Die Suche

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1999: Der Zweite Tschetschenienkrieg wütet mit gnadenloser Brutalität unter der Zivilbevölkerung. Der 9-jährige Hadji kann in letzter Sekunde vor einem Trupp russischer Soldaten fliehen. Seine Eltern haben weniger Glück. Hadji sieht zu, wie sie erniedrigt und schließlich auf offener Straße erschossen werden. Der kleine Junge wandert ziellos umher, bis er von Carole aufgegriffen wird. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es der UN-Mitarbeiterin mehr über Hadjis familiären Hintergrund herauszufinden. Offenbar hat er eine ältere Schwester. Mit Hilfe von Helen, einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, versucht Carole die junge Frau aufzuspüren.

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Der mit dem Academy-Award ausgezeichnete Regisseur Michel Hazanavicius erschuf einen wunderschönen Film über vier miteinander verbundene Geschichten, die den Tragödien des Tschetschenien-Krieges gegenüberstehen. Hazanavicius führte zuvor beim Oscar-Gewinner The Artist (2011) Regie und nimmt damit eine sehr dramatische Wendung mit seinem neuesten Feature, denn Die Suche ist überhaupt nicht so leichtherzig wie seine früheren Filme. Im Gegenteil, die Atmosphäre ist in Dunkelheit und Entsetzen verwurzelt. Der Film zeigt zu Beginn einen Soldaten, der, als Form der Unterhaltung, filmt wie gerade eine Familie abgeschlachtet wird. Die gesamte Stimmung wird schlagartig dunkel, wobei dieser Effekt nicht nur auf die graue Farbtönung zurückzuführen ist, die den ganzen Film über beibehalten wird. Diese Dunkelheit ist auf die Realitäten des Krieges zurückzuführen und die Auswirkungen, die er auf alle beteiligten Menschen hat; seien es junge Männern im obligatorischen Militärdienst oder als Waisen zurückgelassene Kinder. Die Handlung folgt Hadji, einem jungen Burschen, der den Mord an seiner Familie, durch Soldaten begangen, miterleben muss. Hadji flieht auf der Suche nach einem sicheren Ort aus seiner Heimat, wird von Flüchtlingen aufgelesen und in ein Waisenhaus gebracht. Was er jedoch nicht weiß ist, dass seine Teenager-Schwester, Raissa, überleben konnte. Sie beginnt nun wiederum nach Hadji zu suchen, da sie fest daran glaubt, dass er noch am Leben ist.

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Die Handlung verdickt sich, als zu dem jungen russischen Teenager Kolia geschaltet wird, der seine militärische Pflicht zu leisten hat. Dies wird zum verstörendsten Teil des Films. Gerade als man sieht, wie sich Hadjis Leben nach der Begegnung mit einem Menschenrechtsbeauftragten langsam verbessert, folgt der Film der verschwindenden Moral eines jungen Mannes durch die Aspekte des Krieges. Kolia verwandelt sich von einem normalen Teenager in eine rücksichtslose Tötungsmaschine, die keine Hoffnung auf Erlösung verkörpert. Er lernt die Unschuld zu töten, genauso wie das, was von seiner Kindheit übriggeblieben ist. Dieser Übergang im Film offeriert eine interessante Perspektive. Das Publikum, durch die Schrecken des Krieges verursacht, beginnt mit einem russischen Soldaten zu sympathisieren, der in der Zukunft für noch mehr Zerstörung verantwortlich sein wird. Ein unschuldiges Leben beginnt sich zu verbessern, während ein anderes unschuldiges Leben droht in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Kolia wollte sich nie dem russischen Militär anschließen, was durch seine Selbstmordversuche und häufigen hysterischen Momente offensichtlich wird und Hadji wollte selbstverständlich nicht, dass seine Eltern ermordet werden. Beide Geschichten beschreiben zwei dramatisch unterschiedliche Kriegstraumata. Während Hadjis Zukunft hoffnungsvoll bleibt, verliert sich Kolia in einer Spirale von Verzweiflung. Interessant ist es dabei zu sehen, dass die Verantwortlichen für den Krieg die tragischsten Folgen zu erdulden haben. Der Punkt ist, egal auf welcher Seite man sich befindet, Krieg kommt den direkt Beteiligten auf keinen Fall zu gute. Krieg verwandelt die Welt in einen Ort, in dem niemand leben möchte. Kinder werden gezwungen über ihre Jahre hinaus zu reifen und Familien werden auseinandergerissen.

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Obwohl Familie in diesem Film zerstört wird, bietet er eine positive Alternative. Die Menschenrechtsbeauftragte Carole (Berenice Bejo) will Hadji adoptieren, doch gleichzeitig weiß man, dass Raissa noch lebt und auf der Suche nach ihm ist. Man möchte nun, dass sowohl Carole, als auch Raissa ihre Ziele erreichen und das finden, was sie die ganze Zeit über suchen. Carole strebt nach Inspiration und Sinn für ihre Arbeit, was sie in Hadji zu erkennen scheint, während Raissa ganz einfach nach dem sucht, was von ihrer Familie noch übrig geblieben ist. Die Suche bietet mehrere Perspektiven auf die negativen Effekte des Krieges. Der Soldat, das unschuldige Kind und der reifende Teenager erfahren die direkten Auswirkungen, während das Waisenhaus, der EU-Korrespondent und die Menschenrechtskräfte indirekte Erfahrungen machen. Michel Hazanavicius bringt dem Publikum mit Die Suche einen düsteren aber dennoch schönen und wichtigen Film, der ungeschönt hinter die Kulissen von Krieg ganz abseits von jeglichem Pathos blickt.

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  • Darsteller: Berenice Bejo, Annette Bening, Maksim Emelyanov, Abdul Khalim Mamutsiev, Zukhra Duishvili
  • Regisseur(e): Michel Hazanavicius
  • Sprache: Deutsch (DTS 2.0), Deutsch (DTS 5.1), Englisch (DTS 5.1)
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Alive – Vertrieb und Marketing/DVD
  • Produktionsjahr: 2014
  • Spieldauer: 135 Minuten

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Alive zur Verfügung gestellt.

 

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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