Der New York Ripper / Lo squartatore di New York

Aufgrund der Rechtslage in Deutschland möchten wir darauf hinweisen dass der im folgenden besprochene Spielfilm aktuell gemäß §131 StGb beschlagnahmt ist. Um unserem Bildungsauftrag nachzukommen und der kulturellen Bedeutung des Films gerecht zu werden, findet ihr im Folgenden einen ausführlichen Artikel über Lo squartartorde die New York, der sich mit Werk und Wirkung kritisch auseinandersetzt.

Die Metropole New York: Am Ufer des Hudson-River entdeckt ein Spaziergänger eine grausam zugerichtete Frauenleiche. Für die Verhältnisse dieser Großstadt ist dies zunächst kein besonders schockierendes Ereignis. Doch eine weitere junge Frau wird Opfer des brutalen Triebmörders, der mit außerordentlicher Gewalt und Brutalität vorgeht. Dies ist für die Presse ein gefundenes Fressen und so wird die Polizei gezwungen, sich auf die Jagd nach dem Killer zu machen. Lieutenant Williams ermittelt ergebnislos, einzig die seltsame Stimme des Mörders scheint eine heiße Spur zu sein. Als sich die junge Faye Majors meldet, die einen Angriff des Mörders schwer verletzt überlebt hat, werden die Ermittlungen zu einem Katz- und Maus-Spiel. (XT-Video)

In den frühen 80er Jahren ging dem giallo als besonders rentables Handelsgut so langsam die Luft aus, doch das „Genre“ verabschiedete sich nicht gerade auf sanfte Art und Weise in den „Ruhestand“. Filme wie Der New York Ripper demonstrierten, dass es innerhalb des filone noch viele Knöpfe zu drücken gab. Lucio Fulci kam zu diesem Film, als er gerade auf der Erfolgswelle ritt, die seine übernatürlichen Horrorfilme Zombi 2 (Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies, 1979), Paura nella città dei morti viventi (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980), …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà (Die Geisterstadt der Zombies, 1981) und Quella villa accanto al cimitero (Das Haus an der Friedhofmauer, 1981) losgetreten hatten. Diese Filme mischten das Elegante mit dem Grotesken und servierten haufenweise Grand Guignol, was dem Filmemacher mittleren Alters unter einer Generation von Gorehounds den Spitznamen The Godfather of Gore einbrachte. Über das was Fulci wirklich von all dem hielt, kann nur spekuliert werden, doch er ging darauf ein und schätzte die Tatsache, dass sich seine Karriere, die in den 70er Jahren aufgrund der Kontroverse um einige seiner politisch engagierteren Werke wie Nonostante le apparenze… e purchè la nazione non lo sappia… all’onorevole piacciono le donne (Der lange Schwarze mit dem Silberblick, 1972), endlich wieder auf Kurs befand. Die blutigen Höhepunkte, die seine Filme bei einigen Fans beliebt machten, entfremdeten ihn von anderen und machten ihn definitiv zu einem Sündenbock für moralisch empörte Zensoren auf der ganzen Welt.

Der New York Ripper würde die Hervorhebung von Blut und Gore in einen realistischeren Kontext übertragen. Dinge, die sich im Zusammenhang mit dem Übernatürlichen als übertrieben und opernhaft erwiesen hatten, sollten jetzt sadistisch und grausam rüberkommen. Die Kritiker zerrissen den Film in der Luft, während Zensoren versuchten ihn zu verhackstücken (die Briten verboten ihn viele Jahre lang, bevor sie ihn 2002 mit erheblichen Kürzungen für den Heimvideo-Markt freigaben) und verwirrte Fans nicht so recht wussten, was sie davon halten sollten. Allerdings waren viele dieser Fans zweifellos nicht mit Fulcis produktivem Schaffen vor Zombi 2 vertraut und erkannten nicht, dass der Film auf Grundlagen aufbaute, die der Filmemacher bereits in seinen gialli der späten 60er und 70er Jahre geschaffen hatte. Der New York Ripper würde sich nicht als sein letztes Wort zu diesem Thema erweisen – er sollte noch bei einem weiteren giallo Regie führen, Murderock – Uccide a passo di danza (Murder Rock, 1984) – dürfte aber der Film gewesen sein, der als Fulcis Reaktion auf die begeisterte Aufnahme seiner blutigen Horrorfilme angesehen werden konnte. So viele Fans und Kritiker verbrachten eine Menge Zeit damit über die exzessive Gewalt in diesen Filmen zu diskutieren (auf positive sowie negative Art und Weise), sodass die anderen Aspekte der Filme meistens nicht gewürdigt wurden.

