Das unheimliche Auge / Le foto di Gioia / Delirium: Photos of Gioia

Die attraktive Gloria, ein ehemaliges Fotomodell, wurde durch den Unfalltod ihres Ehemanns nicht nur sehr reich, sondern auch Besitzerin des großen und erfolgreichen Erotik-Magazins “Pussycat”. Nun wählt sie zusammen mit ihrer Freundin Evelyn, ihrem Bruder Toni und dem Fotografen Roberto die Topmodelle für ihr Magazin aus. Doch plötzlich werden ihre Models nacheinander Opfer eines wahnsinnigen Killers, und nach jedem Mord erhält die Agentur Fotos, die die bestialisch zugerichteten Opfer vor einem Plakat mit dem Bild Glorias zeigen. Die Auflage des Magazins steigt mit zunehmender Zahl der Morde, und Gloria ist fest davon überzeugt, das nächste Opfer zu sein… (cmv-laservision)

Bei Das unheimliche Auge dürfte es sich um Lamberto Bavas seltsamsten giallo handeln. Ob man dies nun zugunsten des Films sehen kann, ist allerdings umstritten. Das Drehbuch, von Gianfranco Clerici und Daniele Stroppa verfasst, nutzt die Welt der Mode als Kulisse. Dieses Thema der oberflächlichen Schönheit, die von einem gestörten Geist brutal zerstört wird, reicht im Bereich des italienischen giallo Films bis zu Mario Bavas 6 donne per l’assassino (Blutige Seide, 1964) zurück und wurde sicherlich von vielen Filmemachern verwendet, darunter Carlo Vanzina Sotto il vestito niente (Nothing Underneath, 1985) und Dario Argento (Giallo, 2009). Von der Grundstruktur her gibt es hier nichts wirklich Neues zu entdecken, doch Lamberto Bava bringt etwas ausgesprochen Skurriles ins Spiel. Der Regisseur deutete einst an, dass er nie eine starke Affinität zum filone des giallo gehabt habe und lieber Horror-Filme wie Dèmoni (Dämonen 2, 1985) drehte.

Um bei sich selbst Begeisterung für das Projekt zu wecken und dem Ganzen einen persönlichen Stempel aufzudrücken, beschloss Bava die Sichtweise des Mörders zu sondieren. Wobei sich der Regisseur nicht damit begnügte, nur die üblichen subjektiven Kameraeinstellungen zu verwenden, sondern die Anwesenheit des Mörders durch pulsierendes farbiges Licht zu signalisieren. Außerdem hatte er die Idee zu zeigen, wie der Mörder seine Opfer wahrnimmt, indem er diese mit grotesken, extravaganten Visagen versah: Das Gesicht einer Frau wird von einem riesigen, einzelnen Augapfel dominiert, während eine andere mit dem Kopf einer Biene dargestellt wird. Dieses Unterfangen repräsentiert wahrscheinlich den riskantesten Schritt, den ein giallo Regisseur je unternommen hat, seitdem Lucio Fulci seinen Psychopathen in Lo squartatore di New York (Der New York Ripper, 1982) wie eine Ente quaken ließ, wobei das Ergebnis mehr Hohn als Spott … ähm … Anerkennung generierte. Ein Teil davon ist auf die zugegebenermaßen billig aussehenden Masken zurückzuführen, die von Make-up-Künstler Rosario Prestopino und seiner Crew entworfen wurden, wobei die Idee selbst bereits bestenfalls schwierig umzusetzen war und einfach nicht so gut rüberkommt, wie Bava es beabsichtigt hatte.

Das unheimliche Auge repräsentiert einen der wenigen Filme, die Bava drehte, bei denen er genügend Zeit und Geld hatte, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Abgesehen von dem liebenswert bizarren, jedoch schäbigen Killers-POV-Gimmick kann man das auch leicht nachvollziehen. Die Produktionswerte gestalten sich sehr professionell, während Gianlorenzo Battaglias Kinematografie als entzückend zu bezeichnen ist. Die meisten Effekte erweisen sich als ziemlich gut gemacht, während die Geschichte als genügend fesselnd beschrieben werden kann, obwohl sie nichts Neues in die bewährte Formel einzubringen vermag. Bava inszeniert den Film mit Sparsamkeit sowie Stil und wenn auch die Softsexszenen aufgrund einiger unkluger Zeitlupenfotografie ein wenig abgedroschen wirken, werden die verschiedenen Schockmomente gut umgesetzt und angemessen in das fertige Produkt integriert. Der Film wurde letztendlich als Schaufenster für seine schöne Hauptdarstellerin Serena Grandi konzipiert. Ihr spektakulärer Körperbau hatte sie in der italienischen Erotikszene populär gemacht, doch mit Das unheimliche Auge wollte sie sich als ernsthaftere Schauspielerin etablieren.

