Dracula 3D

Der unbescholtene Buchhalter Jonathan Harker macht auf seiner Reise von England nach Transsylvanien zum Schloss des Grafen Dracula eine grausame Entdeckung: Der umtriebige Graf verhält sich alles andere als adelig und labt sich bei seinen nächtlichen Spaziergängen am Blut der Dorfbewohner. Als Jonathan die Flucht aus dem Horrorschloss gelingt, hat der Spuk jedoch kein Ende. Dracula hat ein Auge auf Harkers Frau Mina und deren Freundin Lucy geworfen. Jetzt kann nur noch einer helfen: Vampirjäger Professor Abraham Van Helsing… (Koch Media)

Wenn Horror-Legende Dario Argento höchstpersönlich nach Linz kommt, um seinen neuesten Film vorzustellen, dann kann man das durchaus als einen Höhepunkt der mittlerweile elfjährigen Karriere des Crossing Europe- Filmfestivals bezeichnen; dass „Dracula 3D“ jedoch im Gesamtwerk des seit 1971 aktiven Regisseurs eher einen Tiefpunkt darstellen soll, konnte man bereits so mancher Filmkritik entnehmen. Nichtsdestotrotz stand eine (überschaubare) Anzahl an Festivalbesuchern im City-Kino Schlange, zunächst um sich von Argento DVDs, Plakate oder Handschuhe signieren zu lassen oder ein Foto mit dem Maestro zu ergattern, zuletzt um sich im Saal einen guten Sitzplatz zu sichern. „The most important thing about this movie is the 3D. So, if you watch it, you have to watch it in 3D“. Mit diesen Worten verabschiedete sich Dario Argento vom Publikum und entließ es in seinen neuen Film. Als nach knapp zwei Stunden das Licht wieder angeht, ist die Stimmung im Keller; die Zuseher geben einen trägen Applaus von sich und schleppen anschließend ihre müden Kadaver zur nächsten Bierausgabestelle, um das soeben Gesehene zu verarbeiten.

Was ist schief gelaufen? Um mir die Beantwortung dieser Frage zu erleichtern, will ich zunächst versuchen, die meiner Ansicht nach gelungeneren Aspekte von Argentos Dracula-Adaption zu beleuchten. Da wäre zunächst die ansehnliche Kameraarbeit von Luciano Tovoli, der bereits zwei anderen Filmen Argentos – „Suspiria“ (1977) und „Tenebre“ (1982) – zu einem unverwechselbaren Look verhalf. Selbiges kann man durchaus auch von „Dracula 3D“ behaupten, bei dem Tovoli erneut mit intensiven Farben experimentiert und die 3D-Technik sehr oft für Einstellungen mit hoher Raumtiefe nützt. Zusätzlich wird, meiner Meinung nach, in diesem Film ein Schönheitsfehler der 3D-Technologie zum Prinzip erhoben: Personen im Bildvordergrund tendieren schnell dazu, wie ausgeschnittene Kartonfiguren, die sich vor einem künstlichen Hintergrund bewegen, zu wirken. „Dracula 3D“ treibt diese Künstlichkeit auf die Spitze, wenn beispielsweise der Bahnhof, an dem Jonathan Harker ankommt, wie eine angemalte Kartonwand aussieht, oder die Anzahl an Statisten während des gesamten Filmes überschaubar bleibt – die artifizielle Welt des Filmes erinnert stark an ein Puppentheater.

Leider lässt sich dasselbe auch über den Großteil der schauspielerischen Leistungen in Argentos neuestem Werk sagen: Thomas Kretschmann, der in „La sindrome di Stendhal“ (1996) als durchgeknallter Vergewaltiger brillierte, spielt den Grafen Dracula erstaunlich farblos, Argentos Tochter Asia bleibt lediglich aufgrund unfreiwillig komischer Grimassen und zwei Nacktszenen länger in Erinnerung und Rutger Hauer, der in der letzten halben Stunde als Van Helsing in den Film hereinstolpert, macht bis zum Schluss einen eher irritierten als überzeugenden Eindruck. Einzig die 24-jährige Marta Gastini sticht aus dem Schauspielerensemble heraus und vermag es, in der Rolle von Mina einigermaßen den Film zu tragen. Von nicht allzu großer Hilfe ist hierbei das unstimmige Drehbuch, bei dem Argento von nicht weniger als drei Koautoren Unterstützung bekam, das den Akteuren unsagbar pathetische, langatmige und – letztendlich – unnötige Dialoge in den Mund legt.

Doch Drehbücher und Schauspielerführung zählten noch nie zu Argentos Stärken; seinen Ruf als Maestro dell’horror verdankt der 73-jährige hauptsächlich seiner Fähigkeit, mithilfe von beeindruckenden Kameraeinstellungen und -fahrten in Kombination mit Metal- oder Progressive Rock- Soundtracks Filme mit einer atemberaubenden Atmosphäre zu erschaffen. Von all dem ist in „Dracula 3D“ kaum mehr etwas zu spüren: Die Kamerafahrten weichen – vermutlich durch die komplizierte 3D-Technik bedingt – einer statischen Inszenierung, und Claudio Simonettis omnipräsentes Hintergrund-Gedudel aus dem Keyboard raubt dem Film schlussendlich sein letztes bisschen an Atmosphäre. Dario Argentos neuester Film wirkt über weite Strecken weniger furchteinflößend als komisch; ob „Dracula 3D“ als Komödie konzipiert war oder erst auf dem Weg zur Fertigstellung zu einer solchen verkommen ist, dürfte – neben einer übermenschlich großen Gottesanbeterin – das größte der vielen Rätsel sein, die dieser Film einem aufgibt.

Wer „Dracula 3D“ gesehen hat und sich fragt, wieso Dario Argento weltweit so viele Verehrer besitzt, sei an dieser Stelle dazu aufgefordert, einen Blick auf dessen Output in den 1970er und 80er-Jahren zu riskieren, auf dem sich der Ruhm dieses außergewöhnlichen Filmemachers gründet. Und obwohl ich von „Dracula 3D“ sichtlich enttäuscht bin, wünsche ich mir sehr, dass Argento noch einen weiteren Film macht: in der Hoffnung, dass der ehemalige Horror-Großmeister uns allen zeigt, dass er sein Handwerk doch noch beherrscht.

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  • Darsteller: Thomas Kretschmann, Asia Argento, Unax Ugalde, Rutger Hauer
  • Regisseur(e): Dario Argento
  • Format: Blu-ray
  • Sprache: Deutsch (DTS-HD 7.1), Englisch (DTS-HD 7.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: Koch Films
  • Erscheinungstermin: 28. August 2014
  • Produktionsjahr: 2012
  • Spieldauer: 110 Minuten

Alexander Fischer

Alejandro ist aus Österreich, und schreibt schon länger für Nischenkino, Furious Cinema, die Spaghetti Western Database oder andere Filmmagazine. Er ist selbst Filmemacher.

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