Kritiker schrieben wenig über Fulcis kunstvollen Umgang mit framing, Sergio Salvatis fantastische Kinematografie, Vincenzo Tomassis knackiges sowie effizientes editing oder Fabio Frizzis erfinderische Soundtracks; stattdessen befasste sich eine Rezension nach der anderen mit den verschiedenen blutigen Höhepunkten der Filme. Das kam sicherlich nicht unerwartet, doch muss es Fulci auch unendlich amüsiert haben, dass so viel von der Resonanz dieser Filme letztendlich auf ihre kunstvoll choreografierten Szenen von Kannibalismus und Verstümmelung zurückzuführen war. Durch die Entfernung dieser Handlungen aus dem Bereich des „Fantastischen“ (wo sie sich irgendwie attraktiver gestalteten), gelang es Fulci die Grenzen weiter zu verschieben als je zuvor. Seine gialli aus den Siebzigern hatten auch schon Momente durchschlagender Gewalt zu bieten gehabt (man denke nur an das brutale Kettenpeitschen aus Non si sevizia un paperino / Don’t Torture a Duckling, 1972), doch solche Sequenzen kamen eher gelegentlichen „Ausrufezeichen“ nahe. In Der New York Ripper sollten sie sich für das düstere und heruntergekommene Ambiente des Films als viel zentraler erweisen. Indem er die realistische Darstellung von gewaltsamen Todesfällen mit schäbigen Dosen von Sex und Perversion vermischte, braute er einen berauschenden Cocktail zusammen, der sich als etwas zu stark für das vorgesehene Publikum herausstellte.

Begeisterte Gorehounds mochten es nicht, ihren Fetisch direkt ins Gesicht geklatscht zu bekommen, während der Film vom Publikum generell schlichtweg abgelehnt wurde. Am anderen Ende des Spektrums bekamen die cholerischen Kritiker (die sich schon lange über eine frauenfeindliche Ader in Fulcis Werken beschwert hatten) Oberwasser, da sie aus diesem Film die endgültige und absolute Bestätigung ihrer These ableiteten: Lucio Fulci ist kaum mehr als ein abscheulicher Pornograf anzusehen, der mit sogenannten money shots von Frauen handelt, die in ekelhaften Details brutalisiert wurden. Sollte Fulcis Absicht darin bestanden haben, seine Fans und Kritiker gleichermaßen mit dem Thema Gewalt zu konfrontieren, so waren die Leute zum Zeitpunkt der ursprünglichen Veröffentlichung des Films nicht unbedingt bereit zu einer Diskussion. Die Zeit und etliche schwache, verwässerte gialli– und italienische Horrorfilme haben stark dazu beigetragen, den Ruf des Films zu rehabilitieren, obwohl er unter Fans des „Genres“ im Allgemeinen und innerhalb Fulcis Werk im Besonderen noch immer ein heißes Thema darstellt. Im Laufe der Jahre wurde recht viel über Der New York Ripper geschrieben, wobei die meisten Kritiken negativ ausgefallen sind.