Leider ist sie den Herausforderungen der Rolle nicht gewachsen. Ihr Hintergrund als Model und Erotikfilmstar spielt zwar eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung des Films mit der Modewelt, doch ihr fehlen die schauspielerischen Fähigkeiten, um die Figur richtig zum Leben erwecken zu können. Der Star verbringt einen Großteil des Films damit, eher zu posieren als zu emotisieren und obwohl dies auf unbeabsichtigte Art und Weise zum Subtext des Streifens beiträgt, tut es ihm darüber hinaus keinen Gefallen. Grandi wurde 1958 in Bologna geboren und gab 1980 ihr Filmdebüt. Zu ihren ersten Filmen gehört Joe D’Amatos berüchtigter Anthropophagus (Der Menschenfresser, 1980), wo sie unter dem Namen Vanessa Steiger aufgeführt wurde und auch in der berüchtigtsten Szene des Films auftaucht, in der ihre schwangere Figur von dem Monster (gespielt von Luigi Montefiori, der auch hier auftritt) erledigt wird, das daraufhin den Fötus aus ihrem Leib reißt, um sich daran zu laben. Danach konzentrierte sie sich mehr auf sexy und / oder komödiantische Rollen. Tinto Brass besetzte sie zum Beispiel als Miranda (Miranda – Die Wirtin vom Po, 1985), was ihren Bekanntheitsgrad noch weiter ansteigen ließ, während Luigi Cozzi sie in Le avventure dell’incredibile Ercole (Die Abenteuer des Herkules – 2. Teil, 1985) zum Einsatz brachte.

Sie trat später in gialli wie Delitto passionale (Crime of Passion, 1994) und La strana storia di Olga ‚O‘ (The Strange Story of Olga O, 1995) auf. Zuletzt war sie in Paolo Sorrentinos Oscar-prämiertem La grande bellezza (La Grande Bellezza – Die große Schönheit, 2013) zu sehen. Zu den Nebendarstellern gehört der englische Schauspieler David Brandon (richtiger Name David Haughton) als Fotograf, der unter Verdacht gerät. Er wurde 1940 geboren und begann auf der Bühne zu schauspielern, bevor er sein Filmdebüt in Derek Jarmans Jubilee (1978) gab. Er begann in den frühen 80er Jahren in italienischen Filmen aufzutreten und pendelte seitdem zwischen Italien und Großbritannien hin und her. Brandons Flair, zwielichtige Typen zu spielen, sollte in anderen gialli zu gutem Einsatz kommen, einschließlich des oben erwähnten La strana storia di Olga ‚O‘ und Deliria (Aquarius – Theater des Todes, 1987), doch seine Filmkarriere kam danach mehr oder weniger zum Erliegen, da er sich fortan eher aufs Theater konzentrierte, wo er auch Regie führte. Daria Nicolodi liefert eine gute Vorstellung als Glorias hingebungsvolle Assistentin ab, während Luigi Montefiori, wie bereits erwähnt, zur Stelle ist, um einen von Glorias ehemaligen Liebhabern zu spielen, der plötzlich wieder auftaucht und ihre Romanze wieder aufleben lässt.

Montefiori wurde normalerweise als Rohling und Schläger besetzt, weswegen es zur Abwechslung mal schön ist ihn in einem romantischeren Kontext zu sehen, obwohl sein Charakter nur schlecht entwickelt worden ist und seine Szenen wie eine Art Nebenhandlung rüberkommen, die nirgendwohin führt. 1942 in Genua geboren, begann er als Künstler, bevor es ihn in die Welt der Filme zog. Seine imposante Größe (ca. 2,05 Meter) und sein muskulöser Körperbau machten ihn zu einem idealen Kandidaten für Italo-Western, wo er bald in Filmen wie Bill il taciturno (Django tötet leise, 1967) und L’ultimo killer (Rocco – Ich leg‘ dich um, 1967) auftrat. Federico Fellini besetzte ihn als Minotaurus in seinem antiken römischen Epos Fellini – Satyricon (Fellinis Satyricon, 1969), während Mario Bava ihm wohl seine beste Rolle in dem düsteren Entführungsthriller Cani arrabbiati (Wild Dogs, 1974) als psychotischer Verbrecher 32 spendierte (so genannt aufgrund seines beeindruckenden Gliedes). Montefiori spielte auch in Filmen wie Enzo G. Castellaris 1990: I guerrieri del Bronx (The Riffs – Die Gewalt sind wir, 1982), Sergio Martinos 2019 – Dopo la caduta di New York (Fireflash – Der Tag nach dem Ende, 1983) und Bruce Beresfords King David (König David, 1985), in dem er Goliath und Richard Gere David verkörpert.

