Der Mann aus Virginia / California

1865: Der Bürgerkrieg ist zu Ende. Revolverheld California (Giuliano Gemma) zieht durch das ausgeblutete Land Richtung Heimat. Unterwegs trifft er auf Preston, ebenfalls auf dem Weg zurück nach Hause. Doch Preston wird von gewalttätigen Nordstaatlern getötet, und California muss den Angehörigen die Todesnachricht überbringen. Als marodierende Kopfgeldjäger die trauernde Familie bedrohen, stellt sich California ihnen entgegen. (Koch Media)

Der Mann aus Virginia ist Teil eines kurzen Zyklus italienischer Western, der als Twilight Spaghetti Western bekannt ist. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entstanden, verschafften sie dem Italo-Western einen letzten Aufschwung, bereits ein Jahrzehnt nach den glorreichen Jahren des Genres. Sie waren auch für die Wiederkehr einiger der berühmtesten Namen des Genres verantwortlich: Keoma (1976) brachte Liebhabern Enzo G. Castellari und Franco Nero zurück, während Der Mann aus Virginia Regisseur Michele Lupo mit Giuliano Gemma wiedervereinigte, elf Jahre nach ihrer Zusammenarbeit an Arizona Colt (1966). Der Mann aus Virginia spielt in den letzten Tagen des Sezessionskrieges und dessen unmittelbaren Folgen. Die Insassen eines Gefangenenlagers für Südstaatler haben eine Woche Zeit, um Arbeit zu finden oder den Staat zu verlassen. Ein junger Offizier der Konföderierten, Willy Preston (Miguel Bosé) der in seine Heimat nach Georgia zurückkehren will, drängt sich einem Veteranen namens Michael Random (Giuliano Gemma) auf, der kein bestimmtes Ziel vor Augen hat. Die beiden werden dazu gezwungen ein Pferd zu stehlen, werden aber vom Besitzer, der Willy fälschlicherweise für den Mörder seines Sohnes hält, in einer Geisterstadt gestellt: Willy wird in den Rücken geschossen und anschließend gehängt. Daraufhin treibt es Michael nach Georgia, um den Eltern (Dana Ghia und William Berger) des Jungen von dessen Tod zu berichten. Mr. Preston bietet Michael einen Job auf der Ranch an, den er nach etwas Überlegung gerne annimmt. Das Leben scheint eine glückliche Wendung zu nehmen, als sich Michael und Willys Schwester Helen (Paola Bosé) ineinander verlieben, doch letztendlich gibt es kein Entkommen aus dem Elend dieses verdammten Krieges.

Wie Keoma wurde auch Der Mann aus Virginia teilweise in den verwahrlosten sowie heruntergekommenen Westernstädten der römischen Studios gedreht, in denen im vorangegangenen Jahrzehnt jedes Jahr Dutzende von Western produziert worden waren. Der legendäre Bühnenbildner Carlo Simi verwendete auch das El Paso Set in der Nähe von Almeria, um einen perfekten Hintergrund für einen der trostlosesten und deprimierendsten Filme in der Geschichte des Genres zu erschaffen. Die meisten Twilight-Spaghetti-Western sind ernsthafter und pessimistischer als die italienischen Western des vorangegangenen Jahrzehnts, aber Der Mann aus Virginia gestaltet sich außergewöhnlich schwermütig und düster, vor allem in der ersten Hälfte, in der die Ex-Kriegsgefangenen versuchen, sich von Kopfgeldjägern fernzuhalten, die nach Südstaatlern mit einer Prämie auf ihrem Kopf Ausschau halten. Nach dem romantischen Zwischenspiel auf der Preston-Ranch schlägt der Streifen dann einen klassischeren Weg ein, bleibt jedoch dennoch ein pessimistischer Film.

Der Mann aus Virginia hat einiges an gemischter Kritik hervorgerufen, doch Giuliano Gemma wurde beinahe übereinstimmend für seine Vorstellung gelobt. Der Charakter des einsamen Kriegsveteranen repräsentiert eine abgestumpftere, schroffere Version des heimkehrenden Soldaten, den er in Il ritorno di Ringo (Ringo kommt zurück, 1965) gespielt hat. In Der Mann aus Virginia verkörpert er einen Mann, der kein Zuhause hat, ja nicht einmal einen richtigen Namen: Virginia ist ein Spitzname aus seinen Tagen als Revolverheld und er schnappt den Namen Michael Random von der Rückseite einer Tabakschachtel auf. Gemmas Charakter scheint zum Teil John Waynes Ethan Edwards aus The Searchers (Der schwarze Falke, 1956) nachempfunden zu sein, dem Veteranen, der dazu bestimmt ist, „zwischen den Winden zu wandeln“ (aber in der zweiten Hälfte befindet er sich näher an Shane aus Mein großer Freund Shane, 1953). Thematisch gibt es einige Ähnlichkeiten zu Clint Eastwoods The Outlaw Josey Wales (Der Texaner) zu entdecken, der ein Jahr zuvor veröffentlicht wurde. Der Film kann auch als Kommentar zu dem halbanarchischen Zustand gesehen werden, den die italienische Gesellschaft durchleben musste, als der Film gedreht wurde. Diese Zeit ist in Italien als Gli anni di piombo / Die Jahre des Bleis bekannt und war geprägt von einer Welle von Terroranschlägen sowohl linker als auch rechter paramilitärischer Gruppen.

