Die fliegende Guillotine / Xue di zi

In die Hand des brutalen Kaisers Yung gerät eine furchtbare Waffe – die fliegende Guillotine. Ein junger Kämpfer stellt sich alleine gegen die Todesschwadron des Kaisers (VPS Video). Dieser Klassiker von Shaw Brothers über die Herstellung und Verwendung eines fliegenden Stücks Killerbesteck ist ein Favorit von Exploitation-Liebhabern der Marke 42. Street Sleaze. Abgesehen von seinen Ausbeutungselementen stellt Ho Meng Huas Geschichte von Gerechtigkeit, Verrat und Rache auch einen seiner am besten inszenierten Filme dar und ein leuchtendes, wenn auch grausames Beispiel für das goldene Zeitalter des Hong Kong Kinos in seiner schönsten Form.

Um die Kontrolle über die Bevölkerung zu behalten und diejenigen auszurotten, die sich ihm widersetzen, befiehlt Kaiser Yung Cheng die Rekrutierung eines geheimen Ordens von Attentätern, die sich mit dem Umgang einer neuen schrecklichen Waffe auskennen, die einem Mann in hundert Metern Entfernung den Kopf abschneiden kann. Das klügste Mitglied der Gruppe, Ma Teng, deckt Verrat und Gier in ihren Reihen auf und entkommt der Festung, bevor auch er ermordet werden soll. Auf der Flucht versucht Ma ein neues Leben zu beginnen, doch der Orden der geheimen Mörder liegt ihm dicht auf den Fersen. Der verehrte Shaw Brothers Regisseur Ho Meng Hua arbeitete ein Jahr lang an dieser Produktion, bevor sie schließlich in den ersten Monaten des Jahres 1975 veröffentlicht wurde. All seine mühsame Arbeit und die des Drehbuchautors I Kuang zahlte sich letztendlich zufriedenstellend aus. Indem Ho und Company aktuelle historische Figuren sowie einen legendären Todesapparat mit gut entwickelten Charakteren verweben, schufen sie eines der liebenswertesten brutalen HK-Action-Dramen, die jemals gedreht wurden.

Die fliegende Guillotine war weltweit ein großer Erfolg und brachte zahlreiche Imitationen hervor. Der Film, der in Amerika als „Exploitation-Kung-Fu-Klassiker“ gilt, verzichtet dreist auf Kung-Fu-Filmkonventionen zugunsten einer stärker auf den Plot ausgerichteten Produktion. Es gibt zwar einige Kampfszenen, doch die repräsentieren nicht den typischen Stil des HK-Bildschirmkampfs der damaligen Zeit. Die beiläufige Inszenierung der wenigen Kämpfe scheint beabsichtigt zu sein, um den Fokus auf die Waffe selbst und die nachfolgenden dramatischen Elemente zu richten. Regisseur Ho ist sehr erfolgreich darin eine Atmosphäre der Angst zu schaffen, die aus der schrecklichen Natur der fliegenden Guillotine hervorgeht – sie kann einen überall kriegen und nichts kann sie aufhalten. Die Waffe selbst ist sehr originell gestaltet worden, mit beeindruckendem Design. Dank des hohen Könnens der Shaw Brothers Requisitenabteilung sieht diese imposante Waffe so aus, als könnte sie tatsächlich funktionieren. Nach Angaben des Regisseurs existierte die Waffe tatsächlich.

Anscheinend muss über die Jahre etwas über den Flying Head Snatcher geschrieben worden sein – es wird berichtet, die Waffe habe tatsächlich existiert, aber wie Ho Meng Hua betont hat, lebte niemand lange genug, um zu skizzieren, wie sie aussah, noch wurden irgendwelche Zeichnungen der Waffe gefunden. Bis dahin bleibt die fliegende Guillotine ein Rätsel, das durch die Vorstellungskraft der an dem Thema Interessierten zu einer überlebensgroßen Sache wird. Imagination war definitiv eine treibende Kraft in der Anzahl von Filmen, die nach Hos erfolgreichem Action-Horror-Drama auf die Kinoleinwände geworfen wurden. Einen der ersten und bekanntesten stellt Jimmy Wang Yus recht billiger, jedoch an Ungeheuerlichkeiten kaum zu überbietender Master Of The Flying Guillotine (Duell der Giganten, 1976); auch bekannt als One-Armed Boxer II oder The One Armed Boxer vs. The Flying Guillotine. Um von der Konkurrenz nicht übertroffen zu werden, begannen die Shaw Brothers im Februar 1976 mit der Arbeit an ihrer eigenen Fortsetzung Flying Guillotine 2 aka Palace Carnage aka Die fliegende Guillotine 2.