Nur sehr wenige Kritiker haben einen tapferen Versuch unternommen, die Waage etwas ins Gleichgewicht bringen zu wollen, doch insgesamt wurde nie richtig sensibel über diesen am meisten missverstandenen aller gialli nachgedacht. Auf gewisse Art und Weise kann man auch leicht erkennen bzw. verstehen warum. Um es mal vollkommen klar auszudrücken, bei Der New York Ripper handelt es sich um einen besonders fiesen Bastard von einem Film. Das Ganze beginnt mit einem Hund, der inmitten von New York Citys Müll eine abgetrennte Hand findet und endet mit einem äußerst mitleiderregenden kleinen Mädchen, einsam und elternlos, das sich die Augen ausweint, während sich die Polizei auf ihren Lorbeeren ausruht, nachdem der psychopathische Mörder außer Gefecht gesetzt worden ist. Der Streifen suhlt sich in Szenen von abnormen Sex: Live-Sex-Shows im Times Square-Viertel der Stadt (lange bevor Bürgermeister Bloomberg es in eine weitaus weniger atmosphärische Touristenfalle verwandelte), verbotene Treffen in schmierigen Motels und etliches mehr wird hier auf angemessen schmutzige Weise detailliert gezeigt. Darüber hinaus präsentiert Fulci seinem Publikum eine Reihe von Charakteren, die wohlwollend als dysfunktional bezeichnet werden können. Im verbitterten Milieu des Films stellt Unschuld keinen Garant für Glück dar, während sich die Vertreter der Justiz nur um Haaresbreite vom Killer entfernt befinden, den sie fassen und bestrafen wollen.

Es stellt sich nun die Frage: Hat Fulci wirklich versucht seine Kritiker zu Wutausbrüchen zu provozieren? Wenn dem so ist, so ist es ihm sicherlich über seine kühnsten Träume hinaus gelungen. Der New York Ripper wird oft als Lehrbuchbeispiel für filmische Frauenfeindlichkeit eingestuft und fairerweise muss man zugeben, dass dies auch vollkommen nachvollziehbar ist. Die Opfer sind in der Regel weiblich, während die Art der Gewalt oft darauf abzielt ihre schönen Gesichter zu verstümmeln oder, schlimmer noch, ihre Sexualität direkt anzugreifen. Die Sache bekommt durch die Anwesenheit einer „Heldenfigur“, Lieutenant Williams, keine besondere Unterstützung geboten, denn der fällt recht selbstgefällig ein moralisches Urteil über jedes einzelne Opfer, während er mehr oder weniger verzweifelt versucht deren Mörder zu fassen. Fulci setzte auf eine reflexartige Reaktion seiner Kritiker, doch hatte er auch gehofft, dass seine Fans bereit dazu waren, unter die Oberfläche zu schauen und die Dinge genauer zu begutachten?

Es gestaltet sich schwierig nachzuvollziehen was er wirklich dachte, doch es scheint auch schwer vorstellbar zu sein, dass Fulci (mit seinem liberalen sozialen Gewissen, wie seine früheren Werke beweisen), seine weiblichen Charaktere lediglich für das einfache Erkunden ihrer sexuellen Fantasien bestraft. Im Wesentlichen geht es Fulci hier darum, den Zuschauer zu provozieren und gleichzeitig ein eng gewobenes und größtenteils logisch aufgebautes Thriller-Szenario zu erzählen. Es handelt sich dabei um ein sehr ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel, wobei Fulci am Ende aufgrund der Tatsache verliert, weil das meiste der Genrekritik als oberflächlich sowie reaktionär zu bezeichnen ist. Allerdings bringen auch hier vergangene Zeit und umfassende Reflektion die anspruchsvolleren Elemente des Films deutlicher zum Vorschein. Die Charaktere sind bewusst kalt und gefühllos angelegt worden. Lieutenant Williams repräsentiert eine Variation der knallharten, zynischen Detektivfiguren, die man mit dem Noir-Genre in Verbindung bringt. Er trägt sogar einen Regenmantel mit hochgezogenem Kragen. Er mag zwar einen Großteil des narrativen Raums des Films einnehmen, stellt aber keineswegs einen konventionellen Helden dar.

