Das Syndikat / La polizia ringrazia / Execution Squad

Italien in den frühen Siebzigern. Es sind raue Zeiten und raue Zeitgenossen treiben ihr Unwesen auf den Straßen Roms. Oftmals werden von der Polizei gefasste Verbrecher aufgrund von Beweismangel und geschickten Verteidigern wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei einem Überfall erschießen zwei Ganoven unschuldige Passanten. Mario Bertone, Hauptkommissar des römischen Morddezernats, tappt erstmals auf der Suche nach den Tätern im Dunkeln. Während der unberirrbare Bertone seiner Arbeit nachgeht, erscheint nachts plötzlich eine mysteriöse Gruppe auf den Straßen Roms. Ihr Ziel ist es, die freigelassenen Verbrecher auf bestialische Art und Weise zu exekutieren … (Colosseo Film)

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Rom. Zwei junge Männer, Michele Settecamini (Jürgen Drews) und Mario Staderini (Piero Tiberi als Pietro Tiberi gelistet), versuchen ein Juweliergeschäft zu überfallen. Das Ganze geht jedoch gehörig schief, weswegen Michele die Besitzerin und einen Passanten erschießt, der ihn aufhalten wollte. Kommissar Bertone (Enrico Maria Salerno) wird mit dem Fall betraut, muss sich aber vielen Schwierigkeiten stellen. Nachdem seine Männer einen Verdächtigen verprügelt haben, wird Bertone sogar vom stellvertretenden Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf) persönlich unter die Lupe genommen. Mario wird von einem Selbstjustiz-Exekutionskommando, der selbsternannten „Anonyme Antikriminalität“, ausfindig gemacht und umgebracht. Das gleiche Schicksal soll auch Michele ereilen, doch Bertone rettet ihm das Leben. Dieses Exekutionskommando ermordet auch noch andere Kriminelle, um somit die öffentliche Meinung zu manipulieren und den Weg für eine sich langsam entwickelnde faschistische Diktatur zu ebnen. Bertone findet heraus, dass die Truppe von den Behörden manövriert wird. Als er den arglosen Chef der „Anonyme Antikriminalität“, Ex-Polizeichef Stolfi (Cyril Cusack), verhaften will, wird der Kommissar von einem Scharfschützen erschossen. Ricciuti verkündet daraufhin, er werde sein Bestes tun, um die für den Mord Verantwortlichen strafrechtlich zu verfolgen, unter denen sich auch Bertones Assistent Santalamenti (Ezio Sancrotti) befindet.

Viele Kritiker bezeichnen Das Syndikat als den Grundstein für das Etikett poliziotteschi, den sogenannten Initiator eines Genres, wobei der Film für manche eines seiner wenigen würdigen Exemplare repräsentiert, bevor ein progressiver Verfall einsetzte. Eigentlich stellt Stefano Vanzinas Film nur eine logische Fortsetzung der Metamorphose des politischen Kinos dar, die mit Damiano Damianis Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert, 1971) begann, der explizit auf den Trend eines bürgerschaftlichen Engagements hinweist. Genauso wie Das Syndikat: Kommissar Bertone (der aufgrund seiner eigenwilligen Methoden und geringen Achtung vor Machtstrukturen von der Presse hart ins Gericht genommen wird) deckt auf, dass das mysteriöse Exekutionskommando, das jegliche Art von Kriminellen eliminiert, eine subversive rechte Organisation repräsentiert, die mit den Institutionen unter einer Decke steckt. Zum ersten Mal in seiner Karriere legte Stefano Vanzina (1915 – 1988) sein übliches Pseudonym Steno ab, das er seit seinem Filmdebüt 1949 für seine vorherigen 46 Filme als Regisseur verwendet hatte. Für den Filmemacher bedeutete es eine radikale Abkehr von seinem Lieblingsgenre – der Komödie, wobei das Resultat bereits die Elemente vereint, die für das sich langsam entwickelnde Genre der poliziotteschi obligatorisch werden sollten, sich hier allerdings noch in einer embryonalen, schwebenden Phase befinden.