Die Shaws haben sich in diesem Jahr mit The Dragon Missile, einem B-Actioner, der eine andere Art von Waffe (Bumerang-Klingen) und einige interessante Effekte enthält, sogar irgendwie selbst kopiert. Einen weiteren unabhängigen Beitrag repräsentiert The Fatal Flying Guillotine / Vier stahlharte Fäuste aus dem Jahr 1977 mit Carter Wong, Chen Sing und Meng Hoi. Die Shaws sollten den fliegenden Noggin-Chopper in der ersten Hälfte von The Vengeful Beauty (Die fliegende Guillotine 3, 1978), einem ihrer besten B-Action-Exploitation-Filme, wieder auftauchen lassen. Das Erscheinen der Waffe und des Guillotine-Trupps scheint im selben Zeitraum des ursprünglichen Shaw Brothers-Films zu erfolgen. Ho Meng Hua erzählt die Geschichte einer rachsüchtigen und schwangeren Chen Ping, die dem Mörder ihres Mannes nachstellt, einem Mitglied des geheimen Tötungskommandos des Kaisers, der von seinen Kollegen als Todeskandidat markiert wurde. Eine modifizierte Version der Waffe erschien 1984 auch in indonesischen Filmen, wie dem wilden und verrückten mystical martial arts gore epic Devil’s Sword von Barry Prima.

The Heroic Trio (Executioners, 1993) präsentiert auch eine FG-Waffe, die nach der Shaw Brothers-Version originalgetreu entworfen und von keinem geringeren als Anthony Wong geworfen wurde. Eine weitere Modifikation des klassischen Todesgeräts tauchte in dem von Blut durchtränkten japanischen Film The Machine Girl (2008) auf. Einige Leute würden auch die Waffe, die Chiaki Kuriyama in Kill Bill (2003) einsetzt, als Variation des berühmten Killerbestecks bezeichnen. Während sich Die fliegende Guillotine recht blutig gestaltet, wälzt sich der Film trotzdem nicht in gorigen Exzessen. Der Schwerpunkt liegt sowohl auf dem FG-Gerät, als auch auf den Charakteren, insbesondere Ma Teng; geschickt gespielt von Fanfavorit Chen Kuan Tai. In der Mitte von Hos Karriere produziert, repräsentiert der Streifen die Brücke zwischen seinen früheren, noblen Produktionen und seinen späteren, mehr von Exploitation geprägten Werken. Es handelt sich um den letzten wirklich großartigen Film, den Ho Meng Hua gedreht hat. Von hier an wurde sein Resümee von weitaus weniger seriösen und vielfältigen Angeboten wie den „Trash“-Favoriten Black Magic (Das Omen des Bösen, 1975), The Oily Maniac (1976), The Mighty Peking Man (Der Koloß von Konga, 1977) und Shaolin Handlock (Der Todesgriff der Shaolin, 1978) dominiert. Chen Kuan Tai vermag es eine Menge mit seiner Charakterisierung von Ma Teng anzustellen, einem treuen Anhänger seines Landes und Kaisers, der die Motive seiner Vorgesetzten und sogar einiger seiner Landsleute in Frage stellt, als es offensichtlich wird, dass Unschuldige anstatt von Rebellen hingerichtet werden.

Ma Teng ist das genaue Gegenteil von Chens stoischen Rollen, da sowohl Ma Yung Chen (Der Pirat von Shantung, 1972) als auch Hung Hsi Kwan (Die tödlichen Fäuste der Shaolin, 1974) keine so menschlichen Persönlichkeiten darstellen, wie Chen sie hier verkörpert. Er zeigt Angst, zögert, bevor er diejenigen tötet, die ihn verfolgen und möchte im Allgemeinen einfach nur in Ruhe gelassen und vergessen werden. Frankie Wei Hung liefert eine dieser schleimigen Rollen ab, die er in seiner Darstellung des gierigen und betrügerischen Xu Shuang Kun so gut rübergebracht hat. Wei war nie ein großer Star, hat sich in Exploitation-Filmen jedoch eine unauslöschliche Reputation geschaffen, wenn in zahlreichen Shaw Brothers Sex- und Sadismus-Streifen eine bestimmte Rolle erforderlich war. Der gefeierte und preisgekrönte Schauspieler Ku Feng spielt den unglücklichen Schöpfer der fliegenden Guillotine Xin Kang. Ein Mann, der dem Kaiser zweifellos treu bleibt, allerdings nicht über jeden Verdacht erhaben ist. Seine Rolle in diesem Film endet mit einem ironischen Stück Arglist seitens eines der Männer, die er trainiert hat. Die Szenen, in denen er sich Gedanken über den Entwurf der Waffe macht und wie sie funktionieren soll, verleihen der Waffe Glaubwürdigkeit, sobald man sie zu sehen bekommt.

