Die Todesbucht / La Sorella di Ursula

Den Schwestern Ursula und Dagmar wird ein beträchtliches Erbe hinterlassen, als deren Vater verstirbt. Daraufhin machen sie sich auf die Suche nach ihrer entfremdeten Mutter, um sie in das Erbe miteinzubeziehen und stoppen entlang des Weges in einem luxuriösen Hotel am Meer. Dort beginnt ein wahnsinniger Mörder einige der Gäste umzubringen. Ursula, die seherische Fähigkeiten besitzt, ist überzeugt, dass sie das nächste Opfer sein wird…

Der Giallo war im Jahr 1978 bereits ziemlich an seine Grenzen gekommen, denn die Beliebtheit der poliziotteschi gab den Weg für ein aufgefrischtes Interesse an Filmen frei, während sexy Komödien das Publikum weiterhin in regelmäßigen Abständen zu packen wussten. Entspanntere Zensurstandards erlaubten außerdem eine Zunahme an grafisch sexuellen Inhalten. La Sorella di Ursula liefert daher eine Mischung aus Horror- und Thriller-Elementen, sowie einen schrittweisen Einstieg in die Welt der Pornografie. Autor und Regisseur Enzo Milioni berichtete einst (siehe Gerd Naumann und Bodo Traber), dass der Film aufgrund einer Wette mit dem Produzenten Armando Bertuccioli zustande kam. Milioni hatte anscheinend ein ambitioniertes Drehbuch geschrieben, das das Interesse von Top-Schauspielern der damaligen Zeit wie Dirk Bogarde, Valentina Cortese und Gabriele Ferzetti erweckte. Doch die drei hatten auch ein saftiges Preisschild an sich heften, weswegen Bertuccioli nicht in der Lage war, die notwendige Finanzierung sofort bereitzustellen. Also schlug er Milioni vor, dass sie erstmal einen schnellen Thriller auf die billige Art und Weise drehen sollten, bevor sie nach den Sternen greifen und den höher budgetierten Film in Angriff nehmen. Letzterer wurde nie verwirklicht und in mancher Hinsicht wäre es eventuell auch besser gewesen, wenn Die Todesbucht niemals entstanden wäre.

Die verhältnismäßig günstige Besetzung wird von der schönen Barbara Magnolfi angeführt. In anderen Filmen erwies sie sich als eine sehr fähige Schauspielerin, doch hier arbeitete alles gegen sie. Magnolfi gibt mit Ursula die wohl unangenehmste „Heldin“, die man sich nur vorstellen kann, erzeugt absolut null Publikumssympathie und ist mit einem idiotischen Dialog nach dem anderen gestraft. Das Beste, was man über sie sagen kann, ist letztlich, dass sie absolut hinreißend aussieht. Als Tochter einer französischen Mutter und eines italienischen Vaters wurde Barbara 1955 in Frankreich geboren. Sie startete ihre Karriere als Model und begann ihre Arbeit beim Film im Jahr 1969. Einer ihrer frühesten Auftritte war eine kleine Rolle in Sergio Martinos The Suspicious Death of a Minor (1975), doch ihren größten Erfolg hatte sie mit Dario Argentos Suspiria (1977), wo sie als Olga auftrat. Sie verliebte sich in den Schauspieler Marc Porel, den sie 1977 heiratete. Ihre Ehe würde jedoch in einer Tragödie enden, denn Porel starb 1983 offensichtlich an einer Überdosis Heroin. Nach diesem Verlust zog sich die Schauspielerin zunächst aus dem Geschäft zurück, begann aber Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre wieder zu arbeiten. Danach schien sie die Schauspielerei völlig aufgegeben zu haben, kehrte allerdings 2013 noch einmal auf die Leinwand zurück. Stefania D‘Amario übernahm die Rolle ihrer Schwester Dagmar. Sie zeigte nie das Talent, was Magnolfi an einem einzigen guten Tag erreichen konnte und traurigerweise tut ihr das Skript auch keinen Gefallen: Stefania wandelt voller Verwirrung, die ihr aufs Gesicht geschrieben ist, durch den Film und bekommt kaum eine Chance Eindruck zu machen. D‘Amario war verstärkt in italienischen Exploitation-Filmen tätig, beginnend mit Deported Women of the SS Special Section von 1976 und erschien in Lucio Fulcis Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies (1979) sowie Umberto Lenzis Großangriff der Zombies (1980), bevor sie an kleinere Rollen in „angeseheneren“ Filmen wie Michelangelo Antonionis Identifikation einer Frau (1982) herankam. Seit den frühen 80er Jahren ist sie inaktiv. Die Besetzung beinhaltet auch den oben genannten Marc Porel (Don’t torture a Duckling), der einen Junkie (wie passend) spielt, der irgendwie in die Geschehnisse hineingezogen wird und ein doppeltes Spiel führt. Angesichts der Gerüchte um seinen Tod, ist es nicht gerade sehr angenehm zu sehen, wie er sich im Film eine Spritze setzt, doch er lässt sein übliches Charisma in die Rolle einfließen, die seiner Talente einfach nicht wert war.