Wie Damiani in Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert, nimmt auch Vanzina in Das Syndikat die Sichtweise eines Polizisten ein, der ein Gefühl von Ohnmacht vermittelt, weil er seinen Job unmöglich angemessen ausführen kann. Im Gegensatz zu Damianis Film wird Bertone jedoch nicht aufgrund der Begünstigung der Mafia in manchen Ämtern behindert, sondern wegen des Mangels an Männern, Mitteln und Gesetzen. Darüber hinaus scheint die Presse ständig bereit zu sein, Polizeikräfte ins Visier zu nehmen. In der eventuell didaktischsten Sequenz des Films spendiert Bertone einer Gruppe von Journalisten eine nächtliche Rundfahrt durch Rom und erklärt ihnen währenddessen, wie sich Kriminelle dank der Reformen der Strafprozessordnung und der Polizeivorschriften gegen die Autoritäten durchsetzen können. Es handelt sich dabei um einen Moment, der an die frühen Sequenzen aus Banditi a Milano (Die Banditen von Mailand, 1968) erinnert, in denen Tomas Milian die vielen Gesichter der Mailänder Unterwelt illustriert. „Uns sind die Hände gebunden, Straftäter machen sich über uns lustig und Journalisten behindern unsere Arbeit“, verkündet Bertone. „Es ist alles vorbei, wenn man nicht reagiert […] wir wären alle Geiseln in den Händen der Unterwelt!“ Solche Schlagworte sollten sich zu wiederkehrenden Phrasen in kommenden poliziotteschi entwickeln.

Der scheinbar reaktionäre Ansatz des ersten Teils von Das Syndikat verkehrt sich jedoch im zweiten Teil in sein genaues Gegenteil, der beschreibt nämlich die Geburt und Verbreitung neofaschistischer Mentalität und Praktiken auf allen Ebenen. Was auch der Fall mit dem mysteriösen Exekutionskommando ist, das all jene Kriminellen tötet, die dem Netz der Justiz entkommen konnten oder aufgrund von Verfahrensfehlern freigelassen werden mussten. Die Idee eines substanziellen subversiven Plans stellt ein typisches Element von Verschwörungsfilmen dar, das später in nachfolgenden poliziotteschi wie zum Beispiel Sergio Martinos La polizia accusa: il servizio segreto uccide (Die Killermafia, 1975) wieder auftauchte. Der Drahtzieher hinter diesem neofaschistischen Wiederaufleben ist ein Mann, der über jeden Verdacht erhaben ist, der ältere ehemalige Polizeichef Stolfi (Cyril Cusack) zieht im Hintergrund die Fäden. Während Stolfi ein verzerrtes Bild von Recht und Ordnung repräsentiert, stellt Bertone einen der letzten einer Spezies am Rande des Aussterbens dar, „der richtige Mann auf der falschen Seite“, verkündet Stolfi nach Bertones Ermordung. Der Kommissar befindet sich von links genauso weit entfernt, wie von rechts, von Progressiven sowie Reaktionären; leider verschafft er sich erst zu spät einen politischen Überblick, wobei er in dem Moment, in dem er es tut, stirbt.

Das Syndikat repräsentiert einen Film, in dem die Erzählung auch eine Botschaft in sich trägt – der Faschismus findet fruchtbaren Boden in den Irrtümern der Demokratie, besonders im Bereich des Gesetzes. Sogar Nebenfiguren stammen aus dem Politkino, so wie der aufrechte Magistrat Ricciuti (Mario Adorf), der behauptet „Ich kann nicht einfach nur glauben … Ich brauche Beweise!“ und einen Klon von Franco Neros Charakter aus Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert darstellt. Doch im Gegensatz zu Damianis Film lässt Vanzina Zweifel aufkommen: Ist Ricciutis übertriebener Diensteifer das Ergebnis einer stumpfsinnigen Lektüre des Strafgesetzbuchs oder ein Hinweis auf sein stillschweigendes Einverständnis mit der neofaschistischen Verschwörung. Vanzina selbst scheint sich nicht ganz sicher zu sein, oder vielleicht möchte er auch einfach nur vermeiden, dass der Film auf so niederschmetternde Art und Weise endet. Letztendlich scheint Ricciuti aus seiner bisherigen Laxheit aufzuwachen. Doch Adorfs letzter Monolog ist als eine unausgegorene, nicht besonders überzeugende Meuterei zu bezeichnen, die ein Gefühl der Ohnmacht hinterlässt. Während das Spiel „Das Überleben des Stärkeren“ in politischen Filmen bisher nur durchzustehen war, wenn man seinen Blick senkt und Ungerechtigkeit resigniert hinnimmt, so wie Franco Nero in Damiano Damianis Gefängnisdrama L’istruttoria è chiusa: dimentichi (Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!, 1971) und Marcello Aliprandis Corruzione al palazzo di giustizia (Korruption im Justizpalast, 1975), sollten die poliziotteschi zu einem anderen Fazit kommen: Wo das Gesetz nichts zählt, werden Waffen sprechen.

