Die Grotte der vergessenen Leichen / La notte che Evelyn uscì dalla tomba

Lord Alan Cunningham kann den Tod seiner Frau Evelyn nicht verkraften. Nach seiner psychiatrischen Behandlung irrt er ziellos durch London, immer auf der Suche nach Frauen, die Evelyn ähnlich sind. Auf seinem Schloss misshandelt er seine ahnungslosen Opfer. Jedoch wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die mit Evelyn zu tun haben. Als Alan die hübsche Gladys kennen lernt, heiratet er sie spontan. Fortan geht auf seinem Anwesen ein Mörder um. Ist Evelyn aus ihrem Grab zurückgekehrt oder spielt hier jemand ein teuflisches Spiel mit Alan? (X-Rated)

Die Grotte der vergessenen Leichen stellt eine originelle Mischung aus Gothic-Horror, Poe-inspirierter Atmosphäre und Giallo im Argento-Stil mit gelegentlichen P.O.V. Einstellungen sowie grausamen Morden dar. Obwohl der Film zu seiner Entstehungszeit sehr erfolgreich war und den Weg für einige weitere Gialli pseudofantastico ebnete, fällt er im Vergleich zu anderen Genrevertretern etwas zurück, denn trotz einer Handvoll eindrucksvoller Sequenzen und des ungewöhnlichen, auffallenden Bildes, handelt es sich hier um einen eher öden und langsam aufgebauten Streifen. Regisseur Emilio P. Miraglia beutet beinahe jedes Gothic-Horror Klischee aus und versucht gleichzeitig diverse Überraschungen für das anvisierte Giallo-Publikum bereitzuhalten, doch letztendlich handelt es sich hier um einen ziemlich vorhersehbaren Film. Wie in so vielen italienischen Thrillern der Epoche wird versucht Logik und Charakterisierung mit einigen Verrücktheiten zu kompensieren. Die gespaltene Persönlichkeit des Hauptprotagonisten wird nie zufriedenstellend thematisiert und schlimmer noch, scheint nach einem bestimmten Zeitpunkt im Film vergessen zu sein. Den großen plot-twist kann das Publikum schon aus kilometerweiter Entfernung erahnen, was jede echte Überraschung bereits im Ansatz verpuffen lässt. Der Fokus lastet zu stark auf der Figur des Alan, von der man sich erhofft, sie würde sich zu einem echten Charakter entwickeln, für den man Empathie empfinden kann. Leider ist das nicht der Fall. Alan ist nicht nur zu skizzenhaft entwickelt, um glaubhaft zu wirken, er ist einfach nur langweilig. Er repräsentiert wenig mehr als einen impulsiven Miesmacher, der eine schlechte Entscheidung nach der anderen trifft und deswegen wohl kaum als der ideale Protagonist für einen Möchtegern-Psychothriller gesehen werden kann.

Miraglias Regieführung gestaltet sich zusätzlich recht durchwachsen. Gelegentlich gelingt es ihm etwas Flair zu kreieren, sei es bei Erika Blancs einprägsamer Striptease-Nummer oder bei einigen Stalking-Szenen, die meiste Zeit über ist er jedoch damit zufrieden die Geschehnisse auf herkömmliche Art und Weise einzufangen. Die gruselige Burganlage verspricht Unmengen an Atmosphäre, doch Gastone Di Giovannis Beleuchtung ist viel zu hell ausgefallen, um etwas Bedrohliches zu vermitteln. Hier und dort wird versucht Lichteffekte im Mario-Bava-Stil zu bemühen, wobei der Einsatz von Farbe unbeholfen wirkt und nicht mal ansatzweise in Richtung Bava geht. Die monotone Vorstellung von Anthony Steffen hilft dem Streifen auch nicht weiter. Antonio Luiz De Teffè wurde 1929 in Rom geboren und tauchte in den 50er Jahren unter eigenem Namen in die Filmwelt ein. In den frühen 60er Jahren begann er mit dem Pseudonym Anthony Steffen zu arbeiten, da sich der Trend entwickelte, die Credits italienischer Produktionen zu anglizisieren, um sie als amerikanische und britische Filme vermarkten zu können. Anthony Steffen erlangte einen überraschend hohen Bekanntheitsgrad, indem er in vielen italienischen Genreproduktionen auftrat. Im Italo-Western kam er immer wieder in Filmen wie zum Beispiel Mario Caianos Es geht um deinen Kopf, Amigo! (1966), Giorgio Steganis Shamango (1967) und Sergio Garrones Django und die Bande der Bluthunde (1969) zum Einsatz. In den 70er Jahren spielte er dann auch in einigen Gialli wie Inferno unter heißer Sonne (1972) und Play Motel (1979), neben Grenzgänger-Einträgen wie Juan Bachs Los mil ojos del asesino (The Killer with Thousand Eyes, 1974) und Vincenzo Rigos Killer sind unsere Gäste (1974).

