Die Mühle der versteinerten Frauen / Il mulino delle donne di pietra / Mill of the Stone Women

Mit einer Fähre kommt der junge Schriftsteller Hans van Arnim in Veeze an, ein abgelegener Ort in der Nähe von Amsterdam. In wenigen Tagen soll er anlässlich des Jubiläums eine Monografie über das Figurenkarussell von Professor Wahl verfassen, welches dieser in einer alten Mühle betreibt, die von den Einwohnern als die Mühle der versteinerten Frauen bezeichnet wird. Während seiner Recherchen lernt Hans die schöne und mysteriöse Elfie kennen, die Tochter des Professors, der mit allen Mitteln verhindern will, dass jemand etwas von ihrer Existenz erfährt. Doch Hans ahnt, dass in der Mühle etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht und stößt bei seinen Nachforschungen auf ein morbides Familiengeheimnis, das ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt. (Subkultur Entertainment)

Giorgio Ferronis Die Mühle der versteinerten Frauen ist der dritte Horrorfilm in Folge, der im August 1960 in Italien nach La maschera del demonio (Die Stunde, wenn Dracula kommt) und Seddok, l’erede di Satana (Seddok – Der Würger mit der Teufelskralle) veröffentlicht wurde und sich produktionstechnisch eher an Mario Bavas Film orientiert – was bedeutet, dass der Versuch unternommen wurde einen würdigen Gothic-Film mit recht respektablem Budget (daher die Intervention eines französischen Koproduzenten) zu drehen. Das Einspielergebnis an der Kinokasse sollte sich in seinem Heimatland als eher enttäuschend erweisen, doch im Ausland (wo er von Galatea vertrieben wurde) erwies sich der Film als großer Erfolg.

Ferronis Film repräsentiert den ersten in einer Reihe von typischen italienischen Gothic-Horror-Filmen, bei denen im Vorspann behauptet wird, das Drehbuch basiere auf einer Kurzgeschichte oder auf einem Roman. In diesem Fall soll der Film eine Adaption einer Kurzgeschichte aus dem Buch „Flämische Geschichten“ von „Pieter van Weigen“ darstellen, doch es gibt weder ein Buch mit einem solchen Titel, noch einen flämischen Autor mit diesem Namen. Für die italienischen Produzenten diente dies lediglich als eine Art Köder für leichtgläubigere Zuschauer. Eine solche, wenn auch fiktive Herkunft der Vorlage aus dem Ausland mit altem Text war der Garant einer Exotik, die das Publikum ebenso anziehen sollte, wie die englischen Pseudonyme der Crew-Mitglieder. Für Verleiher bot sie hingegen einen Anziehungspunkt für die Kanalisierung von Gothic-Filmen im Gefolge von Roger Cormans Poe-Adaptionen. Einen ganz offensichtlichen Einfluss für Il mulino delle donne di pietra stellen die Hammer-Filme – das Setting im achtzehnten Jahrhundert, die Verwendung von Farbe, die Sets (die Maschinerie des verrückten Doktors wurde offenkundig von Hammers pseudowissenschaftlichen Geräten inspiriert, mit Pumpen, die sich senken und anheben, Füllstands-Anzeigen, die wie verrückt oszillieren und karmesinrotes Blut, das in Schläuchen fließt) – und vor allem House of Wax (Das Kabinett des Professor Bondi, 1953) dar. Letzteres Modell zeigt sich im Thema des Titels „versteinerte Frauen“, der szenografischen Darstellung von Schaufensterpuppen, die so aussehen, als würden sie in De Toths Wachsfigurenkabinett gehören sowie der Figur des verrückten Bildhauers Wahl, der sich Leichen zurecht formt, als wären sie Wachsfiguren.