Es ist nicht so, dass er eine Offenbarung hat, denn in der nächsten Szene wird seine Schöpfung bereits präsentiert. Die Enthüllung der Guillotine beinhaltet eine der am häufigsten in Erinnerung gebliebenen Aufnahmen des Films. Hat man den Film irgendwann in seinem Leben mal gesehen, so erinnert man sich unweigerlich immer daran, wie ein deutscher Schäferhund in einer grausamen Darstellung, in der die Effektivität der Waffe demonstriert wird, enthauptet wird. Es kam bei der Sequenz wohl kein echter Hund zu Schaden, doch die Szene kommt noch immer authentisch rüber. Später wurde ein junger Wong Yu zu einem kleinen Kung-Fu-Star, der 1975 in Liu Chia Liangs Regiedebüt The Spiritual Boxer (1975) die Hauptrolle spielte. Er hat eine untergeordnete Nebenrolle in Die fliegende Guillotine als viel zu grünes Mitglied des Guillotine-Trupps, das feststellt, dass er nicht im Namen des Kaisers töten will und letztendlich selbst zum Ziel wird. Ai Ti, ein bedeutendes Shaw Brothers Sexstarlet in den 70er und frühen 80er Jahren, spielt ebenfalls eine untergeordnete Nebenrolle als eine der Konkubinen des Kaisers, die Wong Yus Charakter als Geschenk überreicht wird.

Ho Meng Huas Die fliegende Guillotine ist als ein Klassiker des Hong Kong Kinos einzuordnen und als ein Favorit unter den Fans zu bezeichnen. Ein Teil seiner Anziehungskraft liegt in der Nichteinhaltung von Genrekonventionen. Der Film transzendiert die klassische Essenz des Kung-Fu-Genres durch seine rechtschaffenen und verabscheuungswürdigen Charaktere ohne die Verwendung von Fäusten und Füßen – das Training und die Verwendung des tödlichen Jojo-ähnlichen Werkzeugs ist ein Ersatz für eine beliebige Anzahl von Tier(kampf)stilen, die den traditionellen Kung-Fu-Film dominieren. Wie bei den meisten Filmen, in denen ein Gegen-Stil gelernt wird, um einen anderen abwehren zu können, wird hier ein besonderes Stahlgerät entwickelt, um der gefürchteten Guillotine entgegenzuwirken. Ma Teng entwirft einen Stahlschirm, eine rudimentäre, aber einschüchternde Waffe. Sie funktioniert für eine kurze Zeit gut, bevor vermutet wird, dass nur eine fliegende Guillotine eine andere fliegende Guillotine stoppen kann. Dies geschieht während des dritten Aktes – der erste dreht sich um den Aufbau der Gruppe und ihre Motivationen, der zweite Akt beschreibt die Verfolgung von Ma und der dritte präsentiert Ma Teng, der ohne andere Option schließlich gegen seine früheren Brüder antreten muss.

Die fliegende Guillotine, einer der originellsten und erfolgreichsten Filme seiner Art, stellt eine der bekanntesten Produktionen dar, die aus dem berühmten Studio der Shaw Brothers in Hongkong explodierten. Der Streifen hat zahlreiche Filmemacher in Asien und im Ausland nachhaltig beeindruckt, weswegen sein Einfluss unbestreitbar ist. Wer viel Action erwartet, wird stattdessen viele abgetrennte Köpfe in einer bedrückend düsteren Atmosphäre präsentiert bekommen, wobei Hos Film auch noch viel mehr zu bieten hat. Chen Kuan Tai Fans werden die Vielfalt dieses Schauspielers in einer Rolle zu sehen bekommen, in der er einmal nicht nahezu unbesiegbar ist, wie in seinen überlebensgroßen Vorstellungen in Chang Chehs Filmen. Haltet Eure Köpfe fest, bei Die fliegende Guillotine handelt es sich um einen sehr empfehlenswerten Film.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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