Der Massenmörder von London / Tower of London

Nach dem Tod Edwards IV. von England trachtet dessen Bruder Richard nach der Krone und ermordet alle, die ihm im Wege stehen… (Ostalgica)

König Edward liegt auf dem Sterbebett und hat seine Familie um sich versammelt, damit er sich auf seinen Tod vorbereiten kann. Prinz Richard (Vincent Price) trifft mit seiner Frau Lady Anne (Joan Camden) ein und eilt gerade noch rechtzeitig ins Schlafzimmer, um zu hören, wie der Monarch Richards Bruder Clarence mitteilt, er solle der nächste König sein, bis der ältere der beiden Prinzen erwachsen geworden ist. Obwohl er es sehr gut versteht seine Gefühle zu verbergen, zeigt sich Richard dennoch höchst unzufrieden mit König Edwards Entscheidung. Er lädt seinen Bruder zu einem Glas in den Weinkeller ein und stößt ihm während ihres Gespräches einen Dolch in den Rücken. Clarences Leiche entsorgt er daraufhin in einem großen Fass voller Wein.

Vincent Price war bereits in den dreißiger Jahren in einer Version der Geschichte von König Richard dem Dritten aufgetreten, die einen ähnlichen Hauch von Horror zu bieten hat, doch in dieser Version hatte er die Rolle des Clarence übernommen und wurde dort auf recht denkwürdige Art und Weise in einem Weinfass ertränkt. Hier bot man ihm jedoch die Gelegenheit, den Spieß innerhalb der ersten zehn Minuten umzudrehen. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, doch das Problem des Films besteht darin, dass es sich bei Roger Cormans Der Massenmörder von London nicht nur um ein Remake handelt, das seinem Vorgänger (Der Henker von London, 1939) unterlegen ist, sondern dass mit Laurence Oliviers Richard III. (1955) bereits eine ziemlich gute Version der Geschichte existierte, die zudem den Vorteil hat von dem viel berühmteren Shakespeare Stück abgeleitet, als von drei Drehbuchautoren (Leo Gordon, F. Amos Powell und Robert E. Kent) ausgedacht worden zu sein.

Obwohl Der Massenmörder von London etwas mit seiner besseren Version gemeinsam hat, nämlich dass er aufgrund seiner Abstammung sehr theatralisch rüberkommt, lassen die hier aufgesagten Dialoge den Flick eher wie ein sogenanntes Dinner-Theater erscheinen, denn wie einen lebendig wirkenden Film. Außerdem mussten Zugeständnisse an die Filmwelt gemacht werden, da Richard hier in altehrwürdiger Doppelbelichtungs-Manier Halluzinationen seiner Opfer hat, die ihn quälen und die psychischen Probleme hochspielen, unter denen die Figur zu leiden hat. Ungeachtet des zweitklassigen Materials gibt Vincent Price in seiner Rolle alles, wobei er keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass seine hoheitliche „Kreatur“ dem Wahnsinn sehr stark verfallen ist, ungefähr so wie seine Charaktere aus Roger Cormans Edgar Allan Poe-Flicks.

Farbfilm hätte vielleicht dazu beitragen können, diesen Streifen zum Leben zu erwecken, der allerdings enttäuschend fest an die Sets gebunden bleibt und mehr als nur ein wenig eintönig wirkt, weswegen es also an den Schauspielern liegt, der mehr oder weniger abgedroschenen Geschichte etwas Vitalität einzuhauchen. Price scheint dem Publikum seinen mächtigen King Lear anbieten zu wollen, doch man bemerkt schnell, dass es sich dabei „nur“ um seine kraftvollen Gesichtsausdrücke handelt, die allerdings gefährlich nahe ans Komische grenzen. Dennoch erweisen sich des Stars übertriebenes Schauspiel sowie seine Standardgesten und Manierismen, wie immer, als recht unterhaltsam und vermögen es sogar ein wenig Sympathie für den bösen Richard mit seinem Buckel zu erzeugen, der in seinem Streben nach Erfolg, dessen Tragweite selbst nicht ganz zu begreifen vermag. Die restlichen Schauspieler werden von Price schlichtweg überschattet und greifen auf mittelmäßige Nachahmungen von alten englischen Persönlichkeiten zurück.

Was die Horroraspekte anbetrifft (neben der regelmäßigen übernatürlichen Folter, die der Bösewicht selbst erleiden muss) setzt auch Richard die Menschen in seiner Umgebung ziemlichen Qualen aus. Sandra Knight wird als Mistress Shore zu einem erinnerungswürdigen Opfer, als sie sich weigert Richards Plänen Folge zu leisten und dafür im Folterkerker landet, was zu einer sado-masochistischen Lesart des Aufbaus führt, die der Originalversion vollkommen abhandengekommen ist. In einer seiner Visionen, in der sie vorkommt, erwürgt Richard aus Versehen seine Frau Anne, womit die Auswirkungen seiner seelischen Qualen dargestellt werden sollen. Als dann die beiden jungen Prinzen seiner Verschwörung zum Opfer fallen, kann man sich schon vorstellen, wie ihn das letztendlich doch mitnimmt und sich sein seelischer Zustand immer kritischer gestaltet. Daraus ergibt sich eine merkwürdige Situation, denn der Charakter, der eigentlich den Bösewicht repräsentieren soll, ist am Ende einprägsamer als jede andere Figur, was allerdings weniger mit seinem bösartigen Verhalten, als vielmehr mit seiner Darstellung als arme Seele zusammenhängt, die aufgrund ihres Wahnsinns kaum für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden kann. Ein interessanter Ansatz, der jedoch einen besseren Rahmen verdient gehabt hätte.

Bild: HD-DVD; 1,66:1 s/w; 1080p/23.976 fps

Ton: Deutsch, Englisch

Untertitel: Deutsch, Englisch

Laufzeit: ca. 80 Minuten

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Als Bonusfilm in Der Todesschrei der Hexen enthalten !!!

Die Screenshots stammen NICHT von dieser Edition !!!

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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