Allerdings spaltet das Drehbuch den Charakter des verrückten Arztes deutlich in zwei Teile: Wolfgang Preiss – der bald das namensgebende böse Genie in Fritz Langs Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1960) sowie dessen Nachfolgern spielen sollte – repräsentiert einen bloßen Henker als Wahls rechte Hand Bohlem, der Bluttransfusionen an den Opfern durchführt. Was uns zum Kern des Films bringt: Das Zentrum des Bösen, das eigentliche Element der Gefahr und Unruhe stellt weder der verrückte Bildhauer noch sein Assistent dar, sondern die Frau, der sie dienen, die sie beschützen und deren Leben sowie Schönheit sie mit allen notwendigen Mitteln zu erhalten versuchen – eine weitere Hauptreferenz dürfte Les yeux sans visage / Schreckenshaus des Dr. Rasanoff / Augen ohne Gesicht von 1960 gewesen sein. Wobei eine solche Frau weniger als ein Opfer anzusehen ist, als eine (teilweise unfreiwillige) Todes- und Vernichtungsquelle: Wahls Tochter Elfie (Scilla Gabel). Während in italienischen Horrorfilmen männliche Vampire mit dem üblichen Umhang und Reißzähnen daherkamen, lief es bei ihren weiblichen Gegenstücken anders. Was bei Elfie der Fall ist, die eine neue künstliche Jugend erhält, die durch das Blut junger Frauen gewonnen wird – nicht immer Jungfrauen, wie es Gräfin Bathory forderte, aber wenigstens dafür geeignete Frauen. Anstelle von Reißzähnen erledigen Bluttransfusionen den Zweck und wirken sowohl als schreckliches als auch suggestives sowie morbides Element.

Die Mühle der versteinerten Frauen greift die Dichotomie zwischen der Jungfrau in Not (passiv, gut, mäßig attraktiv) und der Femme fatale (zum Anbeißen und lüstern, gefährlich, provokativ) auf. Der schwarzhaarigen, aggressiv-schönen Elfie steht die langweilige Kunststudentin Liselotte (Dany Carrel) gegenüber, die seit jeher in den Helden Hans (Pierre Brice) verliebt ist. Auch Hans verliebt sich in Liselotte – aber erst nachdem er die Gunst der schönen Elfie genossen hat. Letztendlich ist es die Leichtigkeit der Verführung, die ihn von der Frau abwenden lässt. „Ich liebe nur dich, verstehst du? … auch wenn es vorher andere gegeben hat, die meine Einsamkeit zu ihrem Vorteil nutzten und ebenso meine Unerfahrenheit“, gibt Elfie zu, als Ferronis Kamera Hans von hinten einrahmt, ohne seine Reaktion zu zeigen. Dann tritt die Frau zurück, während die Kamera nach vorne fährt, sie in der Aufnahme isoliert und damit Elfie ein für alle Mal von ihrem Geliebten trennt. Hierbei handelt es sich um einen exquisiten Regiemoment, einen von vielen in Ferronis elegantem Film, der implizit ein moralisch männerorientiertes Urteil unterstreicht: lieber eine bescheidene Lebensgefährtin, als eine leidenschaftliche Geliebte, die nicht einmal ihre Jungfräulichkeit anbieten kann.

Der allererste italienische Horrorfilm in Farbe, Die Mühle der versteinerten Frauen, sieht nicht weniger als fantastisch aus. Pier Ludovico Pavonis herausragende Kinematografie in Eastmancolor reproduziert Hammers reichhaltige Farbpalette genauso wie die ätherische Atmosphäre aus Klassikern des Studios und passt perfekt zu Ferronis akademischem sowie elegantem Stil, der – anders als bei seinen Zeitgenossen – selten, wenn überhaupt, abrupte Ausdrucksausbrüche in Betracht zieht. Farbe hat in Die Mühle der versteinerten Frauen eher eine dekorative, als eine dramatische Funktion (wie zum Beispiel in Fredas Filmen) inne. Im Vergleich zu anderen italienischen Horrorfilmen dieser Zeit wirkt Il mulino delle donne di pietra bei der Erkundung von Schocktaktiken jedoch immer noch ziemlich schüchtern. Eine volle Stunde vergeht, bis Ferroni eine halluzinatorische Sequenz auf die Beine stellt, in der Hans den Bezug zur Realität verliert. Doch schon von vornherein wird die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Makabre und das Abstoßende gelenkt, was beim Zuschauer eine Vorstellung von Verfall suggeriert, die widerspiegelt, was sich unter den verführerischen Zügen der bezaubernden Elfie verbirgt. Die grimmige Selbstzufriedenheit, die mit der Darstellung des Makabren einhergeht, reagiert auf die „Akzentuierung der Attraktionen“, die einen der Hauptvorteile der italienischen Gotik repräsentiert. Beispiele? Wenige Minuten nach Beginn des Films beendet Ferroni eine elegante seitliche Kamerafahrt in Wahls Werkstatt auf dem nackten Oberkörper einer erhängten weiblichen „Schaufensterpuppe“, deren auffälligstes Merkmal die realistisch entblößte Zunge darstellt; darüber hinaus ist die Windmühle mit Abgüssen von Köpfen und Händen angefüllt, die verstreut herumliegen oder an Wänden aufgehängt sind. Menschen und „Schaufensterpuppen“, lebhafte und unbelebte Objekte: die Dichotomie, die noch einige der außergewöhnlichsten Beispiele des Genres charakterisieren wird, ist in Ferronis Film bereits im Wesentlichen enthalten.

