Die nackte Bourgeoisie

Die nackte Bourgeoisie ist der etwas seltsame Titel von Ritratto di borghesia in nero, einem italienischen Liebesdrama von 1978. Wer es sogar noch reisserischer mag ist mit dem internationalen Titel Nest of Vipers gut beraten.

Venedig 1938, am Vorabend des 2. Weltkrieges. Der Musikstudent Mattia (Stefano Patrizi) beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Carla Richter (Senta Berger), der sinnlichen Mutter seines Freundes Renato (Christian Borromeo), und erhält so Zugang zu Italiens High Society. Die verarmte Carla hofft, dass Renato die junge Elena (Ornella Muti), Tochter einer wohlhabenden Familie Mazzarini, heiraten wird und arrangiert ein festliches Dinner. Doch dort verliebt sich Mattia Hals über Kopf in das schöne Mädchen und verlässt die ältere Frau. Tief gekränkt sinnt Carla auf Rache und schmiedet einen perfiden Plan … (Klappentext)

Filme über das Vorkriegs-Italien gibt es natürlich viele, ein wenig fühlte ich mich an Der Garten der Fitzi Contini erinnert. Nur dass hier der geschichtliche Aspekt maximal angedeutet wird, und man es nicht mit einer ganz so tiefgründigen Literaturverfilmung zu tun hat. Ein Exploitation Film ist das aber nun eigentlich nicht, ein Historiendrama passt aber auch nicht. Der Film bewegt sich in einer Grauzone zwischen anspruchsvoll und Groschenroman. Die Prämisse ist denkbar einfach, die Kulisse schön, die Erzählgeschwindigkeit gemächlich, die Dialoge schwanken zwischen banal und aufregend dramatisch.

Tonino Cervi kennt man in erster Linie als Regisseur des Italowesterns Heute ich, morgen du mit einem gelangweilten Bud Spencer in der Nebenrolle – sein Regiedebut. Er war allerdings in erster Linie als Produzent aktiv. Senta Berger war damals ziemlich aktiv und vor allem auch in kultigen Eurocrime, Gialli oder leichten Komödien. Dazu gehören u.a. Frühstück mit dem Killer (Amazon), oder die Klamotte Als die Frauen noch Schwänze hatten (Amazon), der ziemlich gute Giallo Der Mann ohne Gedächtnis (Amazon), sowie der oft übersehene Kriegsfilm Die Sieger (Amazon). Dann wäre da noch zu nennen Tod in Berlin (Amazon), sowie Die weisse Mafia (Amazon). Ornella Muti ist jedem Italokino-Fan ein Begriff. Die bezaubernde Dame war damals eine der ganz großen weiblichen Starlets und man findet wohl heute keine vergleichbare Schönheit mit solch einer Leinwandpräsenz kombiniert mit einem frechen Charme, so wie Muti das in diversen mit Adriano Celentano gedrehten Komödien (hier meine Besprechung) genauso unter Beweis gestellt hat, wie mit erotisch angehauchten Dramen und TV-Klamotten.

Donaufilm bringt den Film mit Wendecover und Pappschuber auf DVD. Man kann zwischen deutschem und italienischen Ton wählen, Untertitel sind auf Deutsch vorhanden (und mehrheitlich akkurat). Der deutsche Kinotrailer und eine Bildergalerie sind die einzigen Extras. Nette Aufmachung, kaum Extras, solide aber durchschnittliche Bild- bzw. Tonqualität: Schön dass es den Film so zu bewundern gibt, Kapriolen sind das aber nicht.

 

Vor der Kulisse Venedigs schafft es der Film, den Zuschauer in die abgekapselte Welt der Mittelschicht zu entführen, die bis zum Schluss von den nahenden Wirren des Krieges nicht berührt war. Sich mit den Regierenden gut stellen, seine Geschäfte machen, konform bleiben, behutsam den Besitz schützen, und am besten nicht auffallen. Doch hinter der Spießerfassade bröckelt natürlich so einiges, und es prallen Moral, Eitelkeiten, Machtgier und Leidenschaften aufeinander. Wer wäre besser geeignet als das Duo Infernale aus Ornella Muti und Senta Berger, um sinnbildlich den Zerfall dieser Welt zu verkörpern? Da stört es dann kaum mehr, dass die restlichen Rollen mit Nobodies besetzt sind, denn das ist möglicherweise durchaus Absicht. Die sind austauschbar. Letztlich soll auch wenig davon ablenken welch Kleinkrieg hier zwischen den „Femme Fatales“ vom Zaun bricht. Aber in der Tat, was dem Film zu einer notwendigen Größe gefehlt hätte, wäre etwas mehr Rahmenhandlung. Wenn um die Protagonisten auch noch der Krieg ausgebrochen wäre, hätte das auch gekonnt über die doch recht blasse Handlung hinweg geholfen.

Insgesamt ein sehenswerter Film für Italo-Kenner oder einfach nur interessierte Fans, aber von jedem der involvierten Stars gibt es jeweils reihenweise besseres Leinwandmaterial.

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Die DVD wurde uns von Donau Film zur Verfügung gestellt.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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