Die Sieger – Berlinale Special

Es sah am Ende fast so aus als würden wir dieses Jahr gar nicht von der Berlinale berichten können, aber das wäre natürlich völliger Murks gewesen. Nischenkino wäre nicht zu 50% in Berlin zuhause, wenn dabei nicht auch ein klein wenig Berlinale-Berichterstattung dabei rumkommen würde. Als erste von zwei Berlinale Filmkritiken präsentieren wir euch deshalb hier zunächst eine Kritik des deutschen 90er Actionthrillers Die Sieger von Dominik Graf. Der wurde auf der Berlinale in einer 4K-restaurierten Director’s Cut Fassung vorgestellt – stilecht wie es sich ein Festival gehört in Anwesenheit von Cast und Crew. Eingeleitet vom Chef der Bavaria Film und dem Regisseur selbst kamen fast alle Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne bevor die Lichter ausgingen und im kuscheligen, und für das menschliche Genick kaum auszuhaltenden, Haus der Berliner Festspiele der Vorhang fiel.

Die Sieger handelt von einer Gruppe Kollegen eines Düsseldorfer Sondereinsatzkommandos der Polizei, eine eingespielte Clique fast schon. Bei einem letztlich gescheiteren Einsatz entkommt eine Zielperson, die Karl (Hebert Knaup) ,der Leite der Gruppe, für seinen alten Kumpel Heinz (Hannes Jaenicke) hält. Da der nach einem Selbstmord seit Jahren tot sein soll, wittert er eine Verschwörung, denn der Leichnam wurde damals nie gefunden. Als er anfängt herumzustochern, unter anderem Sunny (Meret Becker), Heinz‘ Witwe, befragt, gerät er selbst ins Visir des wohl vom Geheimdienst engagierten Wiederauferstandenen, der nun seine Familie bedroht. Scheinbar steckt der Staatssekretär Dessaul hinter der Sache, für den die SEKler unter anderem teilweise für den Personenschutz zuständig sind (und Karl eine Affair mit dessen Frau Melba, gespielt von Katja Flint, hat). Während Karl weiter herumschnüffelt, und alle nervös macht, kommt es zu einem Überfall und einer Geiselnahme. Da die Jungs das ganze nicht stoppen können, wird ihnen Komplizenschaft unterstellt und sie alle vom Dienst suspendiert. Karl wittert hier die geniale Strippenzieherei von Heinz und sie stellen ihm auf eigene Faust nach, es beginnt eine bittere Hetzjagd die sie bis an die Grenze bringt…..

Vorneweg muss man sagen dass ich zwar dachte ich hätte den Film schon einmal gesehen, aber es stellte sich heraus dass es mir letztlich so nicht vorkam (so ganz ausschließen mag ich das aber nach wie vor nicht). Graf meinte zu Beginn dass er der Meinung sei, die Version sei hier nun runder, und die Schnitte damals wären wohl nicht auf seinem Mist gewachsen. Zwar ist die Qualität der rekonstruierten Szenen unterirdisch, aber ich finde unterm Strich dass es mehrheitlich gute Additionen waren (gilt aber wirklich nicht ausnahmslos für alle). Die Sieger in dieser Fassung ist ein Film der abgesehen von einigen typischen 90er-Jahre Peinlichkeiten erstklassiges deutsches Blockbuster Kino bietet. Ambitioniert, erfrischend, frech, sexy, brutal und spannend.

Ein Haufen Draufgänger in einem Düsseldorfer SEK, Korruption an der spitze der NRW Regierung und ein frei drehender V-Mann… in der Tat, so ganz an Aktualität hat der Film irgendwie nicht verloren. Man denke sich die schlapprigen 90er Klamotten und Frisuren weg, und der Film könnte auch im hier und jetzt spielen (nur würde er wohl in Berlin gedreht werden, oder in Dresden). Dabei ist Die Sieger weder ein klassischer Polizeifilm, noch eine beinharte Charakterstudie (hier würde ich eher Wir waren Könige einordnen, ein Film der sich viel von Die Sieger abgeguckt hat). Vielmehr ist es ein Film im amerikanischen Stil, bei dem eine Handvoll cooler Handlanger, eben weil sie so cool sind, es mit der korrupten Oberschicht aufnehmen.

Besonders gut gelungen bei diesem Film ist der Mix an Zutaten. Polizei-Action, Verfolgungsjagden, Psychothriller, Erotik, Korruption, coole Sprüche, interessante Locations, Familiendrama, Politik – es ist ein mutiges Potpourri, das Graf kräftig umrührt. So ein Film würde mit den heutigen Förderinstrumenten wohl nicht mehr gemacht werden. Der Film ist weder pseudointellektuell genug noch weichgespült genug für das was ansonsten so aus den FFFs herauskommt. Die Sieger kracht, knarzt und unterhält, schert sich einen Teufel um Konventionen und schafft die Balance zwischen Unterhaltung, Anspruch und einer kleinen Dosis Größenwahnsinn, und vor allem ohne auf ein gerade beim amerikanischen Kino nervtötendes PG-13 Niveau herabzusinken. Hier wird geraucht, geflucht, hintergangen, heruntergeholt, getötet und geblödelt, es ist kein Film für die kleinen Kids, sondern für die großen. Für erwachsene Kinogänger die etwas geboten bekommen möchten.

Weniger gut ist die Erzählkurve. Gegen Ende zieht sich der Film deutlich dahin und versucht durch etliche Wendungen einen Höhepunkt zu erreichen (nicht nur im übertragenen Sinn) der aber nicht wirklich in der Mission: Impossible Liga mitspielen kann. All die Zutaten die Graf mühevoll in Stellung gebracht hatte verbrät er quasi am Ende fast schon hastig, lässt sie quasi anbrennen in dem Versuch, zu einer Auflösung des ganzen zu kommen – und sinkt dabei ab von der Frische zu Anfang auf ein eher mittelmäßiges aufgewärmtes „schon mal gesehen“ am Ende. Das ist ein wenig schade, schmälert aber den Unterhaltungswert nur sehr geringfügig.

Beim Casting hat man ein gutes Händchen bewiesen. Zwar sieht die SEK Truppe eher wie eine Fußballmannschaft aus und raucht vielleicht auch zu viel für so eine Gurkentruppe, aber von dem irren Hönig über die „Femme Fatale“ Flint bis zu dem besonnenen Kaup, dem skrupellosen Jaenicke, der mysteriösen Becker und der Wörner, die von da an bis 2001 auch mit Kaup liiert war im übrigen. Quer durch ein spannender Mix an Darstellerinnern und Darstellern, die allesamt keine stereotypischen Performances von diesen Charakteren bieten sondern ein wenig unerwartet interpretieren.

Die Sieger ist nicht perfekt. Der Film ist ein wenig zu lang, nicht immer sehr glaubhaft und weist ein hastiges Ende auf. Insgesamt aber ist er höchst spannend, unterhaltsam und für einen deutschen Film echt kreativ und mutig (1994 war dahingehend ein gutes Jahr – die FAZ schrieb „Was sich das deutsche Kino mal getraut hat„). Den so auf der Berlinale erleben zu dürfen war eine echte Freude. Ich hoffe diese Version schafft es auch bald auf BluRay.

Still-Fotos: Bavaria Film / Krieger

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.