Delirio Caldo / Das Grauen kommt Nachts

Gialli filmArt Das Grauen kommt Nachts

„Metaphysische Charakter-Kartoffeln im Griff der impotenten Liebeshyäne“

(Heiko Hartmann)

Das Grauen kommt Nachts

Der Psychiater Dr. Herbert Lyutak und seine Frau Marcia leben zusammen in einer unglücklichen Ehe. Nur bei seiner Arbeit als psychologischer Berater der örtlichen Polizei findet er ein Stück Erfüllung. Nach dem grausamen Mord an einer jungen Frau gerät er bald selbst in die Ermittlungen der Polizei und steht als Täter unter Verdacht. Wie im Delirium wird Lyutak von andauernden Halluzinationen geplagt und gesteht seiner Frau schließlich seine schreckliche Tat. Schweren Herzens beschließt Marcia ihren Mann gegenüber der Polizei zu decken. Die Ermittlungen überschlagen sich erneut, als weitere unmenschliche Morde das Umfeld um Lyutak erschüttern. Auch ein unscheinbarer Parkwächter heftet sich an seine Versen. Dieses Mal kann er es aber nicht gewesen sein… (filmArt)

Das Grauen kommt Nachts

Nach Lipowski (1990) ist ein Delirium ein akutes, schweres, prinzipiell reversibles, organisch bedingtes Psychosyndrom mit Bewusstseinsstörung. Kennzeichnend für das Delirium ist neben der Bewusstseinsstörung eine Störung der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, des Denkens, der Kognition, des Gedächtnisses, der Psychomotorik und der Emotionalität. Charakteristisch ist eine deutliche tageszeitliche Fluktuation der Symptome. Die akute psychische Störung hat entweder eine organische Ursache, oder entsteht aufgrund von Drogenwirkung oder Drogenentzug. (Wikipedia)

Nun ja, aus dieser Definition läßt sich das Verhalten der Hauptfiguren in „Das Grauen kommt Nachts“ schon mal sehr gut ableiten. Doch auch der Zuschauer fühlt sich während der Sichtung des Films in diesen Zustand versetzt. Dabei handelt es sich dann weitaus weniger um eine Störung der Aufmerksamkeit (denn die verliert man über die gesamte Spielzeit nicht), als viel mehr das Gefühl unter Drogen gestellt worden zu sein. Nicht nur die Handlungsstränge und Charakterzeichnungen sind schlichtweg „irre“ (eben „delirious“), sondern auch der Schnitt, das Editing und die Veröffentlichungspolitik waren für die frühen 70er Jahre sehr ungewöhnlich und eigenartig. Von „Delirio Caldo“ existieren nämlich zwei Hauptversionen (außerdem noch eine dt. Kurzversion, eine dt. Vietnamversion und eine alternative Sexfassung; alle Versionen sind auf der filmArt VÖ enthalten), die italienische Originalversion im Director’s Cut und eine ziemlich stark veränderte US-Version. Ich persönlich empfehle beide Fassungen direkt hintereinander anzusehen und die verschiedenen Aspekte und Nebenhandlungsstränge zu filtern, um diese für einen eigenen „Final Cut“ vor dem geistigen Auge wieder zusammenzusetzen.

Das Grauen kommt Nachts

Die amerikanische Fassung beginnt und endet mit einem „Vietnam-Trauma“ von Dr. Lyutak (zwischendurch hat er auch immer wieder mal „Vietnam-Flashbacks“), enthält auch mindestens eine zusätzliche, ziemlich fiese Tötungs-Sequenz und die Wendungen des „großen Finales“ machen hier meiner Meinung nach viel mehr Sinn als in der ursprünglichen Fassung. Die Originalversion ist irgendwie viel düsterer und gräbt sich sehr viel tiefer in die Seelenwelt der Hauptprotagonisten ein. Doch „Delirio Caldo“ wird erst zu einem wahren Giallo-Highlight, wenn man die verschiedenen Elemente der beiden Hauptfassungen miteinander vermischt. Aufgrund der diversen Fassungen könnte man zunächst befürchten, dass „Crime“ ein übermäßig komplexer und nur schwer zugänglicher Giallo ist, braucht man aber nicht. Es handelt sich um einen gewöhnlichen aber wunderbar verdreht verrückten Vertreter des Genres aus den frühen 70er Jahren, der reich an perversen Themen, Nacktheit, Verkommenheit, sadistischen Morden und an den Haaren herbeigezogenen Ablenkungsmanövern ist.

