Die im Staub verrecken / El Desperado / Escondido / The Dirty Outlaws

Die letzten Tage des US-Bürgerkriegs: Nur durch die unverhoffte Hilfe eines Freundes entkommt der Outlaw Steve Belasco einem Lynchmob, den Strick bereits um den Hals. Auf der Flucht trifft er auf einen sterbenden konföderierten Offizier. Kurz vor dessen Tod erzählt der Soldat dem Gesetzlosen von einem Goldschatz, der im Haus seines blinden Vaters, in der Stadt Escondido, versteckt ist. Steve sieht seine Chance auf ein sorgenfreies Leben gekommen und schlüpft kurzerhand in die Rolle des Toten, um sich das Gold anzueignen. Gerade als er in der nahezu verlassenen Stadt ankommt, reitet eine Gruppe Desperados dort ein, mit dem Ziel Lohngelder der Armee abzufangen. Unversehens gerät Steve zwischen die Fronten und wird gezwungen sich dem Raubzug anzuschließen… (Explosive Media)

Nachdem er mit der Hilfe seines alten Kumpels Jonathan (Aldo Berti) recht knapp der Schlinge eines Henkers entkommen ist, begegnet Steve Blasco (Andrea Giordana, als Chip Corman gelistet) auf seiner Flucht dem sterbenden konföderierten Soldaten Bill Flannigan (Antonio Cantafora). Der Mann fordert Steve auf seinem blinden Vater Sam Flannigan (Piero Lulli) – der mit der jungen Frau Katy (Rosemary Dexter) in der Geisterstadt Escondido lebt – eine Nachricht zu überbringen. Steve schmiedet jedoch andere Pläne, stiehlt die Uniform des toten Soldaten sowie dessen Revolver und macht sich auf den Weg nach Escondido, um dort als Sams Sohn aufzutreten. Auf diese Art und Weise möchte er an Flannigans Geld gelangen, das der von seinem Sohn nach und nach aus dem Krieg zugeschickt bekommen hat. Allerdings kommt ungefähr zur gleichen Zeit auch eine Bande von Halsabschneidern in Escondido an, um eine Postkutsche auszurauben, die Sold für konföderierte Soldaten transportiert. Zufälligerweise gehört auch Lucy (Dana Ghia), eine alte Flamme von Steve, der Bande an. Steve verbündet sich schließlich mit den Gangstern, versucht aber später mit dem erbeuteten Geld zu fliehen. Er wird jedoch von Asher (Franco Giornelli) und dessen Handlangern (u.a. Dino Strano) gefangen genommen und gefoltert, während der blinde Sam von den Verbrechern erschossen wird. Nachdem Steve – für tot gehalten – von der Mörderbande zurückgelassen worden ist, beschließt er den Tod des hilflosen, blinden Mannes zu rächen und beginnt den Spuren von Ashers Bande zu folgen.

Andrea Giordana übernimmt in diesem doch ziemlich banalen Italo-Western eine recht merkwürdige Rolle. Bitte nicht falsch verstehen, denn es handelt sich bei Escondido auf keinen Fall um einen schlechten Western, allerdings stellt er auch nichts schrecklich Denkwürdiges dar. Es gestaltet sich nämlich enorm schwierig Steves Charakter richtig verstehen zu können, vor allem weil er im letzten Drittel des Streifens eine eher unerwartete Wandlung vollzieht. Der Film wird erst nach circa einer Stunde wirklich interessant, wenn Steve brutal verprügelt und Sam in einer meisterhaft gehandhabten, allerdings sehr düsteren und verstörenden Sequenz von den Gangstern misshandelt sowie erschossen wird. In diesem Moment erwacht Escondido erst so richtig zum Leben, hat aber auch schon vorher einige interessante Handlungspunkte zu bieten.

Piero Lulli, ein Charakterdarsteller, der in Dutzenden von Filmen verschiedener Genres aufgetreten ist, wird dem Publikum höchstwahrscheinlich am ehesten für seine antagonistischen Rollen in etlichen Italo-Western in Erinnerung geblieben sein. Hier verkörpert er ausnahmsweise mal eine positive Figur, den blinden sowie sanftmütigen Sam Flannigan. Dieser Charakter ist mit Abstand als der interessanteste des Films zu bezeichnen, wobei sich Steve an dem Punkt, an dem Sam misshandelt und ermordet wird, von einem zwielichtigen Individuum in einen vollwertigen Rachehelden verwandelt. Escondidos letzte dreißig Minuten beschäftigen sich dann im Grunde genommen mit Steves Verfolgung seiner Peiniger und der Ausübung seiner Vergeltung. Das Beste wird dabei für den fiesen Asher aufgehoben, dem ein besonders ironisches Stück von poetischer Gerechtigkeit widerfährt.

Dem Film ist eine gotische Aura beschieden, während er Sergio Corbuccis düsterem Westernstil ähnelt, der in dessen Filmen wie Django (1966) und Il Grande Silenzio (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) zu sehen ist. Ob es sich nun um die schlammverkrusteten oder regennassen Straßen der verlassenen Stadt Escondido oder die windigen sowie nebligen Nachtszenen dreht, den größten Teil des Films über herrscht eine wirklich düstere Atmosphäre. Die obligatorische Prügelei im Saloon hebt sich im Vergleich zu einigen der Schlägereien aus früheren Beiträgen des Genres – die im Allgemeinen einige der am schlechtesten choreographierten Kampfsequenzen zu bieten haben – deutlich ab. Escondido ist letztendlich hauptsächlich – aber nicht nur – eingefleischten Fans des Genres zu empfehlen. Der Streifen hat zwar einige herausragende Momente in petto, allerdings nicht genügend, um im Fahrwasser von einigen der wirklich großartigen Italo-Western zu schwimmen.

Explosive Media präsentiert Escondido in zwei Cover-Varianten (jeweils auf 1000 Stück limitiert) erstmals als restaurierte High Definition Neuabtastung (Blu-ray + DVD), die wirklich gut gelungen ist. Das Bild (16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1) gibt insgesamt keinen Anlass zum Meckern. Mit Sicherheit wurde hier das Beste aus dem einzig erhaltenen Material herausgeholt. Beim Ton liegen mit der deutschen, englischen und italienischen drei Spuren vor. Alle drei werden im DTS-HD Master Audio 2.0 Format präsentiert und klingen zufriedenstellend gut. Für Freunde des italienischen Originaltons sind deutsche und englische Untertitel anwählbar. Dem Label ist somit wieder einmal eine klasse Veröffentlichung eines gut gemachten Italo-Western gelungen, der eine brutale Geschichte auf düstere und gewalttätige Art und Weise erzählt. Hier dürfte kein Genre-Liebhaber bzw. Sammler drum herumkommen.

Bonusmaterial:

  • Featurette mit Kameramann Roberto Girometti
  • Audiokommentar mit Leonhard Elias Lemke —> hier wurde, wie von Herrn Lemke bereits gewohnt, ein sehr informativer sowie interessanter AK eingesprochen
  • Original Kinotrailer
  • 28-seitiges Booklet —> mit vielen Bildern und u.a. einem Text von Christian Kessler aus Willkommen in der Hölle – Der Italo-Western im Überblick
  • Bildergalerie

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  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1
  • Ton: DTS-HD Master Audio 2.0
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur:‎ Rossetti, Franco
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 45 Minuten
  • Darsteller: Giordana Andrea, Dexter Rosemary, Giornelli Franco, Ghia Dana, Lulli Piero
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Studio: ‎Explosive Media

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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