schreien, Explosionen färben den Horizont, während die Humanoiden unablässig auftauchen und ein echtes Gefühl der Panik heraufbeschwören. Natürlich wird diese Panik durch viele „versehentliche“ Diebstähle aus anderen, besseren Filmen überlastet und nachdem bereits jeder einzelne Einfluss von Jaws erschöpft wurde, schließt Humanoids mit einem Epilog, der direkt von Alien übernommen wurde. In Bezug auf die fragwürdigen Ambitionen dieses Films wird hier das Ende des Schockers nicht beschrieben, doch hat man Alien gesehen, wird man genau wissen, was zu erwarten ist.

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OFDb Filmworks veröffentlicht Das Grauen aus der Tiefe in einer Limited Special 3-Disc-Digipack-Edition (limitiert auf 3000 Exemplare) auf BluRay und DVD. Das Bild (1080p; 1.78:1 auf DVD anamorph) ist auf beiden Scheiben als wirklich gut zu bezeichnen. Beim Ton gibt es bei den beiden verfügbaren Spuren (deutsch, englisch BluRay Linear PCM 2.0; DVD Dolby Digital 2.0) auch keinen Grund zur Beschwerde, sie lassen sich auf BluRay sowie auf DVD wunderbar hören. Deutsche sowie englische Untertitel sind auf Wunsch auch zuschaltbar. Auf den drei Scheiben befindet sich eine tolle und recht breite Auswahl an Boni (siehe weiter unten), wobei der Audiokommentar von Kai Naumann und Marcus Stiglegger genauso informativ, unterhaltsam und abwechslungsreich ist, wie der vom Cutter des Films Mark Goldblatt und das Booklet mit interessantem Text von Thorsten Hanisch. Somit kann die Veröffentlichung wieder einmal als ausgezeichnet bezeichnet werden. Freunde des Bahnhofskino-Horrorfilms müssen hier unbedingt zuschlagen!

weitere Boni:
Disc 1 (Blu-ray mit Feature-Film)
– The Making of Humanoids from the Deep (22:42 Min.)
– „The Deep End“ mit Creature Effects Artist Steve Johnson (21:46 Min.)
– „The Corman Sounds“ mit Sound Designer David Lewis Yewdall (14:39 Min.)
– Deleted Scenes (07:11 Min.)
– Deutscher (02:00 Min.) und englischer (01:47 Min.) Trailer
– TV-Spot (00:32 Min)
– Radio-Spot (00:29 Min.)
– Fotogalerie

Disc 2 (DVD mit Feature-Film)
– Audiokommentar mit Cutter Mark Goldblatt (englisch; auch auf der Blu-ray enthalten)
– Audiokommentar von Kai Naumann & Marcus Stiglegger (deutsch; auch auf der Blu-ray enthalten)
– Deleted Scenes (auch auf der Blu-ray enthalten)
– Deutscher und englischer Trailer (auch auf der Blu-ray enthalten)
– TV-Spot (auch auf der Blu-ray enthalten)
– Radio-Spot (auch auf der Blu-ray enthalten)
– Fotogalerie (auch auf der Blu-ray enthalten)

Disc 3 (DVD mit Bonus)
– The Making of Humanoids from the Deep (auch auf der Blu-ray enthalten)
– „The Deep End“ mit Creature Effects Artist Steve Johnson (auch auf der Blu-ray enthalten)
– „The Corman Sounds“ mit Sound Designer David Lewis Yewdall (auch auf der Blu-ray enthalten)

außerdem:
– The Directors: Roger Corman – Dokumentation über den Produzenten (58:33 Min.)
Leonard Maltin interviewt Roger Corman über die Entstehung des Films (03:26 Min.)
– Limitierungszertifikat mit kurzem Geleitwort zum Film
– Deckblatt-Karte mit dem „gewissen Extra“

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  • Darsteller: Doug McClure, Ann Turkel, Vic Morrow, Cindy Weintraub, Anthony Pena
  • Regisseure: Barbara Peeters, Jimmy T. Murakami
  • Sprache: Deutsch (PCM2 .0), Englisch (PCM2 .0)
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Studio: OFDb – Filmworks
  • Produktionsjahr: 1980
  • Spieldauer: 80 Minuten

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Dieses Digipack wurde uns freundlicherweise von OFDb Filmworks zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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