Der schwarze Leib der Tarantel / La tarantola dal ventre nero

Ein Psychopath ermordet kaltblütig die hübsche Maria, indem er sie mit Insektengift erst paralysiert und danach gekonnt ausweidet: das Grauenvolle ist, Maria muss bei vollen Bewusstsein aber bewegungslos ihrem eigenen Mord zusehen. Inspektor Tellini, noch neu in seiner Position, wird mit der Ermittlung beauftragt. Er verdächtigt ihren Ehemann Paolo, der sich auch sofort aus dem Staub macht. Schnell hat Tellini einen zweiten Mord im gleichen modus operandi auf dem Tisch, die Dame war im Drogenhandel tätig. Und es gibt weitere Opfer, Tellini selbst und seine Frau geraten ins Netz des Mörders – bis ihn die Spur endlich zu einer Massagepraxis und dem gnadenlosen Showdown führt. (CMV Laservision)

Der schwarze Leib der Tarantel war einer der ersten offensichtlich von Dario Argento beeinflussten Gialli. Der Film enthält alle grundlegenden Merkmale, die Argento in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970) populär gemacht hatte: einen kunstvollen Titel, eine Serie von aufwendig choreografierten Mordsequenzen, humorvolle Vignetten von skurrilen Randfiguren und so weiter. Der Hauptunterschied liegt in der Hervorhebung des Polizeiinspektors, die Art von Charakter, die in Argentos Filmen erst viel später als Nebenfigur auftauchen sollte. In den Händen von Regisseur Paolo Cavara gelingt es dem Film seinem bekannteren Vorbild gerecht zu werden und erweist sich als einer der stärksten Gialli seiner Zeit. Der Streifen mag sich dem früheren Film verpflichten, stellt allerdings keine sklavische Nachahmung dar und kann auf seinen eigenen Füßen stehen. Der Plot schafft es Elemente aus Bavas Blutige Seide (1964) – wo die schicken Sets als Fassade für einen Drogenring dienen – mit dem eher psychosexuellen Beiwerk aus Argentos Gialli zu kombinieren. Inspector Tellini ist weit davon entfernt, ein gewöhnlicher hölzerner und eindimensionaler Plattfuß zu sein, der routinemäßig durch die polizeilichen Ermittlungen stapft, sondern wird als komplexer Charakter mit seinen ganz eigenen Problemen porträtiert. Er ist neu in der Mordkommission und fürchtet, dass ihm Fähigkeit und Einsicht fehlen, um seinen Job richtig erledigen zu können. Mit steigender Anzahl der Todesopfer wird er immer neurotischer und gibt sich selbst die Schuld. Aus dem gleichen Grund nimmt sich der Film die Zeit ihn zu Hause zu zeigen, wo er ein normales Leben mit seiner liebevollen Frau führt und mit ihr die banalen, alltäglichen Probleme bewältigen muss, mit denen sie jeden Tag konfrontiert werden, so wie Möbel verkaufen und Umbauten vornehmen. Eine charmante Note, die den Charakter menschlicher erscheinen lässt. In dieser Hinsicht ist Tellini der Darstellung des Inspektors von Frank Wolff in Das Grauen kam aus dem Nebel (Death Occurred Last Night, 1970) erheblich näher als dem des durchschnittlichen Giallo.

