Die nackten Vampire / La vampire nue

Pierre Radamante wird des Nachts Zeuge eines mysteriösen Geschehens: Eine junge Frau wird von einer Gruppe von Gestalten mit bizarren Tiermasken verfolgt. Er will ihr zu Hilfe eilen, kann jedoch nicht verhindern, dass sie von ihnen erschossen wird. Eine der grotesken Figuren trägt die scheinbare Tote auf ein herrschaftliches Anwesen – mit Unbehagen realisiert Pierre, dass es seinem Vater gehört. Es gelingt Pierre, sich unerkannt Zugang zum Gebäude zu verschaffen: Zu seinem Schrecken wohnt er einem Ritual einer Selbstmord frönenden Sekte bei! Pierre traut seinen Augen nicht, als die für tot gehaltene junge Frau quicklebendig erscheint und das Blut einer Selbstmörderin trinkt. (Wicked-Vision Media)

Nach dem beinahe unergründlichen, gotischen schwarz-weiß Chaos seines ersten Films Le viol du vampire (Die Vergewaltigung des Vampirs, 1968) kehrte Regisseur Jean Rollin wieder zu den Blutsaugern zurück, um eine visuell weitaus extremere Variation zu erschaffen, die sich noch immer von der restlichen Filmografie abhebt. Obwohl seine Markenzeichen-Obsessionen mit Strandlandschaften und ästhetischer Nacktheit noch präsent sind, fühlen sich die ultra-gesättigten Farbschemen und Motive verrückter Wissenschaftler eher wie eine üble Melange zwischen Barbarella und Miss Muerte (Das Geheimnis des Dr. Z) an und beinahe nie wie ein traditioneller Horror-Film. Die nackten Vampire beginnt mit einer Gruppe von Wissenschaftlern, die in Kapuzen gehüllt sind und mit ihren Injektionsnadeln und bunten Laborgeräten etwas Schändliches tun, während andere in ihrem Kult mit Tiermasken verkleidet herumlaufen und flüchtenden Passanten hinterherjagen. Im Laufe dieses Durcheinanders gerät der junge Pierre (Olivier Rollin, hier als Olivier Martin) in den Bann einer geheimnisvollen, spärlich bekleideten Frau (Caroline Cartier, hier als Christine Francois), die von der Sekte aufgegriffen wird, welche sich als ein düsterer und gefährlicherer Haufen erweist, als sie zunächst erscheinen mag. Bei deren geheimen Zusammenkünften begehen speziell ausgesuchte Besucher Selbstmord, dem Trinken von Blut wird gefrönt und wie üblich, endet alles darin, dass spukhafte Charaktere am Strand entlang wandern, bis sie durch einen Biss in den Hals von ihrer Sterblichkeit eingeholt werden. Obwohl das Tempo von Die nackten Vampire immer noch erkennbar Rollin-esque ist, könnte dieser Film für Genre Neulinge etwas einfacher zu konsumieren sein, da seine Geschichte von einem seltsamen Element in das nächste ausschert. Kleider im Leopardenstil, groteske Masken und etliche provozierende Aufnahmen nackter Haut entlarven den Streifen als poppigen französischen Kunstfilm der 70er Jahre. Rollin vermischt Sci-Fi- und Gothic-Elemente ohne zu versuchen jemanden wirklich zu erschrecken, doch sein poetischer Einschlag hält das Werk davon ab eine grässliche Kollision von kontrastierenden Stilen zu sein. Die Schauspieler haben nicht viel zu tun, außer umherzuwandern und wie Tuchkaterinnen zu wirken, Martin jedoch gibt eine vernünftige Vorstellung als Protagonist, dessen Vergangenheit sich im Verlauf des Films langsam entwirren lässt.

Von allen Jean Rollin Horrorfilmen auf Heimvideo-Medien hat Die nackten Vampire mit Sicherheit den steinigsten Weg hinter sich. Anständige Videoversionen waren enorm schwer zu bekommen und sogar die DVD-Ära hat sich als unberechenbar erwiesen. Eine nicht-anamorphe spanische DVD enthält die überspielte englische Tonspur (die eine Enttäuschung darstellt, doch der Film enthält sowieso nur etwa 10-15 Minuten Dialog) und angeblich soll eine französischsprachige britische Disc mit englischen Untertiteln auch keine visuelle Verbesserung sein. Aus irgendeinem Grund verpasst dies auch die nordamerikanische DVD von Redemption, indem sie nur den englischen Dub mit nicht anamorphem Transfer anbietet, was in diesem Stadium des digitalen Zeitalters doch ziemlich bizarr ist. Die einzige wirklich befriedigende Edition ist jetzt bei Wicked-Vision Media ungekürzt im Rahmen ihrer Jean Rollin Collection als Nr. 2 erschienen. Die Blu-Ray-Version ist klasse, mit knallenden Farben, die den gestörten Pop-Art-Geschmack Rollins perfekt einfangen. Endlich wird der Streifen im akkuraten 1,66:1 (1080p) Bildformat präsentiert und stellt mit französischem, englischem und deutschem Ton (DTS-HD-MASTER 2.0 Mono) alle wichtigen Sprachfassungen in guter Qualität. Untertitel sind deutsche und englische verfügbar, was ebenfalls eine willkommene Verbesserung repräsentiert. Zusätzlich fährt die Mediabook-Edition, die limitiert mit zwei verschiedenen Covern (A + B = 666 Stück) veröffentlicht wird, eine Fülle an Extras auf: Eine Einleitung durch Jean Rollin, die Featurettes „Die Passage der nackten Vampire“ und „Erinnerungen – Im Gespräch mit Jean Rollin“, Originaltrailer, US-Trailer, rekonstruierter deutscher Kinotrailer – Version: „Lustschloss“, rekonstruierter deutscher Kinotrailer – Version: „Vampire“, rekonstruierter deutscher Kinovorspann, deutscher Blu-ray Trailer, alternativer Vorspann und umfangreiche Bildergalerien (Artworks, deutsche Aushangfotos, Pressefotos) lassen kaum Wünsche offen. Doch das Highlight der Boni ist diesmal das 24seitige von Pelle Felsch und Leonhard Elias Lemke verfasste, äußerst lesenswerte Booklet, das eine Menge an unterhaltsamer Information enthält.

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  • Darsteller: Maurice Lemaitre, Caroline Cartier, Ly Lestrong, Bernard Musson, Jean Aron
  • Regisseur: Jean Rollin
  • Format: Anamorph, Limited Edition, PAL, Widescreen
  • Region: Region B/2
  • Anzahl Disks: 2
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Wicked Vision / Donau Film
  • Produktionsjahr: 1970
  • Spieldauer: 85 Minuten

Dieses Mediabook wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt. Das Bildmaterial stammt nicht von dieser Edition!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. DJ_Ango sagt:

    Hm – something wicked tittytainment this way comes ;-D

    Sehr schöner und hilfreicher Review – besten Dank dafür, Bluntwolf!