Eine solche Lösung kommt Bertone nicht einmal im Entferntesten in den Sinn. Er verkörpert einen kultivierten, reflexiven Mann, der keine Waffen benutzt („Meine Pflicht ist es Verbrecher zu fangen, verurteilen muss sie das Gericht.“), eben die Art von Detektiv, die im italienischen Krimi-Genre ziemlich schwer zu finden ist, weil er Kriminalkommissar Maigret mehr ähnelt, als jedem anderen Detektiv in der Literatur- bzw. Filmgeschichte. Das liegt teilweise auch am Hauptdarsteller, dem damals 46-jährigen Enrico Maria Salerno, ein Schauspieler, dessen Stimme, Auftreten und nüchterne Eleganz an Vaterfiguren wie Kommissar Ingravallo aus Pietro Germis Un maledetto imbroglio (Unter glatter Haut, 1960) oder Kommissar Fioresi aus Damianis Il rosetto (Unschuld im Kreuzverhör, 1960) erinnert (beide von Pietro Germi gespielt), aber sicherlich keine Ähnlichkeit mit zeitgenössischen amerikanischen Vorbildern wie Harry Callahan oder „Popeye“ Doyle hat. Reif, gutaussehend sowie in der Lage nonchalant vom Autorenkino (Roberto Rosselinis Era notte a Roma / Es war Nacht in Rom, 1960; Antonio Pietrangelis Io la conoscevo bene / Ich habe sie gut gekannt, 1965) zu populären Genres (Vittorio Cottafavis Ercole alla conquista di Atlantide / Herkules erobert Atlantis, 1961; Damiano Damianis Crepa tu… che vivo io! / Bandidos, 1968) zu wechseln, wurde Salerno wahrscheinlich aufgrund seiner Rolle als Polizeikommissar in Dario Argentos Debüt L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) ausgewählt, der in Italien einen Überraschungshit darstellte.

Die Unterschiede zwischen Das Syndikat und den kommenden poliziotteschi sind jedoch offenkundig. Zum einen hinterfragt sich Bertone innerhalb seiner Rolle als Polizeikommissar immer wieder selbst, während die zukünftigen „Eisernen Kommissare“ zuerst schießen und erst dann Fragen stellen werden. In welchem Bereich Vanzinas Film jedoch ins Stottern kommt, ist der des Actiondepartments. Die Sequenz, in der Jürgen Drews mit einer Geisel auf seinem Motorrad von Polizeiautos gejagt wird, ist ungeschickt – wenn nicht sogar schlecht – konzipiert und ausgeführt worden. Dennoch wurde Das Syndikat zu einem unerwarteten Kassenschlager, wobei der effektvolle, sarkastische Titel (wörtlich: Die Polizei dankt) vom Publikum sofort begeistert aufgenommen wurde. Vanzinas Film startete das, was die beliebteste sowie kommerziell fruchtbarste filmische Strömung des Jahrzehnts werden sollte, ein beliebtes Genre, das geschlossen, um wiederkehrende Figuren herum strukturiert und in einer authentischen produktiven Serie organisiert war.

Der mutmaßliche Vater des Genres würde seine Nachkommen jedoch im Stich lassen. Trotz des kommerziellen Erfolgs von Das Syndikat änderte Steno seinen Kurs und kehrte nur tangential zum Genre zurück – diesmal unter seinem üblichen Pseudonym – mit Piedone lo sbirro (Sie nannten ihn Plattfuß, 1973), wo es ihm gelang, Krimi und Komödie zu vermischen und somit einen Polizisten zu kreieren, der prügelt und schlägt anstatt zu schießen. Dieser prügelnde Polizist hat das große bärtige Gesicht und die riesigen Hände sowie den Körper von Bud Spencer, dem Helden der Komödien-Western. Mit La poliziotta (Policewoman, 1974) kehrte Steno zur reinen Komödie zurück, mit einer paradoxen Geschichte, die Korruption und Unterschlagung porträtiert, die der vieler „ernsthafter“ Krimifilme nicht allzu unähnlich ist.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur:‎ Vanzina, Stefano
  • Medienformat: Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 38 Minuten
  • Darsteller: Salerno, Enrico Maria, Drews, Jürgen, Adorf, Mario, Melato, Mariangela, Cusak, Cyril
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Studio: Colosseo Film

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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