Während der Druck bei der Täterjagd erfolgreich zu sein immer mehr steigt, läuft Tellini Gefahr mit dem Mörder eins zu werden. Dieses Element verleiht dem Film wirklich emotionalen Nervenkitzel, was ihm hilft sich so von vielen anderen Thrillern der Epoche abzugrenzen. Wobei Cavara jedoch nicht mit Sleaze und Gewalt spart. Die Eröffnungssequenz dagegen kann mit Leichtigkeit als eine der sinnlichsten des filone bezeichnet werden: Die reizende Barbara Bouchet liegt nackt auf einem Massagetisch und erhält eine Ganzkörpermassage. Während sich die Szene entfaltet, kann man erkennen wie es ihr Spaß bereitet den blinden Masseur zu reizen, indem sie ihren Fuß an seinem Schritt reibt. Schon zu Beginn ein wahrer Augenöffner, da kann man sich sicher sein. Die Umgebung des Luxus-Spas ermöglicht es viel nacktes Fleisch zu zeigen, während die Mordszenen dank der kunstvollen Kombination aus grafischer Darstellung und Suggestion etwas Quälendes an sich haben. Die Methode des Killers besteht darin, seine Opfer mit einer Nadel in den Nacken zu stechen, um sie somit zu lähmen. Wenn sie denn paralysiert daliegen, mit weit aufgerissenen Augen, sich aber nicht bewegen oder sprechen können, schlitzt ihnen der Mörder den Bauch auf, daher auch der Titel des Films. Cavara weiß genau, was man zeigen kann und was der Fantasie des Zuschauers überlassen werden sollte, weswegen das Endergebnis definitiv stark ausgefallen ist. Die ausgezeichnete Auswahl der Settings stellt dabei eine große Hilfe dar. Eine Mordszene findet in einem klaustrophobisch gestalteten Raum statt, in dem Mannequins lagern, was an Mario Bavas Il rosso segno della follia (Hatchet for the Honeymoon / Red Wedding Night, 1970) erinnern lässt. In ähnlicher Weise weicht die Aufmerksamkeit für kleine visuelle Schnörkel der bemerkenswerten Montage in den Szenen, wo sich der Killer auf seine nächsten Taten vorbereitet. Die Produktionswerte sind sowieso durchweg hervorragend. Marcello Gattis Kinematografie gestaltet sich farbenfroh und gibt die passende Stimmung vor, während Ennio Morricone einen seiner allerbesten Giallo-Soundtracks beisteuert. Mario Morras Schnitt ist stringent, wobei sich der Film in gleichmäßigem Tempo bewegt.

Die Besetzung ist ein Traum für Giallo-Fans: Giancarlo Giannini eignet sich hervorragend für die Rolle des konfliktgeplagten Tellini. Der Charakter ist gut entwickelt, wobei Giannini alles an Drama in sich herausholt, ohne dabei wie ein Schwächling zu wirken. Man kann nur bedauern, dass die Produzenten die Gelegenheit verpasst haben der Figur eine eigene Reihe von Thrillern zu widmen, ähnlich den „Commissario Ferro“ Charakteren, die Franco Nero oder Maurizio Merli damals enorm populär werden ließen. Tellinis Ehefrau Anna ist mit Stefania Sandrelli gut besetzt. Es handelt sich dabei allerdings um eine relativ unbedeutende Rolle für eine Schauspielerin, die bis zu diesem Zeitpunkt bereits in Klassikern, wie Pietro Germis Scheidung auf Italienisch (1961, im Alter von nur 15 Jahren) und Bernardo Bertoluccis Der große Irrtum (1970) mit Jean-Louis Trintignant und Gastone Moschin gespielt hatte. Hier würzt sie ihren Charakter mit einer schönen Mischung aus Verwundbarkeit, Lieblichkeit und Entschlossenheit. Claudine Auger spielt frostig sowie effektiv als Eigentümerin des Spas, deren Mitwirken an den illegalen Vorgängen auf eine tiefere Verstrickung in den Fall hinweisen kann oder auch nicht. Auger trat im gleichen Jahr auch in Mario Bavas Im Blutrausch des Satans auf, nachdem sie den Titel der Miss Frankreich gewonnen hatte und bevor sie als Domino in der James Bond-Extravaganz Feuerball (1965) von Terence Young Berühmtheit erlangte. Barbara Bouchet hat außerhalb ihrer denkwürdigen Eröffnungssequenz nicht viel zu tun, stellt jedoch eine willkommene Präsenz dar, während eine junge Barbara Bach, die später Ringo Starr heiratete und mit Roger Moore in Der Spion, der mich liebte (1977) spielen sollte, mehr oder weniger kurz durchs Bild hüpfen darf, bevor sie vom Killer aufgeschlitzt wird.