Schauspieler wie Steffen lernte man aufgrund der Fülle ihrer Auftritte zu schätzen, wie seine Popularität beim italienischen Publikum nur zu gut beweist. Im Grunde stellte er eine langweilige, eintönige Präsenz in sowohl heroischen, als auch bösartigen Rollen dar, wobei seine Vorstellung in diesem Film keine Ausnahme repräsentiert. In den 70er Jahren schwand Steffens Anziehungskraft auf das Kinopublikum, während er in den 80er Jahren mit dem allgemeinen Niedergang italienischer Filmproduktionen zu kämpfen hatte. Marina Malfatti und Erika Blanc sind kleine Lichtblicke als Gladys und Stripperin Susie. Blanc übernimmt eine nur sehr kleine Rolle, verleiht dieser allerdings ein willkommenes Gefühl von Sinnlichkeit, während Malfatti die verblüfften Reaktionen ihres Charakters auf das merkwürdige Treiben effektiv vermittelt. Giacomo Rossi-Stuart und Umberto Raho unterstützen die Besetzung in unterentwickelten Nebenrollen recht solide. Emilio P. Miraglia sollte mit La dama rossa uccide sette volte (The Red Queen Kills Seven Times, 1972) noch einen weiteren sogenannten Giallo-pseudofantastico drehen, bevor er sich komplett aus dem Filmgeschäft zurückzog.

Trotz aller Kritik muss Die Grotte der vergessenen Leichen als wichtiger und interessanter Beitrag zum Genre bezeichnet werden, da sich der Film als Paradebeispiel für den oben genannten Giallo-pseudofantastico geradezu perfekt anbietet. Der Giallo-pseudofantastico steht für eine besondere Art der Giallo-Erzählung: Dem Hauptprotagonisten wird dabei vorgegaukelt, es wären übernatürliche Kräfte am Werk und längst Verstorbene aus dem Reich der Toten zurückgekehrt. Bis zur Auflösung zum Ende des Films halten sich diese speziellen Gialli an die Konventionen des Gothic-Horrors, um dann einen menschlichen Täter zu offenbaren und die angeblich übernatürlichen Phänomene als Täuschungen zu entlarven. Diese sollten nämlich nur dazu dienen, die Verbrechen zu vertuschen und/oder den Hauptcharakter in den Wahnsinn zu treiben. Insbesondere Die Grotte der vergessenen Leichen schließt an dieses Narrativ an, da „der Film bis auf die Endsequenz als kohärenter Gothic-Horror-Film lesbar ist und erst die aller letzte Sequenz den Film einer Re-Lektüre als Giallo unterzieht“ (vgl. Scheinpflug, 2014, Seite 118-119). Als weitere Beispiele für diese Art von Filmen „die das Gothic-Horror-Narrativ nachträglich als Plot in einem Giallo-Narrativ demaskieren“ sind Riccardo Fredas Lo spettro (The Ghost, 1963), Lo Strano Vizio Della Signora Wardh (Der Killer von Wien, 1971) La dama rossa uccide sette volte (The Red Queen Kills 7 Times, 1972), Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave (Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key, 1972), La morte negli occhi del gatto (Sieben Tote in den Augen der Katze, 1973), Il profumo della signora in nero (The Perfume of the Lady in Black, 1974), Spasmo (1974), La sanguisuga conduce la danza (The Bloodsucker Leads the Dance, 1975) und Macchie solari (Autopsy, 1975) zu nennen.

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Darsteller: Marina Malfatti, Erika Blanc, Giacomo Rossi Stuart, Umberto Raho Anthony Steffen
Regisseur: Emilio P. Miraglio
Format: Blu-ray
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
FSK: Unbekannt
Spieldauer: 104 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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