Die Bande des Captain Clegg

Dr. Blyss, der Geistliche eines in einer düsteren Marschlandschaft des 18. Jahrhunderts gelegenen verarmten englischen Küstendorfes, ist in Wirklichkeit ein berüchtigter Pirat, der angeblich vor Jahren gehängt wurde. Er und seine Schmugglerbande machen sich den Aberglauben zunutze und tarnen ihre Aktivitäten, indem sie sich als Moorgeister kostümieren und als reitende Leichen Schrecken verbreiten. Captain Collier (Patrick Allen), ein Hauptmann der königlichen Marine, wird mit seinen Männern in das Dorf geschickt, um den Fluch der Schmugglerbucht aufzuklären, und lässt, um die unheimlichen Phantom-Reiter ein für alle Mal zu stoppen, das Grab des gefürchteten Piraten Clegg öffnen. (Anolis)

1776: Ein ‚Mulatte‘ (etwas abfälliger Begriff für eine Person mit beiden „schwarzen“ und „weißen“ Eltern) wird für die Vergewaltigung der schwangeren Frau des rücksichtslosen Kapitän Clegg brutal bestraft. 1792: Ein alter Mann wird in Romney Marsh, gerade außerhalb des Dorfes Dymchurch, durch die sogenannten „Sumpf-Phantome“, die angeblich die Gegend unsicher machen, zu Tode erschrocken. Am nächsten Tag führt Captain Collier eine Gruppe von „Zollbeamten“ nach Dymchurch, entschlossen, zu beweisen, dass das Dorf einen gut getarnten Schnaps-Schmugglerring beherbergt. Die Berichte über die Gespenster verhöhnen die Staatsdiener, obwohl die Leiche des alten Mannes aufgetaucht ist. Tatsächlich soll in der kommenden Nacht eine Schmuggelaktion stattfinden, die vom örtlichen Pfarrer Dr. Blyss geleitet wird. Der versucht, Collier und seine Truppe, die auch den Mischling mitgebracht haben, von einer gründlichen Inspektion des Dorfes abzuhalten. Währenddessen will der liebeskranke Dorfbewohner Harry Hobtree mit dem Barmädchen Imogene davonlaufen, doch ihr Vormund hat seine ganz eigenen Pläne mit ihr…

Streng genommen handelt es sich hier um einen weiteren Hammer Film, der nicht wirklich Horror repräsentiert, aber definitiv seine makabren Aspekte hat und ziemlich düster sowie brutal für das rüberkommt, was als Familienfilm gedacht war. Trotz seines offensichtlich limitierten Budgets ein sehr feiner Streifen, der bestens unterhalten sollte, solange man keinen vollblutigen Gothic-Chiller erwartet. Voller Charme, mit einer spannenden Geschichte und einer weiteren grandiosen Vorstellung Peter Cushings, verdient es Die Bande des Captain Clegg, als einer der interessantesten und eventuell sogar reifsten Werke des Studios angesehen zu werden. Es gibt kaum Blut oder Schock Momente zu bestaunen und doch ist es ein perfektes Beispiel für Stil und Handwerkskunst aus dem Hause Hammer. Auch wenn man die eigentliche Gewalt nicht sieht, beginnt dieser Film sicherlich mit einer harten Eröffnungsequenz, die in ihrer Intensität schon überrascht. Dem Mulatten (Milton Reid) soll für die Vergewaltigung von Captain Cleggs Frau die Zunge herausgerissen werden, bevor er auf einer Insel ausgesetzt wird, wo man ihn an einen Pfahl gebunden zurücklässt. Amüsanter Weise ist dies die einzige Szene zur See, obwohl es sich hier doch zum Teil um einen Piratenfilm handelt. Dann, nach den Kredits, bekommt man eine phantastisch atmosphärische Szene von beträchtlicher Unheimlichkeit geboten, wo ein älterer Mann voller Furcht vor irgendetwas auf dem Lande flieht (ja, hier ist man nicht weit von Hound Of The Baskervilles entfernt, wobei man erwartet, dass Sherlock Holmes um die Ecke flitzt), was sich als lebende Skelette zu Pferde herausstellt, die ihn zu Tode erschrecken. Nun heutzutage, mit unseren „modernen“ Augen, ist es offensichtlich zu erkennen, dass es sich um Männer in speziellen Anzügen handelt, was sie, wie sich später herausstellt, natürlich auch in der Geschichte sind, doch ein paar Kinder im Jahr 1961 konnten damit bestimmt verängstigt werden. Traurig, dass die Phantome erst wieder gegen Ende auftauchen, wenn die meisten Zuschauer wohl erkannt haben sollten, was die Geisterkreaturen wirklich sind, das bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass der Rest des Films versagt. Weit gefehlt!