Silvano Tranquilli spielt Bouchets eifersüchtigen Ehemann mit haarsträubendem Temperament … doch wer kann ihm schon vorwerfen, ein bisschen eifersüchtig zu sein? Tranquilli wurde 1925 geboren und gab rund dreißig Jahre später sein Filmdebüt. Seine ersten echten Erfolge im italienischen Horrorfilm kamen mit Riccardo Fredas Das schreckliche Geheimnis des Dr. Hichcock (1962) als junger Held, der Barbara Steele rettet und Antonio Margheritis Danza macabra (1964), in dem er Edgar Allan Poe darbot. Für beide Filme wurde ihm das anglisierte Pseudonym Montgomery Glenn verpasst. Tranquilli wirkte dann in einer Reihe von Gialli wie Blutspur im Park (1971), Il sorriso della iena (Smile Before Death) und Schön, nackt und liebestoll (beide 1972) mit. Tranquilli war ein wirklich reifer Charakterdarsteller, der ein besonderes Talent dafür hatte, moralisch kompromittierte Charaktere mit zivilem, auffälligem Äußeren (wie hier) zu porträtieren. Er verstarb 1995. Rossella Falk hat einem ausgedehnten Cameo-Auftritt als Erpressungsopfer. Sie wurde 1926 geboren, war in erster Linie Bühnenschauspielerin und arbeitete intensiv mit Luchino Visconti zusammen. Ihre filmische Arbeit umfasst solche Werke wie Achteinhalb von Federico Fellini (1963) und Joseph Loseys Modesty Blaise – Die tödliche Lady (1966), bis hin zu Gialli wie Brunello Rondis Più tardi Claire, più tardi… (Run, Psycho, Run, 1968) und Dario Argentos Non ho sonno (Sleepless, 2001). Hier kommt sie kaum zum Einsatz, macht sich in ihren wenigen Szenen aber echt gut. Annabella Incontrera tritt ganz kurz als eines der Opfer auf; hat jedoch nicht einmal eine Zeile Text aufzusagen. In Riccardo Fredas Das Gesicht im Dunkeln (1969) wurde sie besser eingesetzt und erschien auch in späteren Gialli wie Das Geheimnis der blutigen Lilie, Schön, nackt und liebestoll und Sette scialli di seta gialla (The Crimes of the Black Cat, alle 1972). Weitere bekannte Giallo-Gesichter sind Ezio Marano (Una lucertola con la pelle di donna/A Lizard in a Woman’s Skin, 1971), Eugene Walter (Das Haus der lachenden Fenster, 1976) und Fulvio Mingozzi (Rosso – Die Farbe des Todes, 1975).

Regisseur Paolo Cavara wurde 1926 geboren und begann Ende der 50er Jahre als Regieassistent. In den frühen 60er Jahren übernahm er dann die Rolle des Regisseurs, als er mit Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi an der berüchtigten Scheindokumentation Mondo Cane (1962) zusammenarbeitete. Der Film brachte den drei Männern eine Nominierung für den prestigeträchtigen Palme D’Or bei den Filmfestspielen in Cannes ein und wurde zu einer weltweiten Sensation. Der Erfolg des Films führte zu einer ganzen Reihe von „Mondo“ -Filmen, darunter Alle Frauen dieser Welt (1963), zu denen er beitrug ohne in den Kredits Erwähnung zu finden. Cavara sollte kein besonders produktiver Regisseur werden, doch neben dem Italo-Western Das Lied von Mord und Totschlag (1973), mit Franco Nero und Anthony Quinn, drehte er mit Magnum 45 (1976) auch noch einen weiteren Giallo. Sein Film Das wilde Auge (1967) ist ebenfalls reif für eine Wiederentdeckung. Mit einem Drehbuch, das von so bedeutenden Autoren wie Tonino Guerra und Alberto Moravia gemeinsam verfasst wurde, erzählt der Streifen von einem obsessiven Dokumentarfilmer, der sich auf Themen im Mondo-Stil spezialisiert hat und vor Nichts halt macht, um seine Vision zu verwirklichen. Mit Sicherheit war Ruggero Deodato mit diesem Film vertraut, da das Grundkonzept für seinen berüchtigten Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt, 1980) wieder aufgegriffen wurde. Cavara verstarb 1982 im Alter von nur 56 Jahren.

