Der Bastard / I bastardi / Sons of Satan

Adam (Klaus Kinski) und Jason (Giuliano Gemma), die zwei ungleichen Brüder, werden nur von ihrer trinksüchtigen Mutter (Rita Hayworth) zusammen gehalten. Als sich nach einem erneuten Überfall Jason eigenmächtig die Beute einsteckt, kommt es zu einem gnadenlosen Kampf zwischen allen Beteiligten. (X-Rated)

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Engelsgesicht Jason (Giuliano Gemma) und sein Stiefbruder Adam (Klaus Kinski) sind kleine Gangster in New Mexico, die beide sehr eng mit ihrer alkoholkranken Mutter Marta (Rita Hayworth) verbunden sind. Nachdem er einen Juwelier ausgeraubt sowie eine rivalisierende Bande erledigt hat, versucht Jason seinen Stiefbruder um dessen Anteil zu bringen, wird jedoch von seiner Freundin Karin (Margaret Lee) verraten, die gleichzeitig auch die Geliebte Adams ist. Der lässt daraufhin Jasons Waffenhand von einem seiner Männer verstümmeln. Jason wird allerdings von der wohlhabenden Barbara (Claudine Auger) – die sich in ihn verliebt – gerettet und gesund gepflegt, doch sein einziger Gedanke ist Rache. Nachdem Marta Adams und Karins Aufenthaltsort in Quemado, New Mexico, versehentlich preisgegeben hat, will Jason sich rächen, wird aber erneut von Karin betrogen, in die er noch immer verzweifelt verliebt ist. Adam und Karin planen Jason endgültig loszuwerden, doch ein gewaltiges Erdbeben bringt die Pläne Aller durcheinander…

Während Banditi a Milano (Die Banditen von Mailand) und Banditi a Roma (Roma come Chicago / Mord auf der Via Veneto, beide 1968) das Gangster-Genre fest im zeitgenössischen Italien verorteten und sich für einen realistischen – und im Fall von Carlo Lizzanis Film sogar halbdokumentarischen – Touch entschieden, verfolgt Duccio Tessaris erster Gangsterfilm Der Bastard einen vollkommen anderen Ansatz. Angefangen von Giuliano Gemmas und Klaus Kinskis Besetzung als Stiefbrüder auf der falschen Seite des Gesetzes über die vielen Wendungen innerhalb der Handlung, bis hin zum unkonventionellen (und irgendwie abstoßenden) Ende ist es offensichtlich, dass Tessaris Film nicht im Geringsten realistisch rüberkommen soll. Man braucht sich nur mal die Beziehung der beiden Brüder zu ihrer alkoholkranken Mutter, gespielt von Rita Hayworth, anzuschauen: Die Frau ist sich der illegalen Aktivitäten ihrer Söhne sehr wohl bewusst, doch ihre einzige Sorge ist es, eine Flasche Whisky zur Hand zu haben („Ich hab‘ doch seit heute Früh nichts mehr getrunken … ich glaube deshalb bin ich ein bisschen deprimiert. Ich nehme mir mal einen!”). Sie bittet Jason sogar um eine Kiste dieses besonderen Saftes als Geburtstagsgeschenk, während sich die Szene, in der die dysfunktionale Familie wieder vereint ist, wie eine irrsinnige Sitcom ohne eingespielte Lacher anfühlt.

Indem sie den subtilen Hass zwischen Adam und seinem jüngeren, fast kindlichen Bruder besonders betonen, aktualisieren Tessari und seine Co-Autoren Mario Di Nardo und Ennio Di Concini ganz explizit eines der Lieblingsthemen des Italo-Western, nämlich die zerstörerischen Konflikte, die eine Familie von innen auseinanderreißen. Darüber hinaus verleiht der stilvolle Umgang des Regisseurs (mit etlichen Totalen) dem Film eine ganz andere Form und einen anderen Rhythmus verglichen mit zeitgenössischen italienischen Gangsterfilmen. Letztendlich stellt Der Bastard eine wilde Fantasie dar, die ganz offen mit modernen Variationen typischer Spaghetti-Western-Themen spielt. Während sich das Genre des Italo-Western langsam in die Richtung von parodistischen Übertreibungen entwickelte, wie sie in den 70er Jahren von Lo chiamavano Trinita (Die rechte und die linke Hand des Teufels, 1970) veranschaulicht wurden, behält Der Bastard die Tendenz des italienischen Westerns zu gewalttätigen Exzessen bei, was durch das Herzstück des Films repräsentiert wird.

Achtung Spoiler !!!

Nachdem er seinen Stiefbruder und Karin (die hinreißende Margaret Lee, in einer beeindruckenden Vorstellung als skrupellose, doppelzüngige Femme fatal) während eines intimen Moments aus dem Hinterhalt überfallen hat, erpresst Adam die Preisgabe des Verstecks einiger Juwelen, indem er Jason damit droht Karin direkt vor seinen Augen zu vergewaltigen, bevor sich schließlich herausstellt, dass sie eigentlich Adams Geliebte ist. Daraufhin lässt Klaus Kinski – der eine bizarre Sonnenbrille trägt – einen seiner Männer (einen zwielichtigen Arzt, gespielt vom allgegenwärtigen Charakterdarsteller Umberto Raho) die Sehnen von Gemmas rechter Hand durchtrennen, damit er keine Schusswaffe mehr benutzen kann. „Du bist ein guter Schütze, Jason, ein zu guter. Als wir als Kinder auf Konservenbüchsen schossen, war das egal … aber jetzt … kann ich kein Risiko eingehen“, erklärt er.