Die Western des Twilight-Zyklus haben zumeist grafischere Gewalt zu bieten, als ihre Vorgänger, wobei die Gewalt in Der Mann aus Virginia als ungewöhnlich grausam zu beschreiben ist: Menschen wird in den Rücken geschossen, während das Publikum anstatt traditioneller Schießereien regelrechte Hinrichtungen vorgesetzt bekommt, bei denen Menschen auf ihre Knie fallen und um ihr Leben betteln, bevor sie erschossen werden. Die hier dargestellte Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg lebt auf gesetzlosem, kargem Land, in dem unschuldige Menschen blutrünstigen Milizen ausgeliefert sind und die Jäger über Nacht zu Gejagten werden können. Selbst die in Italo-Western meist gutmütig angelegten Faustkämpfe werden hier brutal und wild dargestellt. Wie bereits erwähnt, rief der Film einiges an sehr gemischter Kritik hervor. Wir persönlich sind der Meinung, dass Der Mann aus Virginia zusammen mit Keoma der beste Twilight-Western ist. Alejandro Ulloas Kinematographie im Stil von Vilmos Zsigmond mit vielen gegen das Licht aufgenommenen Szenen und Gianni Ferrios eindringlicher Score – eine klagende Mundharmonika im Wechsel mit aufgepumpten Synthesizer-Sounds – tragen zu einem Film bei, der sehr zu empfehlen ist.

Das Bild wird uns im 2.35:1 – 16:9 anamorphen Format präsentiert und sieht wirklich sehr gut aus. Es ist klar, relativ farbenfroh und beinahe vollkommen frei von Bildschäden. Stellenweise ist eine gewisse Körnung im Bild zu erkennen, was den Gesamteindruck ein kleines Bisschen trübt aber aufgrund der ansonsten gut gelungenen Restauration zu verschmerzen ist. Beim Ton liegen die deutsche sowie die italienische und englische Spur in PCM 2.0 bzw. DD 2.0 vor. Alle drei Tonspuren hören sich sehr gut an. Hier gibt es höchstens minimale Unterschiede im Klang zu erkennen. Als Untertitel sind nur deutsche verfügbar. Die Extras bestehen aus einem englischen Trailer des Films, einer umfangreichen Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, einem Miniposter sowie zwei Featurettes. In Der Drehbuchautor aus Rom berichtet der Autor Roberto Leonie über sein Mitwirken an diesem und anderen Filmen (ca. 31 Minuten). Während Filmhistoriker Fabio Melelli in Die Abenddämmerung des Westerns wieder einmal Wissenswertes über Der Mann aus Virginia und dessen Entstehungszeit zu berichten weiß (ca. 8 Minuten). Das Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen fällt mal wieder sehr informativ aus.

Es ist ja schon längst nichts Neues mehr, dass Koch Media regelmäßig klasse Italo-Western Veröffentlichungen gelingen. So verhält es sich auch bei der Nr. 2 ihrer neuen Italo-Westernreihe All’Arrabbiata mit Der Mann aus Virginia, den sie deutschlandweit erstmals auf Blu-ray veröffentlichen, wobei der Streifen in den Bereichen Bild und Ton ausgezeichnete Qualität zu bieten hat. Da gibt es bis auf die Körnung, die immer mal wieder auftritt, nichts zu meckern. Der Film selbst gefällt uns persönlich ziemlich gut, obwohl er ein oder zwei Längen aufzuweisen hat. Dafür aber mit einer melancholischen, schönen Musik untermalt ist und eine Topbesetzung zu bieten hat. Die Featurettes sind wie fast immer ziemlich interessant ausgefallen. Philosophiert der Drehbuchautor Leoni doch u.a. darüber, ob es Quentin Tarantinos Django Unchained schafft das Western-Genre neu anzukurbeln oder nicht. Hier können wir gar nicht anders als eine sofortige Kaufempfehlung auszusprechen.

Wer noch mehr zur Veröffentlichung, dessen Qualität und den Extras erfahren möchte, der liest am besten jetzt im Anschluss noch Sebastians Besprechung auf der SWDb! Die Screenshots stammen von der alten Koch-Media-DVD!

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Filmlänge: BD: ca. 100 Minuten, DVD: ca. 96 Minuten
Bildformat: 2.35:1 (16:9)
Tonformat: BD: PCM 2.0, DVD: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch

California - der Mann aus Virginia

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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