Williams ist als plump, grob und geradezu unmenschlich in seinem Umgang mit anderen Menschen und in seinen Reaktionen auf das Gemetzel zu beschreiben, das gerade um ihn herum stattfindet. Man könnte argumentieren, dass ihn seine Arbeit abgehärtet hat und der Job das eben mit sich bringt, doch er wird ganz bewusst auf eine sehr schroffe und unsympathische Weise porträtiert. Schlimmer noch, er verkörpert einen Fanatiker und Heuchler. Er hat kein Problem damit, dem trauernden Ehemann eines Opfers gegenüber anzudeuten, dass die Frau praktisch ihren eigenen Tod herbeigeführt hat, indem sie herumschäkerte, doch seine einzige wirkliche Beziehung außerhalb seines „Büros“ besteht aus einer Prostituierten (Daniela Doria), mit der er auf halbregelmäßiger Basis schläft. Das hat etwas ziemlich Trauriges und Einsames an sich, was ihn ein wenig armselig erscheinen lässt, doch die kalte, arrogante und herablassende Haltung, die er während des gesamten Films an den Tag legt, hält das Publikum ihm gegenüber auf Distanz. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass er der Held sein soll und ihn daher zum „moralischen Kompass“ des Films macht, dann würden sich seine Vorwürfe den Opfern gegenüber tatsächlich als sehr beunruhigend erweisen. Dabei handelt es sich wiederum um eines der subtilen Elemente (die Fulci und seine Mitarbeiter in den Film eingearbeitet haben), das im Laufe der Jahre so viel diffuse Kritik hervorgerufen hat.

Um seine Ermittlungen zu unterstützen, bittet Williams den Psychologen Dr. Davis um Hilfe, wobei letzterer einen der interessantesten Charaktere des Films repräsentiert. Der zeichnet sich nämlich durch einen morbiden sowie ironischen Humor aus, was ihn stark von Williams abgrenzt, der als völlig humorlos dargestellt wird. Zwar kann man auch in Davis eine selbstgefällige sowie selbstzufriedene Person mit gesundem Ego erkennen, doch er hat gleichzeitig ein gewisses Maß an Mitgefühl und Empathie zu bieten, was ihn enorm von Williams unterscheidet. Interessanterweise wird er auch als Homosexueller entlarvt. Kritiker, die argumentiert haben, Fulci würde eine übereifrige katholische Einstellung zu Sex und Sexualität an den Tag legen, neigen dazu, diesen Aspekt bequemerweise zu übersehen. Hätte Fulci wirklich eine solche Einstellung gehabt, so wäre Davis aufgrund seiner Sexualität als anormal gekennzeichnet worden. Es stimmt, er verbirgt seine Homosexualität vor der Gesellschaft, während das Publikum von seinen sexuellen Vorlieben nur aufgrund einer kurzen Szene erfährt, in der er gesehen wird, wie er eine Ausgabe des Blueboy-Magazins bei einem lokalen Zeitungskiosk kauft. Ein sehr aufschlussreicher Moment, der aus gutem Grund in den Film integriert worden ist. Fulci spielt dabei mit den Konventionen des Genres, die das „Andere“ oftmals mit dem Abweichenden vermengen, was der Regisseur bereits in früheren Werken wie Don’t Torture a Duckling und Ein Zombie hing am Glockenseil demonstriert hat. Es sind nicht die „andersgearteten“ Personen, die zu Gewalt und Hass neigen, sondern eher die bigotten, sogenannten „normalen“ Charaktere.