Das Grauen kommt Nachts

Die Geschichte beginnt vielversprechend mit einem knackigen Kerl mittleren Alters (Bodybuilding-Champion Mickey Hargitay), der ein Teenager-Mädchen in einer Bar (wo laut dt. Synchro „wild getanzt“ wird, dabei stehen einfach nur ein paar Hanseln im „weiten“ Rund still herum) aufliest, um sie wenig später inmitten eines flachen Flußbettes zu erwürgen/ertränken. Normalerweise ist es der Zweck eines Giallo die Identität des Mörders bis zum Klimax im Dunklen zu halten, doch Renato Polselli macht sich hier damit offensichtlich keine Mühe. Die erste und sehr geniale Wendung lässt sich nicht lange bitten und erwartet uns prompt nach dem Intro, wo sich der gleiche Kerl, den wir eben noch bei einem Mord beobachtet haben, als Kriminalpsychologe entpuppt. Dieser Typ ist Dr. Herbert Lyutak, der („fieberhaft“) gemeinsam mit der Polizei an der Aufklärung einer Reihe von grausamen Morden arbeitet, was ihn über jeglichen Verdacht erhaben werden läßt. Wir lernen auch seine schöne Frau Marcia (Rita Calderoni) kennen, die ihn abgöttisch liebt aber von schrecklichen Alpträumen über mittelalterliche Folter und lesbische Orgien heimgesucht wird. Auch das Hausmädchen Laurel (Cristina Perrier), welches sich nach Herberts Körper sehnt und die undurchsichtige Nichte des Doktors Joaquine (Christa Barrymore)  werden kurz vorgestellt. Beide Frauen werden im weiteren Verlauf des Films noch eine gewichtige Rolle spielen aber zunächst „nur“ dazu gebraucht in Marcias Alptraum-Visionen aufzutauchen, um dort noch etwas mehr nackte Haut und Folter zeigen zu können. Gleichzeitig erfahren wir einiges über Herberts Probleme sexueller Natur, die seine mörderischen Tendenzen scheinbar zu erklären vermögen. Mehr grausame Morde von jungen, sexy Schülerinnen folgen; doch nun hat Dr. Lyutak immer ein lupenreines Alibi und kann nicht der Täter sein. Gibt es plötzlich einen Nachahmungstäter oder hat Herbert einen bösen Zwillingsbruder? Die Lösung des Rätsels ist mehr oder weniger logisch und einfach vorherzusagen aber Polselli gelingt es dennoch ein unerwartet hohes Maß an Spannung aufzubauen, indem er erfinderisch kleine Nebenhandlungen, wie o.g. Sex- und Folterorgien oder die privaten Ermittlungen des eigentlich Hauptverdächtigen „Kartoffel“ (einfach herrlich Tano Cimarosa aka John Lacey in der US-Version) in den Plot einbaut und man sich schon auf den nächsten blutigen Mord, der bereits um die Ecke wartet, freut.

Das Grauen kommt Nachts

Der Soundtrack ist sehr gelungen und spätestens wenn Raoul Lovecchio den Titelsong „How many times!?“ zum Besten gibt ist es um einen geschehen. Raoul zeichnet sich in diesem Streifen nicht nur durch seinen Gesang aus, sondern übernimmt auch die Rolle des Inspektor Edwards, der zusammen mit seinem Kollegen nach dem bereits fünften Mord immer noch im Dunkeln tappt und sich bei den Ermittlungen sehr stark auf Dr. Lyutak verläßt. Die beiden Polizisten tragen den ganzen Film über diverse ulkige, zum Teil knallbunte Hemden, die genauso zum Schießen sind wie die Mimik und Gestig von Mickey Hargitay oder die deutsche Synchro. So „trashig“ (hier im positiven Sinne) „Das Grauen kommt Nachts“ auch sein mag, die Kameraführung ist sehr gelungen und angesichts des niedrigen Budgets mit phantasivollem Einsatz von Farben sowie „Point-Of-View“ Aufnahmen überraschend künstlerisch angelegt. Obwohl Hargitay in diesen Film hervorragend hineinpasst, bleibt er doch ein schrecklicher Schauspieler. „Delirium“ wird mit Bestimmtheit nicht jedermanns Sache sein, doch wer sich darauf einläßt, gerade in der Stimmung für solch einen Film ist oder dem „Sleaze“ gegenüber generell nicht abgeneigt ist, der wird ein sagenhaft sensationelles Stück italienischen Kultkinos erleben, das ich Italo-Kino Fans mit einem gesunden Sinn für das Ungewöhnliche nur wärmstens empfehlen kann.

Das Grauen kommt Nachts

Das Grauen kommt Nachts

Das lange Warten hat sich sehr gelohnt … endlich schiebt filmArt die zunächst übersprungene Nummer 003 ihrer Giallo-Edition nach und was eine Veröffentlichung das ist!? Mag man von dem Film halten was man will, schon allein mit welcher Liebe zum Genre das Label immer wieder solche „vergessenen“ Perlen ausgräbt, um uns Liebhabern so toll präsentieren zu können, ist schon einsame Spitze. Auf den beiden DVDs befindet sich massig Material: Die italienische Originalfassung, eine deutsche Kurzfassung, die deutsche Vietnamfassung, eine alternative Sexversion (mit etwas mehr Nacktheit), alternative Szenen der US-Fassung, ein Promo-Trailer, der italienische Fotoroman (als PDF) zum Film und ein interessantes Featurette mit Renato Polselli und Mickey Hargitay. Das Bildformat ist 1,78:1 anamorph und sieht, bedenkt man das Alter des Films, wirklich sehr gut aus. Deutscher und italienischer Ton ist in Dolby Digital 1.0 Mono vorhanden und auch hier gibt es überhaupt nichts zu meckern. Das Booklet von Heiko Hartmann verfasst, ist wie gewohnt recht umfangreich und informativ. Doch den Knüller der Extras bildet jedesmal wieder der Audiokommentar, diesmal wunderbar von Christian Keßler und Pelle Felsch gesprochen.

Wie schon weiter oben erwähnt werden die Meinungen über „Das Grauen kommt Nachts“ auseinandergehen … ich für meinen Teil kann diesen Film jedenfalls mindestens Jedem ans Herz legen, der ein Faible für „Granaten“ dieser Art hat.

ENDE JUNI: GIALLO EDITION NR.05 ‚LIEBE UND TOD IM GARTEN DER GÖTTER‘ aka ‚AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI‘

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(Ich kanns kaum erwarten!)

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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