Das mörderische Paradies / The Mean Season

Ein Zeitungsartikel über den Mord an einem Teenager bringt dem abgebrühten Sensationsreporter Malcolm Anderson (Kurt Russell) einen neuen Fan ein: den Mörder. Die Polizei drängt Anderson, die makabre Beziehung nicht abzubrechen. Er erhält exklusive Informationen über weitere Morde, und seine reißerischen Berichte machen ihn schnell berühmt. Doch mit dem Erfolg des Journalisten wächst auch die Eifersucht des Täters. Um den Preis des Ruhmes zu erhöhen, entführt der die Freundin (Mariel Hemingway) des Reporters… (OFDb Filmworks)

Während Das Mörderische Paradies nicht perfekt ist (der Film hat auch ein paar Mängel), stellt er dennoch ein effektives und bemerkenswertes Werk dar – einen Streifen, dem es gelingt sein Publikum zu verunsichern und unerträglich nahe an den kranken Verstand eines Wahnsinnigen heranzuführen. Für diejenigen, die bereit sind, dieses einhundertvierminütige Filmprojekt anzugehen, wird sich ein filmisch starker Cocktail entfalten. Das Thema geht an die Nerven und scheint aus Albträumen entsprungen zu sein. Der Film repräsentiert eine Adaption von John Katzenbachs Bestseller In the Heat of the Summer, der etwas zu detailreich gestaltet und viel zu träge in Bezug auf seine Prosa ist. Wieder einmal ist ein Serienmörder am Werk, diesmal in Miami, während der gerade begonnenen Hurrikan-Saison (daher der Originaltitel des Films). Kurt Russell verkörpert den Miami Herald-Reporter Malcolm Anderson, der gerade erst von einer Reise nach Greeley, Colorado, zurückgekehrt ist, da er beabsichtigt umzuziehen, um Chefredakteur der dortigen Wochenzeitung zu werden. Als langjähriger Veteran der berüchtigten Verbrechensszene Miamis ist er ausgebrannt und mental erschöpft, wie er auch seinem Herausgeber (Richard Masur, der 1982 mit Russell im Remake von Das Ding aus einer anderen Welt mitwirkte) mitteilt: „Ich möchte meinen Namen nicht mehr in der Zeitung neben Bildern von Leichen sehen“. Natürlich, wie es im Filmland nun mal so ist, kommt es zu gefährlichen Konflikten, die die ursprünglichen Pläne des Protagonisten zunichte machen. Hier wird der Konflikt durch einen anonymen Anrufer (der sich bei Malcolm in der Redaktion meldet) und dessen Geständnis ausgelöst, er sei derjenige, der für die Ermordung eines Teenagers verantwortlich ist. Der Beweis für diese Behauptung ist bald erbracht, weswegen sich Malcolm in einer äußerst ungewöhnlichen beruflichen Situation wiederfindet: nämlich die eines Reporters, der maßgeblich in die Geschichte involviert ist, die er erzählt. Der Mörder – ein Mann mittleren Alters mit Babygesicht namens Alan Delour (brillant gespielt von dem bereits verstorbenen Richard Jordan) – verspricht, bis zum Ende der Woche vier weitere Opfer zu präsentieren. Wie das Publikum zu seinem Entsetzen feststellen muss, begeht Alan diese Morde nicht aus Verachtung den Opfern gegenüber, sondern aufgrund einer Gesellschaft, die ihn seiner Meinung nach nicht richtig wahrnimmt.