Der New York Ripper bleibt dieser These treu, indem er Davis als einen im Grunde umgänglichen und sympathischen Charakter präsentiert, der seinen Intellekt dazu einsetzt, um bei der Ergreifung des Mörders behilflich zu sein. In der kühlen Umgebung des Films ist Dr. Davis eine der wenigen Personen, die echte Menschlichkeit zeigen. Gleichzeitig ist die nominelle Heldin Faye Majors (Almanta Suska) nicht wirklich als interessant zu bezeichnen. Insgesamt stellt sie eine ziemlich begriffsstutzige sowie irritierende Präsenz dar. Sie mag zwar das „katholische“ Ideal der sexuell konservativen Frau verkörpern, doch sie legt durchweg schlechtes Urteilsvermögen an den Tag und vermag es zu keinem Zeitpunkt richtige Sympathie beim Publikum zu generieren. Dagegen haben viele der „kernigen“ Opfer richtigen Mumm und präsentieren sich deutlich lebhafter und interessanter. Zum Beispiel mag Jane Forrester Lodge zwar dem Profil der „wohlhabenden Perversen“ entsprechen (die dem Publikum bereits aus so vielen anderen gialli bekannt ist), doch bei ihr kann man noch echte Menschlichkeit erkennen, während sie recht sympathisch rüberkommt. Jane ist mit einem erfolgreichen Arzt (Cosimo Cinieri als Laurence Wells aufgeführt) verheiratet, doch ihre Beziehung wirkt kühl und distanziert. Sie genießt es, Sex mit zufälligen männlichen Bekanntschaften zu haben, während er seine Kicks bekommt, indem er sich die dazugehörigen Audioaufnahmen anhört und in seinem Arbeitszimmer dazu masturbiert (anstatt einfach mit ihr zu schlafen!?).

Fulci fällt kein moralisches Urteil über diesen Charakter, selbst wenn Lieutenant Williams es tut. Tatsächlich erweist sich die Szene, in der sie versucht aus den Fängen des Rippers zu entfliehen, als eine der spannendsten des Films – weil das Publikum sehen will, wie sie ihm entkommt. Wenn Fulci auch hier wirklich vorgehabt hätte diesen Charakter zu verurteilen, so wären Betonung sowie Ausführung dieser Sequenz sehr unterschiedlich ausgefallen; es besteht kein Zweifel daran, dass er eher auf ihrer Seite steht, als auf der des Mörders, was sich wiederum als eine Unterscheidung erweist, die vielen Rezensenten zu subtil gewesen sein muss. Neben dem zwielichtigen Ambiente und dem grafischen Sadismus des Films, stellt das andere umstrittene Element die entenartige Stimme des Mörders dar. Man möge es glauben oder auch nicht, doch dafür bekommt man am Ende des Streifens doch tatsächlich einen einigermaßen glaubwürdigen psychologischen Hintergrund geboten. Trotzdem hat die Donald-Duck-Stimme das Publikum verständlicherweise aus der Fassung gebracht und tut dies auch noch bis heute. Geht man davon aus, dass Fulci intelligent genug war, um zu erkennen, dass dies bei einigen Zuschauern ziemlich lachhaft rüberkommen würde, scheint er dabei ein bisschen Spaß mit den Genre-Konventionen gehabt zu haben.

Dario Argento hatte die Verwendung von atemlosen, flüsternden, vage androgynen Stimmen für seine Mörder populär gemacht (hauptsächlich, um ihre Identität bis zum Ende des Films geheim halten zu können), wobei Fulci noch einen Schritt weitergeht, indem er eine noch lächerlichere Form der Täuschung anwendet. Ob die Entscheidung klug war oder nicht, kann diskutiert werden, es ist jedoch nicht zu leugnen, dass es sich um eine denkwürdige Idee handelt, wobei die endgültige Erklärung wesentlich dazu beiträgt, sie im Kontext zu bestätigen. Der New York Ripper kommt selten als filmisches Werk zur Geltung, ist aber definitiv zu Fulcis besten und überzeugendsten Filmen zu zählen. Er führt mit Energie, Stil und Überzeugung Regie. Das Tempo ist als durchgehend konstant zu bezeichnen, wobei die Mischung aus polizeilichen Verfahrenssequenzen und schockierender Sensationsgier angemessen ausbalanciert wirkt. Der Film profitiert von seinen Außenaufnahmen in New York City (mit in Rom gedrehten Innenaufnahmen), während sich Luigi Kuveillers Beleuchtung hervorragend gestaltet.

