Der Tod kommt zweimal / Body Double

Jake Scully (Craig Wasson), ein arbeitsloser Schauspieler, wird gebeten sich um eine luxuriöse Wohnung zu kümmern. Ein spezieller Bonus, den das ausgefallene Apartment Jake bietet kann, ist ein teleskopischer heimlicher Blick in das Schlafzimmer von Gloria Revelle (Deborah Shelton), die einen erregenden Striptease darbietet. Als Jake entdeckt, dass ein anderer Mann Gloria ebenfalls ausspioniert, beginnt er, sie wie besessen zu überwachen. Bald führt ihn ein grausamer Mord in die Welt des Porno-Films, wo er die sexy Hardcore-Königin Holly Body (Melanie Griffith) kennenlernt, die den Schlüssel zum Verbrechen darstellt. (Umbrella Entertainment)

Beinahe alle Thriller Brian De Palmas wurden in den letzten Jahren einer gründlichen Neubewertung unterzogen, nachdem die Anschuldigungen wegen Nachahmung von Hitchcock verstummt waren, wobei nur wenige mehr davon profitierten als Body Double, eine schwindelerregende Achterbahnfahrt durch den Mitte 80er Westküstenexzess, die Logik zugunsten purer, mörderischer Unterhaltung aus dem Fenster wirft. Nach einem langwierigen Kampf mit der MPAA wegen Scarface im Vorjahr und dem Scheitern von Blow Out an den Kinokassen war De Palma hier definitiv im konfrontativen Modus unterwegs, als er alle Register für eine komplexe aber verspielte Melange aus Horror, Krimi und sexverrückter Komödie zog, inklusive einem grausamen Bohrer-Mord und Darstellungen der LA-Porno-Filmszene, die das Rating-Board verzweifeln lassen sollten. Das Manöver schlug jedoch fehl, da gleichzeitig Ken Russells weitaus verwirrender Crimes of Passion (China Blue bei Tag und Nacht) eingereicht wurde, was die MPAA in großzügige Stimmung versetzte und De Palmas Film nur eine geringfügige Kürzung der berühmten Fenster-Routine auferlegte. Trotz der lauen Resonanz handelt es sich um einen Film, der mit jedem Jahr zu reifen scheint und wiederholtem Betrachten erstaunlich gut standhält.

Nach einem schlechten Arbeitstag an einem billigen Vampirfilm, gerät der miese Tag des sich abmühenden Schauspielers Jake Scully (Ghost Storys Craig Wasson) noch mieser, als er seine Freundin (Barbara Crampton aus Re-animator) mit einem anderen Mann im Bett erwischt. Jake findet glücklicherweise schnell eine andere Bleibe, da er für den Schauspielkollegen Sam (Gregg Henry), der die Stadt verlassen muss, auf ein modernes Haus auf Stelzen in den Hollywood Hills (das sogenannte The Chemosphere) aufpassen soll. Der spezielle Bonus dabei besteht aus einer Nachbarin, die jeden Abend vor ihrem Fenster Nackt-Tänze aufführt. Jake ist besessen von der mysteriösen Frau von Gegenüber, der unglücklich verheirateten Gloria (Deborah Shelton, synchronisiert von Helen Shaver), der er beginnt überall hin nachzustellen. Gloria wird jedoch auch von einem bedrohlichen Indianer verfolgt, dessen gewalttätiges Verhalten Jake in ein dunkles Rätsel hineinzieht, an dem die lokale Pornoindustrie beteiligt ist, insbesondere ein beliebter Star der Szene namens Holly Body (Melanie Griffith).

De Palma recherchierte für diesen Film intensiv in der L.A.-Hardcore-Szene und plante die Rolle von Holly ursprünglich für Annette Haven (die in der Pornofilmdreh-Sequenz kurz zu sehen ist), doch der Widerstand des Studios brachte Melanie Griffith ihren großen Durchbruch in einem Part, der mit Leichtigkeit die Hauptrolle überschattet. Sie spielt funkelnd und ausgelassen und kreiert dabei eine Figur, die einer Screwball-Komödie würdig ist, wobei sie einen Look etabliert, der von der Westküsten Pornoszene für den Rest des Jahrzehnts imitiert werden sollte. Ein Grund dafür, warum der Film auf dem Höhepunkt der Reagan-Ära einen Nerv getroffen hat, ist eventuell die Verweigerung die Pornoindustrie als Senkgrube oder als korrumpierenden Einfluss zu porträtieren: soweit es reine Studiokost betrifft, handelt es sich hier um den ausgeglichensten und amüsantesten Blick auf die Branche, den man überhaupt finden kann.