Oft unter dem Pseudonym George Eastman aufgeführt, spielte er unter seinem richtigen Namen in Filmen mit, auf die er sehr stolz ist, darunter Fellinis Satyricon, Wild Dogs und König David. Montefiori fungierte auch als ein produktiver Drehbuchautor; zu seinen Verdiensten in diesem Bereich gehören der bereits erwähnte Anthropophagus, in dem er auch den kannibalischen Mörder mimt sowie Michele Soavis Aquarius – Theater des Todes. Er versuchte sich auch als Produzent und Regisseur, ist aber seit Anfang der 2000er Jahre im Filmbereich inaktiv. Der knabenhafte Karl Zinny spielt Glorias verkrüppelten Nachbarn Mark. Er verrichtet anständige Arbeit, obwohl die Neigung des Charakters, Gloria mit dummen Telefonanrufen zu nerven, auch beginnt dem Publikum auf die Nerven zu gehen. Zinny wurde 1964 geboren und trat ab Ende der 70er Jahre in Filmen auf. Lamberto Bava besetzte ihn schnell hintereinander in mehreren Rollen – Dèmoni (1985) und Una notte nel cimitero (Graveyard Disturbance, 1987, innerhalb der Fernsehserie Brivido giallo, die von 1987 bis 1989 lief) – doch seine Karriere kam nie richtig in Schwung.

Ein weiteres bekanntes Gesicht aus Bavas Filmen ist Lino Salemme, der den Polizeiinspektor spielt. Salemme stellt mit seinem muskulösen Körperbau und seiner zwielichtigen Erscheinung eine ungewöhnliche Besetzung für die Rolle dar und scheint sich unwohl zu fühlen. Bava besetzte ihn neben Dèmoni 2… l’incubo ritorna (Dämonen, 1986) auch in Dèmoni und Una notte nel cimitero, doch genauso wie es sich bei Zinny verhielt, fing seine Karriere nie Feuer, weswegen er inaktiv ist, seitdem er eine kleine Rolle in Mel Gibsons skandalösem Die Passion Christi (2004) übernommen hatte. Der ehemalige internationale Filmstar Capucine verkörpert Flora, die ein rivalisierendes Erotikmagazin betreibt und nicht nur den Besitz des Pussycat-Imperiums begehrt, sondern auch Gloria selbst. Die 1928 als Germaine Lefebvre geborene französische Schauspielerin änderte ihren Namen in den mysteriöseren und eleganter klingenden Capucine und machte sich als Model einen Namen, bevor sie 1948 den Sprung ins Kino schaffte. Für ihr englischsprachiges Debüt Song Without End (Nur wenige sind auserwählt) erhielt sie eine Golden-Globe Nominierung, trat neben John Wayne in North to Alaska (Land der 1000 Abenteuer, beide 1960) auf und spielte die Frau von Peter Sellers‘ unbeholfenem Inspektor Clouseau in The Pink Panther (Der rosarote Panther, 1963).

Darauf folgten Rollen in Clive Donners Was gibt’s Neues, Pussy? (1965), Federico Fellinis Fellinis Satyricon (1969) und Terence Youngs Soleil rouge (Rivalen unter roter Sonne, 1971). Capucine hatte auch eine lange Affäre mit dem Schauspieler William Holden (mit dem sie in Patricia und der Löwe, 1962, und Beim siebten Morgengrauen, 1964, aufgetreten war), doch ihr ständiger Kampf gegen eine bipolare Störung würde ihr Privatleben nachhaltig beeinflussen. Ihr giallo Debüt gab sie mit einer Gastrolle in Sergio Corbuccis Giallo napoletano (Leichen muss man feiern, wie sie fallen, 1979), während ihr Ruhm bereits verblasst war, als sie in Das unheimliche Auge auftauchte. Der Film sollte sich als einer ihrer letzten erweisen, bevor sie ein endgültiges Mal Schlagzeilen machte, indem sie sich 1990 aus dem Fenster ihrer Wohnung in den Tod stürzte.

Bonusmaterial:

– Deutscher Trailer
– umfangreiche Bildergalerie
– Vorspann der deutschen Version
– Trailer zu Fade to Black und Das Haus der lachenden Fenster
– animierte interaktive Menüs

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  • Laufzeit: ca. 90 Min
  • Bildformat: 1,78:1 (anamorph)
  • Sprache: Deutsch, Englisch
  • Tonformat: DD 2.0

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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