Ferroni (1908 – 1981) war ein Veteran der italienischen Filmindustrie, der Anfang der 30er Jahre damit begann Dokumentarfilme für das Instituto LUCE zu drehen. Im Laufe der Jahre arbeitete er sowohl an Dokumentar- als auch an Spielfilmen und leitete so bemerkenswerte Anstrengungen wie den außergewöhnlichen, nach dem Zweiten Weltkrieg spielenden film noir Tombolo, paradiso nero (Tombolo, 1948) und den Dokumentarfilm Vertigine Bianca (Der weiße Sieg, 1957). Sein folgendes Werk – beginnend mit Le baccanti (Die Bacchantinnen, 1961), dem Schwert-und-Sandalen-Epos des denkenden Mannes, das auf Euripides’ Theaterstück basiert – fiel in den Bereich des Genrekinos, oftmals mit kultivierteren Ergebnissen. Ferroni kehrte mit La notte dei diavoli / The Night of the Devil aus dem Jahr 1972 zum Horror-Genre zurück, einem beeindruckenden Remake von Mario Bavas The Wurdalak, das im modernen Slowenien spielt.

Limitiert auf 500 Stück, erstmals weltweit in High-Definition !!!

Extras:
– Audiokommentar von Christoph Huber und Olaf Möller (deutsch) –> leider mit teilweise komischer Tonqualität, worauf vom Label allerdings auch hingewiesen wird.
„Das Plauderstündchen des Dr. Mabuse“ – Archivinterview mit Wolfgang Preiss (deutsch + optionale englische Untertitel)
– Original deutscher Kinotrailer aus dem Jahr 1962 (HD)
– Internationaler Trailer
– Deutsche Kinofassung aus dem Jahr 1962 (1080p/23.976fps/HD, Deutsch 1.0 Mono DTS Master Audio Mono, 93 Minuten)
– Umfangreiche Bildergalerie mit mehr als 90 Bildern (HD)

Technische Daten:
Internationale Fassung
– Brandneue 2k Abtastung des Dup-Negativs
– 95 Minuten Laufzeit
– Originalformat 1.66:1 (1080p/23.976fps)
– Originaler und unkomprimierter Monoton, wahlweise in Deutsch und Englisch DTS-HD MA Mono
– Vollständig deutsch untertitelt

Französische Fassung
– Brandneue 2k Abtastung, inkl. den Umschnitten und alternativen Szenen,
welche exklusiv nur für den französischen Produzenten gedreht wurden.
– 90 Minuten Laufzeit
– Originalformat 1.66:1 (1080p/23.976fps)
– Originaler und unkomprimierter Monoton, wahlweise in Deutsch und Französisch DTS-HD MA Mono
– Vollständig deutsch untertitelt + partielle deutsche Untertitel für die zuvor nicht synchronisierten Szenen.

Italienische Fassung
– Erstmals weltweit in HD: Giorgio Ferronis intendierte Originalfassung
– 96 Minuten Laufzeit
– Originalformat 1.66:1 (1080p/23.976fps)
– Originaler und unkomprimierter Monoton, wahlweise in Deutsch, Englisch und Italienisch DTS-HD MA Mono
– Vollständig deutsch untertitelt

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.66:1
  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur: Ferroni, Giorgio
  • Medienformat: Breitbild, Limitierte Auflage
  • Laufzeit: 1 Stunde und 35 Minuten
  • Darsteller: Carrel, Dany, Brice, Pierre, Gabel, Scilla, Preiss, Wolfgang, Boehme, Robert
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Deutsch (DTS HD Mono), Englisch (DTS HD Mono)
  • Studio: Subkultur Entertainment

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Die Screenshots stammen NICHT von dieser Edition !!!

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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