Der Nachtportier / Il portiere di notte / The Night Porter

Wien, 1957. Max, ehemaliger SS-Offizier, arbeitet jetzt als Nachtportier. Eines Tages begegnet er Lucia, beide erkennen einander wieder. Im Jahr 1943 wurde Lucia, Tochter einer österreichischen sozialistischen Abgeordneten, in ein KZ deportiert, in dem Sturmbannführer Max Aidorfer ihre Jugend und Schönheit auffiel. Schweigsam, gelehrig und stolz gab sie sich den sexuellen Wünschen und Erniedrigungen hin. Heute würde ein Wort Lucias genügen, um Max auffliegen zu lassen. Aber sie schweigt. Die Affäre beginnt von Neuem, doch seine SS-Kameraden wollen ihren Tod… (Wicked Vision Distribution GmbH)

Wien 1957. Max (Dirk Bogarde, Die Verdammten, Der Tod in Venedig) arbeitet als Nachtportier in einem der luxuriösesten Hotels der Stadt. Außerdem ist er ein ehemaliger SS-Offizier, der sich mit seinem Job ablenkt und versucht nicht an die Vergangenheit zu denken. Er ist Anfang 40 und lebt allein. Eines Tages betritt eine elegante junge Frau (Charlotte Rampling, Das Fleisch der Orchidee, Unter dem Sand) das Hotel. Sie und Max erkennen sich sofort wieder. Eine Reihe von Rückblenden enthüllt nun, dass sie vor Jahren als Tochter eines österreichischen Sozialisten in ein Lager gesteckt wurde, in dem auch Max und seine Kameraden stationiert waren und dass sie eine Beziehung miteinander hatten. Lucia ist jetzt die Frau eines angesehenen amerikanischen Dirigenten mit vollem Terminkalender. Während ihr Mann mit dem örtlichen Sinfonieorchester arbeitet, beschließt sie sich Max zu zuwenden. Die beiden treffen sich in ihrem Hotelzimmer und gehen eine der ungewöhnlichsten romantischen Wiedervereinigungen ein, die je gefilmt wurden. Unterdessen beginnt eine Gruppe alter SS-Kumpels (die sich darauf spezialisiert haben, sachkundige Holocaust-Überlebende zu eliminieren, die ihre Sicherheit gefährden könnten) gegen Max zu ermitteln.

Sie vermuten nämlich, dass Max die Regel der Gruppe gebrochen haben könnte, jeden zu melden, der seine wahre Identität preisgeben kann. Der Anführer der Gruppe Klaus (Philippe Leroy, Milano Kaliber 9, Mannaja – Das Beil des Todes) erwähnt eine junge und schöne Amerikanerin, die kürzlich zusammen mit ihrem bekannten Ehemann in der Stadt angekommen ist. Kurz darauf wird ein Mörder entsandt, um die Frau zu exekutieren. Max und Lucia treffen sich weiterhin, jetzt allerdings in Max‘ Wohnung. Wenn sie sich lieben, verletzen sie sich oft dabei. Sie sind zwar keine Sadomasochisten, aber Schmerz bedeutet für die beiden etwas, was sie inzwischen voneinander erwarten. Verschiedene Rückblenden verraten auch, warum dem so ist. Schließlich entgeht Max knapp einem Mordanschlag, als er vom Einkaufen nach Hause kommt. In einem verzweifelten Versuch, seine Geliebte und sich am Leben zu erhalten, verbarrikadiert sich Max mit Lucia in seiner Wohnung, wo sie sich weiter lieben – bis ihnen die Lebensmittel ausgehen.

Zu behaupten Der Nachtportier der italienischen Regisseurin Liliana Cavani sei ein gewagter Film, würde wohl eine große Untertreibung darstellen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens erforscht er die dunkelsten Ecken der menschlichen Seele mit einer derartigen Autorität, sodass es sich absolut unmöglich gestaltet, ihn als Exploitation-Film abzutun. Exploitation-Filme können sich nicht gewagt gestalten, weil sie nicht glaubwürdig sind. Doch Der Nachtportier ist definitiv als glaubwürdig einzustufen. Zweitens stellt der Film auf mutige Art und Weise ernsthafte Tabus in Frage, bei denen im Laufe der Jahre nur wenige respektable Filme den Mut hatten, sie auf ähnliche Weise anzusprechen. Angesichts der Natur des Projekts ist die Besetzung als absolut phänomenal zu bezeichnen. Es gibt einige wirklich unvergessliche Sequenzen mit Rampling, die im Wesentlichen zwei völlig unterschiedliche Charaktere spielt. Die sogenannte Cabaret-Szene, in der sie die Nazi-Offiziere mit dem Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ unterhält, ist als besonders verstörend zu bezeichnen, weil sie überhaupt nicht kitschig aber dafür enorm authentisch rüberkommt.

