Das Grauen schleicht durch Tokio / Bijo to ekitai ningen

Rätselhafte Ereignisse erschüttern die Millionenstadt Tokio. Menschen verschwinden spurlos, die Polizei steht ratlos vor einem scheinbar unlösbaren Fall und einer Vielzahl unerklärlicher Phänomene. Während eines Drogendeals wird ein Kleinkrimineller von einem Taxi überfahren. Niemand findet den Verletzten, nur seine Kleidung ist zurückgeblieben. Die überlebenden Mitglieder eines Fischkutters berichten eine unglaubliche Geschichte über ein Geisterschiff in den Gewässern eines nuklearen Testgebiets. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Atombombenversuchen und den unfassbaren Vorfällen in Tokio? Erst mit Hilfe der Wissenschaft findet die Polizei die schauerliche Wahrheit heraus – doch ist es vielleicht bereits zu spät für die Bevölkerung Japans? (Anolis)

Das Grauen schleicht durch Tokio ist eine seltsame, nicht vollkommen gelungene, aber dennoch interessante Kombination aus Film-Noir und Science-Fiction-Horror im Sinne von The Blob. Der Film ist genauso wie die ersten beiden Godzillas oder Rodan eher an ein erwachsenes Publikum gerichtet, im Vergleich zu vielen anderen Streifen recht subtil sowie erschreckender und grausamer als jeder andere Film vom großen Ishiro Honda. Außerdem spielt das Ganze ungewöhnlicher Weise weitgehend in einem ziemlich lasterhaften und gewalttätigen Milieu. Der Aufbau ist zu Zeiten ein wenig umständlich geraten und leidet unter zu vielen Einstellungen der Polizei, die herumsitzt, anstatt zu handeln, doch wenn man der Meinung ist, Toho hätte nur groß angelegte zerstörerische Spektakel mit überdimensionierten Monstern und außerirdischen Eindringlingen gut hinbekommen, dann sollte man sich hier vom Gegenteil überzeugen lassen. Das Grauen schleicht durch Tokio ist der Beste von drei Filmen, die Toho über Menschen gemacht hat, die sich in geheimnisvoll fremde Materie verwandeln. Bei den beiden anderen handelt es sich um The Human Vapour (auch von Honda, 1960) und The Secret Of The Telegian (Jun Fukuda, 1960), zwei Filme, die recht schwer zu finden sind, doch unbedingt ausgegraben werden sollten. Bevor The H-Man entstand, hatten Honda und Toho den kunterbunten Alien-Invasions-Streifen Weltraum-Bestien (1957) kreiert, der offensichtlich für jüngere Zuschauer konzipiert sein sollte. Anscheinend war es die Intention der Produzenten deswegen wieder einmal ein etwas anders geartetes Werk auf die Beine zu stellen. Ein Schauspieler namens Hideo Unagami schrieb die Kurzgeschichte, auf der Takeshi Kimuras Drehbuch basiert. Eine Inspiration für den Plot mag eventuell derselbe Vorfall gewesen sein (wo Seeleute eines japanischen Thunfischbootes einem nuklearen Fallout – wegen eines US-Atombomben-Tests – ausgesetzt waren und verseucht wurden), der zum Teil auch zum ersten Godzilla führte, während sich gleichzeitig deutliche Einflüsse einiger amerikanischer Science-Fiction-Filme offenbaren, denn der Klimax erinnert schon stark an Formicula (1954). Trotzdem behält der Film Vieles seines japanischen Ursprungs bei, was ihn zu einem interessanten Hybriden werden läßt. Er repräsentierte einen weiteren Hit von Toho und wurde von Columbia Pictures für den US-Markt zu einer Zeit gekauft, wo Toho-Filme auf ihrem Höhepunkt der Popularität angelangt waren und große Studios auf den Plan traten. Weltraum-Bestien war bereits 1957 mit viel Erfolg von MGM veröffentlicht worden und 1959 geschah das Gleiche mit Krieg im Weltraum von Columbia und Godzilla kehrt zurück von Warner Brothers.

Der Film nimmt sich seine Zeit, um das fantastische Element einzuführen und konzentriert sich stattdessen zunächst auf Polizei, Gangster und die asiatischen Schönheiten, die im Zentrum dieser Hälfte der Geschichte stehen. Mit spärlich gekleideten Tänzerinnen, die sich im Club der Unterwelt tummeln sowie der singenden Arai (wirklich käsig, trällert sie doch auch im Original in akzentfreiem Englisch?!), die sich auch schon mal ein paar Ohrfeigen einfängt und ständiger Androhung von Gewalt ausgesetzt ist. Man befindet sich hier auf etwas reißerischerem aber gleichzeitig auch realistischerem Territorium als gewohnt. Die düstere Stimmung ergibt sich hauptsächlich aus der Aktion bei Nacht, die oft im strömenden Regen stattfindet. Die Atmosphäre ist wirklich sehr ansprechend und erweckt den Wunsch Honda hätte mal einen „richtigen“ Gangsterfilm gemacht, doch leider kommt Bijo to ekitai ningen beinahe zum Stillstand, wann immer sich auf die Polizei konzentriert wird. Es ist ziemlich amüsant zu beobachten, wie unfähig sich diese immer noch präsentiert, obwohl sie bereits einen virtuellen Beweis dafür erhalten hat, was da eigentlich los ist. Sogar nach der offenbarenden Rückblende hält es Honda noch für Wichtig Szenen mit den Bullen zu zeigen, wie sie zumeist in ihrem Büro sitzen und versuchen irgendetwas auf die Reihe zu bekommen. Als Resultat baut sich recht wenig Impetus auf, obschon sich die Ereignisse nun eigentlich immer spannender gestalten sollten. Konzentriert sich der Film jedoch auf die Kreaturen seines Titels (ja, es gibt mehrere), nimmt er effektiv Fahrt auf. Die Rückblende zu den Matrosen, die das verseuchte Schiff inspizieren, ist ein großartiges Beispiel für den Aufbau schauerlicher Spannung: die Männer durchsuchen das verfallende Schiff, mit ihren schreckerfüllten Gesichtern durch die Laternen von unten angeleuchtet. Abgesehen von einer Szene mit schwacher Animation, kommt der Schleim echt überzeugend rüber, während er in Richtung seiner Opfer „fließt“. Die Sequenzen der sich auflösenden Menschen sind, aufgrund der für damalige Verhältnisse ausgefeilten Tricktechnik, auch erschreckend gut geraten. Außerdem sehen sogar die „Liquid-People“, dank der Pre-CGI-Spezialeffekte, recht gruselig und zumindest teilweise überzeugend aus, wobei der sich „auflösende“ Frosch im Labor noch nicht erwähnt wurde: das Geschöpf schmelzt scheinbar, indem sich Blasen auf ihm bilden, was visuell ziemlich verstörend wirken kann!