Was sich ebenfalls als großartig herausstellt ist die Tatsache, dass De Palmas Stammschauspieler Dennis Franz in einigen Szenen als hinterhältiger Regisseur auftaucht, während der großartige Pino Donaggio mit dem pulsierenden Fensterthema eine weitere üppige, sehr einprägsame Partitur beisteuert, die eines seiner Karriere-Highlights darstellt. Darüber hinaus bekommt man ein großartiges Faux-Musikvideo von „Relax“ komplett mit Frankie Goes to Hollywood in Person präsentiert, einen kurzen Auftritt von Scream Queen Brinke Stevens, unbezahlbares Filmmaterial der 84er Tower Records auf Sunset Boulevard und eine Menge an De Palmas filmischer Spielkunst über die Natur des Schauspielens und der filmischen Wahrnehmung. Der Tod kommt zweimal ist ein Film, der ausschließlich auf Fantasie und Kunst basiert, indem er in Jakes Fantasien und Albträumen hinein- sowie hinausdriftet und mit künstlichem Hintergrund sowie künstlichem Licht alles in Frage stellt; von den ersten Bildern eines absichtlich nicht überzeugenden Friedhofs bis hin zu Jakes klimaktischer Tortur in einem „echten“, jedoch nicht weniger filmisch handgemachtem Grab.

Der Tod kommt zweimal ist ein Film mit endlosen Wendungen, wobei die meisten davon eigentlich irrelevant sind. Der Großteil der darin ausgetauschten Dialoge spielen ebenfalls keine Rolle. Stimmt, denn was hier zählt, ist der Stil, der alles miteinander verbindet, sowie die Stimmung, die daraus hervorgeht. Nachdem Jake das luxuriöse Haus betreten hat, lassen die folgenden Ereignisse den Flick in zwei drastisch unterschiedliche Realitäten übergehen. In der ersten Wirklichkeit versuchen etliche Mainstream-Schauspieler wirklich nachgiebig zu Stars zu werden, während die Reichen und Schönen das Allerbeste genießen, was Los Angeles zu bieten hat. Dies repräsentiert die saubere und gesunde Realität, in der die meisten Menschen ihre Zeit verbringen möchten. In der zweiten Realität dreht eine andere Gruppe von Schauspielern die Art von Filmen, die die andere Wirklichkeit nicht anerkennt. Hier trifft Jake auf Holly Body (Melanie Griffith), eine schillernde Schönheit und produktive Pornodarstellerin, die sich bereit erklärt, ihm zu helfen, den mysteriösen Mann zu finden. Der Reiz des Films beruht auf der Fähigkeit De Palmas, verschiedene Klischees, welche die beiden Realitäten charakterisieren, effektiv auszusondern (zum Beispiel während der unglaublich witzigen Sequenz, in der Holly Body die Mainstream-Darstellerin demütigt). Dabei spielt er auch mit vielen Genre-Regeln, die von Hitchcocks Filmen etabliert wurden. Das Endergebnis ist wirklich als bemerkenswert zu bezeichnen. Trotz der beabsichtigten Überstilisierung (oder vielleicht gerade deswegen) bietet der Film eine auffallend genaue Schilderung des Los Angeles der 80er Jahre und seiner Bevölkerung. Dabei handelt es sich um einen Ort mit bemerkenswerten Kontrasten, Reichtum und Macht, Schönheit und Grausamkeit sowie Menschen mit bewundernswerten Ambitionen und gefährlichen Verlangen. Es überrascht nicht, dass Body Double, den man als amerikanischen Giallo bezeichnen könnte, ein viel größerer Erfolg in den Videotheken und im Kabelfernsehen beschieden war, als auf der großen Leinwand, wo den Film ein trauriges Schicksal ereilte.

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Darsteller: Melanie Griffith, Craig Wasson, Gregg Henry, Deborah Shelton, Guy Boyd
Regisseur(e): Brian De Palma
Format: Import, Blu-ray, Breitbild
Sprache: Englisch (DTS-HD 2.0), Englisch (DTS-HD 5.1), Französisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Französisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: CRAI4 WASSON
Produktionsjahr: 1985

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 19. März 2020

    […] Szene nimmt einige der Bilder in Brian De Palmas „American/Global Giallo“ Body Double (Der Tod kommt zweimal, 1984) vorweg. Valerii hält sich auch nicht gerade zurück, wenn es darum geht, die […]