Der weite Ritt

The Hired Hand (Der weite Ritt) ist ein Anti-Western (dazu gleich noch mehr) aus dem Jahr 1971 von und mit Peter Fonda.

Vor vielen Jahren verließ Harry Collings (Fonda) seine Familie und brach in den Westen auf. In all den Jahren wurde Arch Harris (Warren Oates) sein treuer Gefährte, doch beide sind der Abenteuerei müde und als sie einen Gefährten verlieren, zieht es sie nach Hause. Harry besucht seine Noch-Ehefrau Hannah (Verna Bloom) und der Tochter, und da wachen in ihm Heimatgefühle wieder auf. Erst fremdeln die beiden, doch dann können sie sich irgendwie vorstellen, nochmal ganz von vorne anzufangen. Pech nur, dass er mit Arch zusammen in der Vergangenheit offene Rechnungen hinterlassen hatte, und diese offenen Rechnungen holen die beiden wieder ein….

Warum Anti-Western? In der damaligen Zeit, geprägt von der Gegenkultur der Zeit, den Demos gegen den Vietnamkrieg und der Rebellion einer jungen Generation gegen die Gesellschaft der Elterngeneration, in dieser Zeit bröckelte auch das Westerngenre seit langem, und erfasste vermehrt Aspekte die vorher, in der goldenen Studiozeit, nicht Gegenstand des Westerns waren – nicht in der Deutlichkeit. So wie ein Soldier Blue das Massaker von My Lai thematisierte beispielsweise. Man benutzt das Wort Anti-Western heute nicht mehr, damals passte das zu The Hired Hand, weil der Film entgegen der klassischen Erwartungen an das Genre nicht auf Mythen aufbaut oder den alten Westen glorifiziert, das machte ihn „anti“. Heute wiederum kann er sich zu klassischen Vertretern des Genres zählen, denn er ist teil des künstlerischen Kanons des Westerns geworden, und ist untrennbar teil des filmischen Erbes des wilden Westens, dessen post-1960er Interpreten eben keine Helden mehr waren, sondern Antihelden.

Fonda schuf hier einen eben sehr melancholischen Western, mit einem Hauptcharakter der zwischen der Freiheit des Westens und der Sesshaftigkeit hin und her gerissen ist. Doch beides hat seine Vor- und Nachteile. Die Freiheit bringt mit sich gewisse Härten, zu denen auch die Einsamkeit gehört, und die Todesgefahrt. Die Sesshaftigkeit wiederum bringt mit sich die Tücken des lebens in der Gesellschaft, von Eifersucht bis hin zu Neid und Kriminalität. Außerdem gibt es im Westen immer etwas, oder jemandem, der einem die Sesshaftigkeit streitig macht, genauso wie es im wilden freien Westen niemanden gibt außer einem selbst, der diese Freiheit hochhalten kann. Das merken die beiden sehr früh im Film. Die Anarchie ist ein zweischneidiges Schwert. Und somit erkennt man sehr gut was Fonda an dem Drehbuch gereitzt haben mag, bzw. an der Romanvorlage von Alan Sharp, ohne noch auf den zweiten Aspekt eingegangen zu sein.

Der zweite große Aspekt ist der Blick auf den „buddy movie“. The Hired Hand ist nämlich auch eine Art Studie der Zweisamkeit. Oates und Fonda bzw. Arch und Harry sind wie ein altes Ehepaar. Seit vielen Jahren reiten sie durch den wilden Westen, erleben Abenteuer, retten sich das leben, gehen durch dick und dünn. Der Realismus hinter dieser Feststellung ist auch etwas, was den Film zum Anti-Western machte, denn bis in die späten 50er boten die Filme des Genres kaum wirkliches Grübeln an darüber, was Cowboys und Revolverhelden denn Tage- und Wochenlang machen wenn sie durch die Wüste reiten, und dass das nämlich auch nicht nur toll ist, sondern vielleicht ein hartes, einsames und psychisch belastendes Gewerbe ist. Der Höhepunkt dieses Nachbohrens ist dann wohl Brokeback Mountain, der Film der sich traute zu fragen was Cowboys so monatelang ohne Frauen vielleicht des Nachts machen.

