Die seltsame Farbe der Tränen Deines Körpers / Der Tod weint rote Tränen

L’ÉTRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS aka THE STRANGE COLOUR OF YOUR BODY’S TEARS aka DIE SELTSAME FARBE DER TRÄNEN DEINES KÖRPERS. Filmkritik.

Nach ihrem Langfilmdebüt „Amer“ (2009) und einem Beitrag zum Episodenfilm „The ABCs of Death“ (2012, ‚O is for Orgasm‘) haben die beiden belgischen Regisseure Hélène Cattet und Bruno Forzani einen weiteren bemerkenswerten Kinofilm fertiggestellt, der bereits letztes Jahr mit großem Erfolg auf den Filmfestivals von Locarno und Toronto lief: „L’étrange couleur des larmes de ton corps“, dessen Titel als Anspielung auf die langen Namen italienischer Giallo-Thriller, wie beispielsweise „Lo strano vizio della signora Wardh“ (1971), zu verstehen ist, erlebte nun am Crossing Europe 2014 in Linz seine Österreichpremiere.

Seltsame Farbe der Tränen deines Körpers

Die Ausgangssituation des Filmes lässt zunächst auf ein klassisches Mystery/Whodunit schließen: Der Geschäftsmann Dan Kristensen kehrt von einer Dienstreise in sein Appartement zurück und muss feststellen, dass seine Ehegattin Edwige spurlos verschwunden ist. Unterstützt von Detektiv Vincentelli beginnt Kristensen seine Nachbarn zu befragen, in der Hoffnung herausfinden zu können, was seiner Frau zugestoßen ist. Das Regieduo Cattet/Forzani ist jedoch herzlich wenig daran interessiert, dem Publikum auf diese Frage eine klare Antwort zu geben: „Beim Verfassen des Drehbuches haben wir versucht eine Art Labyrinth zu konstruieren; machen Sie sich also keine Sorgen, wenn Sie sich darin verirren“, warnte Hélène Cattet die Linzer Kinozuseher vor Vorstellungsbeginn. Und tatsächlich: Publikum und Protagonist werden im Verlauf des Filmes mit immer mehr Indizien konfrontiert, die jedoch – ganz in der Manier von David Lynch’s „Lost Highway“ (1997) oder „Mulholland Drive“ (2001) – weniger für Klarheit als für Chaos und Verwirrung sorgen.

seltsame farbe der tränen deines körpers

Als wichtigste Inspirationsquelle für “ L’étrange couleur des larmes de ton corps“ nennt Bruno Forzani, neben Dario Argentos nach Traumlogik funktionierendem Horrorfilm „Inferno“ (1980), die Werke von Anime-Großmeister Satoshi Kon. Von letzterem haben die beiden Regisseure nach eigener Angabe die Technik des „stereoscopic writing“ übernommen, bei der das Drehbuch in mehreren Schichten aufgebaut wird, sodass der Film mit jeder weiteren Sichtung dem Zuseher neue Schlüssel zur Lösung der einem Rätsel gleichenden Handlung offenbart. Doch bereits bei der Erstsichtung, nach der der Zuschauer mehr verwirrt als aufgeklärt im Kinosessel zurückgelassen wird, vermag es der Film einen überzeugenden Eindruck zu hinterlassen.

Das liegt zum einen daran, dass die beiden kurzfilmerprobten Regisseure ihr Handwerk hervorragend beherrschen: Von den über 1000 Kameraeinstellungen, aus denen sich „L’étrange couleur des larmes de ton corps“ zusammensetzt, ist augenscheinlich jede einzelne bis ins kleinste Detail durchgeplant worden – ein ganzes Jahr haben Cattet und Forzani alleine damit verbracht, ein Storyboard zu entwerfen. In Verbindung mit der Tonebene, die nach Aussage der Regisseure zur Gänze in der Postproduktion entstand und daher sechs Monate Arbeit in Anspruch nahm, entwickelt die visuelle Pracht des Filmes eine atemberaubende Sogwirkung, wie man sie heutzutage nur selten im Kino zu sehen bekommt.

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Zum anderen sieht man „L’étrange couleur des larmes de ton corps“ den (großartigen) Filmgeschmack der beiden Regisseure an, die aus ihrer Liebe zum Giallo – ein italienisches Subgenre der 1970er-Jahre, bei dem häufig eine Mordserie und deren Aufklärung im Mittelpunkt stehen – keinen Hehl machen: Neben Bildzitaten aus Filmen wie „Profondo Rosso“ (1975) oder „Lo strano vizio della signora Wardh“ (1971) erklingen auf der Tonebene immer wieder Soundtracks großer italienischer Komponisten, wie Ennio Morricone, Bruno Nicolai oder Riz Ortolani.

Seltsame Farbe der Tränen deines KörpersAuf die bei einem Publikumsgespräch gestellte Frage, welches Projekt Cattet und Forzani als nächstes in Angriff nehmen wollen, äußerten beide den Wunsch, den Krimi „Lasst die Kadaver bräunen!“ von Jean-Patrick Manchette und Jean-Pierre Bastid für die Leinwand zu adaptieren. Berücksichtigt man den Perfektionismus der Regisseure, so kann man davon ausgehen, dass es noch mehrere Jahre dauern wird, bis ihr nächster Film auf einer Leinwand zu sehen sein wird. „L’étrange couleur des larmes de ton corps“ wird uns jedoch bis dahin problemlos die Wartezeit vertreiben: Der Film ist handwerklich virtuos inszeniert, versteht es, auf narrativer Ebene mit einer stark verschlüsselten Handlung zu faszinieren, und möchte auf jeden Fall öfter als einmal gesehen werden – ein fantastisches Kinoerlebnis!

Update: Koch Media brauchte den Film nun unter dem Titel Der Tod weint rote Tränen auf BluRay und DVD

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Alexander Fischer

Alejandro ist aus Österreich, und schreibt schon länger für Nischenkino, Furious Cinema, die Spaghetti Western Database oder andere Filmmagazine. Er ist selbst Filmemacher.

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