Leider spart der Streifen mit Erklärungen über die Entstehung der Monster, da man auf dem Schiff nur sehen kann, wie aufgelöste Opfer scheinbar zu „H-Männern“ werden, doch dieser Aspekt wird weder erklärt noch wieder verwendet, während man die meiste Zeit gerade mal den Schleim sieht und sich zusätzlich wundern muss warum der sich hauptsächlich über die Gangster hermacht, wenn an Land? Anstatt absichtlich zweideutig zu sein, scheint es, dass sich Drehbuchautor Takeshi Kimura nicht darum bemüht hat, die Dinge durchzudenken. Honda zeigt sein wunderbares Talent die Charaktere perfekt in Szene zu setzen und bemüht sich zusätzlich einige ungewöhnliche Kameraeinstellungen infolge einer „wilden“ Auto-Verfolgungsjagd zu präsentieren, während Kazuji Tairas Editing äußerst professionell ist, vor allem in einer Nachtclub-Sequenz, wo fünf Ereignisse gleichzeitig ablaufen. Das Grauen schleicht durch Tokio mag zwar Skript- und Tempoprobleme haben, ist auf technischem Gebiet allerdings sehr gut gelungen. Kenji Sahara und Akihiko Hirata genießen es eindeutig auf dem Weg zu den beiden prominentesten Stars dieser Filme zu sein und nehmen ihre Rollen hervorragend auf. Aus Arais zentralem Charakter wird jedoch zu wenig gemacht; sie mag lieblich sein, wenn sie Balladen im Stil der 40er Jahre singt (auch wenn dabei die Stimme, wie oben bereits erwähnt, überhaupt nicht zu ihr passt) und in atemberaubenden Kleidern im Club umhertänzelt. Ansonsten ist Yumi Shirakawa doch eher schwach in der Rolle, während man nie weiß, was man von dieser Dame halten soll, die ihren Freund verliert, aber sofort zwei andere Männer am Start hat. Ein oder zwei Szenen mit ihr und Masada wären schon schön gewesen. Masaro Satos Score eröffnet mit einem aufdringlich temporeichen Marschenthema, schlägt aber später eine wunderbar jazzige Richtung ein. Nicht alles in Das Grauen schleicht durch Tokio funktioniert, doch der Film ist faszinierend gut gemacht und weiß manchmal ein wirklich lebendiges Gefühl von Grusel zu kreieren. Zum Beispiel die Szene, wo man die leuchtenden H-Männer, die sich in einiger Entfernung auf dem verdunkelten Schiff bewegen, beobachten kann, gehört zu den eindrucksvollsten und gruseligsten Sequenzen in Toho-Filmen.

Anolis Entertainment bringt Das Grauen schleicht durch Tokio im Rahmen ihrer Die Rache der Galerie des Grauens Reihe als Nummer 06 in einer BluRay / DVD-Edition heraus und leistet damit, wie bereits gewohnt, klasse Arbeit. Das Bild präsentiert sich im 2.35:1 / 16:9 Format und sieht absolut toll aus. Es zeigt sich sehr gut restauriert, farbenfroh, enorm scharf und wunderbar detail- und kontrastreich. Beim Ton kann man zwischen den Sprachen Japanisch, Deutsch und Englisch (alle Dolby Digital 2.0 Mono) wählen, wobei deutsche Untertitel zugeschaltbar sind. Außerdem gibt es neben dem deutschen Kinotrailer, einem Werberatschlag, einem Filmprogramm und einer Bildergalerie noch das 16-seitige Booklet, geschrieben von Jörg M. Jedner, zu bestaunen. Die Audiokommentare mit Bodo Traber, Jörg Buttgereit und Alexander Iffländer sowie mit Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner müssen mal wieder als Höhepunkte der Veröffentlichung gewertet werden, versorgen sie den geneigten Zuschauer doch mit einer Fülle an interessanten Informationen über den Film. Fans der Galerie des Grauens Reihen werden ohne Frage Spaß an Das Grauen schleicht durch Tokio haben.

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  • Darsteller: Yumi Shirakawa, Kenji Sahara, Akihiko Hirata
  • Regisseur: Inoshiro Honda
  • Sprache: Japanisch (DTS HD 2.0 Mono), Deutsch (DTS HD 2.0 Mono), Englisch (DTS HD 2.0 Mono)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1958
  • Spieldauer: 87 Minuten

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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