Ein Großteil der Probleme des Films liegt in seiner Unfähigkeit die ungleichen Komponenten vernünftig zusammen zu führen. Die Thriller-Elemente sind vorhersehbar, der Horror-Anteil ist bescheiden, während der Sex zum Fokus wird; sehr wenig davon ist jedoch erotisch im eigentlichen Sinne. Milioni konzentriert sich auf eine protrahierte Sexszene nach der anderen, während der Sinn und Zweck des Plots vollkommen in den Hintergrund gerät. Das wäre vielleicht nicht so unverzeihlich, wenn die fraglichen Szenen tatsächlich etwas „Wärme“ erzeugen würden, aber das tun sie nicht. Die Sexsequenzen verrücken die Grenzen so weit, wie man es sich für diese Zeit nur vorstellen kann, mit simulierten „mündlichen“ Handlungen und Stößen sowie einer Menge Stöhnen und das für ein gutes Drittel der Laufzeit. Wie oben angemerkt, ist der Thriller-Aspekt der Handlung weniger packend, der Mörder hat es auf die verschiedenen weiblichen Darsteller abgesehen und ermordet sie im Grunde mit einem großen Phallus. Auf der einen Seite ist dies ein neuartiges Konzept, doch zugleich auch inhärent unangenehm und absurd, während der Versuch, die Identität des Mörders im Verborgenen zu halten durch die Tatsache vernichtet wird, dass die verschiedenen Nahaufnahmen seine Augen und damit seine Persönlichkeit offenbaren. Die endgültige Auflösung ist daher keine große Überraschung mehr und die verstümmelte Erklärung für die perversen Gründe des Killers ist so absurd, wie man es erwarten könnte. Charakterisierungen sind kaum auszumachen, die Produktionswerte sind dünn und die allzu helle Kinematographie von Vittorio Bernini ruiniert jedes Potenzial für Stimmung und Atmosphäre des wunderschönen Drehortes. Gore-Effekte sind, wie bereits erwähnt, minimal-sensibel gehalten. Die Morde werden eher impliziert, als grafisch dargestellt – während sich Mimi Uvas Synthie-beladener Soundtrack anhört, als wäre er eher in einem Hardcore-Sexfilm zu Hause als in einem Thriller.

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  • Darsteller: Anna Zinnemann, Barbara Magnolfi, Stefania D’Amario, Vanni Materassi, Marc Porel
  • Regisseur(e): Enzo Milioni
  • Format: Limited Edition
  • Sprache: Italienisch (DD), Deutsch (DD)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Studio: X-Rated
  • Produktionsjahr: 1978
  • Spieldauer: 95 Minuten

X-Rated veröffentlicht Die Todesbucht als Nummer 24 der X-Rated-Eurocult-Collection im Mediabook (DVD+Bluray) mit zwei verschiedenen Covern, die beide auf 888 Stück limitiert sind. Bild und Ton (deutsch und italienisch) bewegen sich auf hohem Niveau, da kann man nicht meckern. Das Highlight der Extras ist der Audiokommentar von Dr. Kai Nauman, der während der ausgedehnten Sexsequenzen auch schon mal seine Gitarre hervor holt und ein Liedchen spielt. Auch das Booklet mit Texten von Matthias Künnecke und Dr. Kai Nauman bietet eine Fülle an Information und ist somit sehr lesenswert. Die weiteren Boni bestehen aus einem informativen und unterhaltsamen Interview mit Regisseur Enzo Milioni über die Entstehung und die Produktionsumstände dieses Filmes, einem Making-of „Deutsche Fassung“, dem deutschen sowie italienischen Trailer und weiteren Trailern von X-Rated. Die italienische Originalfassung kann man zusätzlich mit der deutschen Übersetzung untertiteln und wäre das nicht schon genug, so kann man sich auch noch eine Videoeinleitung von Gerd Naumann und Bodo Traber (die sich für die eigens angefertigte, gelungene deutsche Synchronisation verantwortlich zeichnen) anschauen.

Diese BluRay wurde uns freundlicherweise von X-Rated zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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