Die Verwendung von Farbe erweist sich naturalistischer als in einigen von Fulcis stilisierteren 70er-Thrillern und es gibt auch einen „wunderbaren“ Moment zu „bestaunen“, der an Mario Bava erinnert, wenn ein Opfer in einem von grünem Licht durchfluteten Raum getötet wird. Francesco De Masis funky Soundtrack präsentiert sich abwechselnd mal spannend und mal traurig, während sich Germano Natalis Spezial-Make-up-Effekte durch ihren mulmigen Realismus auszeichnen. Die Besetzung umfasst eine Reihe bekannter Gesichter. Den englischen Schauspieler Jack Hedley als den schroffen New Yorker Cop zu besetzen, mag seltsam erscheinen, doch er liefert eine hervorragende Vorstellung ab. Hedley versteht es sehr gut dem Drang zu widerstehen, die Figur weicher anzulegen und legt bewundernswertes Engagement an den Tag, ihn als den kaltherzigen Hurensohn zu porträtieren, der er wirklich ist. Hedley wurde 1930 in London unter dem Namen Jack Hawkins geboren; ließ den Namen später aber ändern, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Star aus britischen Filmen zu vermeiden, der vor allem für seine Auftritte in Blockbustern wie David Leans Die Brücke am Kwai (1957) und William Wylers Ben Hur (1959) bekannt ist.

Unter dem Pseudonym Jack Hedley trat er Ende der 50er Jahre im britischen Fernsehen auf und gab 1958 sein Filmdebüt. Er spielte eine nicht im Abspann aufgeführte Nebenrolle in David Leans Lawrence von Arabien (1962, in dem sein Namensvetter in einer viel größeren Rolle auftrat), bevor er kernige Hauptrollen in John Gillings Die scharlachrote Klinge (1963) und Don Sharps Witchcraft (1964) ergatterte. Er tauchte in allem, von Roy Ward Bakers Die Giftspritze (1968) bis John Glens James Bond-Abenteuer In tödlicher Mission (1981) auf, bevor er mit Der New York Ripper seinen einzigen Ausflug in die Welt des italienischen Exploitation-Kinos unternahm. Hedley verbrachte den Rest des Jahrzehnts bis in die frühen 2000er Jahre damit, hauptsächlich fürs Fernsehen zu arbeiten, bevor er sich von der Schauspielerei zurückzog. Berichten zufolge lebte er zuletzt in Südafrika und verstarb erst kürzlich im Dezember 2021. Dr. Davis wird von Paolo Malco sehr gut verkörpert. Seine Mischung aus Charme und Zynismus trägt dazu bei, den Charakter sympathisch wirken zu lassen, während er und Hedley hervorragende Leinwandchemie versprühen.

Malco wurde 1947 in Ligurien geboren und gab 1973 sein Filmdebüt. Seinen ersten Auftritt in einem giallo verbuchte er in Il gatto dagli occhi di giada (Die Katze mit den Jadeaugen, 1977) und spielte später unter anderem in Sergio Martinos Assassinio al cimitero etrusco (The Scorpion with Two Tails, 1982) und Lamberto Bavas Morirai a mezzanotte (Midnight Killer, 1986) mit. Am ehesten erinnert man sich wohl an ihn als Vater aus Fulcis Das Haus an der Friedhofmauer. Alexandra Delli Colli, der es in ihren relativ wenigen Szenen gelingt einiges an Charaktertiefe zu vermitteln, übernimmt die Rolle der Jane Forrester Lodge. Delli Colli wurde 1957 geboren und trat ab Mitte der 70er Jahre erstmals in Filmen auf. Ihr statuenhafter Körperbau und ihr elegantes Aussehen machten sie zu einem Naturtalent für das Exploitation-Kino, wobei sie sich in einigen Filmen vollkommen entblößte, darunter Marino Girolamis wahnsinniger Zombie-Holocaust (Zombies unter Kannibalen, 1980). Sie verschwand Ende der 80er Jahre aus der Welt der Filme. Zu den Nebendarstellern gehören Howard Ross aka Renato Rossini (der sich als griechischer Einwanderer mit einer Leidenschaft für Fetisch-Sex richtig abstoßend präsentiert) und Fulci selbst, der als Williams‘ unwirscher Vorgesetzter einen Cameo-Auftritt hat. Andere Schauspieler wie Andrea Occhipinti und Cosimo Cinieri spielten in späteren gialli wichtigere Rollen.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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