Aber zur Handwerkskunst noch kurz ein paar Worte. Man sieht dem Film von Beginn an seine Wurzeln an: das Nachdenkliche, die Bildkomposition des künstlerischen 60er Chique, die karge Landschaft, das unwirtliche gepaart mit dem Hyperrealismus (Klamotten, Gegenstände, etc.). Fonda zeigt finde ich dass er zuvorderst ein Storyteller ist, sonst würde er viel mehr Dinge mit der Kamera einfangen die in die Kategorie „Action“ oder „Handlung“ passen würde. Stattdessen konzentriert er sich auf die Charaktere und deren innerer Zerrissenheit, sowie dem was der wilde Westen mit seinen Bewohnern so alles macht. Auch hier ein Beispiel wie der Film mit Genrevorgängern bricht: die holde Maid ist keine zerbrechliche kleine Mauerblume die per Zug von der Ostküste eintrifft oder auf Stöckelschuhen aus der Postkutsche geholfen wird, sondern eine starke Frau die alleine eine Ranch bewirtschaftet, und sich auch nicht zu schade ist zuzugestehen dass sie auch mal Lust auf Männer hat. Der Star des Films übrigens eigentlich Warren Oates (Bring me the Head of Alfredo Garcia), der mit seinem Charm und seiner subtilen Präsenz Fond an die Wand spielt, wie ich finde.

Die BluRay erscheint als liebevoll aufgemachte Special Edition mit einer BluRay und zwei DVDs. Der Film auf der BluRay liegt auf Deutsch und Englisch (getestet) vor, jeweils LPCM 2.0. Das klingt sehr solide für sein alter, rauscht bzw. knackst kaum, bietet aber auch wenig Dynamik. Der Film ist allerdings auch ohnehin sehr ruhig. Das Bild sieht gut aus, lässt nur manchmal ein wenig an Schärfe vermissen. Von dem schönen Menü aus kommt man auch an einen Audiokommentar mit Peter Fonda und die Untertitel auf Deutsch und Englisch. Der Audiokommentar ist unglaublich aufschlussreich, da es sich dabei nicht nur um ein Leidenschaftsprojekt von Fonda handelte sondern er sich auch manchmal sehr gut an den Film erinnert, manchmal ist er aber auch überrascht wegen der zeitlichen Distanz die er zu dem Film aufgebaut hat. Er erläutert die vielen Motivationen und Ideen die in den Film eingeflossen sind, und ich muss sagen ohne den Audiokommentar ist der Film nur der halbe Lohn, also unbedingt auch reinhören. Da sind großartige Stories auch dabei, über Sergio Leone, über Oates, über die Landschaft und das Verhältnis zum Studio. Auf der BluRay sind dann noch vier verschiedene Trailer, TV Spots, Radio Spots und eine Bildergalerie.

Neben dem Film auf DVD gibt es auf der Bonus Disc dann außerdem noch reihenweise weitere Extras. The Return of the Hired Hand (60min) ist eine Doku über den Film mit vielen Interviews, z.B. Fonda, Zigmond und anderen. 2003 produziert vom Sundance Channel kann man hier sehr tief in den Film eintauchen. Eine großartige Doku. The Odd Man (50min) ist eine Doku von 1978 über schottische Drehbuchautoren, inklusive Alan Sharp, der das von The Hired Hand schrieb. 6 Deleted Scenes bei insgesamt über 20 Minuten zeigen einiges an Ausschussmaterial in nicht so guter Qualität. Dann gibt es noch ein kurtzes Intro von Martin Scorsese über „Der weitere Ritt“ (2min) das auch beim Sundance Channel lief. Ein Ausschnitt von „Trailers from Hell“ ist eine Episode dieser Serie in der sie sich den Trailer vornehmen, der so gar nicht zum Film passt. 76-Minuten lang gibt es eine Tonaufnahme von Warren Oates und Peter Fonda von 1971 auf dem London Film Festival. Schade dass das nicht als Bildmaterial vorliegt, aber dennoch ein sehr interessantes Zeitdokument. Den Abschluss bildet eine Bildergalerie mit Blicken hinter die Kulissen.

Ein must-have für Western Fans und Autodidakten des Kinos dieser Zeit. Ein wunderschöner, melancholischer Film, hier liebevoll aufbereitet mit vielen wertvollen Extras. Definitiv einen Kauf wert!

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Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Koch Films zur Verfügung gestellt. Die Screenshots sind von BluRay.com und entstammen der US Disc.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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