Kurz nachdem Collier (Patrick Allen) und seine Truppe in Dymchurch ankommen, wird dem Betrachter eröffnet, dass die Hälfte der Dorfbewohner, angeführt vom freundlichen Pfarrer, in das Schmuggelgeschäft verwickelt ist. An dieser Stelle fragt man sich jetzt, ob die Geschichte nicht davon profitiert hätte, dies ein Geheimnis bleiben zu lassen, doch schnell erkennt man, dass auf diese Weise letztendlich mehr Spannung, sowie ein überraschendes Maß an moralischer Ambiguität kreiert wird, welche die Schmuggler sympathischer erscheinen lässt, als die Marinesoldaten. Blyss nutzt das aus seinen illegalen Machenschaften „erwirtschaftete“ Geld zum Wohle des Dorfes, vor allem, um die Armen mit Lebensmitteln und Kleidung ausstatten zu können. Obwohl einige seiner Befehle zu mehreren Morden führen, möchte der Betrachter bis zur Offenbarung seiner wahren Identität eigentlich nicht, dass Blyss gefasst wird und selbst dann befindet man sich immer noch auf Seiten des Captains … ähm … Priesters (tatsächlich weiß man natürlich sofort, um wen es sich bei dem Pfaffen in Wirklichkeit handelt). Captain Clegg möchte nun nur noch Gutes tun und für seine vergangenen Verbrechen sühnen, weswegen er sogar seine Flucht verzögert, damit er, in einer herzerwärmenden Szene, den nominellen jungen Helden (Oliver Reed) und dessen Braut (Yvonne Romain) in seiner Kirche verheiraten kann. Auch die Schlussszene, wo Cleggs treuer Freund Jeremiah (Michael Ripper) den Leichnam seines Anführers zu Grabe trägt, ist recht berührend. Im Vergleich dazu kommen Collier und sein Gefolge deutlich unfreundlicher, ja sogar übermäßig bösartig rüber, da sie es sichtlich genießen Menschen zu foltern, um an Informationen zu gelangen. Der romantische Nebenhandlungsstrang jedoch fühlt sich irgendwie fehl am Platz an, wobei es zusätzlich seltsam ist zu sehen, wie Oliver Reed mit der Frau, die seine Mutter in Der Fluch des Siniestro (1961) spielte, intim wird. Gegen Ende findet dieser Sub-Plot, der ebenfalls nicht mit Härte spart (eine versuchte Vergewaltigung an Imogene und Reed, der von den Marinesoldaten böse aufgerieben wird), dann allerdings die Bindung zur Hauptgeschichte. Ausserdem gibt es noch den rachsüchtigen „Mulatten“ (obwohl Milton Reid überhaupt nicht halb „schwarz“ erscheint), der immer mal wieder auftaucht und sehr bemitleidenswert ist, da er in einer Szene von den Matrosen, die ihn betrunken gemacht haben, praktisch misshandelt wird, da sie ihn tanzen und singen lassen, obwohl er gar keine Zunge mehr hat.

Die erste Hälfte von The Night Creatures setzt etwas übermäßig auf Dialoge, aber die zweite Hälfte bewegt sich in gutem Tempo mit viel umher gejage in den Sümpfen und ein paar vernünftigen Keilereien. Dabei ist es wieder einmal eine Freude Peter Cushing zuzusehen, wie er vom rauen Freibeuter und steifen Pfarrer hin und her springt. Michael Ripper bekommt mit der Rolle des Sargmachers Jeremiah Kipps mehr Leinwandzeit als gewöhnlich. Sein Charakter scheint sogar in einem seiner Särge zu schlafen, und überhaupt ist der Streifen voller seltsamer Anspielungen, wie der kleine Junge, der gerne ein Henker sein will! Oliver Reed erscheint ein wenig unsicher in der Rolle des romantischen Hauptcharakters, aber Yvonne Romain macht ihre Sache als dralle Magd voller Geheimnisse wirklich gut. Unberechtigterweise für Jahrzehnte weitgehend unbeachtet, scheint Captain Clegg heutzutage etwas mehr wertgeschätzt zu werden, wobei es sich hierbei um ein Paradebeispiel für einen Film handelt, dessen Popularität wahrscheinlich stark darunter gelitten hat, dass er für Kinder (die damaligen) zu düster und für Horror Fans nicht finster sowie böse genug geraten war. Zu Beginn ein wenig langsam und zögerlich, spielt Die Bande des Captain Clegg im Folgenden mit toller Atmosphäre, Geist, überraschender Tiefe und sogar mit Pathos ganz groß auf. Für jeden, der auf den Hammer-Stil steht, ein absolutes Muss!

Die Bande des Captain Clegg erscheint als Mediabook sowie als Softbox im Hause Anolis Entertainment, wobei man dem Label zu dieser gelungenen Veröffentlichung wiedereinmal gratulieren kann. Die Scheibe weiss nicht nur auf technischem Gebiet zu überzeugen, sondern hat wie immer auch wieder Einiges an interessanten Extras zu bieten. Das Bild wird in High Definition Widescreen (16:9; 1,79:1) 1920x1080p präsentiert und sieht wunderbar aus. Bei der Qualität der beiden angebotenen Tonspuren (Deutsch und Englisch DTS HD-MA 2.0 Mono) gibt es ebenfalls keine Beschwerde anzumelden. Wer den Film in der Originalsprache anschauen möchte, dem Englischen aber nicht mächtig ist, hat die Möglichkeit deutsche Untertitel zuzuschalten. Neben dem Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz der wie gewohnt sehr informativ ist, kann man sich zusätzlich die Featurettes The Making of Captain Clegg sowie Die Kutschen des George Mossman anschauen. Weiterhin halten die Extras einen US- und deutschen Kinotrailer, einen deutschen, französischen und britischen Werberatschlag sowie ein Filmprogramm und eine Bildergalerie bereit. Das 28-seitige Booklet, geschrieben von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad ist exklusiv nur im Mediabook enthalten und liegt zu einer Beurteilung leider nicht vor. Wir bedanken uns für die tolle Veröffentlichung eines in der Vergangenheit zu Unrecht geschmähten Films und freuen uns bereits auf viele weitere „Gruselfilme“ aus dem Hause Hammer beziehungsweise Anolis!

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  • Darsteller: Peter Cushing, Oliver Reed, Yvonne Romain, Patrick Allen
  • Regisseur(e): Peter Graham Scott
  • Format: Limited Edition
  • Sprache: Deutsch (DTS HD 2.0 Mono), Englisch (DTS HD 2.0 Mono)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1961
  • Spieldauer: 82 Minuten

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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