Der Todesengel / La vittima designata

Der Mailänder Grafiker Stefano will die Werbeagentur, die Gattin Luisa geerbt hat, abstoßen und mit Model Fabienne ein neues Leben beginnen. In Venedig begegnet er dem diabolischen Grafen Matteo, der ihm einen verbrecherischen Deal unterbreitet: Stefano soll dessen gewalttätigen Bruder ermorden und im Gegenzug wird der Adlige die sich den Verkaufsplänen querstellende Luisa beseitigen. Trotz Ablehnung Stefanos setzt Matteo seinen Teil der angestrebten Abmachung in die Tat um und erpresst ihn nun. (Maia)

Der Todesengel stellt eine nicht im Abspann aufgeführte Variation von Patricia Highsmiths Roman Strangers on a Train (Zwei Fremde im Zug, 1950) dar, der 1951 von Alfred Hitchcock in den gleichnamigen Film (mit Farley Granger in der Hauptrolle und Raymond Chandler als Drehbuchautor) adaptiert wurde. Highsmiths moralisch mehrdeutige Krimis haben so einiges mit dem Giallo gemein, weswegen es überrascht, dass sich nicht noch mehr italienische Filmemacher von ihren Werken inspirieren ließen. Neben Strangers on a Train ist sie hauptsächlich für eine Reihe von Büchern über den charismatischen Serienmörder Tom Ripley in Erinnerung geblieben. Diese Geschichten inspirierten Filme wie René Cléments Plein soleil (Nur die Sonne war Zeuge, 1960) mit Alain Delon; Wim Wenders‘ The American Friend (Der amerikanische Freund, 1977) mit Dennis Hopper, Rudolf Schündler und Bruno Ganz; Anthony Minghellas The Talented Mr. Ripley (Der talentierte Mr. Ripley, 1999) mit Matt Damon, Gwyneth Paltrow sowie Jude Law und Liliana Cavanis Ripleys Game (2002) mit John Malkovich. In den Händen von Regisseur Maurizio Lucidi und Drehbuchautor Fulvio Gicca Palli entwickelt sich Highsmiths düster ironische Geschichte von „ausgetauschten Morden“ zu einem dunklen Psychodrama, das nur wenig vom Witz des Ausgangsmaterials unterstreicht.

Stefanos Charakter kann als ein typischer Giallo-Protagonist beschrieben werden: reich, verwöhnt, arrogant und daran gewöhnt, seinen eigenen Kopf durchzusetzen. Er findet eine verzerrte Funhouse-Spiegelreflexion von sich selbst in der Figur des Grafen Matteo Tiepolo. Die beiden Männer schließen eine seltsame Freundschaft, wenn auch eine, die für einen Großteil der Laufzeit einseitiger zugunsten des Grafen auszufallen scheint. Der Graf besitzt die Freiheit, nach der sich Stefano sehnt, wobei Stefanos entschlossene und explosive Persönlichkeit im Gegensatz zu der eher schwachen und gebrechlichen Erscheinung des Grafen steht. Wie in Highsmiths Roman treibt der unausgeglichenere der beiden (in diesem Fall der Graf) die Dinge auf die Spitze und setzt somit den anderen (Stefano) einem großen persönlichen Risiko aus. Der unterstrichene homosexuelle Subtext, der in Highsmiths Schriften zu finden ist, wirkt sich auch auf den Film aus, da der ausgesprochen saft- und kraftlose Graf Matteo am ehesten auf körperlicher Ebene von Stefano angetan zu sein scheint. Stefanos Reaktionen sind zurückhaltend, vermitteln jedoch einen Hauch von Neugier, die auf verschiedene Arten hätte entwickelt werden können.

So wie es aussieht, präsentiert sich der Film verlockend vieldeutig, lässt vieles unausgesprochen, was dann rein visuell ausgedrückt wird. Die Art und Weise, wie sich die Geschichte entwickelt, wurde in dieser Version jedoch stark verändert. Lucidi leistet gute Arbeit mit dem Material. Er zeigt kontrollierte visuelle Sensibilität – zum Beispiel übertreibt er es nicht mit Zoomaufnahmen – und bevorzugt einen nüchternen Ansatz, der im Gegensatz zu den auffälligeren stilistischen Aspekten von Zeitgenossen wie Dario Argento, Lucio Fulci und Sergio Martino steht. Das Tempo ist bewusst langsam gehalten, wobei der Film nie langweilig wird. Die Verwendung von lokalen Schauplätzen in Venedig verleiht dem Streifen ein großartiges Gefühl von Atmosphäre, während das verträumte Ambiente durch den Soundtrack von Luis Enríquez Bacalov verstärkt wird, der Beiträge der Progressive-Rock-Gruppe New Trolls enthält. Tatsächlich bringt der Hauptdarsteller und Teilzeit-Schlagersänger Tomas Milian sogar einiges an Gesang ein, indem er die Texte zum Besten gibt, die über den Eröffnungs- und Schlusskredits zu hören sind.