Wie der Kritiker David Denby im New York Magazine scharfsinnig bemerkte, stellt The Mean Season eine Parabel vom amerikanischen Ehrgeiz/Traum dar: Alan in seinem Bestreben, in den Augen der Öffentlichkeit als bemerkenswert angesehen zu werden; und Malcolm bei der Verwirklichung seines Traums, endlich sein eigenes „Watergate“ zu haben. Verständlicherweise ist Alan empört, als Malcolm die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht – er erscheint im Time Magazine und in den überregionalen Nachrichten. Alan hat die Freuden des Lebens irgendwie verpasst, da er sich zu sehr darum sorgt, wie er von den Menschen wahrgenommen wird; seine selbstverzerrende Denkweise hat ihn ironischerweise von der Gesellschaft isoliert, von der er sich Akzeptanz erwünscht. Man könnte sich ihn zwar leicht als einen liebevollen Familientyp, einen fürsorglichen Vater, einen treuen Ehemann und ein verantwortungsbewusstes, bürgerliches und rechtschaffendes Mitglied seiner Gemeinde vorstellen, doch abgesehen davon, dass er psychisch krank ist, ist er einfach zu sanftmütig und emotional unsicher, um gut mit dem anderen Geschlecht zu harmonieren. Er repräsentiert die Art von Typ, den viele Frauen leicht manipulieren und ausnutzen können und den seine Arbeitskollegen als uneingeschränktes Mobbing-Opfer ansehen. Ähnlich dem Serienmörder Francis Dollarhyde in Michael Manns Manhunter (Blutmond), tritt Alan Delour wie ein trauriges und erbärmliches Kind auf, wobei Richard Jordan die perfekte Besetzung für diesen Charakter darstellt. Am besten in Erinnerung geblieben als Michael J. Foxs lüsterner Onkel in Das Geheimnis meines Erfolges und als listiger Sicherheitsberater in Jagd auf Roter Oktober, spielt Jordan hier so konzentriert und hemmungslos, sodass es ihm gelingt sich mit erstaunlicher Leichtigkeit in dieses unglaublich interessante menschliche Monster zu verwandeln. Alle seine Aktionen geschehen unerwartet – es entsteht das Gefühl, er hätte die nächste Seite des Drehbuchs nicht gelesen – und seine Bereitschaft sich diversen Seelenstrips hinzugeben, zieht den Zuschauer in seinen Bann. Man kann den inneren Tumult dieses höllisch beängstigenden, faszinierenden und hilflosen Menschen förmlich spüren. Sobald Jordan auf dem Bildschirm erscheint, ist es unmöglich den Blick von ihm abzuwenden, so sehr man es eventuell auch möchte, während er es hervorragend versteht etwas rüberzubringen, was nur wenigen Filmschurken vor ihm überzeugend gelungen war: einen Mann zu porträtieren, dessen Zurechnungsfähigkeit sich direkt vor den Augen des Publikums in Luft auflöst. Solange sich der Film auf die Beziehung zwischen Malcolm und Alan konzentriert, ist er als meisterhaft zu bezeichnen (wobei auch hilft, dass man Alans Gesicht erst nach der Hälfte der Laufzeit zu sehen bekommt, was enorm zu seiner Rätselhaftigkeit beiträgt). Doch wenn das Thema journalistischer Ethik in den Vordergrund rückt, gerät der Streifen ins Straucheln, denn Drehbuchautor Leon Piedmont verstößt gegen eine wichtige Grundregel des Dramas: anstatt einen bestimmten Konflikt zwischen Alan und Malcolm aufzulösen, überblendet er ihn, wodurch die Bedrohung und die daraus entstehenden Folgen einfach aufgehoben werden.

Dabei hilft auch nicht, dass die talentierte Mariel Hemingway in der zweifelhaften Rolle von Malcolms sorgenvoller Freundin Christine besetzt ist. Sie dient dem Publikum lediglich als Stellvertreterin für die angebliche Stimme der Vernunft und als Sprachrohr für Piedmont, wenn es darum geht, Malcolms fragwürdige Motive und Handlungen zur Sprache zu bringen. Es handelt sich um eine praktisch unspielbare Figur, wobei Hemingway nichts anderes als Schrillheit, Augenbrauen und Silikon zeigen kann und währenddessen rüberkommt, als wäre sie zu heiß gebadet worden. Zusätzlich gestalten sich die Szenen im letzten Drittel extrem vorhersehbar, wobei der Spannungsaufbau durch die Unplausibilität des Follow-Through verdorben wird. So störend und offensichtlich diese Mängel auch sein mögen, Das Mörderische Paradies schafft es dennoch, das Publikum die ganze Zeit über gefangen zuhalten. Regisseur Phillip Boros, der sich auch für die wunderschöne kanadische Charakterstudie Der Fuchs (mit Richard Farnsworth) verantwortlich zeichnet, versteht es wirklich ausgezeichnet, eine schicksalsbeladene atmosphärische Textur sowie ein anhaltendes Gefühl der Bedrohung und Angst aufzubauen, wenn man bedenkt, dass nur sehr wenig bis gar kein blutiges Gemetzel tatsächlich gezeigt wird. Mit Hilfe Frank Tidys suggestiver Kinematografie (die Aufnahmen der wütenden Gewitterwolken sind einfach umwerfend) und der Bereitschaft, das schreckliche Geschehen weitgehend im Off stattfinden zu lassen, gelingt es Boros die vollkommene Sinnlosigkeit der Morde deutlicher zu akzentuieren und verstörender zu implizieren. In einer großartig inszenierten Sequenz erscheinen Polizei und Malcolm am Tatort des vierten Opfers und erblicken (genauso wie das Publikum) die 20 bis 30 Meter entfernte und zugedeckte Leiche. Vom nahen bekommt man den toten Körper nicht zu sehen, doch stattdessen konzentriert sich Boros gewitzt auf ein weinendes Baby, das überlebende Kind der ermordeten Frau. Die Schreie des Kindes gehen direkt ins Mark und unterstreichen die Sinnlosigkeit des Mordes auf eindringlichste Art und Weise. Tatsächlich wird nicht ein einziger Mord graphisch dargestellt, sondern nur die sich daraus ergebenden Folgen, was sich als viel beunruhigender erweist, weil man sich gezwungen sieht die Morde in Gedanken nachzuspielen. Dies ist sicherlich unangenehm, jedoch allerdings unerlässlich, wenn man dieselben Informationen entdecken und verarbeiten möchte, wie Malcolm es tun muss.