An dieser Stelle soll nun der Versuch unternommen werden kurz zu erörtern wie der giallo filone Der schwarze Leib der Tarantel im Zyklus der Strömung giallo eingeordnet werden kann. Nimmt ein Film die Erzählperspektive der Polizei bei der Untersuchung und Lösung von Verbrechen ein, dann ist dieser Film eher als ein Polizei-Thriller, als ein klassischer giallo zu bezeichnen. Das italienische volkstümliche Kino erkennt den poliziotto als separaten filone an: Filme, in denen die Polizei die Hauptrolle übernimmt (vgl. Koven, 2006, Seite 7). Trotz der Unterschiede zwischen dem giallo und dem poliziotto fokussieren sich beide auf die Jagd nach einem Serienmörder oder der Ermittlung gegen einen Drogen-/ Schmugglerring. Häufig sind diese filone schwierig zu differenzieren, nicht zuletzt auch, weil einige polizieschi in ihrer Vermarktung (zumindest im modernen Vertrieb dieser Filme auf DVD und BluRay) als giallo beschrieben werden. Eine Reihe von Filmen aus diesem Zeitraum gehören eindeutig in den Zyklus der Polizei Filme. Insbesondere Poalo Cavaras La tarantola dal ventre nero (Der schwarze Leib der Tarantel, 1971) ist ein gutes Beispiel für die Verschmelzung von giallo und poliziotto, denn er privilegiert sowohl die Untersuchungsperspektive des Amateur-Detektives Poalo Zani (Silvano Tranquilli), als auch die des Polizeibeamten, Inspektor Tellini (Giancarlo Giannini). Auch Massimo Dallamanos La morte non ha sesso (Das Geheimnis der jungen Witwe, 1968) und Der Tod trägt schwarzes Leder (1974) repräsentieren viel eher den poliziotto als den klassischen giallo, wobei sich die zentrale Rolle der Polizei im originalen italienischen Titel des letzteren widerspiegelt (La polizia chiede aiuto, wörtlich übersetzt „Die Polizei braucht Hilfe“). Flavio Mogherinis La ragazza dal pigiama giallo (Blutiger Zahltag, DVD-Titel; Die Frau aus zweiter Hand, TV-Titel; Ein Mann gegen die Mafia, Video-Titel) von 1977 nimmt, trotz des Gebrauches des Wortes giallo im italienischen Titel, mehr die Ermittlungen von Inspektor Thompson (Ray Milland) in den Blickpunkt, als die Ereignisse, die dazu führten.

Als weitere Genre-Hybriden, die einige Konventionen des poliziesco mit denen des giallo kombinieren, können noch Mario Caianos …a tutte le auto della polizia (Calling All Police Cars, 1975) und Sergio Martinos Morte sospetta di una minorenne (The Suspicious Death of a Minor, 1975) genannt werden (vgl. Scheinpflug, 2014, Seite 112). Bezeichnenderweise wurde Das Geheimnis der jungen Witwe gedreht, bevor die Phase des klassischen giallo begann italienische terza visione Leinwände zu dominieren (zum Beispiel die Filme sullo stesso filone Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe). Mogherinis Blutiger Zahltag ist wiederum ziemlich spät im Zyklus angelegt. Während der klassische giallo das italienische volkstümliche Kino also circa von 1970 bis 1975 dominierte, wurde dieser filone von dem traditionelleren poliziotto Film eingeholt und übertroffen (vgl. Thrower, 1999, Seite 109). Filme wie Lucio Fulcis Lo squartatore di New York (Der New York Ripper, 1982) und Dario Argentos La sindrome di Stendhal (Das Stendhal Syndrom, 1996), beide vielmehr poliziotto als klassischer giallo, scheinen diesen Punkt zu unterstützen. Zeitgenössische gialli wie Occhi di cristallo aka Anatomie des Grauens (Eros Puglielli, 2004) beschäftigen sich beinahe ausschließlich mit der Polizeiarbeit. Dies lässt vermuten, dass der klassische giallo in der ersten Hälfte der Siebziger Jahre als filone existierte und aus einer bestehenden Nachfrage für traditionellere poliziotto Filme entstand. Als dem Zyklus einst langsam die Luft ausging, kehrte der filone zu den vertrauteren Polizei Dramen zurück.

Bei Amazon bestellen (oder: Amaray)

Darsteller: Claudine Auger, Barbara Bouchet, Rossella Falk, Silvano Tranquilli Giancarlo Giannini
Regisseur(e): Paolo Cavara
Format: Blu-ray
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Spieldauer: 93 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Das könnte Dich auch interessieren …