Das Grauen kam aus dem Nebel / La morte risale a ieri sera

Amanzio Berzaghi bittet die Polizei um Hilfe, als seine geistig behinderte Tochter Donatella vermisst wird. Inspektor Duca Lamberti und sein Assistent Mascaranti untersuchen das Verschwinden und befürchten das Mädchen könnte als Prostituierte verkauft worden sein. Bei den Ermittlungen erweisen sich verschiedene Hinweise als Sackgassen. In der Zwischenzeit ermittelt der panische Amanzio auf eigene Faust weiter…

Das Grauen kam aus dem Nebel liegt auf halbem Weg zwischen dem Giallo und dem damals aufkeimenden poliziottesco. Wahrscheinlich wird er aus diesem Grund von Thriller-Fans eher vernachlässigt, was als Schande zu bezeichnen ist, da der Film einen der packendsten und emotional härtesten Thriller seiner Zeit darstellt. Das Drehbuch wurde von Giorgio Scerbanencos Roman I milanesi ammazzano il sabato (Ein pflichtbewusster Mörder: Duca Lamberti ermittelt) adaptiert. Scerbanencos Werke wurden von Regisseur Fernando Di Leo im Filmbereich populär gemacht, der bereits eine seiner Geschichten als Grundlage für I ragazzi del massacro (Note 7 – Die Jungen der Gewalt, 1969) verwendet hatte und sich von ihnen für so beliebte poliziotteschi wie Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9) und La mala ordina (Der Mafiaboss – Der Eisenfresser, beide 1972) inspirieren ließ. Es handelt sich hier um keine typische Giallo-Geschichte, da der Fokus auf die Polizeiarbeit gelegt wird, die für einen Großteil der Laufzeit mit sozialem Kommentar gespickt ist. Erst der letzte Akt befördert den Film auf eigentliches Giallo-Terrain.

Die Charaktere sind mit ungewöhnlicher Tiefe und noch ungewöhnlicherem Gefühl ausgestattet: Mit Amanzio kann man leicht sympathisieren, da seine Liebe und Sorge um die Sicherheit seiner Tochter sehr aufrichtig vermittelt wird, während Duca Lamberti und Mascaranti zu den relativ wenigen wirklich „menschlichen“ Polizisten gehören, die im filone des Giallo zu sehen sind. Ebenso verkörpert Donatella nicht nur ein weiteres gesichtsloses Opfer. Es mag an Melodramatik grenzen, doch ihre Darstellung als kleines Mädchen, das in einem erwachsenen Körper gefangen ist, erweist sich als sehr überzeugend und ruft wirkliches Mitgefühl hervor. Der mysteriöse Aspekt des Plots gestaltet sich umso mächtiger, weil das Publikum wirklich möchte, dass sie zu ihrem liebenden Vater zurückkehrt. Darüber hinaus untersucht die Geschichte die hartnäckige Gleichgültigkeit der italienischen Gesellschaft, da die Menschen ihre Augen vor Fehlverhalten verschließen, weil sie zu sehr in ihre eigenen egoistischen Interessen verstrickt sind.

Lucio Fulci sollte dieses Thema in Don’t Torture a Duckling (1972) erneut aufgreifen, einem weiteren ungewöhnlich rührenden Giallo mit starkem sozialen Gewissen. Regisseur Duccio Tessari handhabt den Film mit Stil und Überzeugung. Er scheut die unangenehmeren Elemente zwar nicht, zieht den Film allerdings auch nicht in das Reich der schäbigen Exploitation. Der Gewalt- und Sleaze-Quotient mag für die sensationshungrigeren Giallo-Liebhaber etwas niedrig sein aber dafür gelingt es Tessari starke Leistungen aus seiner Besetzung herauszukitzeln sowie den Film in einem gleichmäßigen Tempo zu halten. Lamberto Caimis Kinematographie schafft es eine „realistische“ Atmosphäre einzufangen und sich gleichzeitig einigen stilisierten und effektiven Kompositionen und Kamerabewegungen hinzugeben. Zudem ist Gianni Ferrios Musik als eine der besten des Komponisten zu bezeichnen und hilft das Drama zu unterstreichen sowie gleichzeitig den angemessen ausgefallenen Ton einzufangen.