Ein großspurigerer Regisseur hätte die Spannung wahrscheinlich noch etwas (künstlich) in die Höhe treiben können, was allerdings überhaupt nicht notwendig ist, denn bis auf die letzten zehn Minuten befindet sich Malcolm nie in unmittelbarer Gefahr. Ihn in artifiziell erschaffene Gefahrensituationen geraten zu lassen wäre billiges Kino, weshalb die beiden im Film vorkommenden Jump-Scare-Szenen als umso bedauerlicher zu bewerten sind. Bewundernswerterweise verziert Boros sein Material mit einem schnörkellosen, professionellen Stil, der jedoch die Aufmerksamkeit der Zuschauer niemals vollkommen auf sich zieht. Es gibt nur sehr wenig Außergewöhnliches an Kameraarbeit zu bestaunen, was von der Unmittelbarkeit der Erzählung ablenken und distanzieren könnte. Nach der Veröffentlichung des Films hätte Boros in die Spitzengruppe der amerikanischen Regisseure befördert werden sollen aber Das Mörderische Paradies wurde vom Publikum eher schlecht als recht aufgenommen und sein nächster Film sollte der unbeholfene Weihnachtsfilm für Kinder Wenn Träume wahr wären (1985) mit Harry Dean Stanton werden. Phillip Boros verstarb nur wenige Jahre später. Das Mörderische Paradies ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, doch der Film wird sich auch für diejenigen lohnen, die sich nicht besonders für dieses bestimmte Sub-Genre interessieren. Neben Kurt Russell und Richard Jordan treten noch weitere erstklassige Schauspieler auf, wobei Andy Garcia und Richard Bradford als ermittelndes Polizeiduo gut harmonieren (sie würden fünf Jahre später für den glänzenden Crime Thriller Internal Affairs – Trau‘ ihm, er ist ein Cop wieder zusammenfinden). Man sollte auch bedenken, dass The Mean Season eher charakterbezogen als handlungsorientiert angelegt ist. Klar, der Charakter, der diese Geschichte vorantreibt, ist ein vollwertiger Sozio- sowie Psychopath, aber heutzutage muss man eben nehmen, was man bekommen kann. Zwischen Alan Delour und einer tödlich langweiligen Figur aus einem geistlosen Superheldenfilm, welche die Handlung festlegt, werde ich mich jedes Mal für den pervertierten Irren entscheiden.

OFDb Filmworks veröffentlicht Das Mörderische Paradies in einer Limited Special 2-Disc-Mediabook-Edition (zwei verschiedene Cover) auf BluRay und DVD. Das Bild (1.85:1, auf DVD 16:9 anamorph) ist auf beiden Scheiben als vollkommen zufriedenstellend bis wirklich gut zu bezeichnen. Beim Ton gibt es bei den beiden verfügbaren Spuren (deutsch, englisch BluRay Linear PCM 2.0; DVD Dolby Digital 2.0) auch keinen Grund zur Beschwerde, sie lassen sich auf BluRay sowie auf DVD wunderbar hören. Deutsche Untertitel sind auf Wunsch auch zuschaltbar. Die Boni bestehen aus dem deutschen sowie dem englischen Kinotrailer und einem genauso informativen, wie unterhaltsamen und abwechslungsreichen Booklet-Text von Stefan Jung. Somit kann die Veröffentlichung als enorm gelungen bezeichnet werden.

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Darsteller: Kurt Russell, Mariel Hemingway, Andy Garcia, Richard Jordan, Richard Masur
Regisseur(e): Phillip Borsos
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: OFDb Filmworks
Produktionsjahr: 1985
Spieldauer: 104 Minuten

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Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von OFDb Filmworks zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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