Bogarde spielt auch großartig auf, als der mit Schuld beladene Mann, dessen Obsessionen ihn langsam zerstören. Als Nebendarsteller fungieren Isa Miranda, Gabriele Ferzetti, Philippe Leroy und Marino Masé, die alle hervorragende Vorstellungen abliefern. Der Film wurde vom großartigen Kameramann Alfio Contini aufgenommen, der in den 60er und 70er Jahren mit einigen der größten italienischen Regisseure zusammengearbeitet hat, darunter Michelangelo Antonioni (Zabriskie Point, 1970), Franco Rossi (Eine Rose für alle, 1967) und Mario Monicelli (Mortadella, 1971). Besonders auffällig ist die Farbgebung des Films. Sehr kalte Grün-, Blau- und Grautöne werden bevorzugt, die die ohnehin schon bemerkenswert angespannte Atmosphäre noch weiter verstärken. Die herausragenden Set-Dekore und Inszenierungsdesigns stammen von Oscar-Preisträger Osvaldo Desideri. Liliana Cavanis Der Nachtportier repräsentiert einen faszinierenden und außergewöhnlich mutigen Film, der an Luchino Viscontis legendären La caduta degli dei (Die Verdammten, 1969) und Bernardo Bertoluccis Il conformista (Der große Irrtum, 1970) erinnert. Er stellt die Art von Film dar, die man heutzutage nicht mehr drehen kann. Fans des klassischen europäischen Kinos sollten Der Nachtportier nicht verpassen. Sehr empfehlenswert!!!

Wicked-Vision veröffentlicht Der Nachtportier als Nummer 50 ihrer Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray und DVD), mit drei verschiedenen Cover-Motiven, die jeweils auf 333 Stück limitiert sind. Bild [1,85:1 (4K) / 1,85:1 (1080p) / 1,85:1 (anamorph)] und Ton (Deutsch + Englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf ziemlich hohem Niveau, da gibt es keine Beschwerden anzumelden. Deutsche oder englische Untertitel können auf Wunsch ebenfalls zugeschaltet werden (auch bei den Extras). Insgesamt handelt es sich bei Der Nachtportier wieder einmal um eine äußerst gelungene Mediabook-Edition mit recht umfangreichem sowie interessantem und brandneuem Bonusmaterial. Es handelt sich hierbei in vielerlei Hinsicht um einen Skandalfilm, der es mit seiner gewagten Thematik und atmosphärischen Dichte bestens versteht zu faszinieren. Der Film erscheint weltweit erstmals in 4K-UHD mit exklusivem Bild-Remastering.

Bonusmaterial:

  • 24-seitiges Booklet von Prof. Dr. Marcus Stiglegger mit den Essays „Das libertine Kino der Liliana Cavani – Eine biografische Skizze“ und „Die Pforte zur Nacht – Überlegungen zur Philosophie von Liliana Cavanis Der Nachtportier“ —> die sich beide als enorm lesenswert erweisen
  • Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Robert Sommer —> wie gewohnt recht interessant sowie informativ, wobei Herr Sommer teilweise etwas aufgeregt rüberkommt
  • „Die Rezeption von ‚Der Nachtportier‘“Prof. Dr. Marcus Stiglegger im Gespräch mit Monika Treut (ca. 20 Min.) —> äußerst aufschlussreich
  • „Der Nachtportier als Sadiconazista“ mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger (ca. 40 Min.) —> sehr interessant und informativ
  • „The Story Behind“ – Interview mit Drehbuchautor Italo Moscati (ca. 35 Min.)
  • „To Encapsulate a Meaning“ – Interview mit Regisseurin Liliana Cavani (ca. 30 Min.)
  • „The Reality of Emotions“ – Interview mit Charlotte Rampling (ca. 40 Min.)
  • Vintage-Interview mit Liliana Cavani (ca. 5 Min.)
  • Bildergalerie (ca. 20 Min.) —> enorm umfangreich
  • Presseheft
  • Trailer

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Cavani, Liliana
  • Medienformat: ‎4K
  • Laufzeit: 1 Stunde und 59 Minuten
  • Darsteller: ‎Rampling, Charlotte, Bogarde, Dirk, Leroy, Philippe, Addobbati, Giuseppe, Ferzetti, Gabriele
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Studio:‎ Wicked Vision Distribution GmbH

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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