Die Besetzung wird vom amerikanischen Schauspieler Frank Wolff angeführt, der die Rolle des Duca Lamberti hervorragend verkörpert. Wolff stand (leider) bereits am Ende seines relativ kurzen und tragischen Lebens, als er in diesem Film auftrat. Nur zwei Jahre später beendete er seinen Kampf gegen Depressionen selbst, da er sich in einem römischen Hotelzimmer das Leben nahm. Wolff lässt Lamberti zu einem Polizisten mit Herz werden. Neben seiner Arbeit führt er auch noch ein Privatleben, von dem sogar gezeigt wird, wie er mit seiner schönen und unterstützenden Frau (Eva Renzi) Liebe macht. Der „Running Gag“ über den Generationsunterschied zwischen ihm und seinem jüngeren Assistenten (Gabriele Tinti) haucht dem Streifen eine willkommene Brise frischen Humor ein. Tinti macht seine Sache als Mascaranti auch sehr gut. Es handelt sich bei ihm zwar um keinen so gut entwickelten Charakter, der Schauspieler versteht es jedoch die gebotenen Möglichkeiten wunderbar zu nutzen, wobei es ihm gelingt sein Entsetzen und seinen Ekel über einige der unappetitlicheren Aspekte der Ermittlungen bestens zu vermitteln, ohne es dabei zu übertreiben.

Tinti wurde 1932 geboren und gab 1951 sein Filmdebüt. Er spielte in kleinen Rollen in internationalen Produktionen wie Raoul Walshs und Mario Bavas Esther and the King (Das Schwert von Persien, 1960), Robert Aldrichs The Flight of the Phoenix (Der Flug des Phoenix, 1965) und Réne Cléments Le passager de la pluie (Der aus dem Regen kam, 1970). Doch einen Großteil seiner Karriere verbrachte er mit Genre-Material in italienischen Filmen, darunter Streifen wie Bavas Lisa e il diavolo (Lisa und der Teufel, 1972) und eine Reihe von Softcore-Sex-Flicks mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Laura Gemser. Er tauchte sogar im Piloten für Mayberry R.F.D. (1968-1971) auf, einem kurzlebigen Spin-off der beliebten Sitcom The Andy Griffith Show (1960-1968). Tinti würde auch noch in einigen weiteren Gialli erscheinen, darunter Al tropico del cancro (Inferno unter heißer Sonne, 1972) und The Secret of Seagull Island (Killermöven greifen an, 1985). Er starb 1991 im Alter von nur 59 Jahren.

Das wahre Highlight unter den Schauspielern repräsentiert jedoch Raf Vallone, der als gequälter Amanzio eine herausragende Leistung erbringt. Vallone wurde 1916 geboren und hatte ursprünglich gehofft ein professioneller Fußballspieler zu werden, letztendlich verfiel er jedoch der Schauspielerei und gab 1942 sein Filmdebüt. Aus ihm wurde einer der angesehensten und produktivsten Charakterdarsteller Italiens, der in allen Bereichen von Giuseppe De Santis‘ Riso amaro (Bitterer Reis, 1949) und Vittorio De Sicas La ciociara (…und dennoch leben sie, 1960) bis zu Peter Collinsons The Italian Job (Charlie staubt Millionen ab, 1969) sowie Francis Ford Coppolas The Godfather Part III (Der Pate 3, 1990) auftrat. Er blieb bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 aktiv.

Duccio Tessari erblickte 1926 das Licht der Welt. Er trat als Drehbuchautor und Regieassistent in das Filmgeschäft ein und debütierte 1962 als Regisseur. Mit den überragenden Italo-Western Una Pistola per Ringo (Eine Pistole für Ringo, 1965) und Il ritorno di Ringo (Ringo kommt zurück, 1965) erlangte er großen Erfolg und versuchte sich dann in so unterschiedlichen Genres wie poliziotteschi (I bastardi / Der Bastard, 1968), Musicals (Per amore… per magia… / For Love … For Magic, 1967), Swashbucklers (Zorro, 1975) und Gialli wie dem hier besprochenen und Una farfalla con le ali insanguinate (Blutspur im Park, 1971). Während der 80er Jahre, mit dem Zusammenbruch der italienischen Filmindustrie, wechselte er wie so viele seiner Zeitgenossen zu TV-Miniserien. Als begabter Regisseur mit einem Gespür für verschiedenste Themen gelang es Tessari nie sich einen Namen zu machen, wie einige seiner Kollegen es taten, doch sein Werk ist es wert, erkundet zu werden. Er starb 1994 im Alter von 67 Jahren.

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  • Sprache: Italienisch
  • Untertitel: Englisch
  • Anzahl Disks: 1
  • Produktionsjahr: 1970

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 23. September 2020

    […] überhaupt gar nicht benutzt, versteht er es selbstverständlich trotzdem solche Grenzgänger wie Das Grauen kam aus dem Nebel; The Red Queen Kills Seven Times; Sieben Tote in den Augen der Katze; Malastrana; Der Tod trägt […]

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