Milian verkörpert den moralisch gefährdeten Antihelden Stefano ausgezeichnet. Er wurde 1932 in Kuba geboren, wanderte in den 50er Jahren in die USA aus und schloss sich, inspiriert von James Deans Auftritt in East of Eden (Jenseits von Eden, 1955), dem Actors‘ Studio an, wo er sein Handwerk lernte. Milian sollte Erfolg im Theater beschieden sein, er entschied sich jedoch für die Filmarbeit und trat zunächst in „intellektuellen“ italienischen Filmen wie Mauro Bologninis La notte brava (Wir von der Straße, 1959), Luchino Viscontis Segment der Anthologie Boccaccio ’70 (1962) und Francesco Masellis Gli indifferenti (Die Gleichgültigen, 1964) auf. Um sich zu diversifizieren übernahm Milian eine Traumrolle in Sergio Sollimas großartigem Italo-Western La resa dei conti (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) neben Lee Van Cleef. Der Film war ein riesiger Erfolg und machte Milian zu einem großen Star im italienischen populären Kino. Er sollte in Italo-Western wie Sollimas Faccia a faccia (Von Angesicht zu Angesicht, 1967), Giulio Questis Se sei vivo spara (Töte, Django, 1967) und Lucio Fulcis I quattro dell’Apocalisse (Verdammt zu leben – verdammt zu sterben, 1975) auftauchen sowie seine Popularität beim italienischen Publikum mit Auftritten in poliziotteschi wie Banditi a Milano (Die Banditen von Mailand, 1968), Milano odia: la polizia non può sparare (Der Berserker, 1974), La polizia accusa: il servizio segreto uccide (Die Killermafia, 1975) und Squadra antiscippo (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976) maximieren. Er würde nur noch in einem weiteren Giallo erscheinen: Fulcis Non si sevizia un paperino (Don’t Torture a Duckling, 1972). Milian trat in den 80er Jahren eher in amerikanischen Filmen und TV-Serien auf und erzielte mit seiner Rolle als Drogenkönig General Salazar in Steven Soderberghs Oscar-prämiertem Traffic (Traffic – Die Macht des Kartells, 2000) einen großen Triumph.

Der ätherische Pierre Clémenti, der idealerweise als diffidenter Graf Matteo besetzt ist, braucht sich nicht hinter Milians schauspielerischer Leistung zu verstecken. Clémentis Rolle scheint zuweilen seinen Auftritt in Bernardo Bertoluccis Partner (1968) zu wiederholen, obwohl ihn der Film nicht zu einer richtig metaphysischen Präsenz macht. Clémenti wurde 1942 in Paris geboren und spielte Rollen in Filmen wie Luis Buñuels Belle de Jour (Belle de Jour – Schöne des Tages, 1967) und La voie lactée (Die Milchstraße, 1969), Luchino Viscontis Il gattopardo (Der Leopard, 1963), Bertoluccis Il conformista (Der große Irrtum, 1970) und Liliana Cavanis I cannibali (The Year of the Cannibals, 1970, auch mit Tomas Milian). Der Schauspieler musste 1972 eine demütigende Erfahrung machen, als er verhaftet und wegen Drogen ins Gefängnis geworfen wurde. Er sollte 17 Monate hinter Gittern verbringen, bevor er freigesprochen wurde.

Clementis unverwechselbare, etwas androgyne Züge machten ihn ideal, um schwache, zynische Charaktere zu spielen, während er genau die richtige Atmosphäre abgestumpfter Aristokratie in seine Rolle als Graf Matteo einbringt. Er und Milian harmonieren sehr gut miteinander, was das Drama umso spannender gestaltet. Clementi starb 1999 im Alter von 57 Jahren. Maurizio Lucidi wurde 1932 in Florenz geboren. Er arbeitete zunächst als Editor – unter anderem war er der ursprüngliche Lektor von Orson Welles‘ unvollendeter Version von Don Quijote, die später von Welles‘ Assistenten, Kultregisseur Jess Franco, fertiggestellt wurde. Lucidi gab sein Regiedebüt im Jahr 1965 und arbeitete in verschiedenen Genres: Pepla (La sfida dei giganti / Die Herausforderung des Herkules, 1965), Italo-Western (La più grande rapina del west / Ein Hallelujah für Django, 1967) und Krimis (L’ultima chance / Die Diamantenpuppe, 1973), wobei Der Todesengel sein einziger Giallo bleiben würde. Er verbrachte den letzten Teil seiner Karriere im Fernsehen und scheint sich Ende der neunziger Jahre aus dem Filmgeschäft zurückgezogen zu haben.

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  • Darsteller: Tomas Milian, Pierre Elementi
  • Regisseur(e): Maurizio Lucidi
  • Format: PAL
  • Sprache: Deutsch
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Maia (Broken Silence)
  • Produktionsjahr: 1971
  • Spieldauer: 95 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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