Es handelt sich dabei um eine Szene, die auch in Lucio Fulcis Le colt cantarono la morte e fu… tempo di massacro (Django – Sein Gesangbuch war der Colt, 1966) nicht fehl am Platz gewesen wäre, der einen sonderbaren ödipalen Subtext mit Tessaris Film teilt. Die Tatsache, dass Fulcis Film von Fernando Di Leo geschrieben wurde (Tessaris enger Freund und Kollaborateur bei einer Reihe von Western, einschließlich nicht im Abspann aufgeführten Arbeiten an Sergio Leones Per un pugno di dollari / Für eine Handvoll Dollar), darf nicht übersehen werden. Befragt man Di Leo nach seiner Beteiligung an Der Bastard, so wechselt er schnell das Thema, doch es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er tatsächlich am Drehbuch mitgearbeitet hat. Zum einen repräsentiert die Szene – in der Gemma übt mit seiner linken Hand zu schießen, indem er versucht, die Saiten einer Harfe zu treffen – einen weiteren over-the-top Moment in purem Di Leo Stil, nicht zu vergessen das finale Erdbeben, eine unerwartete deus ex machina, die aus heiterem Himmel kommt, wenn man eigentlich einen typischen klimatischen Showdown zwischen den Brüdern erwartet. Der Film endet damit, dass Jason Adam aus den Trümmern dessen vom Erdbeben zerstörten Hauses befreit, nur um ihn unmittelbar danach zu erschießen. “Du hast keinen Grund mir zu danken … wir haben noch eine Rechnung zu begleichen … kein Mensch kann Dir jetzt noch helfen, nicht einmal Gott!“ faucht Jason zwischen den Schüssen. Es existiert allerdings auch noch ein alternatives Ende, wo Jason nach dieser Tat wiederum von seiner Mutter getötet wird, die gerade in New Mexico eingetroffen ist, nachdem sie vom Erdbeben im Fernsehen gehört hatte. Beide Versionen sind auf der DVD von X-Rated enthalten.

Trotz all seiner Pluspunkte ist Der Bastard nur teilweise als ein guter Film zu bezeichnen, denn Fehler lassen sich innerhalb der Handlung überall finden. Von der verwirrenden frühen Szene in einem Nachtclub, in der Jason rivalisierende Gangster entsorgt, bis zum lahmen romantischen Intermezzo zwischen Gemma und dem ehemaligen Bond-Girl Claudine Auger, während ein Nebenhandlungsstrang (in dem es um einen Raubüberfall geht, den Jason mit einem von Serge Marquant gespielten Partner durchführt) im Nichts verläuft. Tessari bekommt insgesamt jedoch recht gute Leistungen von seinen beiden Hauptprotagonisten geboten, wobei der unersättliche Kinski jede Szene stiehlt, in der er als hypochondrischer, bösartiger Adam auftritt und Gemma nicht weniger als vier Liebesszenen mit Lee und Auger spendiert bekommt. Obwohl im Abspann angegeben wird, dass es sich um eine italienisch-französisch-deutsche Koproduktion handelt, behauptete der Schauspieler Dan van Husen in einem Interview resolut, der Film sei tatsächlich eine italienisch-spanische Koproduktion gewesen (mit dem Arbeitstitel Los Gatos), was erklären würde, warum der Streifen hauptsächlich in Spanien außerhalb von Madrid gedreht worden ist, während nur die Eröffnungssequenz in den USA aufgenommen wurde.

Der Bastard datiert zudem voraus, was italienische Kriminalfilme aus den 70er Jahren mit ehemaligen Hollywood-Stars anstellen würden, indem Rita Hayworth in einer selbst ironischen, ja sogar recht demütigenden Rolle besetzt wurde. Die Frau, die einst Gilda (1946) verkörperte, erscheint so, als würde sie in einem ständigen Taumel von Trunkenheit agieren: Immer mit einem Glas in der Hand wagt sie sich sogar an eine philosophische Abhandlung über die Ähnlichkeit zwischen Menschen und Spirituosen („Mit den Menschen ist es wie mit dem Whiskey, man muss sich immer den Besten aussuchen.“). Dabei handelt es sich natürlich um ziemlich schamlose Schleichwerbung für J&B Whiskey, der eine herausragende Rolle im Film spielt und im Laufe der Jahre ganz und gar zum Getränk des italienischen Kinos werden sollte.

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  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Regisseur:‎ Tessari, Duccio
  • Medienformat:‎ Limitierte Auflage, Sonderausgabe
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 30 Minuten
  • Darsteller:‎ Hayworth, Rita, Gemma, Giuliano, Kinski, Klaus, Lee, Margaret, Auger, Claudine
  • Sprache: ‎Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: ‎X-Rated

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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